Dantons Tod

von Georg Büchner
2-LP LITERA 8 60 031/032
Covertext:
Ort: Paris
Zeit: 27. März bis 5. April 1794


Robespierre
6. 5. 1758 bis 28. 7. 1794, einer der bedeutendsten Führer der Französischen Revolution, hervorragender bürgerlich-demokratischer Staatsmann, Advokat, Anhänger Rousseaus, 1789 Mitglied der Generalstände und der Konstituante, 1792 Mitglied des Konvents, leitender Kopf des Wohlfahrtsausschusses, bezwingender Redner, führte die Revolution auf ihren Höhepunkt, die revolutionärdemokratische Diktatur der Jakobiner; schaltete die Dantonisten und Hébertisten im Interesse der Revolution aus. Dank seiner Überzeugungskraft und Entschlossenheit genoß Robespierre größte Autorität bei den Volksmassen, die ihn den „Unbestechlichen“ nannten. Am 9. Thermidor (27. 7.) 1794 wurde Robespierre durch eine Verschwörung innerhalb des Konvents von der konterrevolutionären Bourgeoisie gestürzt und tags darauf guillotiniert.

Danton
28. 10. 1759 bis 5. 4. 1794, Advokat, neben Robespierre und Marat bedeutendste Gestalt der Französischen Revolution. Hervorragender Redner, von großem Einfluß auf die Volksmassen, Mitbegründer des Klubs der Cordeliers; spielte im Konvent und im Jakobinerklub eine führende Rolle, zeigte in den kritischen August- und Septembertagen von 1792 mitreißende revolutionäre Entschlossenheit, begann bei zunehmender Verschärfung der Klassengegensätze zu schwanken, versuchte die Girondisten mit den Jakobinern zu versöhnen, strebte einen Ausgleich mit der gegenrevolutionären Koalition an, daher seit Ende 1793 Führer der Moderantisten; wurde am 31. 3. 1794 dem Revolutionstribunal übergeben und fünf Tage darauf guillotiniert.

Saint-Just
25. 8. 1767 bis 28. 7. 1794, französischer Revolutionär, Journalist, führender Jakobiner, Mitglied des Konvents und des Wohlfahrtsausschusses, glühender Patriot, bedeutende Verdienste als Kommissar der Revolutionsarmee; engster Vertrauter Robespierres, mit diesem nach dem 9. Thermidor 1794 (27. 7.) guillotiniert.

Desmoulins
2. 3. 1760 bis 5. 4. 1794, französischer Revolutionär, Student, Advokat; Publizist und leidenschaftlicher Agitator zu Beginn der Revolution (Bastille-Sturm, Sturm auf die Tuilerien), einer der ersten bewußten Republikaner, später als Moderantist auf Seiten Dantons und mit diesem guillotiniert.


Erbarmen mit den Royalisten! rufen gewisse Leute.
Erbarmen mit Bösewichtern?
Nein! Erbarmen für die Unschuld,
Erbarmen für die Schwäche,
Erbarmen für die Unglücklichen,
Erbarmen für die Menschheit!
Nur dem friedlichen Bürger gebührt von seiten
der Gesellschaft Schutz.
In einer Republik sind nur Republikaner Bürger,
Royalisten sind Feinde.
Die Unterdrücker der Menschheit bestrafen ist Gnade;
ihnen verzeihen ist Barbarei.

Robespierre vor dem Konvent im April 1794


Nehmen Sie die Große Französische Revolution. Nicht umsonst heißt sie die Große. Für ihre Klasse, für die sie wirkte, für die Bourgeoisie, hat sie soviel getan, daß das ganze 19. Jahrhundert, jenes Jahrhundert, das der gesamten Menschheit Zivilisation und Kultur gebracht hat, im Zeichen der Französischen Revolution verlief. Was es überall in der Welt tat, war, daß es durchsetzte, stückweise verwirklichte und zu Ende führte, was die großen, französischen Revolutionäre für die Bourgeoisie geschaffen hatten.

Die Historiker der Bourgeoisie sehen im Jakobinertum einen Fall, die Historiker des Proletariats sehen im Jakobinertum einen der Höhepunkte im Befreiungskampf der unterdrückten Klasse.


Die Französische Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts war ein Ereignis von gewaltiger historischer Bedeutung. Im Hinblick auf ihre objektiven Ziele, ihren Inhalt und ihre Ergebnisse war sie eine Revolution der Bourgeoisie. Sie versetzte dem Feudalismus vernichtende Schläge und zerstörte ihn so entschieden und gründlich wie keine andere bürgerliche Revolution. Die Französische Revolution konnte zur klassischen Revolution in diesem Sinne werden, nicht nur weil die Bourgeoisie damals eine junge und revolutionäre Klasse war, sondern hauptsächlich deswegen, weil die Revolution von den Volksmassen getragen wurde, die ihrer gesamten Entwicklung den Stempel aufdrückten und ihr den gewaltigen Schwung und die Kraft verliehen, ohne die sie die vor ihr stehenden unermeßlich schweren Aufgaben nicht hätte erfüllen können. Die Französische Revolution war eine Volksrevolution, und darin bestand ihre Kraft. Die schöpferische Teilnahme des Volkes an der Revolution, sein Heldenmut, seine Kühnheit, seine Initiative und sein revolutionärer Wagemut sicherten den Sieg der Revolution über ihre zahlreichen Feinde, gegen die Kräfte der inneren und äußeren Konterrevolution.

