Die galanten Abenteuer Münchausens

von Joachim Kupsch

10" LITERA 7 60 027
Covertext:
Seit alters her sind zur Lobpreisung des schönen Reizes ungezählte Lieder gesungen, Geschichten geschrieben worden. Die galanten Abenteuer Münchhausens aber seine Liebes-, Lust und Bettgeschichten einschließlich seiner Lobpreisung des schönen Reizes, berichtete bisher keine Chronik; sie wurden aufgezeichnet von Joachim Kupsch. Eine willkommene Geleqenheit also, den Lügenbaron einmal von seiner „menschlichsten“ Seite kennenzulernen. Und natürlich wird er sich als Mann von Welt zuerst einmal für seine Offenheit entschuldigen, wird er erklären, warum er seine süßen Geheimnisse preisgibt: Ich bin in der glücklichen Lage, mehr als einen Zeugen anrufen zu können, daß es mir allezeit widerstrebt hat, mich mit meinen vielfältigen Liebes- und Lustaffairen im Gespräch hervorzutun – hab’s lieber im verschwiegenen Dunkel, auf verdämmerten Stiegen und hinterm Strauche praktizieret und mir’s genug sein lassen an seiner eigenen Köstlichkeit und der doppelten Süße – einer freilich mit doppelter Wehmut vermischten Süße – der nachfolgenden Erinnerung. Da es aber nun Sitte geworden zu sein scheint, daß man auf dem Marktplatz ausposaunt, was unausgesprochen besser verwahrt wäre, und unsere jungen Helden sich nicht genug tun können, mit ihren bestandenen oder unbestandenen Abenteuern sich zu brüsten, erlaube man auch mir, nicht länger Verschweigen als eine Tugend zu üben, die in so geringem Werte steht, zumal ich versichere, mit aller gehörigen Behutsamkeit ans Werk zu gehen, freilich deutlich zu sein, jedoch ohne Grobheit und Anstößigkeit und daß ich nichts bloßstellen werde, sondern schicklich ins rechte Wort einbetten, was uns das Schönste und Vergnüglichste auf Erden ist und bleiben möge. Soll denn ein Mann von meinen Qualitäten sein Licht unter den Scheffel stellen, wo jeder sich der Meisterschaft rühmt, während er doch nichts als naschen durfte? Es gereicht mir fürwahr wenig zur Ehre, von jedem Lehrling der schönsten der Künste überschrien zu werden und die Meisterschaft durch ihre Stümpereien kaltmütig entweiht zu sehen.

So ist nun mein bisheriges Widerstreben die längste Zeit ein Widerstreben gewesen, und trete es nun an den Tag: den Helden und Schreiern zur Beschämung, den Freunden zur kecken Freude und dem schönen Reiz zum Lobe, als dessen allezeit bereiten Verehrer ich mich durchaus bezeichnen darf.

Also spricht Münchhausen und hebt an zu berichten von jener Schönen, die ihn beim Baden überraschte und die er mit seinen männlichen Reizen betörte. Dabei und im weiteren Verlaufe seines illustren Berichtes entfährt ihm manches, das er in den Rang der Allgemeingültigkeit zu erheben sich genötigt sieht. Vernehmen wir denn seine amouröse Kunde und behalten wir uns vor, die Richtigkeit seiner Thesen selbst zu überprüfen. Es ist uns doch nicht nur vergönnt, Lust zu genießen, sondern selbst Lust zu erregen. Dies als wohlzupflegende und zu vervollkommnende Eigenschaft zu schätzen, kommt freilich den wenigsten in den Sinn. Ich dagegen bin allezeit ein eifriger Anhänger und Bemühter in dieser Kunst gewesen und habe selbst als Meister die unglaublichsten Abenteuer dabei erleben müssen.

