Die Matrosen von Cattaro

von Friedrich Wolf

2-LP LITERA 8 65 176/177
Covertext:
Unsere Schallplatte ist dem bedeutendsten und berühmtesten deutschen Revolutionsdrama, einem der wenigen großen Revolutionsdramen der Welt, „Die Matrosen von Cattaro“, gewidmet. Vier Jahrzehnte sind vergangen, seitdem Friedrich Wolf dies erste reife Werk des sozialistischen Realismus schuf, vier Jahrzehnte umstürzender historischer Ereignisse, eine Epoche, die von der Geschichte mit Blut und Tränen, mit einem Meer von Trümmern, mit mächtigen Taten des Aufbaus, mit einem völligen Neuwerden der Menschen und ihrer Gesellschaft in unserer DDR geschrieben wurde, aber die „Matrosen von Cattaro“ haben ihre historische Bewährungsprobe bestanden: sie wirken auf uns so frisch, lebendig, „modern“, als wären sie heute entstanden. So verhält es sich, weil einer der bedeutendsten Dramatiker unseres Jahrhunderts mit diesem Werk in kühnem Neuerertum eine bis dahin unbekannte und bis heute unerreichte, festgefügte Form der Dramatik zu schaffen vermochte. Es verhält sich so, weil er eine verhältnismäßig kleine, die Zukunft nur wenig bestimmende Episode der Geschichte zum Scheinwerfer der Historie zu machen verstand, deren Licht die ganze revolutionäre Epoche bis in unsere Tage zu erleuchten imstande war.
Es geht um eine Matrosenrevolte zu Beginn des Jahres 1918 in der österreichischen Flotte, um einen Aufstand auf einigen wenigen Kriegsschiffen in der Bucht von Cattaro (dem heutigen jugoslawischen Kotor). Ebenso wie es durch vier Jahre blutopfernden Krieges und verheerender Hungersnot zu Streik- und Revoltebewegungen unter den Arbeitern Österreich-Ungarns kam, nicht zuletzt auch dank des Ausbruchs der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, ebenso steigerte sich unter den Matrosen der Kriegsflotte der Widerstandskampf gegen die herrschende Klasse. Sehnsucht nach Frieden, Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Leben, nach Befreiung von einem Regime des Kadavergehorsams und der scharfen sozialen Gegensätze zwischen einem prassenden Offizierscorps und der hungernden, unterdrückten Masse der einfachen Matrosen trieb zu jenem Aufstand, der zunächst in einer einzigen roten Woge die üble Gegenwart hinwegzuschwemmen schien. Der Sieg ist in den Händen der Matrosen. Weshalb entgleitet er ihnen wieder? Weshalb wird Triumph zur Niederlage? Friedrich Wolf macht deutlich: weil die siegreichen „Arbeiter in Waffen“ es nicht verstanden, ihren lokalen Erfolg zum Ausgangspunkt des umfassenden Sieges in der ganzen Flotte und im ganzen Lande zu machen. Weil die organisierende Kraft einer revolutionären Partei fehlte. Weil die Matrosen nicht geschlossen dem geschlossen handelnden Feind entgegentraten, sondern sich in Fraktionskämpfen erschöpften und entmachteten. So ging der zunächst siegreiche Aufstand verloren, die herrschende Klasse behauptete sich, die wahrhaft revolutionäre Fraktion der Aufständischen ließ unter den Kugeln eines Hinrichtungskommandos ihr Leben. Ist es ein Drama der Vergangenheit, das Friedrich Wolf schrieb? „Die Matrosen von Cattaro“ sind, weit mehr: Sie gaben und geben im Gewande historischer Ereignisse ein Bild und eine Lehre brennender Gegenwart. Sie zeigen, daß nur die Einheit der Arbeiterklasse unter der festen Führung ihrer revolutionären Vorhut und die Macht in den Händen des werktätigen Volkes und die Entmachtung aller, die dem Klassenfeind Konzessionen machen möchten, eine bessere Zukunft zu sichern vermögen. Und mit der ersten großen proletarischen Heldengestalt der deutschen Dramatik, Franz Rasch, wird uns ergreifend und begeisternd ein Vorbild auch für unsere Haltung heute gezeigt.
Friedrich Wolf, geboren am 23. Dezember 1888 in Neuwied am Rhein, gestorben am 5. Oktober 1953 in Lehnitz bei Berlin, widmete fast sein ganzes Leben und Schaffen dem Befreiungskampf der Arbeiterklasse. Sein berühmtes Wort „Kunst ist Waffe“, der Titel eines sofort auch als Broschüre veröffentlichten Vortrages vor dem Arbeiter-Theaterbund Deutschlands im Jahre 1928, wurde wegweisend für Kunst und Kulturpolitik des Sozialismus. Das erste seiner mehr als dreißig dramatischen Werke, das (1919 am Dresdner Staatstheater) auf die Bühne kam, war das Schauspiel „Das bist Du“. Bleibenden Ruhm erwarb er sich 1923 mit dem großen Bauernkriegsdrama „Der arme Konrad“, in dem zum erstenmal Aktionen der revolutionären Massen als handlungsbestimmende Faktoren in Erscheinung traten. Von entscheidender Bedeutung aber waren seine Zeitstücke. Mit „Cyankali“ (1929) bewegte er Millionen in ganz Europa zum Kampf gegen die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse. Noch stärker aber war dann die Wirkung, die die „Matrosen von Cattaro“ erreichten. Nachdem dieses Drama 1930 mit überwältigendem Erfolg an der Berliner Volksbühne uraufgeführt worden war (Hauptrolle: Ernst Busch), trat es seinen Siegeszug durch viele Länder der Welt an. Bezeichnend ist, daß nach der sensationellen Erstaufführung in den Vereinigten Staaten 1934 das Drama Friedrich Wolfs in der Zeitschrift „New Masses“ als „weitaus das wichtigste Theaterstück in New York“ bezeichnet wurde. Schon vorher hatte das Stück in der Sowjetunion, wo es von zahllosen Berufs- und Laienensembles aufgeführt wurde, so z. B. in Leningrad gleichzeitig an drei Theatern, einen eher noch größeren Erfolg gehabt. Wie hoch es geschätzt wurde, geht aus der Tatsache hervor, daß es zuerst – das Werk eines Ausländers! – von einem großen Moskauer Theater als Festaufführung (in der Übertragung Wsewolod Wischnewskis) zum 15jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution herausgebracht wurde.
Der Welterfolg des Matrosendramas wurde dann noch überboten durch sein Werk aus dem Jahre 1933, „Professor Mamlock“, das in fast allen Erdteilen vor Millionen gespielt wurde und außerdem zwei bedeutende Verfilmungen erlebte, 1935 in Moskau unter der Regie von Rappoport nach Wolfs eigenem Drehbuch und 1961 in Berlin unter der Regie von Friedrich Wolfs Sohn, dem international anerkannten Filmregisseur Konrad Wolf. Von den weiteren Dramen Friedrich Wolfs seien noch genannt: das vom Moskauer Wochtangow-Theater uraufgeführte „Floridsdorf“, das in Frankreich im Konzentrationslager entstandene geist- und glanzvolle Schauspiel „Beaumarchais“, die bedeutenden antifaschistischen Dramen „Das Schiff auf der Donau“ (erst nach Wolfs Tode bekannt geworden) und „Was der Mensch säet …“ sowie nach 1945 das Lustspiel „Bürgermeister Anna“, eines der ersten und wohl besten Gegenwartsstücke jener Jahre, in dem sich Friedrich Wolf den Problemen einer neuen Zeit zuwandte.
Kurz vor seinem Tode vollendete er sein letztes Werk: das historische Schauspiel „Thomas Münzer“. In ihm setzte er sich mit dem Problem des Verhältnisses zwischen führender Persönlichkeit und Volksmassen in einer revolutionären Situation auseinander, einem Problem, das – wenn auch etwas anders geartet schon in den „Matrosen von Cattaro“ und im „Armen Konrad“ eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Die Uraufführung im Deutschen Theater Berlin (Hauptrolle: Wolfgang Langhoff) erlebte er nicht mehr.