W. I. Lenin


Der Konvent – Die Jakobiner
Am 21. September 1792, einen Tag nach dem Sieg von Valmy, wurde die erste Sitzung des Konvents eröffnet. Auf Antrag von Collot d’Herbois verkündete der Konvent unter stürmischem Beifall die Abschaffung der Monarchie in Frankreich … Die mit dem frischem Lorbeer von Valmy geschmückte Republik wurde im ganzen Lande begeistert begrüßt. Auf Beschluß des Konvents bestimmte man den 21. September zum ersten Tag der „neuen Ära“, des Jahres IV der Freiheit, des Jahres I der Republik.
750 Deputierte waren in den Konvent gewählt worden. Die Rechte des Konvents bildeten jetzt nicht mehr die Feuillants, sondern die Girondisten. Sie nahmen rund 200 Sitze ein; für sie hatte vor allem die Provinz gestimmt, Die Linke des Konvents bestand aus den Deputierten des „Berges“ – den Jakobinern; sie hatten rund 100 Sitze inne. Bezeichnend war dabei, daß Paris für die Jakobiner gestimmt hatte; in Paris waren Robespierre, Marat, Danton, Camille Desmoulins, Collot d’Herbois, Billaud-Varennes und andere gewählt worden. Die Mehrheit des Konvents bestand aus Deputierten, die sich formell weder dem Berg noch der Gironde anschlossen; sie wurden der „Sumpf“ oder die „Ebene“ genannt. Der „Sumpf“ folgte stets der stärkeren Partei und bildete zuerst die Stütze der Gironde. Ihrer sozialen Herkunft nach gehörten die Deputierten des Konvents der Bourgeoisie und der bürgerlichen Intelligenz an …
Der Sieg der Revolutionstruppen und die Ausrufung der Republik hatten eine große nationale Begeisterung ausgelöst; daher bemühten sich die Jakobiner darum, daß die Nation einheitlich vorging, und waren bereit, sich mit den Girondisten auszusöhnen. Die Jakobinerführer Robespierre, Danton und Marat erkannten, daß der erbitterte Krieg gegen das reaktionäre Europa erst begonnen hatte und der Sieg nur dann errungen werden konnte, wenn sich alle Kräfte des Volkes zusammenschlossen.
Den Girondisten dagegen war ihr Wahlerfolg zu Kopf gestiegen, und da sie mit Hilfe des „Sumpfes“ im Konvent und im Exekutivrat in der Mehrheit waren, hielten sie die Gelegenheit für günstig, ihre Gegner zu beseitigen.
Sie waren es, die den Kampf als erste wiederaufnahmen; sie beschuldigten die Jakobiner in verleumderischer Weise, die „Septembermorde“ an den Konterrevolutionären organisiert zu haben, prangerten sie als Desorganisatoren an und warfen Robespierre, Danton und Marat vor, eine Diktatur des „Triumvirates“ errichten zu wollen. Die Girondisten bestanden auf Auflösung des Außerordentlichen Gerichtshofes und ernannten eine Kommission zur Untersuchung der Septemberereignisse, womit sie ihren Gegnern einen vernichtenden Schlag zu versetzen hofften; sie zwangen Danton zum Austritt aus dem Ministerium; auf den Rat von Madame Roland versuchten sie, eine Departementswache zu bilden, bewaffnete Kräfte aus der Provinz zu ihrem eigenen Schutz gegen das revolutionäre Paris …
Die Jakobiner waren in ihrem Kampf gegen die Girondisten deshalb so stark, weil sie mit dem Volk in enger Verbindung standen und seine Interessen verteidigten, weil sie sich der Revolution verschrieben hatten und bereit waren, ihre Ziele restlos zu verwirklichen. Robespierre durchschaute das Bestreben der Girondisten, die Revolution dem Einfluß des Volkes zu entziehen. „Bürger, wollt ihr wirklich eine Revolution ohne Revolution?“ fragte er die Deputierten des Konvents im November 1792, wobei er auf die Absicht der Girondisten hinwies, die mächtige Volksbewegung in Schranken zu halten.
Von den zahlreichen Fragen, über die Berg und Gironde gegeneinander polemisierten, trat gegen Ende des Jahres 1792 die Frage nach dem Schicksal des Königs immer stärker in den Vordergrund. Was sollte mit dem König geschehen? Seit man Ludwig XVI. im Temple gefangenhielt, harrte diese Frage ihrer Lösung. Der Verrat des Königs war offensichtlich … Im November war das Schicksal Ludwigs XVI. das Hauptthema der Konventsdebatten. Die Jakobiner forderten die Hinrichtung des Königs, wobei sie vor allem die politische Bedeutung dieses Schrittes betonten. Der feurige und unbeugsame Saint-Just, der trotz seiner 23 Jahre bei den Jakobinern wegen seiner Standhaftigkeit, seines Verstandes und seiner grenzenlosen Hingabe an die Revolution beliebt und geachtet war, sagte in einer Rede vor dem Konvent: „Der König muß wie ein Feind gerichtet werden; man soll ihn nicht so sehr richten als vielmehr besiegen …“
Robespierre verlangte, man solle den König als Verräter der Nation und Feind der Menschheit hinrichten. Am 21. Januar 1793 wurde Ludwig XVI. guillotiniert. Das revolutionäre Frankreich schleuderte den Kopf des Königs den europäischen Monarchen vor die Füße.
Die Jakobiner waren bemüht, auch das gesellschaftliche Leben des Landes, sein Wesen und seine Gepflogenheiten ihren demokratischen republikanischen Idealen entsprechend zu verändern. Die bürgerliche Revolution war für sie der Beginn einer neuen Menschheitsepoche und ein gewaltiges Ringen, das der Menschheit den Weg in eine glückliche Zukunft erschloß …
Die Vertiefung der Revolution und die plebejischen Kampfformen, die allen Erscheinungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens ihren Stempel aufdrückten, erregten den schärfsten, wenn auch anfangs noch verborgenen Unwillen der Bourgeoisie und der wohlhabenden Schichten der Bauernschaft. Weder die Wirtschaftspolitik der Jakobinerregierung noch das von ihr geschaffene politische System, weder die gesellschaftlichen Ideale der Jakobinerführer noch deren strenge Moral entsprachen den kalten Berechnungen und den gierigen und zynischen Bereicherungsbestrebungen des besitzenden Bürgertums.
Der Krieg und die durch ihn hervorgerufenen Verhältnisse schufen trotz aller Einschränkungsmaßnahmen der Jakobiner einen günstigen Boden für die Bereicherung gewissenloser, gewinnsüchtiger Geschäftsleute und förderten das schnelle Wachstum der Spekulantenbourgeoisie.
Die Bourgeoisie und die wohlhabenden Schichten der Landbevölkerung widersetzten sich der Innenpolitik der revolutionären Regierung. Händler und Industrielle versteckten ihre Waren und verkauften sie unter dem Ladentisch. Die Großbauern versteckten das Getreide und die Lebensmittel. Auch als die Spekulation für illegal erklärt worden war, wurde sie noch in großem Umfange weiterbetrieben. Die besitzenden Kreise umgingen das Maximumgesetz, entstellten und bekämpften es.
Der Aufkauf und Wiederverkauf von Hartgeld, der Wiederverkauf von Nationaleigentum, die Spekulation mit Mangelwaren und die Heereslieferungen waren die Quellen rasch erworbenen Reichtums. Die Repressalienpolitik der revolutionären Regierung konnte es nicht verhindern, daß sich die Schieber auf Kosten des Volkes bereicherten. Aus allen Poren der von den Feudalfesseln befreiten bürgerlichen Gesellschaft brach eine neue Bourgeoisie hervor. Einige Kreaturen innerhalb der Jakobinerpartei verübten unter dem Deckmantel „entschlossener revolutionärer Maßnahmen“ Betrügereien und strebten nach persönlicher Bereicherung. So nutzten Fréron und Barras diese Politik aus, um sich ein Privatvermögen zuzulegen und eigneten sich 800 000 Livres Staatsgelder an. Kein Wunder, daß diese „extremen Terroristen“ dann später an der Spitze des konterrevolutionären Thermidorumschwungs standen.
Der Widerstand der habgierigen bürgerlichen Elemente gegen die revolutionäre Politik der Jakobinerregierung verstärkte sich. Er machte sich auch innerhalb des Jakobinerblocks bemerkbar. Je mehr sich die Lage an den Fronten besserte, desto hartnäckiger und kühner wurde er.
Seit Danton aus dem Wohlfahrtsausschuß ausgeschieden war, wurde er zum Mittelpunkt der oppositionellen Elemente des Jakobinerblocks.

