Das siebte Kreuz

von Anna Seghers

2-LP LITERA 8 60 134/135
Covertext:
Zwischen der Kommandantur des Konzentrationslagers Westhofen und der Baracke III lag der Appellplatz, den die Häftlinge „Tanzplatz“ nannten. Von den Platanen auf der einen Seite wurden alle bis auf sieben gefällt. Diesen wurden die Kronen gekuppt und an den mit Nageln präparierten Stämmen in Schulterhöhe Querbretter angenagelt, so daß sie aussahen wie Kreuze. Daran sollten sieben ausgebrochene Häftlinge hängen. Aber die Suchkolonnen konnten nur sechs wieder einfangen, und zwei davon brachten sie tot.
Wegen dieses Fiaskos wurde der Kommandant Fahrenberg, ein Mann von furchtbarer, unvoraussehbarer Grausamkeit, abgelöst und durch den nüchternen Sommerfeld ersetzt. Der schien der richtige Mann, um ein Lager in Ordnung zu bringen, in dem solche Sachen passiert waren. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wütete er bei Zwischenfällen nicht blindlings, sondern ließ die Häftlinge in Reih und Glied antreten und jeden Vierten herauszählen und niederknallen. Auch die Kreuze waren sein Stil nicht, er ließ sie zu Kleinholz zusammenschlagen. Auf den Gesichtern der Häftlinge lag dabei „ein schwaches merkwürdiges Lächeln, ein Gemisch von Unvermischbarem, von Hoffnung und Spott, von Ohnmacht und Kühnheit“. Sie fühlten, „wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können bis in sein Innerstes“, aber sie fühlten auch, „daß es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar“. Daß das Kreuz für Georg Heisler freigeblieben war, war „ein kleiner Triumph, gewiß, gemessen an ihrer Ohnmacht, an den Sträflingskleidern. Und doch ein Triumph, der sie die eigene Kraft plötzlich, fühlen ließ nach wer weiß wie langer Zeit, jene Kraft, die lange genug taxiert worden war, sogar von ihnen selbst, als sei sie bloß eine der vielen gewöhnlichen Kräfte der Erde, die man nach Maßen und Zahlen abtaxiert, wo sie doch die einzige Kraft ist, die plötzlich ins Maßlose wachsen kann, ins Unberechenbare.“
Anfang Oktober 1937, montags gegen sechs Uhr früh, gelang der Strafkolonne die Flucht, ein verzweifelter Versuch, dem sicheren Tod zu entrinnen. Füllgrabe hatte sich auf den ersten Wachposten geworfen, Wallau und Heisler stürzten sich auf den zweiten. Aber kaum waren die Sieben im dicken Nebel untergetaucht, zusätzlich bedroht von dem Sumpf, den sie durchqueren mußten, heulten die Sirenen auf und waren die Streifen mit Hunden über ihnen. Albert Beutler, eingesperrt wegen Devisenschmuggel, fingen sie gleich. In blutigem Kittel und mit Blut in den Ohren kroch er auf den „Tanzplatz“, nicht mehr vernehmungsfähig.
Den zweiten, Eugen Pelzer, vierzig Jahre alt, Brillenträger, spürten Hitlerjungen in einer Hundehütte in Buchenau auf.
Der dritte, Belloni, eigentlich Anton Meier, ein Artist, der vom Trapez weg verhaftet worden war, nachdem man in seinem Gepäck Briefe von der Artistenloge in Frankreich gefunden hatte, nahm sich selbst das
Leben. Er floh aus der überwachten Wohnung eines Frankfurter Freundes auf das Dach des Savoy-Hotels. Die Verfolger schossen in die Beine. Als sie herankamen, ließ er sich in die Tiefe fallen.
Die Flucht Wallaus, ehemaliger Bezirksleiter, Betriebsrat und Abgeordneter, war am besten vorbereitet gewesen. Frau Wallau hatte alles in die Wege geleitet, ihn zu retten, koste es, was es wolle. Zwei Tage nach dem Ausbruch traf Wallau in Worms ein. Auf dem Laubengrundstück der Bachmanns sollte er Kleider und Geld vorfinden. Stattdessen erwartete ihn die Gestapo. Auch Wallaus Frau und deren Schwester nahm man wegen Beihilfe fest. Die Söhne wurden in ein Erziehungsheim eingewiesen. Bachmann, Straßenbahnschaffner, seit 1933 beschattet, war beim dritten Verhör, unter Druck gesetzt, weich geworden. In der nächsten Nacht hängte er sich auf. Frau Bachmann wollte von dem Verräter nichts mehr wissen. Sie schrie herum bis sie festgenommen wurde.
Aus Wallau bekamen auch Overkamp und Fischer; Kriminalbeamte, denen jedes Mittel bekannt war, nichts heraus. Da dachte sich Fahrenberg die Sache mit den Kreuzen aus. Er schwor, daß alle sieben Bäume besetzt sind, bevor die neue Woche beginnt. Füllgrabe stellte sich selbst. Seine Nerven hielten nicht stand.
Unangefochten kam der sechste Flüchtling, Bauer Aldinger, schon nicht mehr ganz richtig im Kopf, nach Buchenbach, wo er gelebt hatte, bis er vom Bürgermeister des Nachbardorfes wegen eines Familienzwists angezeigt worden war. Auf der Höhe vorm Dorf verließen ihn die Kräfte. Kinder fanden den Toten. Er wurde durch alle Posten hindurch in sein Haus gebracht.
Fahrenberg hielt eine Ansprache. Keine fünf Tage seien vergangen, und auf den letzten Verbrecher brauche man nicht lange zu warten.
„Das war die Stunde, in der sich alle verlorengaben. Diejenigen unter den Häftlingen, die an Gott glaubten, dachten, er hätte sie verlassen. Diejenigen unter den Häftlingen, die an gar nichts glaubten, ließen ihr Inneres veröden, wie man ja auch bei lebendigem Leib verfaulen kann. Diejenigen unter den Häftlingen, die an nichts anderes glaubten als an die Kraft, die dem Menschen innewohnt, dachten, daß diese Kraft nur noch in ihnen selbst lebte und ihr Opfer nutzlos geworden sei, und ihr Volk sie vergessen hätte.“
