Adam und Eva

von Peter Hacks

2-LP LITERA 8 65 306/307
Covertext:
Peter Hacks über „Adam und Eva“

I
An seiner Höflichkeit zum Stoff erkennt man den Dichter. Nur sehr törichte Autoren glauben, sie könnten ihren Stoff was lehren. Ein jeder Stoff hat seine Wahrheit, welche von unerschöpflichem Reichtum, gleichzeitig aber von entschiedenster Besonderheit und allein ihm selbst eigentümlich ist. Gibt man ihm eine fremde zu halten, läßt er sie einfach fallen.
Der Verfasser schreibt dies am 16. September 1972; am Vortag hat er die Arbeit an seiner Komödie „Adam und Eva“ beendet. Er weiß, wieviel er dem Stoff schuldig geblieben ist. Aber er weiß auch, daß der größte Poet bei dem geringsten Stoff Schulden haben wird, und er hat ein reines Gewissen jedenfalls hinsichtlich seines Benehmens gegen seinen Kreditor. Er ist ihm nicht ausgewichen. Er ist nicht mit ihm umgesprungen. Er hat ihm mit äußerster Ehrerbietung in den Mantel geholfen.

II
Die Geschichte vom Sündenfall steht in der Genesis. Der Verfasser hat nicht unternommen, auf den hinter der biblischen Erzählung im Dunkel ruhenden Mythos zurückzugreifen; übrigens sind es mehrere mythische Schichten, die da ruhen, matriarchalische und patriarchalische, agrarische und nomadische. Jede zeigt sich an zufälligen Stellen, keine ganz; die Stellen passen nicht zueinander.
Es macht keinen Reim, wenn das Weib aus einem männlichen Knochen gebildhauert sein und andererseits der Mann um ihretwillen den Clan verlassen soll. Es wird vollends widersinnig, wenn einer namens Ackermann zum unerwarteten Schluß und strafweise zum Ackerbau verdammt wird. Kurz, eine verbindliche Urform des Mythos ist kaum wiederherstellbar. Vielleicht behandelte er die Erfindung des Beischlafs.
So läßt der Verfasser ruhen, was ruhen will. Er folgt treulich dem Jahvisten und den Priestern, und er folgt den Kirchenvätern, die in der Sache gut Bescheid wußten. Zum Beispiel berichtet Augustin, daß im Stande der Unschuld das männliche Zeugungsglied dem Willen auf den Wink gehorchte; es tat und ließ, was der Mann von ihm wollte, während seit dem Sündenfall der Mann tut und läßt, was seinem Gliede in den Kopf kommt. Dem Einwand, daß bestimmte Körperteile dem Zugriff der Vernunft doch entzogen seien, begegnet der Philosoph durch Anführung eines Menschen, welcher mit dem After Melodien furzen konnte. Man wird sehen, daß der Verfasser aus dieser Information einen seiner entscheidenden Fabelpunkte gewonnen hat. Auch genauere Kenntnis der vor dieser Welt erschaffenen Welten verdankt er dem Augustin.
Als unergiebige Quelle ewiesen sich die Scholastiker. Der Verfasser, dem, wie jedermann, die scholastische Philosophie in seiner Ausbildung vorenthalten worden, hatte, bis zu diesem Jahr, immer in einer gewissen Unruhe gelebt, ob er da nicht vielleicht eines Wesentlichen ermangele. Inzwischen hat er sich unterrichtet, und er bittet nun alle, denen es ebenso geht, sich nicht zu beunruhigen.
Der Grund, warum es dem Verfasser leicht fiel, die mythische Ebene zu vernachlässigen, liegt nicht so sehr in der schweren Durchschaubarkeit des Mythos als vielmehr in der wirklichen Verbesserung, die das Juden- und Christentum an dem Stoff geleistet hat. In der Tat ist der Gott der Religion, mag er der blassere sein, in der Umfassendheit seines Entwurfs mehr wert als der alte Stammeskönig des Mythos, welcher dort recht eigentlich nur ein Entwicklungsgott. Die ihm innewohnenden Widersprüche sind unendlich viel reizvoller als dessen heilige Launen. Es wäre armselig, ihn zu leugnen, insonders heute, wo die Christen in solchem Maße damit befaßt sind.