Nach dem Tode Marats war Danton neben Robespierre die bedeutendste Persönlichkeit der Revolution. Sein Verhalten in den kritischen Tagen von 1792, seine Mitarbeit in den leitenden Organen der Republik und die hervorragenden Fähigkeiten dieses Volkstribuns sicherten ihm auch nach seinem Ausscheiden aus der revolutionären Regierung einen großen Einfluß auf das Volk und machten ihn zu einem (wenn auch inoffiziellen) Führer der Jakobinerpartei. Marx schrieb über Danton: „Obgleich auf dem Gipfel des Berges sitzend, war er in gewisser Weise der Chef des Sumpfes.“ Er war ein begeisterter Patriot, der bereit war, erbittert gegen den Feind zu kämpfen, der seine Heimat überfallen hatte: jedoch in den brennenden Fragen der revolutionären Innenpolitik zeigte er keineswegs die gleiche Entschlossenheit. Sowohl vor als auch nach dem Aufstand vom 31. Mai bis 2. Juni suchte er zu einem Kompromiß mit den Girondisten zu kommen. In sozialen Fragen widersetzte er sich extremen revolutionären Maßnahmen, und wenn er sie auch gelegentlich unterstützte, so tat er dies nur aus taktischen Erwägungen heraus oder um seine Popularität zu wahren.
Die Zeit seiner kühnen, revolutionären Taten war vorbei. Sein ganzes Wesen – seine Gedankenwelt, sein Verhalten, seine persönlichen Neigungen, seine unbegrenzte Lust am Leben (nicht nur am Lebenskampf, sondern auch an seinen Genüssen und materiellen Gütern) – verband Danton mit der schnell emporschießenden, raubgierigen neuen Bourgeoisie. Er selbst erwarb mit verschiedensten Mitteln ein großes Vermögen, ohne bei der Verfolgung seiner persönlichen Ziele in diesen Mitteln sehr wählerisch zu sein. Im Herbst 1793 zog sich Danton für einige Zeit ins Privatleben zurück; doch verfolgte er aus dem Hintergrund die Ereignisse und machte weiterhin seinen Einfluß in dem Kampfe geltend, der sich innerhalb des Jakobinerblocks abspielte. Um ihn sammelten sich eine Reihe angesehener Mitglieder des Konvents und des Jakobinerklubs, die sich nicht nur ihrer Verbindungen mit dem ehemaligen Jakobinerführer, sondern auch ihrer gleichen politischen Anschauungen wegen zusammenschlossen, Camille Desmoulins, Fabre d’Elegantine, Legendre, Delaunay und andere gehörten zu dem engeren Kreise Dantons.
Seit dem Herbst 1793 traten die Dantonisten für eine Politik der Mäßigung ein. Sie forderten versteckt (und manchmal sogar recht offen) eine Einschränkung der Macht der revolutionären Diktatur …
Im Laufe der Zeit wurden die „Nachsichtigen“, wie man die Dantonisten bald nannte, immer kühner. Da sie sich noch nicht entschließen konnten, offen über Robespierre und die Ausschüsse herzufallen, konzentrierten sie ihre Angriffe gegen die „Ultra-Revolutionäre“, wie sie die linken Jakobiner und die Hébertisten nannten, und behaupteten, daß die revolutionären „Extreme“ die größte Gefahr für die Revolution darstellten. Doch bereits in der dritten Nummer seiner Zeitung „Alter Cordelier“ verurteilte und verlachte Camille Desmoulins das ganze revolutionäre Diktatursystem in Form eines in glänzendem Stil geschriebenen Streifzuges in die Geschichte der römischen Kaiser. Camille Desmoulins, einst Freund Robespierres, später ein enger Vertrauter Dantons, konnte fast als offizieller Berichterstatter der „Nachsichtigen“ gelten. Sein „Alter Cordelier“ wurde zur öffentlichen Tribune der Dantonisten und zum Propagandaorgan einer Politik, die auf die Beendigung der Revolution abzielte …
