Peter und Wolf op.67
Ein musikalisches Märchen

von Sergej Prokofjew

10" ETERNA 7 20 009
Covertext:
Eine der markantesten Persönlichkeiten des zeitgenössischen Musikschaffens ist der im Jahre 1953 verstorbene sowjetische Komponist Serge Prokofiew. 1891 geboren, studierte er bei Rimskij-Korssakow, Ljadow und Tanejew. 1918 verließ er die Sowjetunion und lebte jahrelang in Japan, Amerika, Paris und Ettal (Oberbayern), bis er 1934 wieder endgültig in die Sowjetunion zurückkehrte. „Ich bekam die Überzeugung, der Künstler sollte nicht fern seiner heimatlichen Quellen herumschweifen“, bekannte er damals in einem Brief. Hier in seiner Heimat stellte er nun sein reiches Wissen in den Dienst der Ausbildung junger Komponisten (Chatschaturjan). Hier entstanden eine Fülle von Meisterwerken, für die er durch die Verleihung des Stalinpreises höchste Anerkennung fand.

Der Hang zum Elementar-Dynamischen auf der einen Seite, zur innigsten Lyrik auf der anderen Vereint sich mit einer Vorliebe für das Geistreiche, Groteske in seinem fast alle musikalischen Formen pflegenden Schaffen. Ein deutliches Streben nach Einfachheit kündete sich nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion in seinen Werken an.

Neben der stark dem Geiste Haydns verpflichteten „Symphonie classique“ und dem bedeutenden 2. Klavierkonzert sind an größeren Schöpfungen bei uns besonders die 5. und 7. Sinfonie sowie das Ballett „Romeo und Julia“ bekannt geworden. Eine Reihe bedeutender Kompositionen harren aber noch einer weiteren Verbreitung im deutschen Musikleben: sein großes Oratorium „Auf Friedenswacht“, seine Oper „Krieg und Frieden“ (nach Tolstoi) oder die Kantate „Alexander Newski“, eine Konzertbearbeitung nach der Musik zu dem bekannten Eisenstein-Film.

Das musikalische Märchen für Kinder „Peter und der Wolf“, das auch in Deutschland mit großem Erfolg aufgeführt wurde, komponierte Prokofiew im Jahre 1936. In der Art eines Melodrams läßt der Komponist das Märchen vom kleinen Peter erzählen, der den bösen Wolf überlistet und im Triumphzug in den Zoologischen Garten führt, während die Musik diese Handlung untermalt. Wie in seinen Kinderstücken für Klavier hat Prokofiew auch in diesem reizvollen Werk seine Liebe zur Welt des Kindes offenbart.

Trefflich hat es der sowjetische Meister verstanden, die Gestalten des Märchen durch prägnante Motive zu umreißen.

So stimmen. die Streicher ein frisch beschwingtes Motiv an, das den unternehmungslustigen, tatbereiten Peter charakterisieren soll, während die Behäbigkeit des Großvaters durch ein uns schmunzeln machendes Fagottmotiv gezeichnet wird. Mit den weit ausladenden Sprüngen seiner Weiterführung läßt es erkennen, wie sehr der kleine Ausreißer den alten Herrn aufgebracht hat. Auch die Tiere des Märchens werden durch wesensverwandte Instrumente vorgestellt – durch die Flöte das zwitschernde und tirilierende Vöglein, durch die leicht näselnde Oboe die bedächtige watschelnde Ente, durch die geschmeidige Klarinette (meist im piano) die launische, wendige, leise schleichende Katze. Und wie sollte der Wolf, den die Jäger in den Wäldern jagen, der durch, sein Heulen Mensch und Tier aufschreckt, besser dargestellt werden, als durch Hörnerklang!

Wie einprägsam sind die Themen! Und wie einfallsreich weiß Prokofiew den Gang der Handlung mit einfachen Mitteln musikalisch zu unterstreichen! Da wird unsere Spannung erhöht, wenn beim Heranschleichen der Katze an das Vöglein das Motiv der Katze sequenzartig höher geschraubt wird. Da kennzeichnet eine energische stufenweise Unisonoführung des gesamten Klangkörpers den Entschluß des Großvaters Peters Abenteuerlust zu unterbinden. Da malen kurze markante, mit Vorschlägen versehene Akkordschläge, wie der grimmige Wolf vergeblich nach dem Vögelchen schnappt. Viele musikalische Feinheiten könnten noch angeführt werden. Glänzend harmonieren musikalische Aussage und textliche Vorlage. Tonmalereien – das Klettern der Katze auf den Baum oder das Hinabgleiten des Lassos – finden in diesem reizenden musikalischen Märchen ihre volle Berechtigung.

Verständlich ist es, daß Prokofiew in seinem Bestreben, die Vorgänge des Märchens so anschaulich wie möglich musikalisch zu illustrieren, verschiedene instrumentale Effekte verwendet. So macht er häufig vom Pizzicato (Zupfen der Saiten bei Streichinstrumenten) und vom Sordino(Dämpfer) Gebrauch, während er das „sul poticello“ (Anstreichen der Saite am Steg) mit seinem eigenartig dumpfen Klangcharakter etwa dort anwendet, wo der Wolf die gefangene Ente verschluckt.

Im Triumphzug am Schluß des musikalischen Märchens finden sich noch einmal alle Gestalten zusammen. Kein Wunder, daß hier Peters Motiv dominiert! Hat er es doch zuwege gebracht, den bösen Wolf zu überlisten. Noch einmal taucht das Motiv des Wolfes auf. Dann kündet ein triumphaler Schluß, daß dem Übeltäter das Handwerk gelegt ist.

Mit glänzender Einfühlungsgabe, scharf profilierender Charakterisierung und in einem kühnen, eigenwilligen Werkstil hat Prokofiew mit diesem musikalischen Märchen ein kleines Meisterwerk geschaffen, das jung und alt in gleichem Maße anzusprechen vermag.

Emmi Kalla-Heger


Zu dieser Langspielplatte erhalten Sie aus dem Alfred Holz Verlag in den Buchhandlungen das Kindermusikmärchen-Bilderbuch „Peter und der Wolf“ mit Illustrationen von Frans Haacken.
Sprecher: Mathias Wieman

von Sergej S. Prokofiew
Berliner Philharmonisches Orchester
Dirigent: Fritz Lehmann