Die schöne Helena
Operette für Schauspieler

von Peter Hacks
nach dem Libretto von Meilhac und Halevy

2-LP LITERA 8 60 093/094
Covertext:
Der Verfasser fordert Illusion: Illusion einer vollkommeneren und erwünschteren Welt, in der nicht nur das Laster, in der auch die Tugend Grazie hat. Selbstverständlich spielt die Handlung nicht in der historischen Homerzeit. Sie spielt in der Antike der Poesie. Diese Antike ist voll von Sonne, Eleganz und Naivität. Sie kann eine ganz zarte Beifarbe vom 2. Kaiserreich haben; nicht soviel natürlich, wie die wirkliche Antike hatte.

Peter Hacks


In der „Schönen Helena“ begegnen uns verschiedene Kräfte verschiedener Zeiten. Das ist reizvoll. Den Stoff geben die ernsten Verwicklungen griechischer Könige und ihrer Völker, erzählt in Homers Heldengesängen, eine Geschichte von Göttern und Menschen berichtend. Jacques Offenbach entdeckt mit seinen Librettisten Henry Meilhac und Ludovic Halevy in diesem Stoff eine Möglichkeit, verlogene Moral, leere Helden seiner Zeit zu attackieren. Und Offenbach schrieb dafür seine aggressive, humorvolle, charmante, an Melodien reiche Musik. Peter Hacks nahm bei seiner Bearbeitung die Gelegenheit wahr, Prüderie und Borniertheit aus unseren Tagen anzugreifen, die Geschichte von Helena und Paris, vom Wirken der freudevollen Kräfte der Venus zu erzählen, und dazu setzte Hacks seine frechen, witzigen, eleganten Dialoge und Lieder ein. Verschiedenes von den verschiedenen Kräften verschiedener Zeiten können wir zu unserem Spaß genießen.

Peter Hacks erklärte 1957: „Ich halte nichts auf Operetten“ und übergab 1964 eine Operette für Schauspieler den Theaterleuten. Im Genre Operette war bis 1957 viel von dem verlorengegangen, was dessen Wert einst ausmachte. Die Operette, von Offenbach auch gebraucht, um die erstarrte, gehaltarme Oper ästhetisch zu attackieren, war selbst erstarrt, gehaltarm geworden. Hacks benutzte eine Operette Offenbachs, um eben dieses fragwürdig gewordene Genre jetzt ästhetisch zu attackieren: durch eine Operette für Schauspieler.

Hacks hatte schon mit anderen Bearbeitungen wertvolle Werke des Theaters neu entdecken geholfen, „Die Kindermörderin“, ein Stück Heinrich Leopold Wagners, und den „Frieden“ des Aristophanes, eine der großen Komödien. Dem erfolgreichen Versuch im Genre der Komödie mit „Frieden“ folgte mit „Helena“ der im Genre der Operette.

Der 1928 geborene Peter Hacks war als Stückeschreiber bereits vorher durch eigene erfolgreiche und umstrittene Werke vorgestellt: „Eröffnung des indischen Zeitalters (1954)“, „Die Schlacht bei Lobositz“ (1956), „Der Müller von Sanssouci“ (1958), „Die Sorgen und die Macht“ (1959), „Moritz Tassow“ (1962), „Das Volksbuch vom Herzog Ernst“ (1957) ist noch nicht uraufgeführt.

Jacques Offenbach, 1819 in Köln geboren, hinterließ, als er 1879 starb, über hundert Operetten – „Orpheus in der Unterwelt“ (1858) und „Die schöne Helena“ (1864) sind wohl die bekanntesten und erfolgreichsten – und eine Oper „Hoffmanns Erzählungen“ (1877).

