Curtisanengespräche
I Ragionamenti

von Pietro Aretino
2-LP LITERA 8 65 358/359
Covertext:
… daß es ihre Aufgabe ist, die Kinder des wissenschaftlichen Zeitalters zu unterhalten, und zwar in sinnlicher Weise und heiter. Dies können besonders wir Deutschen uns nicht oft genug wiederholen, denn bei uns rutscht sehr leicht alles in das Unkörperliche und Unanschauliche, worauf wir anfangen, von einer Weltanschauung zu sprechen, nachdem die Welt selber sich aufgelöst hat. Selbst der Materialismus ist bei uns wenig mehr als eine Idee. Aus dem Geschlechtsgenus werden bei uns eheliche Pflichten, der Kunstgenuß dient der Bildung, und unter dem Lernen verstehen wir nicht ein fröhliches Kennenlernen, sondern daß uns die Nase auf etwas gestoßen wird. Unser Tun hat nichts von von einem fröhlichen Sich-Umtun, und um uns auszuweisen, verweisen wir nicht darauf, wieviel Spaß wir mit etwas gehabt haben, sondern wieviel Schweiß es uns gekostet hat.

Bertolt Brecht
Kleines Organon für das Theater, 1948
Excurs 75: Über die Künste.


Das Erotische nimmt eine Zwischenstellung ein innerhalb der beiden großen Gefühlsgruppen des Egoistischen und des Altruistischen, der Verengung des Einzelwillens bis zu Feindlichkeit oder seinem Weitwerden bis zum Einbegreifen des andern. Das verschwendende ,Ich will alles sein‘ und das geizig gierende ,Ich will alles haben‘ ergeben, auf ein höchstes umfassendes Verlangen gebracht, den gleichen Sinn. Gerade die differenten plasmischen Körperchen suchen einander zeugerisch. Erweitert die Selbstsucht sich in Sexualität, verschärft sie sich doch darin zu ihren heftigsten Eigenwünschen. Geht sie in selbstsüchtigen Angriffen vor, so doch nur, um alles Eroberte auf den Thron, ja hoch über sich selbst zu setzen. Der Egoismus zu zweien – erst im Verhältnis zum Kinde überwunden, wo Geschlechterliebe und soziale versöhnt aufeinander treffen, einander ergänzend. Brunst sozialisiert, sich in der Brut, Liebe im Kinde.

Lou Andrea-Salomé 1911
befreundet mit Buber, Freud und Rilke, der ihr sein Stundenbuch widmete.


Das Acumen – der zustechende Witz – seit dem 17. Jh. nicht mehr benutzte Vokabel aus den Bereichen der Poetologie und der Eloquenz, kennzeichnet präzis Aretins taghelle, verfremdende Schreibweise wie auch die der Aristophanes, Lukian, Wernike, Sacer, Voltaire, Lichtenberg, Heine, Shaw besonders, Brecht, Lec, zuweilen Hacks. Sie steht oft quer zu herrschender Lage, wirkt wie linkhand gespielt zu offiziös begönnerten Gewohnheiten, deren Vorurteilhaftes sie enthüllt. Ublichgewordenes zeigt sie seitenverkehrt, Zustände apart spiegelnd. Sie bildet Antithese, macht Denken schlank, Sicht auf Welt frischend, und ermöglicht Neusehen einer Situation. So ist das Acumen dialektikverbündet, kann blitzhaft die Lage erhellen. Aus dem lateinischen acuo herkünftig, enthält der Begriff schön materialistisch auch instrumental Hantierbares, bedeutet Haarpfeil, Schlauheit, Nadelstichhaftes, Gipfel, auch: wetzen, schärfen, akzentuieren – immer aber aufklärende, in Gang setzende Tendenz begünstigend. Die Pointe ist sein Gestus.
Es gibt knebelnde und es gibt befreiende Literatur, letztere weltweit etabliert und am reinsten durch Brecht. Das Fremdhinstellen fossiler Verhaltensarten hilft neuen, künftigen Haltungen ins Recht. Prüderie, verläßlicher Bestandteil der Heuchelei, ist – da sie hindert, vereitelt und lügt – durchaus conterrevolutionär. Man werfe sie zu anderem Sperrmüll. Dies tat – vor etwa 450 Jahren! – Aretino, prall an Kraft plus Witz; ein Muskelmann, fest auf gespreizten Beinen stehend wie Zweikämpfer, petrucchiohaft herausfordernder Dompteur der großen widerspenstigen Bestien in Staat und Kirche der Spätrenaissance. Mit seinen verzweigten Briefwechseln schuf, arrangierte und prägte er als Frühester öffentliche Meinung – pluraler Begriff, der auf den Tag genau 302 Jahre nach seinem Tod beim verwandt fühlenden Offenbach lustigst als Einzelperson auftreten wird. Pietro focht, ganz auf sich gestellt, mit nichts ausgerüstet als seinen Worten. Einige der Gewaltigen schmiegten sich ihm, bezahlten ihm sogar sein Schweigen. Andere obskure Naturells schickten ihm gedungene Mörder nach, denen er aber entkam. Er war nicht sittenlos, sondern von sympathisch gelöster Haltung und plausibel scham-frei. Seine zeitkritisch wirkenden Tendenzen erweisen ihn als einen Satire treibenden Moralisten. Ein Aufräumer? Die Plebs – hellhörig für durchsickernde Wahrheit – sah in ihm einen agilen Verbündeten.