Aber dann, am Montagabend, als die sieben Bäume abgeschlagen worden waren, ohne daß man den Georg Heisler ans Kreuz gebracht hatte, fühlten sich die Häftlinge „dem Leben näher als jemals später und auch viel näher als alle anderen, die sich lebendig vorkommen“.
Paul Rilla schrieb: „Das siebte Kreuz bleibt leer, real und symbolisch. Denn diese Realität hat die Gewalt eines Symbols: für die Welt, die das Lager ist, und für die Welt, die noch nicht das Lager ist. Die im Lager spüren den Triumph.“ – „Die Taktik der Rettung Heislers ist die Taktik des illegalen Kampfes. Den Kampf wachgerufen, die Isolierung der Kämpfer durchbrochen zu haben: das bleibt das eigentliche Ereignis der Flucht. Sie hat bewiesen, daß die Kampflosungen, so lange in die Stummheit verbannt, nur von Mund zu Mund ausgesprochen werden müssen, um wieder die Sprache der Realität zu sein.“ Sieben Tage und Nächte lebt Heisler nicht eine Minute ohne Lebensgefahr. Glück und Unglück während der Flucht, Hoffnungen und Enttäuschungen, Mut und Verzweiflung, Hunger und Durst zehren an seiner Kraft. Hundertmal droht die Falle zuzuschnappen, hundertmal entkommt er. Er kämpft für seine Freiheit und gefährdet gleichzeitig die anderer, wissender und unwissender Helfer.
Der Sprung über die Mauer der Landwirtschaftsschule rettet ihn vorerst, aber die Blutspur der verletzten Hand und die Entdeckung des Jackendiebstahls sind ein Indiz. Der Mann, der das schwere Maschinenteil schleppt, erscheint dem Posten unverdächtig, aber die abgelegte Last verrät den Flüchtling. Pelzers Verhaftung lenkt von Heislers Zufluchtsort ab, aber die Begegnung mit Füllgrabe bringt der Polizei Informationen. Der Bierfahrer, der bei einer Kontrolle Verdacht schöpft, rettet seine Haut, indem er den Fremdling aussetzt, dagegen ahnt der hilfreiche Ausländer nicht, welche Anfechtung seines Mitfahrers ihn beinahe das Leben kostet. Im Mainzer Dom kann der Erschöpfte übernachten, doch der Küster erwägt, über den seltsamen Mann Meldung zu machen, Ein jüdischer Arzt behandelt die schmerzende Hand, aber ein Denunziant veranlaßt seine Verhaftung, als er den Steckbrief des Patienten sieht, Im Pullover des Schiffers fühlt sich Heisler sicherer als in der gestohlenen Jacke, aber der Austausch belegt den Fluchtweg, und die bei Frau Marvelli zurückgelassenen Kleider werden ein weiterer Hinweis. Weil der Angler keine Bescheinigung hat, wird der Streife auch seine Begleitung suspekt. Die nächtlichen Eindringlinge in den Schuppen erweisen sich als Liebespaar, das ebenfalls Entdeckung scheut; es hindert den Zusammengebrochenen, neue Kraft zu sammeln. Die Dirne, zu der er verzweifelt geht und die schön tut, zeigt ihn an, aber die Kellnerin, die ganz am Schluß Heislers Schicksal in die Hand bekommt und die Zusammenhänge ahnt, schweigt, obwohl er sie täuscht. Inmitten einer Schulklasse vom Posten als Lehrer angesehen, kann Heisler über den Rhein übersetzen, aber die Zahl derer, die ihn identifizieren können, ist größer geworden. Leni, seine Geliebte, traumhaft ersehnter Ruhepunkt, ist mit einem SA-Mann verheiratet, Boland, für zuverlässig erachteter Genosse, befindet sich in Gesellschaft von Nazis, Schenk ist selbst im KZ, Sauer verhält sich nach dem Gesetz der Illegalität vorsichtig und abweisend – aber Paul Räder, kaum noch erinnerter, wegen seiner unpolitischen Haltung seit langem entfremdeter Jugendfreund, nimmt Georg auf. Der eine wird gerettet, die sechsköpfige Familie in Gefahr gebracht. Zum Verhör geholt, reagiert Räder, der sich immer heraushalten wollte, wie ein erfahrener Genosse. Durch ihn kommt die Partei in Verbindung mit Heisler.
So aufregend die Erlebnisse Georg Heislers sind, aufregender ist die umsichtige, stille zielstrebige Arbeit der Genossen, die seine Flucht erst zum Erfolg führen, Stunden nach dem Ausbruch aus dem Lager beginnt die illegale Tätigkeit – ohne Rücksicht auf die Gefahr, ohne Gewißheit, daß man Heisler finden wird und die Hilfe zum Tragen kommt, Franz Marnet, der einstige Freund, informiert Hermann und sucht unermüdlich, Georgs Versteck zu ergründen. Hermann, der die besten Verbindungen hat, beschafft Geld und Papiere. Fiedler und auch Kreß, der sich ganz zurückgezogen hatte, werden aktiviert. Reinhardts Erfahrungen werden nützlich. Als Frau Fiedler den Briefumschlag an Heisler übergibt, dessen Inhalt den Sprung über die Grenze ermöglicht, weiß niemand alle Einzelheiten der Vorgänge, aber die Tätigkeiten hatten sich zu einer lückenlosen Kette gefügt.
„Eine gelungene Flucht ist immer etwas“, hatte Hermann gesagt, als er das Räderwerk der illegalen Arbeit in Bewegung setzte. Viele brachen auf nach langer Pause. Mit Franz Marnet war zu rechnen. Die Ehe Fiedlers bekam wieder einen Sinn. Frau Kreß wurde stolz auf ihren Mann, der seine Angst besiegt hatte. Paul Räder stieß zu ihnen. Er wuchs an der Aufgabe, die ihm aufgebürdet worden war, und sein Lieschen lernte über Nacht, politisch zu denken. Andere fingen an, nachzudenken. Fritz Helwig meldete den Diebstahl seiner Jacke, aber als sie gefunden war, leugnete er, daß es die seinige sei. Der Küster lernte vom Pfarrer, daß man ein gefundenes Bündel nicht zur Polizei tragen muß. Doktor Löwenstein behandelte den Verletzten trotz der eigenen Gefährdung. Die beiden Kollegen, die Heisler im Restaurant wiedererkannten, verzichteten auf die Belohnung und zeigten ihn nicht an. Auch im Leben Ellis, der früheren Frau Georgs, änderte sich vieles.