III
Überhaupt ist es eine Aufgabe der marxistischen Kunst, das Christentum vor den Christen zu retten.
Man muß zugeben, daß dem Christentum, mehr als anderen Religionen, ein Hang zur Verschämtheit anhaftet. Es schielt nach dem Urteil der Vernunft wie eine Genante nach dem Stadtklatsch. Es wird um so zimperlicher, je älter es wird, und es bringt seinem Rufe die unglaublichsten Opfer.
Zuerst genierten sich die Christen ihrer mythologischen und polytheistischen Herkunft. Wer zu jener Zeit über Land ging, fand auf dem Dung die Madonnen liegen, welche die Christen aus ihren Kirchen geworfen hatten. Das konnte den Künstlern noch recht sein. Sie sammelten die alten Muttergöttinnen auf und stellten sie zuhause in ihre Kunst- und Wunderkammern.
Seit neuestem indes finden die Künstler, wenn sie an den Misthaufen vorüberwandern, auch den Hl. Geist, den Sohn, ja nicht selten den Vater. Die Christen selbst haben sie fortgeworfen. Sie haben das Christentum verkleinert auf einen Rest von Sätzen über Gerechtigkeit, Tugend und die Herstellung einer würdigeren Welt, lauter Sachen, auf die sich, Gott ist des Verfassers Zeuge, die Marxisten besser verstehen.
Natürlich leiden die Christen unter der Schwierigkeit, daß, was sie glauben sollen, nicht wahr ist. Aber das ist die Voraussetzung ihres Treibens; mit ihr sollten sie sich, wenn sie weitermachen wollen, abfinden. Der gegenteilige Weg führt ins Nichts. Sie versuchen, das Unwahre aus ihrer Lehre auszusondern: eben mit dem Ergebnis, daß sie inzwischen dabei sind, das Christentum aus dem Christentum auszusondern.

IV
Soweit der Verfasser sich da auskennt, geht die gegenwärtige Ketzerbewegung weiter als alle bisherigen; die ganze Theologie heute ist, wenn nicht gleich atheistisch, so jedenfalls arianisch. Das stimmt ihn unfroh. Ketzereien sind gemeinhin theoretisch ärmer als die Lehre, welche sie bezweifeln.
Im Grunde hat jede Theorie, die wert ist, Abweichungen zu erleiden, zwei Naturen: eine ewige und eine zeitliche, eine drüben und eine hier. Wesentlich dieser Umstand ist es, der die großen Religionen zu Denkanstrengungen zwingt. Die Ketzer, seien sie fort- oder rückschrittlich, machen es sich immer leicht. Sie anerkennen nur eine Seite der Sache. Der häretische Verstand ist kaum faltenreich.

