Biblia Deutsch: Martin Luther

2-LP LITERA 8 65 334/335
Covertext:
Bibel ist ein sehr altes und kräftiges Stück Weltliteratur. Diese LPn zeigen Luther als Übersetzer. Brecht nannte ihn einen Klassiker in Lyrik und Pamphlet, pries an ihm entschiedene Gestifikation und scharf konturierendes Rhythmisieren von Sprache, etwa an dem Exemplum „Wenn dich dein Auge ärgert – reiß es aus!“
Bereit standen die großen Texte der beiden Testamente. Da war die Chance, unterschiedliche Mitteilweisen und -gattungen zu Klang zu bringen. Der Auswähler las die ganze Bibel in 3 Versionen und entschloß sich zu der Fassung „letzter Hand“ von 1544/45, deren Wortstand, mithin Sprachklang, wirklich noch Luthers ist. Den saecularisierenden Nachbesserungen durch Spätere kam die gestische Frische und Kraft des Eislebeners oft abhanden. Wenngleich etliche Übersetzerworte und Wendungen, gerade aus jüngsten Bemühungen stammend, präziser faßten. Doch soll Luthers, dieses sehr schillernden Charakters unter den Protagonisten der Geschichte, gedacht werden, muß man auch sein originales „Wort lassen stahn“. Er wollte allen die Hergänge verständlich machen. Aus seinem Individualstil, Lutherdeutsch, kam poetische Bildkraft, entschieden gestikuliert.
Herkunftgegend der Bibelereignisse ist die Landbrücke zwischen Eurasien und Afrika. Aromen aus Exotik plus Antike – doppelt Entlegenheit – entströmten jener Region noch über Jahrhunderte, setzten fern. Das alte Hebräisch und Aramäisch sind der sprachliche Urgrund, hinzu kam das Griechisch, woheraus Luther das Neue Testament nahm. Mithin sind auf den LPn kurze Klangstrecken aus Hebräisch und später Griechisch die Folie, von der sich das gründende Deutsch Luthers – Individual-, Epochen- und Regionalstil in sich fassend – sauber ab-hebt. Zudem hilft ein solches Verfahren, hörbaren Bau dieser Auswahl zu gliedern. Lateinbibel, enthaltend das vertraute Gelehrtenesperanto seiner Zeit, lag neben ihm, Blicke hinein zu werfen; daher Matthaeus statt Matthaios etc. Akustisch wahrnehmbare Zunft nütze die Chance, diese Sprachschichten zu zeigen.

Großheit der Gestik, in der entscheidende Ereignisse aus dem AT überliefert sind, gibt der alten Gott/Mensch-Geschichte den Grundklang, Vers und Prosa darin. Nachhallende Sprachwucht, durch den musiknahen Luther kenntnisreich hantiert, bildet an Höhepunkten, Elementarem nah, eine Art „Hohlraum mit Funken“ – wie langer Blick in Gestirnswelt. Hart neben großen Momenten aus Sprache sind zuweilen Stellen klotzigster Ungelungenheit auffindbar, wenn – in der Fassung von 1545 – mit Blick auf die Sulamit des Hohenliedes statt Schleier bzw. Flechten (in Übersetzungen anderer) bei Luther „Zöpfe“ steht oder er die Arche der Sintflutbegebenheit (eine Art Prahm) einfach „Kasten“ tauft, im gleichen Kapitel die Zypresse zur „Tanne“ macht oder in anderen Textgegenden das Schofar, ein naturwüchsiges Blasinstrument, meist aus dem Horn des Widders, folgenreicher irreführend mit „Posaune“ übersetzt. Vieles dergleichen gibt es, doch tut es dem enormen Fleiß Luthers und seiner Mitarbeiter – da ist vor allen Melanchthon, unentbehrlich höchste Autorität in philologischen Fragen, hinzu der beratende Hebraist Aurogallus – kaum Abbruch.
Luthers eigenes Idiom war geprägt durch vorfindbare Sprache in der ostmitteldeutschen Landschaft etwa zwischen Eisenach, Wittenberg, Magdeburg. Hier hatte sich schon im Mittelalter eine Ausgleichsprache entwickelt. Mit den Druckern – dieser damals jüngsten Zunft – suchte er einen Mittelweg durch die bestehenden Schreibdialekte. Viele seiner Texte fanden Verbreitung über das ganze deutschsprachige Gebiet, und sein Hauptwerk – Bibel-Übersetzung – blieb durch Jahrhunderte das einzige größere Familienbuch, woraus täglich gelesen werden konnte. Die „überregionale deutsche Hochsprache“ kam durch ihn immens voran, wurde zunehmend literaturfähig.