Am 13. März, am Tage vor der Verhaftung der Hébertisten, bekamen die „Nachsichtigen“ in einer Rede Saint-Justs Drohungen zu hören. Robespierres Rede am 21. März, das heißt noch vor der Hinrichtung der Hébertisten, klang wie eine unheilschwere Warnung an die Partei Dantons, obgleich dessen Name nicht genannt wurde. Am Tage der Verhaftung der Hébertisten setzte man auch Camille Desmoulins gefangen und verhinderte die Herausgabe der 7. Nummer des „Alten Cordeliers“, die außerordentlich kühne Angriffe gegen das revolutionäre Regime enthielt. Die Propaganda der Dantonisten war jetzt offensichtlich konterrevolutionär gehalten. Billaud-Varennes erklärte, daß „Danton zum allgemeinen Mittelpunkt sämtlicher Konterrevolutionäre“ geworden sei. Das Schicksal der Dantonisten war besiegelt.
Am 30. März (9. Germinal), sechs Tage nach der Hinrichtung der Hébertisten, erließen die Ausschüsse Haftbefehle gegen Danton, Camille Desmoulins, Delacroix und Philippeaux.
Danton war bis zum letzten Augenblick davon überzeugt, daß Robespierre und Saint-Just es „nicht wagen“ würden, ihn anzutasten. Als man ihm am Vorabend seiner Verhaftung den Vorschlag machte, zu fliehen, sagte er die später so berühmt gewordenen Worte: „Kann man denn sein Vaterland an den Schuhsohlen forttragen?“ Bei der Liquidierung der Gruppe Dantons zeigte es sich, daß es immer schwerer wurde, den Widerstand gegen die Regierung zu überwinden.
Im Konvent rief der Antrag der Ausschüsse Danton und die anderen Angeklagten vor das Revolutionstribunal zu stellen, eine gewisse Verwirrung hervor. Legendre, ein Freund Dantons, der am Vortage zum Vorsitzenden des Jakobinerklubs gewählt worden war, forderte den Konvent auf, die Angeklagten anzuhören, bevor er einen Beschluß fasse. Dumpfes Gemurmel erhob sich daraufhin in den Bänken der Deputierten des „Sumpfes“. Einen Augenblick schien es, als ob sich die Mehrheit der Versammlung sogleich gegen die revolutionäre Regierung erheben würde. Doch dann ergriff Robespierre das Wort und sprach ruhig, mit fast arroganter Entschiedenheit, nach ihm Saint-Just, und der Konvent billigte einstimmig den Antrag der Ausschüsse. Der Prozeß gegen die Dantonisten wurde am 2. April (13. Germinal) eröffnet.
Die Hauptangeklagten führten sich herausfordernd auf. Sie wollten während des Prozesses zum Schlage ausholen, Danton antwortete auf die Frage nach seinem Wohnort und Namen: „Mein Wohnort wird bald das Nichts sein, und meinen Namen findet ihr im Pantheon der Geschichte.“ Camille Desmoulins antwortete auf die entsprechende Frage: „Ich bin genauso alt wie der Sansculotte Jesus, als er starb: 33 Jahre.“ Danton hielt seine Verteidigungsrede in Form eines Anklageaktes gegen die Konventsausschüsse „Mögen sich meine Ankläger nur zeigen, damit ich sie zerschmettere!“ donnerte er. „Menschen meines Schlages sind unbezahlbar: ihrer Stirn ist in unauslöschlichen Zügen das Siegel der Freiheit, der Genius der Republik aufgeprägt.“
Er appellierte an Paris, an ganz Frankreich. Sein mächtiges Organ übertönte die Klingel des Vorsitzenden und ließ die Menge auf dem Platz hinter dem Gerichtsgebäude zusammenströmen. Die leidenschaftlichen Angriffe Dantons riefen im Publikum Unruhe hervor und fanden in der Hauptstadt ein vieltöniges Echo. Die Angeklagten waren bemüht, eine allgemeine Bewegung hervorzurufen, und verlangten deshalb die Vorladung einer Anzahl von Zeugen aus den Reihen der Konventsmitglieder. Am dritten Verhandlungstage war der Ausgang des Prozesses immer noch ungewiß. Doch da mischte sich der Wohlfahrtsausschuß ein und drang auf rasche Entscheidung. Am 15. Germinal (4. April) verkündete das Tribunal das Todesurteil.
Auf dem Wege vom Gefängnis zum Schafott weinte Camille Desmoulins, Danton stieß maßlose Schmähungen aus. Am 16. Germinal (5. April) wurden sie hingerichtet …
Die militärische Lage der Republik, die im Frühjahr 1794 noch äußerst gespannt war, erleichterte der von Robespierre geführten Jakobinergruppe die Zerschlagung der Hébertisten- und Dantonistenfraktionen. Die Krise der Jakobinerdiktatur war überwunden, der Kampf innerhalb des Lagers der Jakobiner jedoch noch nicht entschieden; er war nur vorübergehend zum Stillstand gekommen.