Caesurbildende Ereignisse helfen gliedern, erst in langdauernde Weltalter, dann – je mehr auf uns zu – Historie überschaubar haltend durch immer kürzere Läufte. Etwa 4000 v. Chr. mündete das alte magische Zeitalter in das der Mythologien, das bis etwa 1200 dauerte und beendet wurde durch die zunehmend dynamisch intellektgeleitete Phase der Menschheit Die begann mit auffallenden Ansätzen, hin zum Ziel totaler Naturbeherrschung. Die Antike mit ihren hellen lichtempfänglichen Einzeldenkern ist die Wiege aller Aufklärung und menschheitweiter Überlegungen. Ihre letzten Ausläufer – Spätphase – reichen in unsere Zeitrechnung herüber. Und noch Mittelalter dehnt sich aus über elfhundert Jahre: 375 (476) – 1492. Ab da ist entschieden Neuzeit, mit ihrem ersten Einschnitt 1789, danach neuere, und wir lebe in der neuesten.
Das Mittelalter hatte aus der untergegangenen antiken Welt eigentlich nur das Christentum übernommen und begann in fast allem von vorn. Etwa ein Drittel des feudalen Grundbesitzes gehörte der Kirche, hinzu das Monopol intellektueller Bildung. Alles Denken stand unter der Vormundschaft der Theologie und wurde nur akzeptiert, wenn es mit den Dogmen übereinstimmte. Auch spätere Bürokratie trägt unverkennbar Züge solch unbeweglicher Struktur. Die Warenproduzenten und -händler in den Städten verlangten Aufhebung des zu kostspielig gewordenen Kirchenapparats – exklusiver Priesterstand, Mönche, Prälaten, römischer Hof – und wollten eine urchristlich einfache Kirchenverfassung wiederherstellen; mir den Stadtplebejern und rebellisch gewordenen Bauern die theologische Weitsicht einfach der veränderten Lebenslage der neuen Klasse einpassen.
Der Humanismus begann ab Mitte des 13. Jhs. als pur philologisches und archäologisches Bemühen italienischer Gelehrter, noch ganz ohne Auflehnung gegen die Institution Kirche, denn in dem weltlichen Machtanspruch des Papsttums lebte ja das kaiserliche Rom, um 30 v. Chr. von Augustus begründet, latent weiter und die theologische Philosophie der Scholastik stützte sich auf Aristoteles und ehrte den heidnischen Dichter Vergil als den vorbildlichsten – nachdem sie ihn, auf eine Stelle in Ecloga IV sich berufend, in einen Vorausahner Christi umgedeutet hatte. Und imWerk des Dante (1265–1321) lebt viel Kenntnis der Antike, was ihn den Humanisten nahbringt, aber die Erde ist ihm noch eine Gefahr bergende Stätte der Bewährung, riskant für das Jenseitsleben der Seele. Der Humanismus versenkte sich ins Studium der Antike verschüttetes Diesseits ans Licht hebend. Die Renaissance hingegen setzte das Erkannte in aktives Leben um, ist wirklich Wiedergeburt des irdischen Menschverhaltens. Petrasra – 1304–1374, übrigens auch aus Arezzo – auf den sie zurückgeht, enthält bei aller christlichen Gewissensangst durchaus Lebenswillen, Schönheitsverlangen, Macht- und Ruhmbegehren des Einzelnen, schon hindeutend auf den politischen Rigorismus des Macchiavelli (1469–1527). Sinnenglut in Petrarcas Dichten um Laura de Sade wird gebändigt durch Ringen um Schönheit der Form im strengsten Versbau: Sonett. Das gespeicherte Wissensgut der italienischen Renaissance gibt der auch geistige Umschlagplatz Lyon über Frankreich an Europa weiter. Klemperer, progressivster Romanist, fand heraus: die 2 ineinandergreifenden Bewegungen Humanismus und Renaissance machten Italien zur Schöpferin der nachmittelalterlichen Welt.
Darf man, Frauendialoge aufgreifend, eine empfindungsstarke Lyrikerin der Aretin-Zeit weglassen? In Lyon lebte 1524–1566 die schöne und sehr kenntnisreiche Seilerstochter Louize Labé – la belle cordelière – in mehreren Sprachen dichtend. Ihre 24 Sonette über das ,Leiden einer liebenden Frau an der Gefühlsschwäche des Geliebten‘ bereiteten frz. Renaissance mit vor. Aus einer Widmung dieser Frühen klingt zu uns her der emanzipative Satz: ,Jetzt, da – wenigstens die wohlsituierten – Frauen sich freier bewegen und den Wissenschaften sich widmen können, sollten sie auch mit eigenen Werken des Denkens hervortreten.‘ Ihr Ruhm wurde leider bald verdunkelt durch den klangberedten Pierre Ronsard (1524–1585) wie ihr Lyoneser Kreis durch die höfische Pléiade, dem Siebengestirn bedeutendster frz. Dichter, die er anführte, antike Bauweisen in Sprache präzi. aufnehmend: Ode, Ecloga, Elegia, Satire, Epos. Auch die Programmschrift der 7 fällt noch in die Lebzeit Aretins: 1549.

Geschichten erzählen – traf auf starkes Interesse schon im Mittelalter, das auch Prosa-Dialog und Allegorie in die Literatur trug, kam über die ,gesta romanorum‘ und erreichte einen Gipfel im Decamerone des Boccaccio (1313–1375). Italienische Novellen enthielten turbulente Späße, Schalktreiben munterer Frauen, Scholaren und Mönche gegen Ehemänner und Vormunde, und schon Vagantenlieder nannten Einzelheiten des Geschlechtslebens unbekümmert beim wirklichen Namen. Nannas Klosterschnurren (Lp-S. 1) nehmen diese Traditionslinie auf und variieren reale Zustände und Begebenheiten, die seit der Frührenaissance offenes Geheimnis waren. Denn um 1300 verfiel das mönchische Ideal, und auch ständige Visitationen durch den Clerus konnten die Verweltlichung des Klosterlebens nicht aufhalten. Zuerst das Gelübde der Armut, dann des Gehorsams, schließlich das der Keuschheit brechend; wurden Mönche unglaubwürdig. Die neue Klasse der Stadtbürger konnte dem Kuttenträger, der sich betrank, den Weibern nachstellte und dem Geld, nicht länger die Autorität des mahnenden Gewissens zuerkennen; man rührte nicht mehr an Heiliges, wenn man solch einen Fuchs stellte und verprügelte, sondern an Lustiges. Mit der schadenfrohen Verachtung, die Bürger und Plebejer am unmönchisch lebenden Mönch ausließen, wuchs dem weltlichen Stand des Selbstbewußtsein und erleichterte ihm, Irdisches einleuchtender zu finden. Realistische Sicht auf die Welt ,jubelt allenthalben im Decamerone, ihrem getreuen Spiegel‘. Anspruch auf Natürliches verdrängt zunehmend alte dogmatische Gewissenszwänge. Die Zeit war voll von fleischlichen Appetiten, und das Erzählbuch des Boccaccio zeigt gen Bruch mit dem mediävalen System des Spirituellen, Übersinnlichen. Das Decamerone, dessen Gestalten noch dante-nah kostümiert sind, rückt eben durch seine unprüde, weltlustige Sicht unserem Bewußtsein mehr in die Zeit Aretins, der – 200 Jahre später lebte.