5 dem Griechisch entlehnte Begriffe helfen, religiöse Thematik faßlich zu machen: „Apokalyptik“ will Künftiges enthüllen: offenbaren. Davon in Bildern redend und alte Mythologeme enthaltend, erscheint sie in den Traumgesichten der Propheten Jesaia, Ezechiel, Daniel und später bei dem Evangelisten Johannes.
„Eschatologie“ lehrt von Endzeit und letzten Dingen. Radikale Kritik des Weltzustandes führt zu Vorwegnahme ersehnter Zukunft. Erwartet wird: Umbruch durch Gottes Eingreifen. Nie im Alten Testament und nur vereinzelt im Neuen ist Eschatologisches subjektiv auf das Eigenleben nach dem Tode gerichtet. Erst Kirchenlehren späterer Zeit entspannten den sozial aktiven Begriff, der auf Veränderung aus war, ins private (seelische) Einzelleben.
„Chiliasmus“ Lehre vom Kommen eines 1000jährigen Reichs der Freiheit und Seligkeit, entstand erst im 2. Jh. v. Chr., gestützt auf Apokalyptik und Eschatologie.
„Evangelium“ (euangelion) meint: die alles wendende Frohbotschaft, von Christus gepredigte Heilslehre; erst später wurde sie auf die Evangelisten übertragen.
„Diaspora“ umreißt das Leben in fremder Umwelt. Nach der Zerstörung des Tempels wurden die Juden in andere Länder zerstreut, und es entstand für sie schon vor unserer Zeitrechnung eine Übersetzung des AT ins Griechisch.
„Gnosis“ Erkenntnis, will um göttliche Geheimnisse wissen. Gruppen von selbstgeglaubt Auserwählten hielten sich für Wesen göttlicher Natur und Abkunft, die selber, nach durchlebtem Erdenwandel, in den Stand der Gottheit zurückversetzt werden. Sie schlossen sich von Laien ab, esoterisch.