V
Das Christentum ist nicht wahr in dem Sinne, daß, wovon es erzählt, geschehen oder, was es denkt, verständig wäre. Die Wahrheit, die es hat, ist nur dem zugänglich, der es nicht für wahr hält. Wer es nicht glauben muß, kann es brauchen. So erklärt sich, daß die Künstler, als sie Gott in seinem Jammer vor dem Gotteshause trafen, nach – eingestanden – anfänglicher Verlegenheit gern bereit waren, sich des schönen und durchsichtigen Greises anzunehmen.
Goethe ging ihnen auch hierin voran; Vorbildlichkeit und Verdienst des „Faust II“-Finales können nicht hoch genug gerühmt werden. Von ihm weiß die Menschheit, daß die Religion von gestern die Kunst von heute ist.
Das Geschäft ist, wie man so sagt, zum beiderseitigen Vorteil. Die Religion verdankt dem ästhetischen Bewußtsein eine postmortale Bleibe; in ihm erst hat sie Unsterblichkeit. Das ästhetische Bewußtsein verdankt der Religion, welche sich bei Lebzeiten ja als Welterklärung verstand, ein gewichtiges Erbe an poetisch schon aufbereiteter Realität. Keineswegs also hat der Verfasser allein die aufhebenswerten Schönheiten des Christentums im Sinn. Wovon er, ausdrücklich, zu reden vorhat, sind dessen aufhebenswerte Erkenntnisse.
Natürlich sind die Einsichten der mythischen oder mythisch gefärbten Dialektik von vorwissenschaftlicher Art; hiermit ist nicht gesagt, daß sie sich erübrigt hätten. Die Wissenschaft weiß nicht alles. Und dort, wo sie weiß, taugt sie noch längst nicht für die Kunst. Die anschauliche Weise des Begreifens, welche nicht allein den Kopf, sondern auch die Haltungen des Begreifenden verändert, erzielt, wenn es ums praktische Urteilen geht, sehr häufig das reichere und richtigere Ergebnis.
Die moderne Kunst bedient sich wieder der großen Bilder. Große Bilder neu zu erfinden, hat seine Schwierigkeit. Es entspricht nicht der Übungsrichtung unseres Denkens, und es folgt nicht naturläufig aus unseren Verkehrsformen, welche ja kaum mehr sinnfällig das menschliche Wesen unserer Eingerichtetheit ausdrücken. Die moderne Kunst, folglich, bedient sich überkommener Bilder, meist derer der Griechen. Aber die der Christen sind viel besser erinnert. Leisten sie weniger?
Der Verfasser hat schon angedeutet, daß er die Zweinaturenlehre für ein großes Bild ansieht: ein Bild für die gegensätzliche Einheit von Wesen und Erscheinung, und er hat dieses Bild am Herakles, welcher, wie Jesus, zwei Naturen hatte, in seiner Oper „Die Vögel“ benutzt. An anderem Ort hat er dargelegt, wie der Auferstehungsmythos, der Mythos vom Tod des Todes, als eine Metapher für das Gesetz von der Negation der Negation dramatisch benutzt worden. Er beschränkt sich hier noch auf ein Beispiel, das nicht dem Mythos entstammt, sondern der hellenistischen Philosophie: die Dialektik von Gnade und Verdienst.
Was bringt uns in den Himmel, Gottes Güte oder die unserer Werke? Über diesem Denkärgernis werden die Christen nicht müde. Sie kommen nicht umhin, beide Hälften der Fragestellung zu bejahen, obgleich die Alternative, wie man leicht sieht, eine ausschließende ist. Die Ketzer wiederum, flink und simpel wie stets, beantworten sie teils so, teils so.
Nun, auch der Marxist sollte bei dem Gegenstand nicht gähnen. Er erkennt, meint der Verfasser, in der heiligen Frage eine höchst weltliche: die nach der Dialektik von Geschichte und Persönlichkeit. Was macht uns zu einem Erfolg, die Gunst der Lage oder das Talent? Die logische Struktur ist die gleiche: zwei ihrem Wesen nach grundverschiedene Gewalten haben teil an der Chance ein und desselben Menschen, sich zu verwirklichen. Hier schweige Pelagius. Plechanow hat das Wort, und keinesfalls das letzte.