Il Veritiero
3 italienischste Wesenszüge sah De Sanctis im Werk 3er Männer präzis ausgedrückt:
immaginazione – es-sinnende Kraft der Phantasie – beim Ariosto
intelletto adulto – kahl tendenziösen Verstand – bei Macchiavell
dissolutione morale – un-gezügeltes, freies Verhalten – beim Aretino

und als die 3 Henker italienischer Renaissance-Literatur nannte Karl Voßler die Gegenreformation, das knebelnde spanische Übergewicht und die Acadenia der Crusca in Florenz, die seit 1582 zensurhaft wütete. Als Macchiavelli das Modell für den ,rettenden Fürsten‘ in Cesare Borgia sah, entwarf am Hofe von Urbino der schwärmerisch gestimmte Graf Baldassare Castiglione in seinem dialogischenTractat ,Il Cortigiano‘ 1518–1524 eine ideale geistige und körperliche Ausbildung für Höflinge. Diese literarische Leistung von Rang widmete vor allem der Sprache gespannte Aufmerksamkeit und enthielt das weithin nachwirkende Idealbild des geistig hochstehenden und weltoffenen Universalmenschen der Zeit. Aber weder dieser noch die großen Verbrecher, die Burckhardt beschrieb, bildeten den überall antreffbaren Typus, sondern eher die ,erschlaffenden Genießer‘, die der Mann aus Arezzo zeigt.
,Auch das Proletariat der Renaissance hat seinen Stimmträger in der italienischen Literatur, und einen der glänzendsten dazu, Pietro Aretino …‘, beginnt Klemperer 1924 seinen Essay über ihn, dessen ehrendster Beiname il veritiero = der Wahrheit-Sagende ist. Etwa 6 Monate vor der Landung des Genuesen Colombo – in spanischem Dienst Colon (Columbus) – auf der Bahama-Insel Guanahani, ab welchem Ereignis Neuzeit zählt, wurde Pietro 1492 im toskanischen Arezzo geboren, am 20. 4., Sohn des Schusters Luca (del Tura?) und einer stadtbekannten schönen Frau aus dem Volk. Seine Briefe informieren die Nachwelt ausgiebig über hunderte Momente seines Lebens und lassen erkennen, wie er war. Immer einig mit der Mutter und seinen 2 Schwestern, hat er aus Haß gegen den Vater den Familiennamen abgelegt und sich nach seiner Geburtsstadt genannt.
1506 kam er nach Perugia und erlernte die Malerei. Das ungebundene interessante Leben unter Künstlern dort mag seine Unternehmungslust geweckt haben. Ab 1510 schrieb er Verse und sogleich Pasquinaden. Schon am Beginn steht das Zähne bleckende, nachhallende Lachen eines hellen Renaissance-Menschen, das auch späteren Werken noch enthörbar ist. 1517 nach Rom, in Dienst des Bankiers Agostino Chigi, sehr unterstützt durch Papst Leo X.; Pietro dient auch dem Cardinale Giulio de Medici, wird vertraut mit dem Leben bei Hofe, durchschaut bald das Intriguen-Schach von Parasiten, die genau wissen, daß schon der Eröffnungszug Weichen stellen kann, und lernt, ihren obskuren Plänen zuvorzukommen. Den Mediceern, ursprünglich Bankiers, deren Besitz Karl V. aber zum Herzogtum erhob, blieb er lange verbunden. 3 Päpste stellte dieses Geschlecht – Leo X., Clemens VII., Leo XI. – und für Frankreich die 2 Königinnen Catherine und Maria. In Rom wetteiferten damals hohe Geistliche, Aristokraten und wohlhabende Bürger um die Gunst der auffallenden Talente und diese brauchten Mäzene. Gönner und Günstlinge verband also ein gemeinsames Interesse: genußvoll zu leben. Es gab prunkvolle Feste, Luxus. Die Stadt hatte zahlreiche Handels- und Bankniederlassungen, einträgliche Verbindungen mit dem Ausland. Das Leben pulsierte stark, man spürte sich. Es wurde viel gearbeitet, Bürgerfleiß war, und hinter den Bänken der Geldwechsler im Gewirr der kleinen Gäßchen hausten die Freudenmädchen, die billigsten – Puttane – strichen auf dem Ponte Sisto umher.
Nach dem Tod Leos X. schrieb Aretino heftige Satiren gegen den asketischen flämischen Zimmermannssohn, der 1522 Papst wurde und als Hadrian VI. die ,heidnischen Poeten‘ bekämpfte. Pietro folgte seinem Bewunderer und verläßlichsten Gönner Giulio de Medici nach Bologna, Florenz und suchte auch in Mantua Zuflucht. Erst als Giulio selber 1523 Papst wurde, Clemens VII., kehrte der 31jährige Poet nach Rom zurück, voll Hoffnung. Aber als enthüllender Schriftsteller lebte er gefährlich, und seine scharfen Texte gegen die römische Curie machten ihn vielen zum Feind. Den Mordanschlag des Datario Giberti überlebte er, durch mehrere Dolchstiche des Bolognesers Achille de la Volta verletzt. Da Clemens VII. diesen und andere Bravi nicht verfolgen ließ – hatte das Blatt sich gewendet? – sah Pietro sich auch weiter gefährdet, verließ 1525 endgültig Rom und lebte zunächst unter dem Schutz des berühmten Condottiere Giovanni dalle bande nere, Anführer der Schwarzbanden, den er lange schon sehr schätzte. Nach dessen Tod zieht er in das einzige für ihn noch mögliche Exil, die progressivste Stadtrepublik: Venedig, Zentrum erblühten Handwerks und reicher Wirtschaft, gedeihlich für Wissenschaften und Kunst.
Wohlhabende Bürger hatten besonders hier Geld genug, sich hochtalentierte Künstler ,zu halten‘ und schmückten durch deren Arbeit ihr eigenes Leben. Aretino sah wieder Möglichkeiten. Längst hatte er genug vom Hofleben mit seinen Geschäftszimmern als Orten, ,worin jedes Künftige und Tüchtige verhindert wird und der Dienstweg die längste Verbindung zwischen 2 Punkten ist, dem hemmungslosen Egoismus Arrivierter, dem Hang der Beamten zu Unterordnung und Korruption‘. Auffallend oft finden wir bei ihm den bitteren Satz: ,Die Welt gehört den Heuchlern!‘ Daher zieht Wahrheitsagen Haß auf sich, mithin war ,veritas odium parit‘ gedrucktes Motto mehrerer seiner Werke. An anderer Stelle diese Erfahrung: ,Wer die Mächtigen kritisiert, den schreien sie als Weltfeind aus, denn diese Minderheit hält sich für die Welt.‘ Er will zu den ungebundenen Naturen zählen; kann schon als unabhängiger Schriftsteller leben, dadurch leichter Wahrheit durchsetzen, zuweilen auch den Bedrängten helfen. Von hier aus hielt er das ganze berühmte Italien in einer Art Belagerungszustand, konnte seine Kritik gegen Mächtige ungehindert ausdrücken. Da er Venedig, das ihn beherbergte, weislich beschwieg, schützte der Doge Andrea Gritti ihn vor Feinden. Aretino vertritt die stets geistreiche, manchmal zynische Strömung wider die überkommene, einengende Ethik des Mittelalters. Der Dichter Ariost (1474–1533) nannte ihn in den Stanzen seines heroisch-komischen Rittergedichts ,Orlando furioso‘, das in 46 Gesängen die Welt phantasiereich spiegelt, die ,Geißel der Fürsten‘. Tizian malte ihn für den Herzog von Mantua. Pietro, nun gefeierter Poet des Cinquecento, lebte verschwenderisch, bewohnte ein großes Domizil am Canale grande, kunstreich ausgestattet; 6 schöne Mädchen führten ihm das gastfreie Haus. Ein Harem? Ein Bordell? – Von Liebe jedenfalls schrieb er mit warmherzigem Empfinden, war freigebiger Liebhaber, blieb fürsorglicher Vater seiner 2 Töchter. Die großen erschriebenen Summen halfen oft anderen. Viele kannten an ihm milde Züge und jene höfliche Nachsicht, die man dortzulande gentilezza nehnt. Zu den Sünden läßlicher Natur – er hatte Vergnügen an Üppigem: es seien schmiegsame Frauen, saturierendes Tafeln oder Aussicht auf gut dotierte Ämter. Selber reich beschenkt, etwa durch Franz I. von Frankreich und Kaiser Karl V., der ihm Jahresrenten zuschob – weil Menschen aller Ränge das Lob lieben und Enthüllungen fürchten – lebte dieser Petrucchio seines Zeitalters, bis ihn am 21. Oktober 1556 der Schlag traf.
Seine Beziehung zu Sprache? Ungebrochen spontan. Alle Pedanterie war ihm derart zuwider, daß er sogar gründliche Studien umging und das von den Humanisten angehäufte Wissen selten nutzte, doch ihr Prinzip des Ruhmverteilens aufgriff, sein Schandeverteilen hinzufügend. Es erfreute ihn, zutreffende Texte flink und mühelos herzustellen, das Treiben zu beobachten, und er sah: die an der Macht organisieren sich schon ihr Lob, zahlen notfalls dafür. So verfaßte er gegen Honorar auch Panegyrik, Lob-Sprüche.
Die Erkenntnis der Wahrheit ist ein Schreibern und Lesern gemeinsamer Vorgang. Werden vermeidbare Ursachen benannt, können schlimme Zustände in einleuchtend erträgliche verwandelt werden, hin auf ,eine soziale Ordnung Gleichgestellter, die auf Dauer einzige mögliche Form‘ (Shaw). Denn humane Gesinnung ist einfach die menschenfreundliche, Leben begünstigende.
Aber Maledictio und Medisance – üble Nachrede und Heuchelei – waren die Kennmarken seines Zeitalters, zumindest Untertitel. Er war dessen agilster Pamphletist und Lästerer; sein 4. Ehrentitel: Kanzler des Pasquino. Den 3. verlieh er sich selber, im frechen Brief an Michelangelo: Divino, blamabel ,der Göttliche‘.
Um Text aus seiner Feder riß man sich wie in späteren Zeiten um ein Extrablatt. Amüsant sind Abschnitte, die Schmeichelei enthalten, sie aber sogleich entwerten, wie in dem Dankbrief für übersandte 800 Scudi an den Marquese Marigniano, der als ,Castellan von Musso‘ einen eigenen Staat zu gründen versucht hatte.

