Bertolt Brecht – Tondokumente

2-LP LITERA 8 60 238/239
Covertext:
Brecht vor dem unamerikanischen Komitee
Als Winston Churchill im März 1946 in Fulton (Missouri) seine berüchtigte Rede hielt, in der er die militärische Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und den USA gegen die Sowjetunion forderte und die Formulierung vom „Eisernen Vorhang“ prägte, begann der Kalte Krieg.
Bald danach inszenierte die Regierung Truman eine beispiellose Hetzjagd auf Kommunisten und alle fortschrittlichen Menschen und Organisationen. Die antifaschistische Einstellung breiter amerikanischer Schichten, die Sympathie mit der Sowjetunion, dem Verbündeten im Krieg gegen Nazideutschland, mußten ausgetrieben werden, sollten dem Haß gegen alles „Rote“ weichen. Das Instrument, dessen sich die Truman-Regierung zu diesem Behufe bediente, war das Kongreß-Komitee gegen unamerikanische Betätigung, im Volksmund unamerikanisches Komitee genannt. Dieses Komitee bestand bereits seit zehn Jahren, führte aber ein unbedeutendes, obskures Dasein. Im Jahre 1947 holte man es quasi aus der Versenkung, und seinen Vorsitz übernahm ein Abgeordneter der Republikanischen Partei, J. Parnell Thomas, ein eingefleischter Kommunistenfresser, ihm zur Seite der Chefberater Robert Stripling und mit von der Partie, neben anderen Mitgliedern, ein junger kalifornischer Senator namens Richard Nixon.
Das Komitee erwählte sich als erstes Opfer den deutschen Antifaschisten Gerhart Eisler, mit dem es das Volk in den USA das Fürchten lehren wollte. Es erklärte ihn zum „Boß aller Roten“, direkt vom Kreml geschickt, um die USA-Regierung mit Gewalt zu stürzen. Am 6. Februar 1947 wurde er vor das Komitee zum hochnotpeinlichen Verhör zitiert. Er verweigerte aber jede Aussage, weil man ihm nicht gestattete, eine Erklärung zu seiner Person und seiner Tätigkeit in den USA während des Krieges abzugeben, auch war er nicht bereit, irgendeinen Amerikaner zu nennen und den Hexenjägern auszuliefern. Das Verhör endete mit einem Eklat und der Verurteilung Eislers zu einem Jahr Gefängnis wegen „Verächtlichmachung des Kongresses“.
Es dauerte nicht lange; bis auch Hanns Eisler eine Vorladung zu dem Komitee erhielt. Ihm warfen sie vor, der „Karl Marx der Musik“ zu sein, strafverschärfend natürlich, daß er der Bruder von Gerhart Eisler war. Und weil Eleanor Roosevelt sich seinerzeit dafür eingesetzt hatte, daß Hanns Eisler die Einreiseerlaubnis in die USA erhielt, verdächtigte das unamerikanische Komitee die Witwe des früheren amerikanischen Präsidenten, eine Sympathisantin der Kommunisten zu sein. Die Schikanen gegen Hanns Eisler lösten einen nationalen Skandal aus.
Das Komitee schuf im ganzen Land eine Atmosphäre der Verdächtigungen, des Mißtrauens, der Angst, eine Welle des hysterischen Antikommunismus. Es genügte, ein entfernter Verwandter von jemandem zu sein, der mal eine kommunistische Versammlung oder ein Solidaritätsmeeting für die Sowjetunion besucht hat, um verdächtig, ein „Sicherheitsrisiko“ zu sein, auf die schwarze Liste gesetzt zu werden.