Einst mündlich weitergegeben, sind im Verlauf antiker Jahrhunderte die Materialien vieler einzelner Verfasser zu dem zusammengetragen worden, was nun Bibel heißt: Buch aus Büchern. Nachweisbare Historie wurde notiert, doch ist auch zu Legende stilisierter Widerschein realer Geschehnisse enthalten. Biblische Autoren legten ihre Worte berühmten Männern in den Mund, etwa dem Moses, David, Salomon; Pseudo-Epigraphie war üblich. Frei Erzähltes wurde später kanonisiert zur Heiligen Schrift. Mitaussagende Nebenumstände machen das Sinnzentrum genauer verständlich, umschreiben das anders kaum Definierbare. Im Original spiegelt wohl jedes der Bücher den Stil seines Verfassers. Luthers Übersetzung tilgte diese Unterscheidbarkeit, indem sie dem Ganzen die Ausdruckweise eines Einzelnen überwarf. Philosophen lehren, geben Welterklärungen. Glaubensgründer taten das nach ihrer Art: es in Gleichnisse hüllend; mit Bildern, allen verständlich.
Man kennt kaum ein Buch, in dem nomadische, mithin stark urkommunistisch geprägte Zustände so kräftig überliefert werden wie im Alten Testament: schweifende Wüstenstämme, betrachtbar vor allem in ihren lebendurchdringenden religiösen Bräuchen, mit Exodus als Grundklang und großer Nähe ihres Gottes. Nach Unterwerfung der Kanaaniter wurden deren Acker- und Weinbaumethoden übernommen, allmählich Agrar- und Stadtstufe erreicht; Handel fördert die Ausprägung von Arm und Reich, Klassengegensätze entstehen. Mitten in dieser Ausbeutung und gegen sie traten Propheten auf, einst örtliche Priester, und klagten über die im Argen liegende Welt, mahnten zu Umkehr, rüttelten die Gewissen auf durch drohendes, riesiges Ausmalen hereinbrechenden Gerichts, menetekelhaft; doch entwarfen sie auch die ältesten Muster von Sozial-Utopie. Unter ihnen: ungefüge Abgesonderte, die Nasiräer – der früheste: Amos, ein Kuhhirt. Trat auf gegen Reichtum, Sklavenhalten, Paläste, Käuflichkeit. Das um 750 v.Chr. „Auch Simson, Elias, Samuel, Johannes der Täufer waren Nasiräer – in langem Haar, härenem Mantel, sich des Weins enthaltend“. Die römische Besatzung schützte reiche Einheimische vor ihnen und man durfte sie unbestraft Aufwiegler nennen. Jahwe wurde ihnen zum Gott der Armen. Lange vor dem Auftreten Christi schüttelte das Gefühl bevorstehender Zeitenwende diese Region, und Erlösungsglaube nahm zu. „Wunschinhalt auch dieser Religion war: Wohnlichkeit im zugegebenen Geheimnis des Daseins.“ Glaubende wollten ihr Leben zu Reinheit verwandeln, zu Einheit von Bekennen und Tun.

Selten, daß einer auch vorlebt, was er lehrt. Jesus aber. Da war Entlegenheit schon am Anfang – geboren im engen Stall, Zimmermannssohn, Schüchternheit und – immer dazu gehörend – Konsequenz im Verhalten; Leben unter einfachen Leuten; Hybris, die ruhig behauptend sich darstellt, nah den Hilflosen; lebenskurz der Zug zu den Unscheinbaren, dem Unterschlagenen; „das Weggeworfene als berufen ansehend, das Hilflose als bedeutend“, die fast zarte Macht über die Jünger, der Kreuzgalgen am Schluß: mit dergleichen sieglosen Substraten eines arm gelebten Lebens arbeitet die Sage nicht. Er lebte und seine Predigt stand in scharfem Kontrast zu dem schlechtvorhandenen Treiben seiner Umwelt. Er handelte gegen die, „welche die Meinen betrüben“, gab gerade den Mühseligen und Beladenen Gefühl ihres Wertes und Hoffnung; erschien als einer, dem „alle Dinge zur Wende übergeben sind“; zu Abkehr von bisherigen Normen. Zu den Pharisäern einmal: „Das Reich Gottes (mit künftigem Verhalten neu gewordener Menschen) ist bereits (mit diesen Jüngern als auserwählter Gemeinde) mitten unter euch.“ In der Zeit steuereintreibender Römer störte sein Auftreten den sorgsam gehüteten Quietismus zwischen Rom und Juda. Denn er begann durchaus nicht jenseitig, sondern sah die Gegenwart als Endzeit, ablöswürdig durch ein endgültiges Reich des Friedens für alle Völker in einem einzigen, gewissermaßen Welt-Nichtstaat, wozu die Urgemeinde schon eine erste Enklave sein sollte. Er stand in der Tradition der Propheten, durchbrach alle Klassentrennung, radikal human. Die Prosa der Bergpredigt enthält die Erwartung bevorstehenden Untergangs eines Zeitalters oder der Welt, setzt das geglaubte Himmelreich ans sofortige Ende der geglaubten Endzeit wie eine Umwälzung, die „keinen Stein auf dem andern“ läßt. Daher dann auch das Gleichnis von den Lilien auf dem Felde und die Forderung an die Seinen, sich nicht um Leib und kommenden Tag zu sorgen; die Frist wird kurz sein. Die eschatologische Substanz auch dieser Predigt hat Vorrang vor der moralischen, da andere Zeit anbricht. „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ – dieses Wort aus dem Weltgericht gründet die urchristlich aufgefaßte Sozialutopie in neu wirksamem Kommunismus der Nächstenliebe. Gleichnisse fördern die Gemeindebildung kurz vor dem Tag des Untergangs alles bisherigen Treibens. Freiwillige Armut, Ablassen von Besitz stehe dem Heil am nächsten, verhindert Hartherzigkeit.
Angeklagt der Gotteslästerung, da er sich als Sohn des Vaters im Himmel kundgab und zudem mit Einverständnis den Untergang voraussagte, was als Aufwiegelung bewertet wurde, stand er vor Gericht, unter Spott – verlachte Reinheit – und wurde gekreuzigt. Aber von seiner leer gefundenen Grabhöhle ging neue Eschatologie aus, Erinnerung an den Lebenden stärkte nach seinem Tod die Hoffnung: „wenn überhaupt einer, dann mußte dieser gen Himmel gefahren sein, nicht entrückt wie Elias, sondern als Anker der Hoffnung, die mitnimmt. Und man erwartete seine Rückkehr, damit er ein Menschenreich neuer Art vollende, das im Vaterunser umschrieben ist mit: Herrlichkeit“, welches Glaubende herbeisehnen, daß es bald komme und geschehe auf Erden wie im – als gerecht vorweggenommenen – Himmel. Gleichnisse zeigen Gott und Christus wie ineinanderbelichtet. Die apokalyptische Weltverwandlung zu etwas bislang Unvorhandenem findet außer in der Bibel nirgendwo auch nur eine Andeutung. Gemeinter Vollzug wäre: Mitmenschlichkeit im Verhalten.
Bibel enthält als produktivstes Postulat an Lebende das Gebot der Nächstenliebe, es verträgt sich gut mit humanem sozialem Handeln und durchklingt es, wurde in unserem Jahrhundert bedeutend klar vorgelebt von Albert Schweitzer; mündete da in Nützlichsein, lebenausfüllend hilfreich.