Werke
Früh verfaßte er Gedichte, 1511 die ,Strambotti a la Villanesca‘, 8-zeilene Gebilde, Liebe besingend; hinzu Scherz-Terzinen, die man als Capitolo bezeichnet. Er brachte Schmähschriften in Umlaut die Pasquinaden, benannt nach der antiken griechischen Sculptur Pasquino, deren Torso nah der Piazza Navona aufgestellt war. Dem in den Schoß legten auch im 16. Jh. die Römer ihre Eingaben – die dann von den Stadtvätern bearbeitet werden mußten.
Die sogenannten priapëischen Sonette galten als unzüchtig und erregten Skandal. Giulio Romano – Rafaels Werk im Vatican fortsetzend – malte zum Spaß nebenher die ,16 Modi‘, Genuß verheißende Stellungen in sexualibus. Nach ihnen stach Marcantonio Raimondi die berüchtigten Kupfer; und die zur Vorlage nehmend schrieb Pietro 1524 seine 16 ,Sonetti lussuriosi‘ – die lüsternen. Mit totalem Erfolg haben Generationen von Zensoren dieses witzige Bändchen vernichten lassen; es existiert kein Exemplar davon.
Unter seinen 6 Dramen zeigen die 5 behende entworfenen satirischen Comedie lebendigst das Zeitalter, ein ganzer Schwarm von Dirnen, Kupplerinnen, Genießern, Heuchlern agiert in ihnen, enthüllt die Sitten jener Tage.
1526– In ,La Cortigiana‘ kreuzen einander 2 Handlungsbogen. Messer Maco, närrischer Pedant aus Siena, will in Rom Hofmann und dann Cardinal werden. Ein Maler Andrea unterweist ihn in niederträchtigen Finten. Inzwischen vergafft Parabolano aus Napoli sich in Madonna Livia, wird aber von Rosso dupiert und durch die Kupplerin Alvigia der Bäckersfrau zugeführt. Hauptfigur ist Arcolana, Petrarca-Schwärmerin. Allen Spitzbuben wird am Ende verziehen. Auffallend ein Satz im Prolog: ,Der Stil dieser Comedia hält sich nicht an den üblichen Grundriß; schließlich lebt man in Rom heutzutag anders als im Athen der Alten.‘
1533 – ,Il Marescalco‘, Hufschmied und Weiberfeind, wird durch den Herzog von Mantua zu einer Heirat angestiftet, zu der ein pedantischer Schulfuchs die Traurede hält; im Brautgewand steckt ein verkleideter Page.
1542 – ,La Talanta‘, 2 Geschwister, von Türken geraubt, werden – Antino an den Venezianer Bergolo, Lucilla aber an den bramarbasierenden Capitano Tinca – verkauft. Die Ziehväter beten Talanta an und schenken ihr die jungen Leute; aber die entlaufen der Curtisane: Lutilla zu Bergolos ,Sohn‘, Antino zu Tincas ,Tochter‘. Durch Blando, beider Vater, und das Drillingskind Oretta kommt es zu Verwicklung und Erkennung. Talanta läßt sich von den Alten entschädigen und versöhnt sich mit Orfini, einem schon abgelegten Liebhaber.
Aus demselben Jahr stammt ,L’Ipocrito‘ (der Heuchler). Ein frömmelnder Betbruder, dauernd von Wohltun nur redend, mengt sich in alles, schwatzt herum und intriguiert – Ahn des molièrischen Tartuffe.
1546 – brachte ,Il Filosofo‘. Der Pedant Plat-aristotele vernachlässigt über Bücherkram und Tiefsinn-Akrobatik seine Frau. Die prellt ihn mit einem Liebhaber, ein Abenteuer aus Boccaccios Decamerone (II. 5) wird eingefügt, und am Ende sind alle versöhnt.
Obwohl ,aus dem Ärmel geschüttelt‘, haben Aretins Lustspiele neben der ,Mandragola‘ des Macchiavelli als das beste italienische Theater bis zu Goldoni zu gelten. Und sein ,Orazio‘, eng an die Horatier-Erzählung des Livius gelehnt – auch 1546 entstanden und sein einziges Werk dieser Gattung – wird als die beste Renaissance-Tragoedie Italiens gepriesen. Edelmütig wie später heim Otway wird ein Pflichtdilemma, das zu Untergang führt, abgehandelt. Wie Celia um den Geliebten trauert, als sie sein Kleid unter den Trophäen des Bruders erblickt, oder der Vater sein letztes Kind, Sieger über die Curatier, verteidigt, den Orazio, der wegen Schwestermordes sterben soll – ist ergreifend und echter dargestellt als im ,Horace‘ des Corneille.
Da sind erörternde Lesegespräche, wie der Dialogo delle corti, enthaltend ätzende Saure auf das Hofleben, der Dialogo delle carte parlanti – sprechenkönnende Spielkarten unterhalten sich darin mit ihrem Miniaturenmaler, verlachen Clerus und Adel und preisen Fortuna als die einzige Herrscherin über Menschen – und pseudo-astrologische ,Spottcalender‘ auf die Jahre 1526–1534.
Ab 1537 bis Lebensende dann: Hunderte von Briefen, die ,Lettere (familiari)‘, geschrieben, sogleich veröffentlicht zu werden, präventiv gegen verborgene Drahtzieher, die allenthalben lauernden Sykophanten (Verleumder), arbeits- und lichtscheues Gesindel aller Ränge. Adlige beschenkten ihn, nur um seiner Kritik zu entgehen, und er war Journalist ,durchaus in dem Sinne, daß er einen fortwährenden Anlaß des Publizierens in sich hatte‘. Er schüchterte Mächtige ein, sie zu bessern, drohte, schmeichelte, bat. Adressaten waren u. a. der König von Frankreich, Papst Clemens VII., Tiziano, Michelangelo, Maria und Cosimo de Medici, dir Presidente di Romagna, der Historiograph Panln Giovio, Marquese Valdaura, ja sogar ein Vorfahr Cromwells und viele andere Opfer oder Lobgenießende seiner Correspondenza. Er bezeichnete sich gern als den Secretario der Welt. Auf seine Briefe beruft sich das Urteil, das ihn einen virtuosen Erpresser nennt, ,wo er doch nichts anderes tut, als sich seine sehr gesuchte Arbeit bezahlen zu lassen‘ (F. Blei). Aretino hat sogar 9 geistliche Bücher verfaßt, Erbauungsschriften wie ,De la lacrime d’angelica‘ (in Vers-Gesängen), in ganz pragmatischer Haltung, sei es in Hoffnung auf einen Cardinalshut oder aus Furcht vor den beginnenden Bluturteilen der Inquisition, ,die er noch 1535 zu tadeln gewagt hatte, die aber seit der Reorganisation des Instituts 1542 plötzlich zunahmen und alles zum Schweigen brachten.‘ (Burckhardt).

