Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Auszüge aus dem 1. Buch

von Jaroslav Hasek
2-LP LITERA 8 65 310/311
Covertext:
„Eine große Zeit erfordert große Menschen. Es gibt verkannte, bescheidene Helden ohne den Ruhm und die Geschichte eines Napoleon. Eine Analyse ihres Charakters würde selbst den Ruhm eines Alexander von Mazedonien in den Schatten stellen. Heute könnt ihr in den Prager Straßen einem schäbigen Mann begegnen, der selbst nicht weiß, was er eigentlich in der Geschichte der großen neuen Zeit bedeutet. Er geht bescheiden seines Wegs, belästigt niemanden und wird auch von Journalisten nicht belästigt, die ihn um ein Interview bitten. Wenn ihr ihn fragen wolltet, wie er heißt, würde er auch schlicht und bescheiden antworten: „Ich heiße Schwejk …“

So beginnt Jaroslav Hasek sein Vorwort zu dem Roman über die Abenteuer des Soldaten Schwejk, den er „brav, heldenmütig und tapfer“, ja einen „bescheidenen, verkannten Helden“ nennt. Und er führt in dem Vorwort auch jenen ruhmsüchtigen Griechen Herostratos an, nach dem das brambarisierende Blechheldentum genannt wird, das sich zu Schwejks Zeiten widerlich dicke tat. Aber mit jener Gegensetzung von Herostraten und wirklichen Helden führt der Verfasser den Leser augenzwinkernd in die Irre. Denn der kann nun annehmen, es ginge Hasek um eine echte Hingabe an die Sache, der die lauten Pseudo-Helden mit ihrer Reklame eher schadeten als nützten. Die Sache aber wäre hier die österreich-ungarische Universalmonarchie oder – im weitesten Sinne – die Ziele der Politik und Wirtschaft, um die der erste Weltkrieg geführt wurde und die man schlicht „nationale Belange“ zu nennen pflegte. Doch von diesen war Jaroslav Hasek weit entfernt. Sein Buch ist eine harte Kritik an der Habsburger Monarchie und als antimilitaristischer Roman in die Weltliteratur eingegangen. Mit der Irreführung des Vorworts, dem Verfasser könne an der „großen Zeit“ etwas gelegen sein, identifiziert er sich vielmehr mit dem „Helden“ des Buches, so daß man sie in Zukunft kaum noch auseinanderhalten kann. Auch Schwejk führt ja die Phrasen der großen Zeit im Munde, um sie zu entlarven, und er beteuert laut, dem Vaterlande seinen Tribut zu zollen, um so ein wenig sicherer dessen Ansprüchen zu entgehen. Denn für die Interessen des Joseph Schwejk, der nicht gerade zu den wohlhabenden Prager Bürgern gehört, wird der Weltkrieg nicht geführt, daran gibt es für ihn keinen Zweifel.
Der Schwejk hat in Drama und Prosa der Weltliteratur eine weitverzweigte Verwandschaft. Sei es Simplicius Simplizissimus oder die Courasche, Leporello oder Gil Blas, der tüchtige Barbier Figaro oder Eulenspiegel – sie alle verfügen über den gesunden Menschenverstand der unteren sozialen Schichten, mit dem sie Zeit und Leben reflektieren, schlagen ihrer Obrigkeit ein Schnippchen und sind gewohnt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Es scheint, als wollte die Literatur das Verhältnis von Hoch und Niedrig, dem diese Figuren ihr kräftiges Leben verdanken, ausnutzen, solange es noch besteht. Der Wundertäter (Strittmatter) und der Findling (Jobst) gehören zu der verhältnismäßig großen Anzahl dieser literarischen Typen, die in letzter Zeit erschienen sind. Brechts Werk ist ja besonders reich mit ihnen bevölkert – bis zum Schwejk selber, den der Dichter seine Rolle im zweiten Weltkrieg spielen läßt.