S. W.


Ein Sendbrief vom Dolmetschen 1530

... Zum anderen mögt ihr sagen, daß ich das Neue Testament verteutscht habe auf mein bestes Vermögen und auf mein Gewissen; habe damit niemanden gezwungen, daß er’s lese, sondern frei gelassen und allein zu Dienst getan denen, die es nicht besser machen können. Ist niemand verboten, ein besseres zu machen. Wer’s nicht lesen will, der laß es liegen.

Bitternis gegen Zeitgenossen
Darum gehört große Geduld dazu, so jemand öffentlich Gutes tun will. Denn die Welt will Meister Klügling bleiben und muß immer das Roß unter dem Schwanz zäumen, alles meistern und selbst nichts können. Das ist ihre Art, davon sie nicht lassen kann.

Blick in die Werkstatt
Ich habe mich des beflissen im Dolmetschen, daß ich reines und klares Deutsch geben möchte. Und ist uns wohl oft begegnet, daß wir 14 Tage, 3, 4 Wochen ein einziges Wort gesucht und gefragt haben und haben es dennoch zuweilen nicht gefunden. Im Hiob arbeiteten wir also, M. Philipp, Aurogallus und ich, daß wir in 4 Tagen kaum 3 Zeilen fertigen konnten. Lieber, nun es verdeutscht und bereit ist, kann’s ein jeder lesen und meistern, läuft einer jetzt mit den Augen durch 3, 4 Blätter und stößt nicht einmal an; wird aber nicht gewahr, welche Wacken und Klötze da gelegen sind, da er jetzt überhin geht wie über ein gehobeltes Brett ...
Denn wer dolmetschen will, muß großen Vorrat von Worten haben, daß er die Wahl haben könne, wo eines nicht an allen Orten lauten will ...
Das kann ich mit gutem Gewissen bezeugen, daß ich meine höchste Treue und Fleiß drinnen erzeigt und nie falsche Gedanken gehabt habe. Denn ich habe keinen Heller dafür genommen noch gesucht, noch damit gewonnen; so habe ich meine Ehre nicht drinnen gesucht, das weiß Gott, mein Herr, sondern hab’s zu Dienst getan den lieben Christen, und zu Ehren Einem, der droben sitzt, der mir alle Stunden so viel Gutes tut, ... und bin allzu reichlich belohnt, wo mich nur ein einziger Christ für einen treuen Arbeiter erkennt.