A. Manfred


Über „Dantons Tod“
Georg Büchners Auffassung der Französischen Revolution verrät eine tiefe Kenntnis derselben. Seine Charakteristiken der Tendenzen und der Personen sind meisterhaft. Seine Gemälde sind skizzenartig hingeworfen, aber die Umrisse der Kohle sind so scharf, daß unsere Einbildungskraft sich von selbst eine Welt vorzaubert. Danton, Robespierre, Saint-Just, Camille Desmoulins sind vortrefflich gezeichnet, so wie in allen Nebenpartien, in den Volksszenen und dem Gespräch der untersten Klassen sich die Vertrautheit mit seinem Gegenstand zu erkennen gibt. Warum sollte er dies auch nicht! Unsere Jugend studiert die Revolution, weil sie die Freiheit liebt und doch die Fehler vermeiden möchte, welche man in ihrem Dienst begehen kann. Man darf sagen, daß in Büchners Drama mehr Leben als Handlung herrscht. Die Handlung selbst ist eine abgeschlossene, schon da, wenn der Vorhang aufgeht. Büchner gibt statt eines Dramas, statt einer Handlung, die sich entwickelt, die anschwillt und fällt, das letzte Zucken und Röcheln, welches dem Tod vorausgeht. Aber die Fülle von Leben, die sich hier vor unseren Augen noch zusammendrängt, läßt den Mangel der Handlung, den Mangel eines Gedankens, der wie eine Intrige aussieht, weniger schmerzlich entbehren. Wir werden hingerissen von diesem Inhalt, welcher mehr aus Begebenheiten als aus Taten besteht, und erstaunen über die Wirkung, welche eine Aufführung dieser Art auf dem Theater machen müßte …
In Bildern und Antithesen blitzt hier alles von Witz, Geist und Eleganz. Keine verrenkten Gedanken strecken ihre lange Gestalt gen Himmel und schlottern wie gespenstische Vogelscheuchen im Wind hin und her. Keine neugeborenen Embryone stehen in Spiritusgläsern um uns herum und beleidigen das Auge durch ihre Unschönheit, sie mögen auf noch so tiefe Entdeckungen zu deuten scheinen. Es ist alles ganz, fertig, abgerundet. Staub und Schutt, das Atelier des Geistes sieht man nicht. Ich wüßte nicht, worin anders das Kennzeichen eines literarischen Genies besteht. Als ein solches muß man Georg Büchner mit seiner Ideenfülle, seiner erhabenen Auffassung, mit seinem Witz und Humor begrüßen. Ich bin stolz darauf, der erste gewesen zu sein, der im literarischen Verkehr und Gespräch den Namen Georg Büchner genannt hat.