Wollte man „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk wahrend des Weltkrieges“ literarisch klassifizieren, müßte man dieses Buch dem Genre der Schelmenromane zurechnen. Man kann nun am „Schwejk“ beobachten, daß verschiedene Merkmale dieser Literatur in unserer Zeit bemerkenswerte Eigenarten zeigen. Die Verfasser von Schelmenromanen statten ihre Helden meist mit einer unkonventionellen Welt-Anschauung aus, um durch sie ihre Gesellschaft kritisch zu beleuchten. Beim Simplicius beruht diese Tatsache bekanntlich auf seiner Einfalt, und die Literaturforscher haben nicht angestanden,
darin sogar Wesensverwandtschaft zum Suchen und Ringen des edlen Jünglings Parzival, des „tumben toren“ zu sehen. Dieses bedeutungsvolle Einfältige und Törichte findet nun im Schwejk seine profane Auferstehung: „Beim Militär‘ antwortete Schwejk feierlich und stolz, ,bin ich von den Herren Militärärzten amtlich für einen notorischen Idioten erklärt worden!“ Hasek zeigt mit dem massenhaften Streben der Militärdienstpflichtigen nach einer solchen Erklärung nicht nur, wie wenig kriegsbegeistert die Untertanen der österreichischen Krone sind. Er zeigt damit auch das Wesentliche an Schwejks Lebenshaltung: Pfiffigkeit und Schläue, die der kleine Mann braucht, um durchzukommen, sind am wirkungsvollsten im Gewande der Blödheit. Und damit sind die Herrschenden lächerlich: sie werden von einem über’s Ohr gehauen, den sie selber zum notorischen Idioten erklärt haben. Die volkstümliche Literatur, die zur Ahnenreihe des „Schwejk“ gehört, zeichnet sich durch ihre Derbheit aus. Das war zweifellos u. a. ein Mittel, der heuchlerischen Moral herrschender Klassen einen Spiegel vorzu halten. „Vom Wirte Palivec“, schreibt Hasek, „können wir nicht verlangen, daß er so fein spricht wie (X,Y,Z) und eine ganze Reihe anderer, die aus der ganzen Tchechoslowakischen Republik einen großen Salon mit Parketten machen möchten, auf denen man in Frack und Handschuhen herumgehe und feine Salonsitten pflegen müßte, unter deren Deckmantel die Salonlöwen sich den ärgsten Lastern und Exzessen hingeben könnten.“ Zur Zeit also, als die Kavalierssitten herrschten, gehörte es zum guten Ton der Schelmenliteratur, antichevalresk zu sein. Hätte man in unserem Jahrhundert sogenannte Kavaliere alter Schule suchen wollen, wohin hätte man sich hoffnungsvoller wenden können als nach Osterreich? Hasek hat nun einen besonderen Spaß daran, seinen Helden sich in jenen feinen Sitten produzieren zu lassen, die man dort zu finden erwartet – nur nicht gerade bei einem Hundefänger. Mit einem „Winsch einen guten Abend, meine Herren, allen miteinand“ tritt er vor die hin, die ihn auf der Polizeidirektion vernehmen sollen – und erntet Rippenpüffe; mit Handkuß verabschiedet er sich von den dortigen Herren, und zwischendurch erwidert Schwejk der barschen Stimme eines Polizisten, der ihn zum Verhör holt: „Entschuldigen Sie‘, sagte Schwejk ritterlich, ,ich bin hier erst seit zwölf Uhr Mittag, aber dieser Herr is schon seit sechs Uhr früh hier. Ich habs nicht so eilig!“ – und seine Haltung findet ebenso wenig Verständnis und Erwiderung wie sein freundlicher Gruß. So enthüllt Schwejk mit seiner Haltung, daß das „Chevalreske“, von unten gesehen, sich ein wenig anders ausnimmt, als es in den Lesebüchern steht.