Ragionamenti sind, genau übersetzt, Erörterungen. Hier; puttaneske Zwiesprache, gehalten an 3 Plaudertagen unter freiem Himmel mediterranen Landstrichs, in buschreichen Gärten, klanghintergründet durch Vogellaut, der ein Freiluft-Echo zum Kichern dieser übermütigst lustigen Weiber von Rom bildet. Den ersten Band, 1535, nannte Aretino ,Capricciosi …‘, wundersam launige Gespräche. Soweit das Treiben in Klöstern, Leben der Nonnen beschrieben wird, jagen einander burleske Biesterreien, derb benannt, und es geht hexisch zu. Da herrschen volutta (Wollust) und voglia (Verlangen), ganz wie in Satyriasis und Nymphomanie. Aretino verurteilt nicht die tollen Übertreibungen, sondern findet sie verursacht durch Zwang zu widernatürlicher Enthaltsamkeit. Die lingua parlata (Umgangsitalienisch), auf Märkten und in Häusern allenthalben vom Volk gesprochen – witzig, plebejisch, aller Prüderie ins Gesicht lachend – beherrscht er ausgiebig. – Seitensprünge der Gattinnen, aus der Institution Ehe ausbrechend, folgen zwar ur-altem Naturanspruch – Gesetz gegen Satzung – enthalten aber oft wirklich Frivoles, nämlich Zynisches: schamlose Herrschsucht und Kalkül; sind also nicht harmlos nur Witz, heitre Laune. Nonnentricks, Ehefinten und Streiflichter aus dem Leben der Freudenmädchen – Inhalt der Capricciosi – waren einfach unterhaltsam und so begehrt als Lektüre, daß sogar Kirchenmänner damals ihre Schriften durch Sexualis attraktiver zu machen suchten.
1538 erschien der 2. Teil, ,I piacevoli Ragionamenti‘, das meint: angenehme Plaudereien. Ihr Zuschnitt verweist sie in die noble Gattung der Tractat-Dialoge, die wir aus antiker Philosophie und von Aufklärern wie Diderot kennen. Anders gesagt: in das Grundrißhafte eines enstem Forschen reservierten Beckens gießt Aretin ganz anderes; weltheitere Lehre über, sexuales Verhalten. Text von Rang ist das erhellende Beschreiben lusthafter Abläufe in eroticis. Anmutig agieren hier allegria (Munterkeit), gioia (Freude) und cupidigia (Lüsternheit). Nannas Winke an Pippa enthüllen Hetärenweisheit, heitere Fleischlichkeit durchdringt diese hübschen Auskünfte (Lp-S. 3), und durchaus Berufsehre spricht aus dem Rat, fair zu sein.
Da ist unbekümmerte Zustimmung zu Sexualität, erfrischend direkt, und sehr menschliche Zuwendung. Wie liebenswürdig und an alles denkend sie ihre Tochter unterweist: wirklich ein Lehrgespräch und keineswegs nur Pornodidascalus, wie man ähnliches noch zu Lessings Zeit nannte. Und dann dieser schalkhafte Kunstgriff – wem hätte der urteilsfähige Aretin seine erstaunliche Menschenkenntnis zutreffender in den Text legen können als diesen Spezialistinnen in Männerbehandlung und Kuppelei? Vom sicheren Venedig aus zeichnet er ein Zustandbild Roms, alle Stände und ihre Eigenheiten präzis an dem Punkt unleugbarer Wahrheit fassend: in Lagen, wo alle aufhören zu lügen, weil sich da ihre geheimsten Wünsche offenbaren. Denn der Mensch geht natürlich unterhalb des Gürtels weiter. Gesellschaft – aus der Sicht derer, die mit Lüsten und Appetiten anderer schwungvoll Handel treiben: da herrscht Helle des Durchschauens und erfreulichstes Überwinden von Dunkel-Männerei. Für damals witzige Erzähl-Ebene und elegante Spiegelung ist, wenn Aretins Creation Nanna ihren Schöpfer beurteilt und etwa dessen Ansichten über Sprache und Dichtung gegen seine Kritiker verteidigt oder ihm Lob streut. Auch dieser 2. Teil enthält 3 Tagesdialoge; als scena ultima: Ratschläge der Mezzana (Kupplerin) an eine Amme, reich an Strategemen ihres Metiers. Der vollständige Abdruck beider Teile kam erst 1584 heraus.