Karl Gutzkow


Aus Briefen von Georg Büchner

Darmstadt, den 21. Februar 1835
An Sauerländer
Geehrtester Herr! Ich gebe mir die Ehre, Ihnen mit diesen Zeilen ein Manuskript zu überschicken. Es ist ein dramatischer Versuch und behandelt einen Stoff der neueren Geschichte. Sollten Sie geneigt sein, das Verlag desselben zu übernehmen, so ersuche ich Sie, mich so bald als möglich davon zu benachrichtigen, im entgegengesetzten Falle aber das Manuskript an die Heyerische Buchhandlung dahier zurückgehn zu lassen.
Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie dem Herrn Carl Gutzkow den beigeschlossenen Brief überschicken und ihm das Drama zur Einsicht mitteilen wollten.

Darmstadt, den 21. Februar 1835
An Gutzkow
Mein Herr! Vielleicht hat es Ihnen die Beobachtung, vielleicht, im unglücklicheren Fall, die eigene Erfahrung schon gesagt, daß es einen Grad von Elend gibt, welcher jede Rücksicht vergessen und jedes Gefühl verstummt macht. Es gibt zwar Leute, welche behaupten, man solle sich in einem solchen Falle lieber zur Welt hinaushungern, aber ich könnte Widerlegung in einem seit kurzem erblindeten Hauptmann von der Gasse aufgreifen, welcher erklärt, er würde sich totschießen, wenn er nicht gezwungen sei, seiner Familie durch sein Leben seine Besoldung zu erhalten. Das ist entsetzlich. Sie werden wohl einsehen, daß es ähnliche Verhältnisse geben kann, die einen verhindern, seinen Leib zum Notanker zu machen, um ihn von dem Wrack dieser Welt in das Wasser zu werfen, und werden sich also nicht wundern, wie ich Ihre Türe aufreiße, in Ihr Zimmer trete, Ihnen ein Manuskript auf die Brust setze und ein Almosen abfordere. Ich bitte Sie nämlich, das Manuskript so schnell wie möglich zu durchlesen, es, im Fall Ihnen Ihr Gewissen als Kritiker dies erlauben sollte, dem Herrn Sauerländer zu empfehlen, und sogleich zu antworten.
Über das Werk selbst kann ich Ihnen nichts weiter sagen, als daß unglückliche Verhältnisse mich zwangen, es in höchstens fünf Wochen zu schreiben. Ich sage dies, um Ihr Urteil über den Verfasser, nicht über das Drama an und für sich zu motivieren. Was ich daraus machen soll, weiß ich selbst nicht, nur das weiß ich, daß ich alle Ursache habe, der Geschichte gegenüber rot zu werden; doch tröste ich mich mit dem Gedanken, daß, Shakespeare ausgenommen, alle Dichter vor ihr und der Natur wie Schulknaben dastehen.
Ich wiederhole meine Bitte um schnelle Antwort; im Falle eines günstigen Erfolges können einige Zeilen von Ihrer Hand, wenn sie noch vor nächsten Mittwoch hier eintreffen, einen Unglücklichen vor einer sehr traurigen Lage bewahren.

Straßburg, den 28. Juli 1835
An die Familie
Über mein Drama muß ich einige Worte sagen. Erst muß ich bemerken, daß die Erlaubnis, einige Änderungen machen zu dürfen, allzusehr benutzt worden ist. Fast auf jeder Seite weggelassen, zugesetzt, und fast immer auf die dem Ganzen nachteiligste Weise. Manchmal ist der Sinn ganz entstellt oder ganz und gar weg, und fast platter Unsinn steht an der Stelle. Außerdem wimmelt das Buch von den abscheulichsten Druckfehlern. Man hat mir keinen Korrekturbogen zugeschickt. Der Titel (1) ist abgeschmackt, und mein Name steht darauf, was ich ausdrücklich verboten hatte: er steht außerdem nicht auf dem Titel meines Manuskripts. Außerdem hat mir der Korrektor einige Gemeinheiten in den Mund gelegt, die ich in meinem Leben nicht gesagt haben würde. Gutzkows glänzende Kritiken habe ich gelesen und zu meiner Freude dabei bemerkt, daß ich keine Anlagen zur Eitelkeit habe. Was übrigens die sogenannte Unsittlichkeit meines Buchs angeht, so habe ich folgendes zu antworten: Der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts als ein Geschichtsschreiber, steht aber über letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockne Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen. Sein Buch darf weder sittlicher noch unsittlicher sein als die Geschichte selbst; aber die Geschichte ist vom lieben Herrgott nicht zu einer Lektüre für junge Frauenzimmer geschaffen worden, und da ist es mir auch nicht übel zu nehmen, wenn mein Drama ebensowenig dazu geeignet ist …
Man könnte mir nun noch vorwerfen, daß ich einen solchen Stoff gewählt hätte. Aber der Einwurf ist längst widerlegt. Wollte man ihn gelten lassen, so müßten die größten Meisterwerke der Poesie verworfen werden. Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht …

(1) der erste, nicht von Büchner stammende Titel des Dramas, der wie auch die anderen sinnentstellenden und unerlaubten Änderungen auf das Konto des Verlegers Sauerländer und dessen Mitarbeiter geht, lautete „Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft“.