Denn wir haben ja gesehen den Sudler zu Dresden*, der mein Neues Testament gemeistert (= kritisiert) hat ... Fuhr zu und nahm sich vor mein N. T. fast von Wort zu Wort, wie ich’s gemacht habe, und tat meine Vorrede, Glosse und Namen davon, schrieb seinen Namen, Glosse und Vorrede dazu, verkaufte also mein Neues Testament unter seinem Namen. Liebe Kinder, wie geschah mir da so wehe, da sein Landesfürst mit einer greulichen Vorrede verdammte und verbot des Luthers Neues Testament zu lesen, doch daneben gebot, des Sudlers zu lesen, welches doch eben dasselbe ist, das der Luther gemacht hat.
* Hieronymus Emser, durch Georg von Sachsen zur Durchsicht veranlaßt, spürte in Luthers Übersetzung 1400 Fehler auf, gab dann 1527 eine eigene Übersetzung heraus, die – fast nur aus Luther war.


Namen und Orte sprechen wir nach ihrem Ursprung aus, setzen da – durch Klang ferner Gegend – Distanz, lügen also nicht nordeuropäischen Schnee aufs Stalldach zu Bethlehem. Es ließ sich aussparen, was in den berühmten Barock-Oratorien an Luthertext höchst kunstreich umklungen vorhanden bleibt. Und die vielen Abschlachtgemälde und andere große Szenen aus dem AT machen so sehr eine die andere zur Voraussetzung, daß 20 LPn nicht hinlangten. Was aber geht auf 2?
Nach Lesen der ganzen Bibel, fand ich, gaben das Beste her: die 5 Bünde. Mit Adam, Noach, Awraham, Mosche, Jeschua. Hier hat Luther auch enorm starke Wortbildungen. Und wie all das bei ihm selber klang, wollen wir hören lassen.
Möglichst schnell auf den Menschen zu kommen, sind nur Momente der Weltschöpfung zitiert. Auf Musik wurde verzichtet, nicht auf Geräusch. Denn: in fast allen Religionen traten Gottheiten unter Wettersturm auf und enthüllten ihre Satzungen unter Donner. In vor-mosaischer Zeit bewohnte ein heidnischer Vulkan-Gott den Sinai, so lag nah, Vulkan hören zu lassen. Für Dekalog und das urfrühe Elementargrausen Sintflut – die heute herstellbar ist – verwende ich aus antiker Tragoedie das technicum der Teichoskopie. Als liefere der Zeuge den Report des Ereignisses wahrend es geschieht.

S. W. Conceptive Notate, 1980


Das Spätmittelalter – Zeit religöser Unruhe – war in diesen Landstrichen von Sündenbewußtsein und dem Drang erfüllt, Gott zu versöhnen. Das führte zu Blüte des Heiligenwesens; Wallfahrten kamen auf, Stiftungen und Ablaß. Im Elternhaus Luthers war man fromm ergeben, voll Fleiß und sparsam. Der Vater wollte den Aufstieg des Sohns, etwa durch Studium; überstreng erzogen, durchlebte der junge Luther Identitätskrisen, wollte durch Übererfüllen empfundener Pflicht da heraus. Er fühlte sich sündig vor Gott, nicht zum Heil bestimmt. Prädestinationsangst schwingt in etlichen Partien seiner Schriftauslegung mit.


