Die Sonnenuhr

von Anna Elisabeth Wiede
10" LITERA 7 60 028
Covertext:
Das ist die Geschichte von einem kleinen Mädchen mit Namen Selphinchen. Selphinchen war ein sehr nettes kleines Mädchen, welches gerne auf der Landstraße spazieren ging. „Denn“, sagte sie, „auf der Landstraße trifft man die merkwürdigsten Leute“. Also ging sie eines Tages auf der Landstraße spazieren. Es war eine gewöhnliche, weiße Landstraße, rechts standen Bäume, links standen Bäume, und weit hinten, auf der sanften Wölbung der Erde, liefen die beiden Baumreihen zusammen, wie sie es am Ende aller Straßen tun, weil die Bäume eigentlich geselliger Natur sind. Deshalb wachsen sie ja auch meistens im Walde.
Als Selphinchen eine Weile gegangen war, traf sie auf eine Dame, die am Rande des Straßengrabens saß. Die Dame hatte eine schwarze Scheibe im Schoß, auf der sie mit einer Gänsefeder Kreise zog. Sie trug einen großen, gelben Strohhut mit schwarzen Bändern, ein himmelblaues Musselinekleid und schwarze Knöpfstiefel. Um den Hals hatte sie ein schwarzes Band geschlungen, an dem ein goldener Zwicker befestigt war, der ihr auf der Nase saß.
„Eine Dichterin“, sagte Selphinchen zu sich selber; „ich wußte doch, daß man auf der Landstraße die merkwürdigsten Leute trifft“. Und zu der Dame sagte sie: „guten Tag“. – „Guten Tag“, sagte die Dichterin. „Nimm Platz“. – „Danke“, sagte Selphinchen, „aber was machen Sie da?“ – „Eine Schallplatte“, sagte die Dichterin und fuhr fort, mit der Gänsefeder Kreise zu kritzeln. „Es ist mir neu“, sagte Selphinchen, „daß Schallplatten auf diese Weise verfertigt werden“. – „Vielleicht ist es wirklich neu“, sagte die Dichterin fröhlich. „Um die Wahrheit zu sagen, ich habe überhaupt keine Ahnung, wie man Schallplatten verfertigt, aber ich habe herausgefunden, daß es mit einer Gänsefeder ganz gut geht“.
Sie betrachtete die Feder, klatschte in die Hände und rief: „Miss Hulda!“ Sogleich kam eine große, weiße Gans aus dem nahegelegenen Teiche herangewatschelt. „Das ist Miss Hulda“, sagte die Dichterin. „Miss Hulda, ich brauche eine neue Feder, die alte ist stumpf“. Miss Hulda hielt ihr den Schwanz hin, und die Dichterin zog sich eine schöne, starke Feder heraus. „Du kannst wieder ins Wasser gehen“, sagte sie zu Miss Hulda, „aber schwimm nicht zu weit hinaus“. – „Quak“, sagte Miss Hulda und watschelte in den Teich zurück. „Sie ist eine gute Seele“, sagte die Dichterin, „aber nicht sehr intelligent“. Und dann verstummte sie und blickte mißmutig auf die Landstraße.
Nachdem sie eine Weile so gesessen hatten, fragte Selphinchen: „Dichten Sie?“ – „Eben nicht“, sagte die Dichterin und seufzte. „Das muß unangenehm sein für eine Dichterin“, sagte Selphinchen teilnahmsvoll. „Es ist durchaus der abscheulichste Zustand der Welt“, sagte die Dichterin.
„Was wollen Sie denn dichten?“, fragte Selphinchen. „Eine Schallplatte“, sagte die Dichterin düster. „Und ich weiß einfach keine Geschichte“. – „Was für eine Geschichte soll es denn sein?“, fragte Selphinchen. „Eine merkwürdige Geschichte“, sagte die Dichterin erstaunt. „Deshalb sitze ich doch hier auf der Landstraße; denn auf der Landstraße trifft man die merkwürdigsten Leute“. – „Das stimmt“, sagte Selphinchen; „ich selbst habe kürzlich auf der Landstraße einige sehr merkwürdige Leute getroffen“.
„Erzähle“, sagte die Dichterin. „Damit Sie die Geschichte aufschreiben?“, fragte Selphinchen. „Natürlich“, sagte die Dichterin; „Geschichten sind doch dazu da, daß man sie aufschreibt“. – „Ich dachte, sie seien zum Lesen“, sagte Selphinchen. „Hierfür müssen sie erst aufgeschrieben werden“, sagte die Dichterin, „Das ist wahr“, sagte Selphinchen. Und sie erzählte der Dichterin die Geschichte, und die Dichterin schrieb die Geschichte auf die Schallplatte, und die Geschichte heißt: „Die Sonnenuhr“.

Anna Elisabeth Wiede
Erzähler: Horst Schulze
Selphinchen: Doris Abeßer
Uhrmacher: Ferdinand Felske
Drachen: Dietrich Körner
Riese: Hermann Stövesand
Autofahrer: Willy Gade
Hamster: Rudolf Fleck
Uhr: Siegfried Göhler

von Anna Elisabeth Wiede
Regie: Flora Hoffmann