Helle Herkunft
Hetären – Freundinnen, Gefährtinnen – waren im Griechenland der Antike frei denkende, musisch sehr gebildete Frauen. Ihr Zeitalter betreibt Liebesangelegenheiten in der sympathischen Heiterkeit des schuldfreien Gewissens. Auch Lachen über Sex half eher zu Entgottung der Götter. Etwa beim erstaunlich modern wirkenden Spötter Lukian, der neben den hetairikoi dialogoi auch Göttergespräche schrieb, in denen nicht minder Sexualia vorkamen, begangen von bestechlichen Intriguenklüngeln in einem Olymp aus Luderwelt – obrigkeitentlarvend.
Daß die Frau das allein anziehend Schöne sein kann, war nicht immer so. Der Sage nach wird Daphnis von einer Hetäre unterrichtet, in Frühzeit Lehrerin einer erst zu findenden Kunst der 2-geschlechtlichen Liebe. Und in einer indischen Erzählung, lange vor dem Kamasutra, wurde die Königin von einem Freudenmädchen in der Liebe unterwiesen. Die Harmonie der weiblichen Erscheinung und das dennoch Phosphoreszierende um sie wurde zunehmend Männern ein Magnet. Welche Reinheit in diesem Aufblick, 5 Jahrhunderte vor unserer Zeit: ,… die ihre Brüste, Hüften, Schenkel stark und schön hat, ist meine Königin!‘ Darin: fasziniertes Innehalten des Atems – eine Fermate, ganz aus Bewunderung. (1531 schrieb Agostino Nifo den frühesten ästhetischen Tractat ,De pulchro et amore‘. Er enthält u. a. die Schönheitmaße des weiblichen Körpers und benennt das rechte sexquialtere Verhältnis, wonach der Schenkel eineinhalbmal dicker sein muß als die Wade, diese anderthalbmal dicker als der Arm etc. und als Aphroditen-Maße bei der Ziergröße von 1,55 m gelten immerhin 85 cm Ober-, 72 Taillen- und 91 Hüftumfang in Höhe der Rollhügel; mithin faszinierend hübsch ausladend.)
Die Posse der alten Römer ist schon voll zotiger Satire, mir Resten aus Saturnalien, Phalluskult. Zote ist simpler Witz auf sexuale Situationen und Theater, seit je Gelegenheit für Gesten, hat innere Vorgänge nach außen zu bringen; mit einer Skala, die aufgefächert reicht von Noblesse bis zu clownesker Zeichengebung für nur unterstufig Ansprechbare.
Im Mittelalter ließ man die Liebe außerhalb der Ehe. Ritterliche Minne, eine phantasievolle Einrichtung, wurde als Ergänzung und Ventil statthaft und half, beachtete man die subtilen Übereinkünfte, tragische Konflikte zu vermeiden. Bei Bruch brachen sie aber unversöhnbar aus. An provencalischen Liebeshöfen wurde von Richtern verneint, daß Liebe zwischen Gatten überhaupt möglich sei. In späterer Feudalzeit kamen die Curtisanen auf – wie der Name sagt, am Hofe lebend – einst Geliebte eines Fürsten. Das Passionato der Renaissance brachte, wie Franz Blei erinnert, nicht die Liebe, sondern die ,Ehre‘ in die Ehe und dadurch den oft tödlichen Ehebruch. Eine untreue Gattin war in Gefahr, erdolcht zu werden. Und im 17. Jh. geschah immer häufiger dies: Ehefrauen vergifteten ihren Mann, um den Liebhaber zu heiraten. Nach verfinsternder Gegenreformation und den Wirren von 30 Jahre währendem Krieg brachte dann das 18. Jh. mildere Sitten. Das Rokoko nahm Liebe mehr als Bagatelle, kokettes Spiel zulassend bei Adel und Besitzenden. Gatten fanden es natürlich, von einander betrogen zu werden; der Cicisbeo, geduldeter Hausfreund, wurde Mode – späte harmlose Parallele, erinnernd an Minnedienst der Ritterzeit. Diesem Jahrhundert Voltaires galt ein Gattinmörder als unverstehbarer Barbar. Erst Werthers deutscher Pistolenschuß, 1774 auf Papier und verhängnisvoll in die Realität wirkend, setzte das Verbrechen aus Liebe erneut in Gang. Es durchzieht die Romantik des 19. Jhs., das in Gefühlen der Nachtseite schwelgte und alles Impulsive überschätzte. Liebe sah sich bald umstellt von Fabel und Essenzen der Kolportage und des Kriminalromans. Eifersucht ist zehrende Unruhe und erschüttert das Besitzgefühl. Dieser elementare Argwohn ist gekränktes Selbstwertgefühl, entstehend durch Unsicherwerden und Ansichzweifeln. Der stets zweifelnde Mann versucht seit je, das Wesen der Frauen zu de-chiffrieren, ihre seelischen Mechanismen zu durchschauen. Diese selbstauferlegte unlösbare Aufgabe beunruhigt sein Leben bis ins Senium …