Calendar

1483/10. 11. – Eisleben – Martin Luther geboren. 2. Sohn des Hans L., der den Bauernhof in Möhra nicht erben durfte, deshalb als Bergmann nach Mansfeld ging, ein Hüttenwerk pachtete und nach 20 Jahren an mehreren Schächten und Hütten beteiligt war.
1488-1501 – Mansfeld – Magdeburg – Eisenach – Schulen
1501 – Erfurt – Universität. Jus
1502/2. 7. – Unterwegs von Eisleben, erlebte er vor Stotternheim nah Erfurt schweres Gewitter auf offenem Feld; dicht neben ihm schlug ein Blitz ein, in Todesangst schwor er, Mönch zu werden. Hielt das.
1502/17. 7. – Novize im Eremitenkloster der Augustiner
1506/Herbst – Ordensmitglied
1507/4. 4. – Erfurt – Priesterweihe im Dom. Danach Theologiestudium
1508 – Wittenberg – Augustinerkloster. An Universität dort Professor für Moralphilosophie und Theologie
1509/9. 3. – Baecalaureus biblicus. Danach lehrte er in Erfurt am „Generalatudium“ des Ordens
1510/Nov. – Romreise – bis April 1511
1511/Aug. – Wittenberg – endgültiger Wohnort
1511/9. 10. – Dr. der Hl. Schrift (Theologie); übernimmt des Staupitz Bibelprofessur an der Universität dort
1513–1518 – Exegetische Frühvorlesungen an theologischer Fakultät 1513–15 über Psalmen. 1515–16 Römer-, 1516–17 Galater-, 1517–18 Hebräerbriefe des Paulus.
War hinzu Prediger, Subprior am Kloster, dann District-Vicar über 11 Augustinerklöster Kur-Sachsens
1517 – Disputatio des Schülers Franz Günter über 97 Thesen gegen die Scholastik.
1517/13. 10. – Anschlag der 95 Thesen Luthers über Buße und Ablaß.
Angestauter Zorn gegen Loskaufen des Gewissens durch Geld und die brisante Gesamtlage machten, daß der Ablasstreit Reformation auslöste und frühbürgerliche Revolution in Gang kam. Deren erste Phase einte die Stände gegen Ausplünderung durch Rom, akzentuierte also nationalen Aspekt (Luther); die zweite, Bauernkrieg, den sozialen (Münzer).
1518 – Gegenthesen des dominikanischen Ablaßpredigers Johann Tetzel (1465–1519), verfaßt wohl von Konrad Wimpina (Frkf/O.) und Gegenschrift Ecks (1486–1543), die „Obelisci“ Dominikanerorden denunziert Luther wegen Verdachts der Ketzerei beim Papst.
1518/Febr. – Resolutiones disputationum de indulgentiarium virtute. Erläuterung der 95 Thesen und Sermon von Ablaß und Gnade.
1518/26. 4. – Heidelberger Disputation
1518/Mai – Rom – Generalcapitel der Dominikaner
Neue Anklageschriften. Eröffnen des kanonischen Prozesses gegen L.
1518/Aug. – Maximilian I gegen ihn. Vorladung an Luther, binnen 60 Tagen in Rom zu erscheinen. Doch Cajetan fordert vergebens Luther’s Auslieferung dorthin zu Verhör und Aburteilung
1518/12. 10. – Statt dessen: Verhöre durch Cajetan in Augsburg, bis 21. 10. Luther verweigert Widerruf
1518/Nov. – Appell an ein allgemeines Consilium
1518/Dez. – Kurfürst von Sachsen lehnt Auslieferung ab. Die Kurie in Rom muß Rücksicht auf Luthers Landesherrn nehmen. Der wird bei Kaiserwahl gegen Karl V. gebraucht.
Spalatin erwirkt, daß Friedrich der Weise Luther insgeheim schützen will.
1519/4. 1. – Verhandlungen mit dem päpstl. Kammerherrn v. Miltitz
1519/4. 7. – Leipzig – Disput Karlstadts und Luthers mit J. Eck
1520/Jan. – Sickingen und Hutten bieten bewaffneten Schutz an
1520/Mai – Luthers „Sermon von den guten Werken“
1520/15. 6. – Exsurge Domini. Papstbulle droht ihm Bann an, er hat 60 Tage Frist, sich zu unterwerfen
1520/Aug. – An den christl. Adel dt. Nation von des christl. Standes Besserung
1520/6. 10. – De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium Doct. Mart. Lutheri
1520/Okt. – Sendbrief an Papst Leo X und Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen
1520/Nov. – Wider die Bulle des Endchrists
1520/10. 12. – Wittenberg – Luther verbrennt Exemplare des kanonischen Rechts und päpstlicher Decretalien, Schriften seiner Gegner und einen Druck der Bannandrohungsbulle vor dem Elstertor
1521/3. 1. – Decet Romanum Pontificem, papst. Bannbulle gegen L.
1521/17. 4. – Worms – Reichstag, bis 18. 4. Luther verweigert Widerruf
1521/3. 5. – Fingierte Gefangennahme. Luther wird auf der Wartburg in Sicherheit gebracht bis zum 1. 3. 1522. Er beginnt, das Neue Testament aus griechischem Urtext zu übersetzen. Geheime Verbindung zum kursächsischen Hof und nach Wittenberg. Wormser Edict, auf 8. 5. rückdatiert, verhängt Reichsacht über ihn