Dr. Walther Pollatschek


In den Augen der Zeitgenossen

Lion Feuchtwanger:
Wenige verstehen es wie er, revolutionäre Gesinnung in spannende Handlung umzumünzen. Er hat den Griff des Theaterdichters, er preßt die Fabel seiner Stücke auf ihr Wesentliches zusammen, läßt mit legitimer Unbedenklichkeit Zwischenstadien beiseite und springt von einem Höhepunkt kühn zum nächsten, höheren. Friedrich Wolf weiß seinen Menschen von seinem eigenen ehrlichen, fortreißenden Glauben an die Möglichkeit einer besseren Gesellschaftsordnung Feuer genug mitzuteilen, daß sie auch ohne allzu viele Nuancen lebendig werden und bleiben.
Was Friedrich Wolf vor den meisten anderen deutschen Schriftstellern unserer Generation auszeichnet, das ist das Auge für das Brettergerechte, der vorwärtsjagende Atem, den er den Geschehnissen einzublasen weiß, die Kunst, mit der er jedes Abflauen vermeidet. Er ist der geborene Theaterdichter, er knetet mit sicherer Hand seine Menschen so lange, bis sie und ihre dramatische Funktion eins werden. Diese Fertigkeit bliebe Handwerk, wenn sie Selbstzweck wäre. Sie ist es nicht. Sie ist nur ein Mittel, sie dient dazu, des Autors brennende Liebe fürs Recht, seinen heftigen Willen, an der Errichtung einer besseren Welt mitzuwirken, auf den Leser und Hörer zu übertragen.