Ganz besonders hatte man es auf die Filmschaffenden in Hollywood abgesehen, die während des Krieges antifaschistische Filme produziert hatten. Der Fall der „Zehn von Hollywood“, die sich weigerten, auszusagen und für sich den Fünften Zusatz zur Verfassung in Anspruch nahmen, um sich nicht zu inkriminieren, ist bekannt. Dafür wurden sie ebenfalls zu Gefängnis verurteilt und erhielten Berufsverbot.
Es waren aber im ganzen neunzehn Filmleute, einige Regisseure fielen um und denunzierten ihre Kollegen, ein bekannter Filmschauspieler, John Garfield, erlitt vor Aufregung einen Herzinfarkt und starb, ein anderer Filmschaffender beging Selbstmord. Unter den 19 befand sich auch Bertolt Brecht.
Am 19. September 1947 wurde er davon unterrichtet, daß er sich im Oktober in Washington einzufinden habe. Brecht hatte für United Artists am Drehbuch für den Film „Hangmen also Die“ („Auch Henker sterben“) mitgewirkt. Das Verhör fand am 30. Oktober durch Stripling und Thomas statt. Brecht hatte, als er nach Washington ging, bereits das Flugbillett nach Europa in der Tasche und war fest entschlossen, sich den Hexenjägern auf listige Weise zu entziehen, ihnen keine Möglichkeit zu geben, ihn vom Formalen her zu fassen. Als Ausländer nahm er den Fünften Zusatz zur Verfassung nicht in Anspruch (nach Absprache mit seinen Anwälten und jenen Filmschaffenden), sondern beantwortete die politische Gretchenfrage nach der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei in irgendeinem Lande wahrheitsgetreu mit nein. Als Beruf gab er an „Stückeschreiber und Dichter“. Auf Befragen bekannte er sich zur Freundschaft und Zusammenarbeit mit Hanns Eisler. Mit großer Spannung warteten die Mitglieder des Komitees auf die Antwort Brechts, als er gefragt wurde, ob er auch Gerhart Eisler kenne – eine Frage von besonderer Brisanz. Brecht bejahte. – Worüber sie denn gesprochen hätten miteinander. – Über Politik. – Die Inquisitoren waren über die Antwort frappiert. Brecht rauchte während des ganzen Verhörs Zigarren. Ein schlauer Trick, um zwischen zwei Zügen ein bißchen Zeit zum Nachdenken zu gewinnen: Eine lange Kontroverse zwischen Brecht und Stripling entspann sich über den Satz in dem Song „Lob des Lernens“: „Du mußt die Führung übernehmen“. In der englischen Übersetzung, die Stripling vorlas, hieß es:
„Du mußt bereit sein, die Macht zu übernehmen.“ Das betrachtete das Komitee als Aufforderung zum Hochverrat. Brecht erwiderte, die Übersetzung sei falsch und außerdem unschön und bestand darauf, daß der Dolmetscher den Vers richtig mit „Du mußt die Führung übernehmen“ übersetzt. Brecht machte den Ignoranten des Komitees klar, daß er seine Stücke und Gedichte, die ihm da vorgeworfen wurden, in der Periode des Kampfes gegen Hitler geschrieben habe.
Den Mitgliedern des unamerikanischen Komitees ist es nicht gelungen, Brecht in ihre Fänge zu kriegen. Der französische Schriftsteller Vladimir Pozner erklärte, das Verhör Brechts habe auf ihn den Eindruck gemacht, „ein Zoologe sei Gefangener von Affen“ gewesen.
Die Ironie des Schicksals hat es gewollt, daß J. Parnell Thomas noch früher als seine Opfer wegen Bestechung ins Gefängnis wanderte. Später übernahm Senator Joseph McCarthy den Vorsitz des unamerikanischen Komitees.