1521 – Abschaffen der Messe in Wittenberg. Klosterflucht setzt ein
1521/Dez. – Wittenberg – Radikale Bürger fordern Weiterführen der Reformation über Ritusänderung hinaus. Karlstadt reicht das Abendmahl in beiderlei Weise (Laienkelch) und in deutscher Sprache. Melanchthon publiziert die „Loci communes“, frühesten systemat. Überblick über L’s Lehre.
1522/Jan. – Wittenberg – Auflösen der Augustiner-Congregation.
L., zurück von der Wartburg, ordnet Gottesdienst neu. Abendmahl nur noch „in beiderlei Gestalt“.
1522/9. 3. – Geächtet, bannt er durch Invocavitpredigten, bis 16. 3. gehalten, „Gefahr der Auflösung“. Wettert gegen Wiedertäufer und Einfluß des linken Flügels der Reformbewegung.
1522/Sept. – 1. Ausgabe des Neuen Testaments. September-Bibel. Murners „Von dem großen Lutherischen Narren“
1523 Luthers „Von weltlicher Obrigkeit, wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei“. Übersetzte Teile des Alten Testaments erscheinen
1524/Jan. u. Febr. – An die Ratsherren aller Städte deutschen Lands, daß sie christl. Schulen aufrichten und halten sollen.
Stimmbuchdruck des „Geystlichen gesangk Buchleyn. Wttbg.“
1525/9. 4. – Ermahnung zum Frieden auf die 12 Artikel der Bauernschaft
1525/Mai – Vorrede und Vermahnung zum Vertrag zischen dem löblichen Bund zu Schwaben und den 2 Haufen der Bauern von Bodensee und Allgäu
Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern
Eine Schreckliche Geschichte und Gericht Gottes über Thomas Müntzer
1525/13. 6. – Luther heiratet die ehemalige Nonne Katharina v. Bora. Das Kloster wird Wohnsitz der Familie
1525/Juli – Sendbrief vom harten Büchlein wider die Bauern
1525/Dez. – De servo arbitrio (Vom unfreien Willen), gegen Erasmi Schrift
De libero arbitrio (Vom freien Willen).
Luthers Polemik gegen Erasmus entfremdete der Reformation viele der so wichtigen Humanisten. Seine Schriften gegen revolutionäre Bauern, verfaßt während ihrer Siegeszüge, kamen ans Licht nach ihren Niederlagen und trübten das Bild das Reformators, wie auch seine Ausfälle gegen Juden, besonders nach 1538.
1526 – Deutsche Messe und Ordnung Gottesdiensts
1526/Juni – Speyer – Der Reichstag verschiebt Erfüllen des Wormser Edicts, das bedeutet: Anerkennen der lutherischen Reichsstände.
1526–1529 – In Kursachsen werden Kirchen-, Schul- und Gemeindewesen streng visitiert.
1528 – Früheste Ausgabe des Kleinen Katechismus
1529/April – Großer Katechismus
1529/Mai – Buchausgabe des Kleinen Katechismus
1529/19. 4. – Protestation der lutherischen Reichsstande in Speyer.
1529/1. 10. – Marburger Religionsgespräch
1530/16. 4. – Augsburg – Während des Reichtags ist Luther auf der ,cursächsischen Veste‘, bis 13. 10.
1530/25. 6. – Übergabe von Melanchthons Confessio Augustana an den Reichstag.
1530–1534 – Intensive Arbeit an der Übersetzung des Alten Testaments. Mit Melanchthon, Cruziger u. a.
1531 – Schmalkaldischer Bund gegründet, protestantische Reichsstädte unter Führung Kursachsens und Hessens
1534 – Biblia/das ist/die gantze Heilige Schrifft/Deudsch. Mart. Luth. Wirtemberg. Begnadet mit Kürfürstlicher zu Sachsen Freiheit. Gedruckt durch Hans Lufft. M.D.XXXIII (2. Ausgabe 1540/41, 3. 1546)
1535–1545 – Genesis-Vorlesungen
1536 – Wittenberger Concordie mit Vertretern der oberdeutschen Reformation: Butzer u. a.
1539 – Wider die Antinomer, gegen Ansichten Agricolas.
Wittenberger Gesamtausgabe der Werke, Bd. I
Luther äußerte hierzu, er hätte es am liebsten gesehen, daß seine Bücher allesamt unterblieben und untergegangen wären.
1540/März – Der Beichtrat Luthers und Melanchthons billigt die Bigamie des Landgrafen Philipp von Hessen.
1542 – L. führt seinen Mitarbeiter, Nicolaus v. Amsdorf, als ersten protestantischen Bischof ins Bistum Zeitz Naumburg ein.
1545 – 2 antikuriale Spätschriften. Luther, Anhänger und protestantische Reichsstände lehnen ab, am Konzil in Trient teilzunehmen.
1546/18. 2. – Luther stirbt in Eisleben, 62 Jahre alt.
1546/22. 2 – Beisetzung in der Schloßkirche Wittenberg.
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Textstelle des Alten Testaments gelesen in Originalsprache (Hebräisch)
Wolfgang Heinz