Einige Kapitel des berühmten, in viele Sprachen übersetzten Romans von Anna Seghers veröffentlichte die Zeitschrift „Internationale Literatur“ (Moskau) schon 1939. 1940 wurde das Manuskript abgeschlossen. Die erste Ausgabe erschien 1942 in Mexiko, 1946 kam das Buch im Aufbau-Verlag heraus. 1944 drehte Fred Zinnemann in Hollywood einen Film nach dem Stoff (mit Spencer Tracy und – in einer kleinen Rolle – Helene Weigel). Bei diesen Daten ist daran zu erinnern, daß Anna Seghers bereits 1933 aus Nazideutschland fliehen mußte. Sie konnte sich nicht – wie Willi Bredel bei seinen Romanen „Die Prüfung“ (1935) und „Dein unbekannter Bruder“ (1937) oder wie Wolfgang Langhoff bei „Die Moorsoldaten“ (1935) und „Eine Fuhre Holz“ (1937) – auf persönliche Erfahrungen in Konzentrationslagern oder – wie Jan Petersen bei „Unsere Straße“ (1936) – im deutschen illegalen Widerstandskampf stützen. Dennoch dringt der Roman tief in die deutschen Zustände ein und ist den Ereignissen in der Heimat ganz nahe. Wohl hatte Anna Seghers das Thema schon in zwei anderen Erzählungen formuliert („Die Gefährten“, 1932, und „Der Kopflohn“, 1933), aber im Spezifischen war sie, ähnlich wie Brecht bei „Furcht und Elend des dritten Reiches“ (1935–38), auf Berichte angewiesen, die aus Deutschland kamen (wozu die zuvor genannten Bücher gehören). Und ähnlich wie Brecht ging es ihr nicht um die Darstellung eines authentischen Vorganges, sondern um die Beschreibung von Haltungen, die der Faschismus hervorgebracht hatte. Sie zeigte die Gesten unter der Diktatur: das Verstummen, Sich-Umblicken, Erschrecken – und sie beschrieb als Gegenbeispiel die stille, gefährliche, mutige, opferbereite Arbeit der illegalen Bewegung, eine Aktion, „die nicht von heute und gestern ist, sondern von lange her vorbereitet war in der Solidarität des proletarischen Kampfes“ (Rilla). Zwei Erfahrungen mögen hauptsächlich dazu beigetragen haben, daß der Roman ein großes Kunstwerk und ein Dokument wurde: diejenige, die Anna Seghers seit 1928 als Mitglied der Kommunistischen Partei sammeln konnte, und diejenige, die sie beim Beobachten der Menschen ihrer engeren Heimat gewann, wo die Geschichte stattfindet.

