Die Weihnachtsgans Auguste

von Friedrich Wolf

10" LITERA 7 60 017
Covertext:
Wenn man von einer Weihnachtsgans spricht, denkt man sofort an jenen knusprig gebratenen Vogel, der mit Äpfeln gefüllt und mit Rotkraut umkränzt auf der festlichen Tafel thront. Auch die „Weihnachtsgans Auguste“ wurde vom Opernsänger Löwenhaupt zu diesem erfreulichen Zwecke erworben, und zwar lebendig und bereits im November, weil ein guter Hausvater in diesen Dingen vorsorglich sein muß. Da die Zeiten schwer waren und der Kauf ein nicht zu übersehendes Loch in die Haushaltskasse riß, glaubte der Herr Opernsänger die Ausgabe mit den Worten entschuldigen zu können: „Aber etwas muß man doch fürs Herze tun,“ – wobei er offensichtlich die inneren Organe verwechselte denn wie jedermann aus Erfahrung weiß, ist Gänsebraten eine Magenfreude. Trotzdem sollte er mit diesem Ausspruch genau ins Schwarze treffen. Kommt so ein seltener Gast ins Haus, ist man einerseits besorgt um ihn, was Unterkunft und Pflege anbelangt, damit er bis zum Tage seiner Bestimmung gesund und bei Pfunden bleibt; andererseits aber wird es nicht zu verhindern sein, daß man beginnt, Sympathien für ihn zu empfinden, besonders wenn es sich um einen so manierlichen und unterhaltsamen Gast handelt, wie in unserem Falle. Hat man aber einmal jemanden ins Herz geschlossen – sei es nun Mensch oder Tier – will man ihn um nichts in der Welt wieder verlieren. Dieser so verständliche Wunsch war es auch, der die gesamte Familie Löwenhaupt in arge Bedrängnis brachte, stand er doch in krassem Widerspruch zu den weihnachtlichen Aufgaben der Gans Auguste. Es ist kein geringerer als der Dichter Friedrich Wolf, der uns diese heitere Erzählung geschenkt hat. Eine Erzählung, in der, wie in allen seinen Tiergeschichten „die leise Melodie der Freundschaft zwischen Mensch und Tier“ aufklingt. In seinem Buch „Märchen, Tiergeschichten und Fabeln“ schreibt er in einem Vorwort. „Oft fragt man mich: weshalb schreibst du – ein Mann, der wohl Wichtigeres zu tun hätte – solche Tiergeschichten? Nun, einmal schreibe ich seit vierzig Jahren stets das, was mich ringsum auf dieser Erde befällt und bewegt; und das sind auch die Erlebnisse mit meinem kleinen klugen Schnauzer „Bummi“ und anderen Geschöpfen aus dem Nachbarreich der Tiere. Sodann glaube ich, daß diese Erlebnisse gar nicht so unwichtig sind, vielmehr recht belustigend und lehrreich, und zwar nicht bloß für mich, sondern auch für andere.“ Und weiter: „Gewiß, wir Menschen stehen unbestritten auf der obersten Sprosse der großen Leiter. Dennoch – nicht die Menschen, die Tiere könnten sich manchmal beschweren, wenn wir einzelne Prachtexemplare unsrer Art mit „Hundesohn“, „alter Esel“ oder „dumme Gans“ titulieren. Seien wir also nicht gar zu überheblich; und seien wir nicht achtlos oder grausam gegen die Tiere! Bedenken wir, daß in der frühen Menschheitsgeschichte Hund und Pferd unsre ersten Gefährten und Freunde waren!“

Friedrich Wolf wurde am 23. Dezember 1888 in Neuwied am Rhein geboren. Nachdem er die Oberschule absolviert hatte, arbeitete er als Schiffsjunge und Kohlentrimmer auf holländischen und deutschen Schiffen. Er sah aber nicht nur die Schönheit fremder Länder, er lernte auch ihre Menschen kennen, und überall machte er die gleiche Feststellung: diejenigen, die am härtesten arbeiten, die erst den Reichtum eines Landes schafften, waren die Ärmsten und litten Hunger und Not. Der Wunsch, den Menschen zu helfen, beeinflußte seine Berufswahl, und er wandte sich dem Medizinstudium zu. Als der erste Weltkrieg ausbrach, ging er als Truppenarzt an die Front, und in dem Schrecken der Materialschlachten begann er tiefer über den Widersinn des Krieges nachzudenken. Als der deutsche Militarismus 1918 seine entscheidende Niederlage erlitt und überall in Deutschland die revolutionären Massenkämpfe aufbrandeten, stellte er sich auf die Seite der Arbeiter. Er demonstrierte 1919 in Dresden gegen die Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs und arbeitete im Sächsischen Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte. Ein Jahr später, als Stadtarzt in Remscheid ansässig, kämpfte er gemeinsam mit den Ruhrarbeitern gegen die Kapp-Verbände. Er wurde aus dem Stadtdienst entlassen und gründete in Worpswede eine sozialistische Siedlungszelle, um erwerbslosen und beschädigten Kriegsteilnehmern eine neue Heimat zu schaffen.
Friedrich Wolfs entschiedene Parteilichkeit für die Unterdrückten geht auch durch sein gesamtes literarisches Schaffen. Die Helden seiner Erzählungen und Theaterstücke kommen aus dem Volk, und er gestaltet mitreißend ihren Kampf um Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde. 1923 schrieb er das Drama „Der arme Konrad“, 1930 „Die Matrosen von Cattaro“. Als dann drei Jahre später die Nacht des Faschismus über Deutschland hereinbrach, mußte Friedrich Wolf sein Vaterland verlassen. Er ging zunächst noch Frankreich, und hier in der Emigration schrieb er Stücke, die der Welt die Gefahr des deutschen Faschismus schonungslos zeigen sollten: unter anderem „Die letzte Probe“ und „Professor Mamlock“. Nach der Okkupation Frankreichs wurde er in einem Straflager für politische Gefangene in Le Vernet interniert. Es gelang ihm zu flüchten, und er kam über Skandinavien in die Sowjetunion. Er arbeitete im Nationalkomitee Freies Deutschland und war nach der Befreiung einer der ersten, der in sein Vaterland zurückkehrte. In Berlin half er beim Neuaufbau des Rundfunks, er nahm sich der Volksbühnenbewegung an und schrieb das Drehbuch zu dem Film „Rat der Götter“. In den Jahren 1950/51 vertrat er die Deutsche Demokratische Republik als Botschafter in der Volksrepublik Polen.
Friedrich Wolf starb am 5. Oktober 1953. Sein Leben und sein Schaffen waren durchdrungen von der Liebe zum Menschen und vom Kampf für den Frieden und das Glück der ganzen Welt.

Barbara Winkler
Die Mutter: Antje Ruge
Der Vater: Theo Mack
Theres: Annemarie Hase
Die Kinder: Elli, Gerda, Peter
Die Gans: Barbara Winkler-Göhler


von Friedrich Wolf
Instrumentalgruppe des Staatlichen Rundfunkkomitees
Leitung: Hans-Joachim Geisthardt
Regie: Ingeborg Milster