Am Anfang
Und Gott nahm

Fred Düren

Aber die Erde
aus Sintflut Teichoskopie
Wolfgang Dehler

Als nu der 3. Tag
aus Dekalog
Klaus Piontek

Unterweisung Asaph
Jürgen Hentsch


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Klage des Volks
Peter Sturm

Redegänge des Ijow
Der Tag müsse verloren sein
Der Mensch, vom Weibe geboren
O, dass ich wäre

Fred Düren

Aus Spruchsammlungen des Salomo
Jürgen Hentsch

Der Prediger
Jürgen Hentsch

De Tribus Impostoribus
Dieter Mann


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De Tribus Impostoribus (Fortsetzung)
Dieter Mann

Prophetie
Manfred Wagner

Textstelle des Neuen Testaments gelesen in Originalsprache (Griechisch)
Jürgen Dummer

Aus Markos
Johannes, der war in der Wüsten
Da fing er abermal an zu lehren
Und sie kamen jenseit des Meers
Und er ging aus von dannen

Fred Düren

Aus Matthaeus
Und es folgete ihm nach
Da er aber das Volk sahe
Wenn du nu Almosen gibst
Richtet nicht

Jürgen Hentsch


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Aus Matthaeus
Da aber Jesus
Und Jesus ging umher
Da rief er seine Jünger
Und nach 6 Tagen
Da sie aber ihr Wesen
Zu derselbigen Stunde
Und Jesus ging hinweg

Jürgen Hentsch

Aus Marcus
Pilatus Aber Sprach
Fred Düren

Aus Matthaeus
Am Abend aber kam
Am Abend aber des Sabbats

Jürgen Hentsch

Epilog
Und einer unter ihnen
Manfred Wagner

Text-Isohypse aus Albert Schweitzers Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben
Wolfgang Heinz

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Auswahl, Geräuschpartitur, Regie: Siegfried Wittlich
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seddig

Consultation für Hebräisch gewährte freundlichst Prof. Dr. Heinrich Simon