Hedda Zinners – kürzende und mehr novellistische – Hörspiel-Fassung von 1955 ist durchaus eigenständig, obwohl sie treu den Hauptzügen der Fabel und in gewisser Weise auch der Form der Darstellung folgt. Im Interesse einer durchgehenden Handlung wurden Abschnitte des Romans umgestellt. Einige Personen erhalten andere Funktionen. Bis kurz vor Aldingers Tod ist Heisler mit ihm bei der Flucht vereint. Räder tritt früher als im Buch ins Geschehen ein. Manche Beschreibungen wurden zu Dialogen unter zwei Häftlingen umgearbeitet. Frankfurter Dialekt unterstreicht die landschaftliche Gegebenheit. Auf das Panorama und auf viele Detailvorgänge, die den Figuren des Romans ein reiches Leben geben, wurde bei der Beschränkung auf die Geschichte der Flucht Heislers verzichtet.

Hans Bunge
Paul: Willi A. Kleinau
Georg: Harry Hindemith
Füllgrabe: Franz Kutschera
Pelzer: Ernst Kahler
Aldinger: Paul Streckfuß
Hermann: Aribert Grimmer
Fischer: Horst Preusker
Overkamp: Werner Pledath
Bunsen: Horst Schönemann
Dr. Löwenstein: Paul Lewitt
Kress: Gerry Wolff
Frau Kress: Renate Thormelen
Greiner: Walter Hehmer
In weiteren Rollen: Marie Borchardt, Elisabeth Braun, Lore Espey, Loni Michelis, Marianne Wünscher,
Franz Gützlaff, Olf Hauschild, Günther Haack,
Gerd Henneberg, Walter Jupé, Joachim Hoyer,
Georg Thieß, Arthur Hilmer, Otto Lange,
Frank Michelis, Harry Riebauer, Rolf Ripperger,
Heinz Voss, Gerhard Wollner


von Anna Seghers
In der Hörspielbearbeitung von Hedda Zinner

Musikalische Einleitung und Ausklang mit dem Refrain und der letzten Strophe des Moorsoldatenliedes Komponist: Rudi Goguel
Chor der Kampfgruppe des Staatlichen Rundfunkkomitees
Leitung: Ehm Kurzweg

Regie: Hedda Zinner