Zur Uraufführung in der Volksbühne Berlin 1930
Herbert Ihering („Börsencourir“): Ein großer Erfolg der Volksbühne. Das beste Matrosenstück dieses Winters und das konzentrierteste und klarste Schauspiel Friedrich Wolfs. Gerecht, klug, mutig und mit menschlicher Einsicht.
Monty Jacobs („Vossische Zeitung“): Es ehrt sein Stück, daß es den Vergleich mit Hauptmanns Drama und mit dem gewaltigen Potemkin-Film weckt und aushält.
Durus („Die Linkskurve“): Erst im „Cattaro“-Drama von Friedrich Wolf erhielt eine Matrosenrevolte, der Aufstand der Matrosen der österreichischen Marine 1918, eine wuchtige, ideologisch einwandfreie und szenisch gelungene dramatische Form … Mit diesem Stück rückt der Autor in die Reihe der wichtigsten Dramatiker des deutschen revolutionären Proletariats.
Hans W. Fischer („Welt am Montag“): Die Erregung siedete von der Bühne bis in die Range, selten war das Haus so vollkommen in dem gleichen Gefühl geeint.

Aufführung 1931 Frankfurt am Main
„Volksstimme“: Seht euch das Stück an! Denn wahrlich, ich sage euch, es steckt etwas darin, von dem man noch in den spätesten Tagen reden wird.

Aufführung 1934 in New York
Michael Gold („Daily Worker“): Ich möchte meine Wertschätzung demgegenüber ausdrücken, was ich als das wichtigste politische Stück betrachte, das je in Amerika durch eine revolutionäre Organisation aufgeführt worden ist.
Stanley Burnshaw („New Masses“): „Die Matrosen von Cattaro“ ist weitaus das wichtigste Theaterstück in New York.
„The New York Times“: Das ergreifendste Schauspiel in dieser Stadt.
Joseph Wood Krutsch („The Nation“): Mein Amt ist zu sagen, daß er ein bewundernswertes Werk vollbracht hat … Wenn das Drama der Zukunft das Drama des sozialen Protestes ist, dann mögen alle Protestierenden mit der Überzeugungskraft des Herrn Wolf schreiben.

Wiederaufführung in Berlin 1947
Erwin Reiche („Tribüne“): Dies Stück Revolutionsgeschichte, dies revolutionäre Stück sollte überall gespielt werden, wo Herzen für freies Menschentum schlagen oder zu entzünden sind, wo es gilt, Köpfe aufzuhellen und mit klarer Erkenntnis zu füllen.
Paul Rilla („Berliner Zeitung“): Das Schauspiel tritt in ein neues Licht. 1930 sah man es mit den Erfahrungen von 1918, mit den Erfahrungen der Nachkriegszeit. Heute sind die Erfahrungen von 1933 und die des zweiten Weltkrieges hinzugekommen.
Max Schroeder („Neues Deutschland“): Das Werk wirkte gewachsen gegenüber 1930. Damals waren wir uns des Preises einer verlorenen Revolution noch nicht so voll bewußt wie heute.
Franz Rasch: Peter Bause
Toni Grabar: Ulrich Voß
Alois Zapp: Karl-Heinz Fischer
Jerko Sisgoric: Christian Stövesand
Kuddel Huck: Horst Ziethen
Sepp Kriz: Ralph Borgwardt
Mate Bernicevic: Dieter Unruh
Stonawski: Frank Schenk
Trulec: Klaus Pönitz
Sesan: Siegfried Kellermann
Leutnant: Gerd Micheel
Fregattenkapitän: Kurt Wetzel
Offizier: Wolfram Lindner
1. Sprecher: Hans Rohde
2. Sprecher: Georg Lichtenstein

von Friedrich Wolf
Schallplatteneinrichtung und Bearbeitung: Dieter Scharfenberg

Musikalische Leitung: Dietmar Bellmann
Regieassistenz: Werner Schurbaum
Regie: Hanns Anselm Perten
Tonregie: Rolf-Dieter Gandert