Sein Werk in unseren Händen

Am 19. Februar 1837 starb der deutsche Revolutionär und Dichter, der Doktor der Philosophie, Georg Büchner, im Schweizer Asyl.
Er starb – und war noch nicht vierundzwanzig Jahre alt. Sein Vater verehrte Napoleon, seine Mutter verehrte Theodor Körner. Sie säte romantische Gedichte in sein Herz, der Vater die Ehrfurcht vor der strengen medizinischen Wissenschaft. Georg Büchner stand am Ende seines kurzen Lebens vor einer glänzenden wissenschaftlichen Laufbahn, hinterließ ein an Umfang kleines, an dichterischem Gehalt gewaltiges literarisches Werk und – als revolutionäres Zeugnis – das von der französischen Revolution gesäugte flammende Pamphlet im düstren Deutschland der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, den „Hessischen Landboten“: Friede den Hütten – Krieg den Palästen!
Seine Familie sollte nie erfahren, welch einen großen Sohn sie der Nation geschenkt hat. Für Vater und Mutter war Georg Büchner sein kurzes Leben lang ein Sorgenkind. Ein Sorgenkind ist er auch für das bürgerliche Deutschland geblieben. Im ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat aber ist Georg Büchner aus dem Exil heimgekehrt – auch wenn er es mit seinem größten und reifsten Drama „Dantons Tod“ am sozialistischen Theater noch schwer hat, sich durchzusetzen.
Die Bourgeoisie und ihr bürgerliches Theater sind nicht müde geworden, „Dantons Tod“ als Abwehr des verzweifelten jungen Revolutionärs Büchner darzustellen, und ist nicht müde geworden, das Drama dementsprechend auf die Bühne zu bringen. Und wirklich: „Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott“, bieten sich diese von Büchner gedichteten Worte Dantons nicht allen fatalistischen Literaturkellern des heutigen NATO-Europas direkt als Programm an? Ein Ernst Johann, der eine Schrift über Büchner in Rowohlts Monographien herausgebracht hat, schwingt sie wie eine nihilistische Fahne. Er hätte nur den nächsten Satz des Dramas zu zitieren brauchen, um sich selbst zu widerlegen und die Stellung Büchners gegenüber Danton zu begreifen.
„… Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott“, sagt Danton. In der Tür aber erscheint der Fuhrmann des Karrens, auf dem die Verurteilten zur Hinrichtung gefahren werden, und sagt ganz schlicht: „Meine Herren, sie können abfahren, die Wagen halten vor der Tür.“
Danton – „der größte aller bis dahin bekannten revolutionären Taktiker“, wie Karl Marx gesagt hat. Robespierre – der große Robespierre! Saint-Just, der nach Romain Rolland „… seinen Anker in die Zukunft geworfen hatte“, der reine, herrliche junge Just! Ach – die bürgerlichen Biographien der großen bürgerlichen Revolution verschlossen ihre langen Ohren durch ein Jahrhundert der historischen Wahrheit und werden sich ihr weiter verschließen. Noch in ihrer Altersschwäche würde die Bourgeoisie ihre eigene Wiege beschmutzen, wenn wir sie nicht daran hindern würden. Alles, was an dieser Gesellschaft einmal jung und lebenstüchtig war, nimmt die Arbeiterklasse in ihre lebenstüchtigen Hände. Auch Georg Büchner – auch sein größtes Drama: „Dantons Tod“.
Büchners erste Lehrerin war seine Mutter. Über eine Privatschule wird Georg Büchner Schüler „der zweiten Klasse zweiter Ordnung“ des Darmstädter Gymnasiums. Der Schüler Büchner empört sich gegen die Lebensfremdheit der Schule. Diese Lebensfremdheit aber schützt ihn bei seinem ersten Vortrag gleichzeitig vor früher Entlarvung seiner revolutionären Gesinnung. Diese beschränkt sich freilich in seiner Rede über den „Cato von Utica“ auf die Verteidigung des Rechts der Menschen zum Selbstmord, zeugt aber gleichzeitig von dem unerhörten Mut des Siebzehnjährigen, unerhörte Gedanken auszusprechen. Ostern 1831 macht Georg Büchner sein Abitur und beginnt am 9. November sein Studium an der französischen Universität zu Straßburg. Er lernt die Pfarrerstochter Wilhelmine Jaegle kennen. Sie wird seine große Liebe. Er lernt aber auch revoltierende Studenten kennen.
Die letzten Ausläufer des großen Revolutionssturmes erfassen ihn. Mit revolutionären Gedanken im Kopf kehrt er 1833 nach Deutschland zurück und inskribiert auf der Universität Gießen. 1834 beteiligt er sich an einer Zusammenkunft liberaler Bürger auf der Ruine Badenburg. Er schreibt den mitreißenden „Hessischen Landboten“. Das Feuer französischer Gedankengänge und das trübe Wasser der deutschen Misere bringen ihm Haussuchung und am 27. Februar 1835 richterliche Vorladung ins Arresthaus von Darmstadt ein. Büchner gelingt es, seinen Schergen zu entkommen. Über Straßburg führt sein kurzer Lebensweg nach Zürich, wo ihn 1837 der Typhus aufs Krankenbett wirft und dahinrafft.
Ach – Georg Büchner – die wenigen Wochen zwischen Haussuchung und Flucht wären allein ein Drama wert. Es sind die Wochen, da der Dichter täglich seine Verhaftung erwartet und da er sein größtes Drama schreibt, das gleichzeitig seine Programmerklärung ist.
Das also ist die Situation, in der „Dantons Tod“ geschrieben wurde. Vierzig Jahre nach den Ereignissen, die das Drama beschreibt, muß der Dichter aus schmutzigen Quellen, aus den Quellen der Konterrevolution schöpfen. Und die Reinsten wurden selbstverständlich von der Konterrevolution am übelsten beleumundet. Der Bestgehaßte ist zu Büchners Zeiten – und ist es bis heute geblieben – „der Mann, der seinen Anker in die Zukunft warf“: Saint-Just. Alle anderen Charaktere des Dramas, sogar Robespierre, sprechen mehr oder minder ihre eigenen historischen Worte. Nicht so Saint-Just in der „Blutrede“.
Die „Blutrede“ – das ist Büchners eigene mechanistische Naturtheorie. Als solche ist sie kühn und revolutionär. Und ich meine, daß sich Büchner nicht in Danton verkörpert, aber er verkörpert sich zumindest in der „Blutrede“ mit Saint-Just.
Diese Blutrede ist aber gleichzeitig der angreifbarste Teil des Danton-Dramas, philosophisch, denn Büchner erkennt die Kraft des menschlichen Einflusses auf die Naturereignisse nicht.
Als „Dantons Tod“ im „Phönix“, der Zeitschrift Karl Gutzkows, erscheint, beginnt Karl Marx gerade sein Studium an der Bonner Universität. Er wird die bürgerlichen Grenzen sprengen. Er wird die Philosophie der Menschlichkeit jener Klasse schenken, die eben geboren wird.
Die „Blutrede“ ist aber auch historisch angreifbar, denn sie wurde von Saint-Just nie gehalten.
Die Schüler von Karl Marx wären schlechte Schüler von Karl Marx gewesen, wenn sie den fortschrittlichen Georg Büchner unter dem Georg Büchner, der durch die deutsche Misere gehemmt und gefesselt war, begraben wollten, weil er zu jung starb, um diese Fesseln brechen zu können. Und die Schüler von Karl Marx hätten ihren Lehrer schlecht verstanden, wenn sie den Wert von Georg Büchner ideell zwar anerkennen, materiell aber sein Werk verschweigen, oder, was noch schlimmer wäre, weiter der Darstellung durch bürgerliche Geschichtsfälscher überlassen wollten. Georg Büchner mag im einzelnen hin und wieder geirrt haben. Aber – sprechen wir mit Saint-Just: „Die Vernunft hat ihre Fehler, aber die Fehler des Gewissens, das sind die Verbrechen.“
Unser Gewissen verpflichtet uns, Georg Büchner neben Heinrich Heine endlich – nach hundertfünfzig Jahren – den Platz einzuräumen, der ihm gebührt: den Platz ganz nahe an unserem Herzen.

