Ansprachen zum Schillerjahr 1955
2-LP LITERA/ETERNA 8 60 013/014
Covertext:
Die Schillerfeiern, die im Mai 1955 in Weimar aus Anlaß des 150. Todestages des Dichters der „Räuber“, des „Don Carlos“, des „Wilhelm Tell“ und des „Wallenstein“ stattfanden, waren Feiern besonderer Art. Ein Fest der „Grablegung und Wiederauferstehung“ nannte sie Thomas Mann. Und um eine Wiederauferstehung Schillers handelte es sich in der Tat.
Kam es doch, nach einem Wort Johannes R. Bechers, darauf an, „ein Bild Schillers zu entwerfen, wie es der historischen Wirklichkeit gemäß ist“ und „sein Werk von allen Mißdeutungen zu befreien“.
Allzulange waren die Gestalt Schillers, der Inhalt seines Werkes dem deutschen Volke in fratzenhafter Verzerrung dargestellt worden. Aus dem idealischen Dichter der Nation und der Menschenfreiheit hatte man einen nationalistisch bramarbasierenden Autoritätsprediger gemacht. Allen tapferen Bemühungen der besten Geister des Vormärz und später der deutschen Arbeiterbewegung von Engels bis zu Mehring zum Trotz sperrte die Reaktion Schiller in eine nationalistische Zwangsjacke, mißbrauchte sie sein Werk auf das Roheste. In unmittelbarster Nähe seiner letzten Wohn- und Grabstätte entstand Buchenwald.
Die Befreiung Schillers aus dieser dunklen, seine wahren Züge diabolisch entstellenden Verfärbung war ein dringend notwendiger Akt der Selbstbefreiung des deutschen Volkes. Schillers Bild in seiner komplexen Realitätwiederherzustellen, war die Aufgabe der Weimarer Festtage: Der große deutsche Dichter, Humanist voll sehnsüchtiger Vaterlandsliebe, für die Menschheitsbefreiung schwärmender Patriot, bemüht, ein deutsches Nationaltheater zu schaffen, ringend mit der deutschen Misere und sie in seinen genialischen Schöpfungen überwindend.
In diesem Bemühen, Schiller den Deutschen wiederzugeben, vereinten sich in den Weimarer Maitagen 1955 zwei einander ebenbürtige Geister, schöpferische Naturen, sehr verschieden in ihrer Statur und Anlage, ihrem Temperament nach, auch was ihren Lebensgang und ihr Wirkungsfeld betraf recht unterschiedlich, aber beide wieder, freilich auch auf sehr unterschiedliche Weise mit der Bürde kultureller Repräsentation des Deutschen bedacht.
Thomas Mann und Johannes R. Becher hielten die Festansprachen.
So verschieden die Beziehung der beiden zu Schiller ist, verbindet sie doch das gemeinsame Anliegen, dem sie sich freilich auf getrennten Wegen nähern.
Johannes R. Becher, dessen dichterisches Werk in engster Verknüpfung mit dem Leiden, Leben und Kampf der deutschen Arbeiterklasse entstanden und gewachsen ist und dessen schöpferischer Anteil am Heraufkommen einer neuen deutschen Kultur auf der Grundlage sozialistischer Gesellschaftsordnung ihn auf die Stellung eines Ministers für Kultur der Deutschen Demokratischen Republik geführt hat, sieht Schillers Werk und Bemühung – Frucht nahezu übermenschlichen Ringens – als Erbe und Aufgabe, als Besitz, der erst zu erwerben ist.
Johannes R. Becher hat aus der Rede wieder eine Kunstform gemacht. Was er vorträgt mit seiner den weiten Raum des Weimarer Nationaltheaters ausfüllenden getragenen Stimme ist nicht nur an den Kreis seiner Hörer gerichtet. Dichter und Staatsmann in einem, wendet er sich an die Nation, der er in feierlicher Form und ohne falsche Intimität, selbst um die Beziehung zu Schiller ringend, am Beispiel des Dichters der Nation und der Menschenfreiheit die „Macht der Poesie“ demonstriert.
Anders steht es mit Thomas Mann, dem großen Erzähler, der des Bürgertums beste Traditionen in die Schilderung seines Verfalls als kritisches Element hineingetragen hat. Seine Vertrautheit mit Schiller ist ganz persönlicher Art. Sein „Versuch über Schiller“, den der 80jährige im Weimarer Nationaltheater vorträgt, schließt einen Kreis, den Thomas Mann ein halbes Jahrhundert zuvor mit seiner im Grunde autobiographischen Schillernovelle „Schwere Stunde“ geöffnet hatte. Dies ist keine Rede, keine Ansprache, sondern sanft ironische Schilderung und heißherzige, abwägende Betrachtung, die voller dialektischen Gehalts ineinanderfließen. Unvergeßlich ist mir der Eindruck:
Man hatte versucht, die breite, riesige Bühne behaglich einzurichten. An der Seite das Stehpult für die Begrüßungsrede, daneben in der Bühnenmitte ein runder Tisch, das sanfte Licht einer Stehlampe darauf und – halb im Schatten – ein bequemer Stuhl für den Vortragenden.
Der aber verschmäht die Bequemlichkeit. Stehend, so will es die Achtung vor dem Genius Schillers, stehend liest der Achtzigjährige, was er über Schiller uns zu sagen vorbereitet hat.