VI
Das große Bild vom Sündenfall endlich war schon für Hegel das Beste am ganzen Christentum. Es birst von Dialektik. Der Verfasser will einiges von dem zeigen, was es zeigt. Er weiß wohl, daß große Bilder nicht dazu da sind, gedeutet zu werden, aber schließlich hat er sich ja, bis gestern, auf angemessenere Weise an ihm zu schaffen gemacht.
Es zeigt die Undenkbarkeit eines vollkommenen Zustands. Ein vollkommener Zustand wäre mit Notwendigkeit einer, der auch sein Gegenteil in sich enthielte; ein solcher aber würde das Bedürfnis haben, sich zu bewegen. Daher gehört Bewegung zum Höheren zur Vollkommenheit; daher gehört Unvollkommenheit zur Vollkommenheit. Eine vollkommene Bewegung geht zu denken, nicht ein vollkommener Zustand. Das Paradies, sagt der Jahvist, ist zu.
Es zeigt die Freiheit als Entfremdung und aber auch die Entfremdung als Freiheit. Die Freiheit zum Guten kann von der zum Bösen nicht getrennt werden; Freiheit ist die Möglichkeit, einen Weltzustand um eines neueren willen zu verlassen, und die Gerechtigkeit, die sie diesem widerfahren läßt, ist zugleich die Ungerechtigkeit, die sie jenem antut. Haben Adam und Eva richtig oder falsch gehandelt? Sie haben gehandelt. Ist Gott mit ihnen unzufrieden? Es ist so schwer zu sagen; er schimpft, aber er macht ihnen Hosen.
Sobald wir, im Denken oder Tun, in die wirkliche Welt eintreten, betreten wir das Reich, wo es dialektisch hergeht. Die Paradiesgeschichte, dieses große Bild vom Anfang des Menschen, ist vom Verfasser ausgelegt worden als das große komische Bild vom Betreten der wirklichen Welt.

VII
Der Stoff gehört zu den allerreichsten, und er gehört zu den widerspenstigsten. Seine Sprödigkeit rührt – das man das sagen muß! – natürlich nicht daher, daß er ziemlich weit zurückliegt. Es gibt frühere Stoffe. Beispielsweise die Entstehung der Welt, welche höchst ergiebig an mörderischen und erotischen Szenen und überhaupt sehr bühnenwirksam ist.
Vielmehr steckt die Schwierigkeit des Stoffes im Fehlen von Gesellschaftlichem. Die auftretenden Charaktere sind kaum soziabel. Gott ist offensichtlich ein Eigenbrötler, die Engel leiden an einer für den Dramatiker verhängnisvollen Reinheit, und Adam und Eva verkörpern, vor dem Sündenfall, das pure Gattungswesen; sie sind unvereinzelt, was für die Kunst nicht viel weniger besagt als unvorhanden. Immerhin und allenfalls: Geschlechtswesen sind sie. Mulier aliter facta; die Frau, gottlob, ist anders.
Grundsätzlich unerlaubt ist, mythischen Charakteren mittels neuzeitlicher Psychologie aufzuhelfen. Sie müssen sich, auch in moderner Darstellung, vornehmlich aus ihren Handlungen erklären. Und wer handelt hier schon, insonders gegen wen? Kurz, das Ganze war nicht einfach zu machen, und der Stoff ist, so häufig er ausgeführt worden ist, nie mit Glück ausgeführt worden. (Aber der Verfasser hat den Lope nicht gelesen. Warum übersetzt denn den keiner?)
Die überwältigende Ausnahme bleibt Milton. Es ist bekannt, daß Milton die Geschichte als Drama zu behandeln vorhatte, und daß er es unterließ, weil jene der Selbsttäuschungen noch zu bedürftige Revolution, der er anhing, dem Austragen ihrer Widersprüche vor der Öffentlichkeit der Schaubühne nicht hold war.
Der Verfasser, welcher das Paradise Lost – von zwei oder fünf Artigkeits-Zitaten abgesehen – nicht benutzt hat, versteht sein Paradise Lost And Regained als ein Hommage für Milton. Sein und Miltons gemeinsam erstrebtes Ziel ist von dem englischen Kollegen erklärt:
Ihr Lied,
Obgleich parteiisch, klang so wunderschön,
Daß selbst die Hölle staunt.
Gott: Wolfgang Dehler
Adam: Günter Kurze
Eva: Hannelore Koch
Gabriel: Jochen Kretschmer
Satanael: Friedrich-Wilhelm Junge


von Peter Hacks
Regie: Klaus-Dieter Kirst
Musik: Rainer Kunad

Mitglieder des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Berlin
Leitung: Thomas Hertel
Tonregie: Karl-Hans Rockstedt

Aufführungsrechte:
Henschel Schauspiel Berlin
Hacks, Über Adam und Eva: aus Die Maßgaben der Kunst,
Henschelverlag Berlin

Redaktion: Dr. Gerhard Piens