Nun ist es aber durchaus nicht immer vonnöten, daß man in selbsteigener Person die heimlichen Wünsche der Schönen in jene Richtung drängt, wo ihre Standhaftigkeit sich willig ergibt und sie zur Gefälligkeit geneigt sind; und es ist schon mehr als einer in die glücklichste Lage geraten, zu der ein anderer die mühevollster Arbeit – als da ist die Unterhöhlung des Widerstandes – geleistet hat. Den anderen, der die Leiter angesetzt, zu verdrängen, wenn er schon auf der ersten Sprosse steht und fest entschlossen ist, hinaufzusteigen und die köstlichste der Früchte zu pflücken, ist freilich kein leichtes Stück, und es bedarf des regen Geistes, den Kniff und Pfiff zu finden, der ihn zu Falle bringt. Anders dagegen, wenn man das Ziel seiner Wünsche in weniger bereitem Zustand vorfindet, und Klugheit und alle Regsamkeit des Geistes verlorene Possen sind der Unerwecktheit zur Liebe gegenüber: denn, meine Herren Schreier, man schmilzt das Eis der Zurückhaltung allein durch die Macht eines Gefühls, das, käme es euch, euere Mäuler zu einem Aufreißen zwängen dem sie bei aller Größe nicht gewachsen sind. Ich jedoch hatte, wo mich ein schöner Reiz verlockte, allzeit mächtig gegen mein überströmendes Gefühl zu kämpfen und es sprühte mir trotz aller Dämpfung und Niederhaltung mächtig aus den Augen, jeden Widerstand brechend, so daß ich dem hinreißenden Spiel meiner Augen einen meiner schönsten Siege verdanke. Die Lüste und Launen der Weiber aber sind wetterwendisch, und wer in ihre Leidenschaften vordrang, hat sich vor ihren Possen in acht zu nehmen. Und da wir bei den Possen sind, so will ich’s nur bekennen, liebe Freunde, daß auch ich gelegentlich das Opfer war, wovon ein Beispiel zu geben, ich mich nicht geniere. Kühnheit in der Wahl der Mittel ist dennoch überhaupt und vor allem die erste Voraussetzung für das gute Gelingen und Ausgehen eines hochherzigen Unternehmens, und ich bekenne, daß ich in der Wahl meiner Mittel mitunter vor dem Äußersten nicht zurückschreckte, wenn es mich auch zum Widerpart großer und größter Herren machte. Freilich habe ich auch von Niederlagen und bittersüßem Verzicht zu vermelden, und es soll nichts verschwiegen sein. Eine kaltherzige Abweisung jedoch, meine Herren, oder gar eine Abfuhr war nirgends mein Teil; und war Verweigerung des Begehrten mein Los, so kam die Lindigkeit, mit der sie geschah, für alles auf. Dort aber, wo meinem Willen ein gleiches Wollen entgegenkam, versagte ich mir nichts und verstand es mein findiger Kopf auch immer, die Mittel und Wege ausfindig zu machen, die zu dem begehrten Ziele führten.

Und so fließen mir denn hier ein gut Teil meiner Abenteuer locker von der Zunge, freilich höchst delikat, denn das Ausschreien jeder Kleinigkeit muß mich erbosen. Es würde manchem Schreier schwer genug fallen, sich ein solches Stücklein, wie ich sie, meiner mich übermannenden Erinnerung folgend, hier zum besten gebe, weil mir’s Herz zu voll ist, auch nur auszudenken – geschweige denn zu bestehen. Das Maulaufreißen hat die Mannestugend verdorben, und sie rühmen sich schon, wo es nichts zu rühmen gibt. Sie sind mir zuwider – aber, ach, Freunde, ich verdenke es ihnen nicht. Sollte er uns nicht – fernab von allen Geschichten – gesprächig machen, der schöne Reiz?

Ach, du liebliches Spiel des Haares, ihr Krähenschwingen über den Augensternen, ihr langen verschwiegenen und doch tausendmal mehr als jede Zunge beredten Wimpern! Ihr lieblichen Bögen, vom Hals abschwingend zu den Armen hin, die weich sind und so zärtlich halten können was sie begehren! Ihr runden Brüste, ihr köstlichen Früchte, ihr Rosenhügel, zwischen denen die Liebe auf die Weide geht! Ihr Hüften und Schenkel, zwischen denen die Lust zu Hause ist! Ach, wo seid ihr hin, alle ihr Blonden und Braunen, und du, mit dem rötlich goldenen Schimmer im Haar – du warst die Schönste von allen. Wie wart ihr süß und lieblich – und alle seid ihr davongegangen. Ja, ihr nanntet mich einen Träumer und gingt von mir – nun sinnt der Träumer lachend eueren Reizen nach und singt: Ihr seid sein Lied geworden.

Ach, Freunde, hebt die Gläser, hebt sie hoch, und Wein, goldener Wein lösche sie aus, die törichte Sehnsucht des Herzens.
Leser: Fred Düren

von Joachim Kupsch
Schallplattenbearbeitung: Dietrich Liebscher

Zwischenmusiken von und mit Dieter Ruhmstig (Gitarre)