„Am Himmel ist geschäftige Bewegung, des Turmes Fahne jagt der Wind, schnell geht der Wolken Zug, die Mondessichel wankt, und durch die Nacht zuckt ungewisse Helle. Kein Sternbild ist zu sehen. – So war die Nacht, die Mainacht vor hundertfünfzig Jahren, als durch die schlummernden, wie ausgestorbenen Gassen Weimars … Schillers sterbliche Hülle zu Grabe getragen wurde …“
Mit diesen – mir schon bekannten – Worten beginnt er, zuerst hüstelnd, dann gleichmäßiger sprechend mit einer Stimme, die etwas farblos ist, ja schon einen gebrochenen Ton hat. Den Essay habe ich gelesen; ich horche, und zwar angespannt, denn es gibt viel Husten und Räuspern im Saal, und die Stimme ist recht schwach; ich vergleiche die lebendigen Worte mit dem in der Erinnerung stehenden Text.
Die Stimme festigt sich beim Lesen, läßt zarte Klänge Schillerschen Pathos’ ertönen, wird nüchtern bei einem ironischen „Gott behüte!“, und der kleine, hinter dem hohen Lesepult fast ganz verschwindende große Mann begleitet seine Wendungen, deren Syntax ihm anfangs selber hier und da Schwierigkeiten bereitet, gelegentlich mit schüchternen unterstreichenden Gesten. Er streckt den rechten Arm mit der geöffneten Hand ein wenig vorwärts: So seht und nehmt es, nehmt es auf, das Wort.
Ja, wie anders steht es nun vor mir, da es nicht nur in schwärzlich-grauen Schriftzeichen vor den allzu flüchtigen Augen flimmert, sondern durch das Ohr dringt. Ein heiserer, rauher, krächzender Wohllaut. Er wird lebendiger und tiefer, wird plastisch. Eine Entdeckungsreise – dieses Zuhören. Erst jetzt geht mir der ganze Sinn auf – wie ist da ohne viel Worte eben doch vom Vaterländischen die Rede, und dabei wird nur von der Kunst gesprochen, von Not und Mühe und Bewältigung. –
Der Redende ermüdet nicht. Sein Gesicht ist schmal, der Haarschnitt – sehr kurz bis auf den noch schwarzen Scheitel (er hat etwas militärisch Preußisches, erinnert mich in der Tat an den Haarschnitt meines Vaters) – zeigt die schmale, hohe Stirn, aus der die Adern an den Schläfen stark hervortreten. Die Augen sind von den funkelnden Brillengläsern verborgen. Klotzig springt die Nase aus dem Gesicht, der Mund verbirgt sich in ihrem Schatten. –
Am Schluß der Rede kommt ein kleines Wunder.
Hier muß ich wohl gestehen, daß ich diesem Schluß mit Sorge, mit einer gewissen Beängstigung entgegengesehen habe, jenem Satz, in dem von der „von Verdummung trunkenen, verwahrlosten Menschheit“ die Rede ist, die „ihrem schon gar nicht mehr ungewollten Untergang entgegentaumelt“. Oh, ich fürchte ihn, spüre Herzklopfen, da es ihm entgegengeht. Und da geschieht das Wunder. Nicht, daß er uns den Satz erspart hätte, nein, geschenkt wird nichts. Aber wie bewegend und – kein anderer Ausdruck läßt sich dafür finden – wie erhebend fügen sich die abschließenden Worte daran:
„… das immer zerrissene deutsche Volk in geschlossener Einheit durch ihn, seinen Dichter. Es war ein nationales Fest, und das sei das unsrige auch. Von seinem sanftgewaltigen Willen gehe durch das Fest seiner Grablegung und Auferstehung etwas in uns ein: von seinem Willen zum Schönen, Wahren und Guten, zur Gesittung, zur inneren Freiheit, zur Kunst, zur Liebe, zum Frieden, zu rettender Ehrfurcht der Menschheit vor sich selbst.“
Lang währt der Beifall, und der Dichter, ein trotz aller Würde und allen Selbstbewußtseins bescheidener Mensch, geht etwas unsicher, mit kleinen, sehr natürlichen und keineswegs greisenhaften Schritten, Schritten, die mir auf eine merkwürdige Weise ans Herz gehen, über die Bühne, er verneigt sich, verneigt sich ein zweitesmal sehr tief mit weit ausgebreiteten Armen, wie ein Sänger, ein Schauspieler, wie ein Künstler eben vor seinem Publikum.

Bodo Uhse
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Thomas Mann
Versuch über Schiller
Ansprache vom 8. 5. 1955


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Thomas Mann
Versuch über Schiller
Ansprache vom 8. 5. 1955


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Johannes R. Becher
Denn er ist unser:
Friedrich Schiller – der Dichter der Freiheit

Ansprache vom 9. 5. 1955


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Johannes R. Becher
Denn er ist unser:
Friedrich Schiller – der Dichter der Freiheit

Ansprache vom 9. 5. 1955

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Sprecher: Thomas Mann, Johannes R. Becher

In Zusammenarbeit mit den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen Literatur in Weimar