Der pornos ist locker und schlicht ein Hurer und porneia das, was er betreibt.
Der als erster Pornographie mit ,Schweinschreiberei‘ übersetzte, muß vollends bigott gewesen sein oder das griechische Wort mit dem lateinischen porcus verwechselt haben. Wie das folternden Spießern unterläuft, die der Liebe allzu gern den Unterleib weghauen möchten. Pornographie zeigt nämlich die Agierenden als unbegrenzt und permanent bereit und fähig, sexuell zu leisten und zu schwelgen. Gedachter Antrieb: unstillbare Libido. Solche Literatur unterschlägt, durch verkürzende Perspektive, seelische und geistige Componenten und überträgt deren Energien in den pur sexuellen Akt, der davon seine hypertrophe Totalitas, dieses Über-Maß erlangt wie durch Hormon-Stau, das ist alles. Es wehrt sich darin die Lebenskraft gegen die Verleumdung, Sünde zu sein. Denn die stets körperfeindlich reagierende Bigotterie, aus auf Abtörung der Lüste zugunsten einer entselbstenden Hingabe an unbewiesen ,Höheres‘, das Nutznießer tarnt, sprach dünkelhaft abschätzig von dem Naturanspruch in Liebe. Dieser Belehrmich-Trend wurde übernommen in die Paragraphen der darin ähnlich funktionierenden Juristerei, und sie zwingen seit Jahrhunderten zu verschämten, wegen des nun ,Unerlaubten‘ von schlechtem Gewissen behafteten, heuchlerischen ,Andeutungen‘. Gegen sie entstanden rüstige Metaphern, das Unnennbargewordene dennoch sichtbar zu machen. Sind diese zahlreichen, buntlustigen Umschreibungen natürlichster Vorgänge erschöpft oder verloren sie durch ihr haufenweises Auftreten an Frische, setzen bspw. Amme und Kupplerin (Lp-S. 4) ihre Unterhaltung in Klartext sex-berühmter Worte fort, umweglos plausibel – und erlösend, weil die gemeinte Sache endlich bei sich selber ist.

Lange mit dem sittenrichterlichen Zensurkringel versehen, zuletzt von den Nazis in Bibliotheken ,beschlagnahmt‘, können Aretins Hetärenweisheiten endlich wieder gelesen werden, eine Fundgrube an Umgangsformen der Renaissance, meist in Nebensätzen enthalten. Conrads Übersetzung, die früheste des vollständigen Werks, wurde in einer ,nur für Subseribenten bestimmten Auflagenhöhe gedruckt‘. Von den 850 numerierten Exemplaren war nur das No 99 erlangbar. Ich las es 1954 in der Deutschen Bücherei Leipzig, diese Dialoge als Offenbachiade anbietend; doch erst in meiner Sendereihe ,Aus vergessenen Büchern‘ wurde 1969 daraus gelesen. Und jetzt sind Wissenschaftler hier erfreulicherweise dabei, Aretins zeit-wichtige Briefe zu sichten, sie uns endlich in Deutsch zu bieten.
Zum erstenmal erscheint Aretineskes auf Schallplatten; da lag nah, auch Urtext hören zu lassen, heitere Helle – der Aufklärung verbündet – und das brio italienischen Temperaments zu zeigen, das klangschön ist und grazil.
Alles in sexualibus, was sich so mit F schreibt und im Grimmschen Wörterbuch mehrspaltig gewürdigt wird, hat vollen Anspruch, anmutig in die frei fließende Rede einzugehen. Dagegen entfernte ich aus Conrads Übertragung von 1903 Stellen, die nah der Fäkaliensprache sind. Da das Trivialdeutsch Conrads, wenn auch flink und mit heißer Feder geschrieben, ohnehin grauer klingt als das Umgangsitalienisch, gönnten wir uns die Freude, streckenweis lebendiger zu gestifizieren, der Kunstprosa ähnliche Perioden zu bauen, auch eine Gangart romanischeren Temperaments anzuschlagen, dem Original näher zu sein.
Das Leichtgeschürzte von Anmut, zumal wie frisch aus dem Bad, enthusiasmiert uns; und weil Zärtlichkeit und leidenschaftliche Zuneigung zitiert oder als Timbre in diese Dialoge hineinspielen, sollte im Erklingen der Texte zuweilen ein frühlinghafter Anhauch ahnbar sein – Duft aus Villanellen und Madrigalen. Und ist erotische Intelligenz nicht verwandt der musikalischen? Wie sie, verzweigter und reich an Vermittlungen? Da ist, an Begabten und hoch Creativen, ein gewisser Gesichtsschnitt, ausdrückend Grazie, klug und gutartig. Wir sind hier einer Verbindung auf der Spur, die wir noch nicht umrißgenau erkennen, daher nur der Parallelgedanke: hat die befremdlich sexuale Drastik in Mozarts Briefen etwa die streng-schöne Helle in den klaren Klangbauten dieses kenntlichsten Genies – Figaro-Partitur – verhindert? mit ermöglicht? Das Thema ist unerschöpfbar. Nanna ist auf ihre Art weltbegabt, zieht alle Register und hantiert, was es da zu kennen gibt, bewundernswert artifiziell.
,In einer Zelt, die längst vergangen ist‘ – wie in Brechts Zuhälterballade der Song beginnt – spielen die Begebenheiten dieser Ragionamenti, und man sollte die Chance nutzen, sogar mit ihnen die befreiend heidnische Zuwendung zu Liebe und Sex zu pointieren, beide achtend als Glück gewährende Essenzen des humanen Zusammenlebens – lächelnd gesagt: es geht auch anders, doch so geht es auch.