Hilde Eisler


Brecht inszeniert sein Stück „Der kaukasische Kreidekreis“
Es hatte am 7. Oktober 1954 – nach 125 Probentagen – Premiere. Im letzten Drittel der Arbeit wurden Probenauschnitte mit einem Amateur-Tonbandgerät aufgenommen. Es war der erste Versuch, auf diese Weise Material für eine Beschreibung der Arbeit Brechts zu sammeln – und er zeigt alle Mängel eines solchen Experiments ohne Vorbild und ohne Erfahrung. So erreichte im allgemeinen nur die Stimme Brechts das Mikrophon am Regietisch in der zehnten Reihe des Zuschauerraums, und die technische Qualität mancher Bänder ist mangelhaft; von den Bildern „Die Geschichte des Richters“ und „Der Kreidekreis“ mit Ernst Busch gibt es keine überspielfähigen Aufnahmen. Dennoch schien es sinnvoll, einige Beispiele für die Schallplatte auszuwählen: als Dokument, das einen Einblick in Brechts Arbeit mit Schauspielern vermitteln kann.

Brecht inszeniert sein Stück „Leben des Galilei“
Mitte Dezember 1955 begann er mit den Proben, arbeitete allerdings wegen seiner angegriffenen Gesundheit täglich nur zwei Stunden auf der Bühne. Ende März 1956 erkrankte er ernsthaft. Noch glaubte er nur an eine Unterbrechung der Arbeit, tatsächlich aber hat er am 27. März die letzte „Galilei“-Probe geleitet. Die achtundsechzig Proben Brechts wurden fast vollständig auf Tonband aufgenommen. Mikrophone befanden sich dabei sowohl am Regietisch als auch auf der Bühne, so daß – zumindest akustisch – der Probenverlauf und die Wechselwirkung zwischen Regisseur und Schauspielern während der Arbeit gut verfolgt werden können. Die hier zusammengestellten Beispiele der sechsten Probe des vierten Bildes wurden am 18. Februar 1956 aufgenommen.
Die lockere, spaßhafte Art, mit der Brecht – alles andere als autoritär, aber mit souveräner Autorität – probierte, sind beispielhaft für seine Arbeitsweise. Gleichzeitig kann demonstriert werden. daß er die Darsteller davor bewahrte, sich frühzeitig auf eine bestimmte Haltung festzulegen. Zum Beispiel wurden die Rollen mit ausdrücklicher Billigung Brechts erst spät auswendig gelernt, über längere Zeit sprach die Souffleuse den Text satzweise laut auf die Bühne.

Hans Bunge
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Brecht singt zwei Songs aus „Die Dreigroschenoper“
Musik: Kurt Weill
Die Moritat von Mackie Messer
Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens

Historische Aufnahme, 1928/29
(Nachpressung mit frdl. Genehmigung des Suhrkamp Verlages
Frankfurt am Main)

Brecht spricht das Gedicht
An die Nachgeborenen
Historische Aufnahme, 1955

Brechts Ausführungen in einem Rundfunkgespräch über das Buch „Theaterarbeit“ 1952

Brechts Ausführungen in einem Rundfunkgespräch mit jungen Regisseuren und Dramaturgen

Brechts Diskussionsbeitrag auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongreß Berlin, 1956

Brechts Rede auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongreß Berlin, 1956


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Brechts Verhör vor dem Ausschuß für unamerikanische Tätigkeit 1947 (gekürzt)
(mit frdl. Genehmigung von „Folkway Records Service Corporation“, New York)


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Aus Brechts Proben zur Inszenierung „Der kaukasische Kreis“ im Berliner Ensemble, 1954.

Personen und ihre Darsteller, soweit in den Probenauszügen hörbar:
Grusche Vachnadze – eine Magd: Angelika Hurwicz
Ein alter Milchbauer: Harry Gillmann
Eine Bäuerin: Lotte Meyer
Natella Abaschwili – Gouverneursfrau: Käthe Reichel
Die Sachverständige aus der Hauptstadt: Isot Kilian
Inspizient: Horst Güldenmeister

Delegierte vom Ziegenzuchtkolchos Galinsk:
Alleko Bereschwili: Friedrich Gnass
Makinä Abakidze: Carola Braunbock

Delegierte vom Obstbaukolchos Rosa Luxemburg:
Surab – ein Bauer: Georg-August Koch
Ein verwundeter Soldat: Norbert Christian
Eine junge Bäuerin: Hilde Frank

Tonaufnahme (1954), Auswahl und Kommentartexte: Hans Bunge


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Aus Brechts Proben zur Inszenierung
„Leben des Galilei“
im Berliner Ensemble, 1955/56.

Personen und ihre Darsteller, soweit in den Probenauszügen hörbar:
Galilei: Ernst Busch
Frau Sarti – seine Haushälterin: Angelika Hurwicz
Andrea Sarti – ihr Sohn: Jochen Scheidler
Cosmo de Medici – Herzog von Toscana:  
Hans-Jürgen Tunk
Hofmarschall: Georg-August Koch
Philosoph: Ralf Bregazzi
Hofdame: Annemarie Schlaebitz
Souffleuse: Paula Regier

Tonaufnahme (1956), Auswahl und Kommentartexte: Hans Bunge

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Sprecher: Bertolt Brecht
Sprecher der Kommentare: Hans-Dieter Lange

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seddig / Bärbel Hintze