Solche Volksfiguren wie der Schwejk, die nicht aktive Gestalter ihres Lebens sind, sondern die sich den Verhältnissen entsprechend durchschlagen, haben es an sich, sowohl gut als auch schlecht zu sein. Sie verkörpern in besonders krasser Weise die Widersprüchlichkeit des Menschen. – Ihrer Lebenserfahrung verdanken sie zwar die Fähigkeit zum Durchkommen, aber diese Lebenserfahrung allein hat sie nicht gelehrt, wann ihr persönlicher Vorteil, der niemals dem Vorteil der Herrschenden aufzuopfern ist, hinter den Erfordernissen ihrer Klasse zurückzustehen hat. Sie sind dabei meist Einzelgänger geblieben. Oft hat der Kampf gegen die Bedrücker (vielfach gleich dem Kampf um ein Stück Brot), der mit den schmutzigen Mitteln der Bedrücker selber geführt werden mußte, sie von jener moralischen Höhe heruntergestoßen, von der aus das Lebensprinzip der kommenden Klasse verkündet werden könnte. Sie wurden verhältnismäßig leicht korrumpierbar, besonders dann, wenn sie die wegen eines behaglichen Lebens beliebte Stellung eines Dieners gefunden hatten. Hasek – ausnahmsweise einmal er selber – sagt von den Offizierdienern: „Größtenteils waren es Reaktionäre, und die Mannschaft haßte sie. Einige waren Angeber, und es war eine besondere Freude für sie, wenn sie zuschauen konnten, wie man jemand anband. Sie entwickelten sich zu einer besonderen Kaste. Ihr Egoismus kannte keine Grenzen.“
So sehen wir auch unseren Schwejk beim Oberleutnant Lukasch und beim Feldkuraten Katz einige Male in Situationen, bei denen wir uns besorgt fragen, wie er wohl selber zu dem, was da vorgeht, stehen mag. Das aber, was er denkt, nicht zu sagen, ist eine seiner wesentlichen Lebenserfahrungen; und so erfahren auch wir nichts Näheres darüber.
Schwejk und seinesgleichen sind nicht die Helden der Zeit, ihr Handeln ist passiv. Aber es geht auch nicht darum, ob sie wohl richtig und mit den richtigen Waffen kämpfen. Solche Gestalten sind dazu da, durch ihre bloße Existenz die Brüchigkeit ihrer Klassengesellschaft zu enthüllen, die Unterlegenheit der noch Herrschenden unter einen braven Soldaten Schwejk, Hundefänger und „notorischen Idioten“.
Die besten Züge Schwejks aber, sein Humor und seine Klugheit, seine List und seine Tapferkeit – die finden wir wieder bei den proletarischen Revolutionären.
Ein humoristisches Buch? Man lacht nicht richtig, wenn man vergißt, daß sich folgende Beschreibung einer Kanzlei im Kriegsgericht eben dort befindet: „Man kann nicht behaupten, daß sie, insbesondere mit den Fotografien an den Wänden, einen sehr günstigen Eindruck gemacht hätte. Es waren Fotografien verschiedener Exekutionen, die von der Armee in Galizien, und Serbien durchgeführt worden waren. Künstlerische Aufnahmen abgebrannter Hütten und Bäume, deren Zweige sich unter der Last der Gehenkten senkten. Besonders gelungen war eine Fotografie aus Serbien mit einer gehenkten Familie. Ein kleiner Knabe, Vater und Mutter. Zwei Soldaten mit Bajonetten bewachen den Baum mit den Hingerichteten, und irgendein Offizier steht als Sieger im Vordergrund und raucht eine Zigarette. Auf der anderen Seite im Hintergrund ist eine Feldküche in voller Arbeit zu sehen.“
Um den neuen Gefangenen im Garnisionsarrest gleich die richtigen Vorstellungen von dieser Institution zu vermitteln, fordert der Stabsprofos den Feldwebel auf, ein Beispiel aus der Praxis der Gefangenenbehandlung zu geben. Es ist von einem kräftigen Mann, Fleischer von Beruf, die Rede: „,Na ja, der hat uns Arbeit gegeben, Herr Stabsprofos‘, antwortete Feldwebel Repa träumerisch, ,das war ein Körper! Ich bin über fünf Minuten auf ihm herumgetrampelt, bevor ihm die Rippen zu krachen angefangen ham und das Blut ausm Maul geflossen is. Und er hat noch zehn Tage gelebt. Er war nicht zum Umbringen!“