Die reich gewordene Nanna, in Rom geboren, war erst Nonne, dann verheiratet und ist nun Curtisane. Am Magdalenentag – Tag der Schutzpatronin ihres Gewerbes – will sie der verarmten Antonia in ihrem Garten unterm Feigenbaum vom Leben der Nonnen, tags darauf von den Ehefrauen, übermorgen von den Freudenmädchen erzählen. Brot, Wein, Pökelfleisch sind hinreichend da und die beiden Freundinnen wollen ,die Hitze des Tages mit dem Fächer der Plauderei vertreiben‘. Sie selber ist noch in Zweifel, ob sie ihre Tochter Filippa (16) Nonne, Gattin oder gleich Curtisane werden lassen soll. Die beiden erfahrenen Frauen beklagen, daß für ihren Berufsstand schlimme Zeit anbricht.

Unterhaltung kann auf vergnüglichste Art Wissenswertes mitteilen, hin zu besserer Kenntnis der Welt, und das leicht, heiter, frei. Sie kann lehren, Tabus zu durchschauen, mithin progressiv sein. Aber da ist auch eine zählebige Spezies, die – noch immer – Pseudohaftes auskramt, gewissermaßen eingreifendes Nichtdenken, ins Denkenwollen eingreifendes Nichts, den Stillstand im Antlitz.
Sie setzte seit je auf Lauschen und Glotzen statt auf aktives, Sinn verarbeitendes Hören und Sehen. Und statt wirklich unterhaltsam zu sein durch heiter vorgebrachte Weltkenntnis, betreibt sie die Aufzucht von Spießer-Ulk und sät Kleinbürgermief, zuweilen bis zu zynischer Dumm-Mache. Sie ist ihrem Wesen nach ein Überreden zum Schwung, damit wir mit unserem Urteil nicht dazwischenkommen können. Dergleichen überlebt in altbackenen Conferenciers, die zwischen O, Gott! und I-gitt! ihr nicht kennenswertes Privatissime exhibieren; mindere Ware feilbieten, Ladenhüter altbekannter Wortzufälle hervorholen oder seicht Sexualia raunen – die vorgehaltene Hand als Feigenblatt vor dem Mund und dessen hirn-abhandener Rede. Das ist Unterhaltung als Ablenksel, verwerflicher Zeitraub, das Leben der Hinhörenden um Stunden kürzend; Wegsperre gegen wachen Instinkt, der ins Wissen vordringen möchte. Schranke auch gegen vorurteillos freimütige Begegnung der Geschlechter.
Und Aretin? Selbst die stillen Obliegenheiten schwelgender Paare abhandelnd, wirft er zuweilen Licht auf den Zustand des Sozialen. Derart beschrieb Karl Kraus den gesellschaftlichen Sumpf, indem er einfach die Presse beschrieb. Auch der Moralist aus Arezzo – Hecht im Karpfenteich – wußte, was seinen Lesern gefiel, doch verbarg er nie seine Meinung und lud ein zu Kenntnissen. Nichts gegen kluge Heiterkeit und frischen, wirklichen Witz, welches Wort ja früher Wissen bedeutete. Und allen Weg frei für Charme, Esprit, Pointe. Unterhaltsam ist, was den humanen Antrieb Wissenwollen umweglos durch nützliche Auskünfte erfreut, also keine Hinhalte-Spielchen. Auch eine Strecke Zeit totzuschlagen, ist Mord; sie aber zu füllen mit Nutzbarem – verlängertes, weil intensiviertes Leben. Gerade Unterhaltung sei immer hochkarätig, Heine nannte das: gemünzte Luft.
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Dedication an einen Affen
Io ne disgrazio …
Um Pippa


„Zucht sät Unzucht“

Stimulierende Fresken
Flucht 2er Nonnen
Äbtissin unterm Beichtvater
Terzett mit Lustknaben


Die 2 Flüchtigen
Stallknecht im Boudoir
Ein Baccalaureus
Flinke Sentenzen



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„Rubato Ehe, in trübem fischend“

Seltsame Brautnacht
Finten der Untreue

Unwiderstehlicher Sog eines Galgenschwängels
Hybris der Eheweibchen


„Schalkhafte Hürchen“

Aretin fabuliert …
Nächtliches Fremdstehen
Clienten-Veralbern und Literar-Glimpses

An den Signor Bernardo Valdaura



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„Lust als Metier“

Als Pippa noch aus Windeln schrie
Irrende Galane
Lection in Anstand: tafeln wie eine Dame
Da sei Anmut in den Mühen
Empfehlbarer Ablauf
Die schütteren Alten
Poeten als Liebhaber
Sprachsorgfalt


„Catalog der Verhaltenstypen“

regional:
Franzosen
Deutsche
Florentiner
Venezianer
Sienesen
Neapolitaner
Genuesen
Römer
Bologneser
Lombarden

theophrastisch beurteilt
Jünglinge
Nörgler
Bramarbasse
Käuze
Rüpel
Heuchler
Geizhälse
Freigebige


Fairness der Freudenmädchen
Schuld der Kerle



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Extra-touren der feinen Herren

„Vom Zuführen“

Gevatterin Ruffa prahlt und eine Amme sattelt um
Strategien des Kuppelns
Der Dom als Liebesbörse
Berühmte Worte
Methoden und behendes Sich-Umtun
Dimmi non sei tu stata monaca …?


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Nanna – Cortigiana: Hildegard Alex
Pippa – sua figlia: Ursula Werner
Antonia Ruffa – Mezzana: Barbara Dittus
Amme: Marianne Wünscher
tre Puttane: Marijam Agischewa, Sonja Stokowy, Franziska Troegner
Urtext-Sprecherinnen: Cesarina Wolf-Ferrari,
Verena Seiler-Zimmermann

Pietro: Stefan Lisewski

Composition und Dirigat: Helge Jung
Mandolini: Anke Ebert, Walter Neugebauer
Clarinetto B: Manfred Rümpler
Batteria: Hans-Jürgen Lüdecke

Auswahl, Dramaturgie und Regie: Siegfried Wittlich
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seddig

Ins Deutsch übertragen durch Heinrich Conrad, 1903

Gesamttext: Siegfried Wittlich, 1983
Der Aufsatz übernimmt einen Gedanken des Friedrich Engels über Mittelalter und einige Auskünfte aus: Jacob Burckhardt, Viktor Klemperer (zu Literarhistorie und Vita), Franz Blei (zu Vita und Historie der Sitten): die konzisen Fabeln der Lustspiele fußen auf ausführlicheren Angaben Alexander Baumgartners.