Kuba
Georg Danton: Kurt Wetzel
Legendre: Wolfgang Greese
Camille Desmoulins: Dieter Unruh
Hérault-Séchelles: Ralph Rorgwardt
Lacroix: Fritz Bartholdt
Philippeau: Wolfgang Arnst
Robespierre: Lothar Krompholz
Saint Just: Gerd Micheel
Barère – der Mann im roten Frack: Luis Zügner
Collot d’Herbois: Armin Roder
Le Père Duchesne, Schließer: Jac Diehl
Jacques Enragée: Georg Lichtenstein
Kanonier Holzbein: Erhard Marggraf
Julie: Helga Mauer
Lucile: Christine van Santen
Marion: Ursula Figelius
Herrmann: Manfred Remschel
Ein Lyoner: Wilfried Kretschmer
Simon: Hermann Wagemann
Simons Weib: Karin Seybert
Der Zuschauer: Karl Eugen Lehnkering
Bürgersoldat: Helmut Klitsch
Mercier: Ernst Steiner
Ein Deputierter: Walter Eckardt-Martens
1. Weib: Elsbeth Schönfeld
2. Weib: Ingeborg Reiche
Henker: Kurt Herzer
Payne: Horst Ziethen
Bürger: Alfred Lux

Regie: Hanns-Anselm Perten

Querschnitt durch die Aufführung des Volkstheaters Rostock
dramaturgisch bearbeitet von Kuba