Das Lachen, das wir Schwejk danken, soll uns heute nicht darüber täuschen, daß es damals kein lustiger Krieg war, etwa ein Kinderspiel gegen den Weltkrieg Nummer Zwo; und was Schwejk sich vorgenommen hat, war kein Spaß. Denn Greueltaten sind nicht etwa irgendwelche Perversitäten einer eigens dazu abgerichteten Spezialtruppe – sprich SS –, sondern sie gehören zum System, wenn eine anachronistisch gewordene Gesellschaft in Agonie liegt – damals wie heute. Das wird durch „Schwejk“ besonders augenfällig, weil es im alten Österreich geschah, dem man Lebensart nachrühmt, von der kein schlechtes Benehmen zu erwarten sei. Was Erich Mühsam mit den wohlwollenden Augen eines Besuchers am Vorkriegswien sah, glich dem Bilde, das von der Monarchie allgemein in Umlauf war: „Das ganze Wien kam mir vor wie eine Theaterangelegenheit, die sehr geschmackvolle Darstellung eines putzigen Lebensbildes, voll genießerischer Kultur, voll künstlerischen Stils, voll Leichtsinn, Erotik, altmodischer Courtoisie, spiritualistischer Klatscherei, streitsüchtiger Intellektualität, Intrige, Ironie, Witz, Betulichkeit, Wichtignehmerei aller Bagatellen, Freude am Besonderen, Freude an der Schönheit, Freude an der Neuheit, Freude an der Clique, Freude an Wien …“. Aber das alte Österreich, einst Eckpfeiler der Reaktion in Europa, lag im Sterben und konnte keine Rücksicht auf seinen Ruf nehmen. Hundert Jahre früher, als nach den Befreiungskriegen in Wien unter Metternich die „Heilige Allianz“ der Reaktion in Europa geschmiedet wurde, ja damals konnte der Kongreß noch tanzen. Diesmal sah es ernster aus. Dieses Reich mit dem zweitgrößten Territorium in Europa lebte von der Unterdrückung
der Nationalitäten, die es unter sein Zepter gezwungen hatte – Tschechen und Slowaken, Polen, Ukrainer, Serben und Kroaten, Slowenen, Ungarn, Rumänen, Italiener – es hielt sich, indem es die einen gegen die andern ausspielte, und mit den sozialen Konflikten fertig werden wollte, indem es die Unterdrückten zu nationalistischer Borniertheit erzog. Aber diese Staatskunst war am Ende, die Zeit der feudalistisch-kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse vorbei und ein solches Monstrum von Nationalitätenstaat anachronistisch.
Und so war das alte Österreich weder liebenswürdig noch höflich, es war grausam, menschenfeindlich, sadistisch. Leichtfertige Lässigkeit, vom preußischen sogenannten Ordnungssinn gerne als Schlamperei bezeichnet, konnte höchstens dazu führen, daß Feldwebel Repa den Falschen in Spezialbehandlung bekam, keineswegs aber dazu, daß solche Behandlung unterlassen wurde.
In dem nächtlichen Gespräch zwischen Schwejk, dem Schafhirten und dem Landstreicher im Schafstall berichtet der alte Hirt. „… du solltest dabeisein, wenn die Nachbarn unten in Skotschitz zusammenkommen. Jeder hat jemanden dort (im Kriege), und du möchtest sehn, wie die reden. Daß herich nach diesem Krieg die Freiheit kommen wird, daß es keine Herrschaftshöfe mehr geben wird, daß man nicht mal Kaisern und Fürsten ihre Güter lassen wird.“

Jaroslav Hasek hat diese Zeit für sein Land nicht mehr erlebt. Er starb 1923. Als österreichischer Kriegsgefangener in Rußland war er Angehöriger der Roten Armee geworden, und nach seiner Heimkehr Mitglied der Kommunistischen Partei in der CSR. 1921 erschien sein Buch. Er konnte es mit der Gewißheit schreiben, daß die Kraft seines Volkes, dem der Schwejk entsprossen ist, das Wünschen zur Wirklichkeit machen wird.

Ursula Püschel
|  Seite 1  |

Schwejk zieht in den Krieg
(7. Kapitel)

Schwejk als Simulant
(8. Kapitel)


|  Seite 2  |

Schwejk im Garnisionsarrest


|  Seite 3  |

Schwejk als Offiziersdiener bei Oberleutnant Lukasch
(14. Kapitel)


|  Seite 4  |

Die Katastrophe
(15. Kapitel)

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Leser: Valter Taub