Offenbachs Wirken ist mit Frankreichs zweitem Kaiserreich, der Diktatur Napoleons III., untrennbar verbunden. Die gewohnte Sicht der Welt, dieser Welt, kehrt Offenbach in der „schönen Helena“ um. Was groß galt, entpuppt sich als klein, was unten zu sein schien, steht oben. Auf unterhaltende Weise beschreibt er: die doppelbödige Moral der höheren Gesellschaft, ihre fragwürdige Autorität, vorgetäuschte Bildung, versteckte Korruption usw. Der Stoff der antiken Sagen- und Götterwelt ermöglicht ihm, die Heroen seiner Zeit mit den Heroen der antiken Mythologie zu attackieren. Phantasievolle Unvernunft, souveräne Planlosigkeit setzt er gegen die inhaltsleer gewordene aber perfekt gebaute Oper. Die ästhetische Kritik wird benutzt zur politischen.

Hacks macht in seiner Bearbeitung der „schönen Helena“ den Kampf des rohen und bornierten Jupiterpriesters Kalchas gegen die Versuchungen der Venus zum Kern der Handlung – eine engstirnige Moral steht gegen Liebe, Sinnesfreude und Lebensgenuß. Jupiters Anhänger, die Könige und Priester – die „Helden“ –, sind und bleiben einheitlich deformiert. Prinz Paris, von Venus zum „süßen Verhängnis“ Helenas gemacht, ist zunächst frecher Liebhaber, dann unverfrorener Eroberer. Helena wehrt sich gegen ihre prüde, unfreundliche und gewalttätige Umwelt und verschafft sich die Liebeserfüllung durch Ehebruch. So bringt die Liebe der Venus Schönheit und Verderbtheit.

In der Geschichte der „schönen Helena“ ist zu entdecken: Liebe setzt sich durch, selbst über königliche Kokotten und privatisierende Prinzen. Liebe setzt sich mit Macht durch, wenn selbstzufriedene Rohlinge Gewalt gegen die Liebenden anwenden.

Karl-Heinz Müller


Die Handlung

Bei dem als Schäfer lebenden Prinzen Paris erscheint Merkur mit drei himmlischen Damen: Juno, der Frau Jupiters, Minerva, der behelmten, kriegerischen, und Venus, der freudvollen Göttin. Paris soll den Streit entscheiden, wer von den dreien die Allerschönste sei. Die Göttinnen bieten reichen Lohn. Schwer fällt die Wahl, endlich gibt Paris den goldenen Apfel Venus, die ihm als Honorar Helena –, die mit dem König Menelaos vermählte –, versprach.

In Sparta ist Jupiters großer Augur Kalchas über die kümmerlichen Opfer, die seinem Tempel nur noch gebracht werden, empört. Reich erntet Venus, die durch die Anekdote ihres Sieges über Juno und Minerva überaus populär gewordene.

Selbst Helena opfert der Göttin der Liebe. Ein gekröntes Weib ist sie doch immer ein Weib. Ihr Verhängnis beunruhigt die Königin. Bei Kalchas sucht Helena Rat oder Gewißheit. Ist sie die schönste Frau der Welt? Und, da Venus ihre Liebe dem Schäfer versprach, ist ein Ehebruch ihr Verhängnis?

Auch Paris wendet sich an Kalchas. Ein Brief der Venus befiehlt dem großen Augur Jupiters, dem Prinzen Paris die Königin Helena und den Weg in ihr Bett zu zeigen. Kalchas mag durchaus nicht und muß doch gehorchen. Beim Orakel will er versuchen, den verlangten Dienst zu leisten und zugleich Menelaos zu warnen. Kalchas formuliert seinen Orakelspruch so: „Hüte dein Lamm, gehörneter Wolf, vor dem reißenden Schäfer, / sonst ist ihm süßer Tod, dir saures Leben bestimmt.“

Ungeheuer wirken die Kräfte der Venus in Paris und Helena. Sogleich als beide sich sehen, reden sie vielsagende Nichtigkeiten. Helena rettet sich endlich in ihre Staatsgeschäfte.

Das jährliche Orakel Jupiters anzuhören marschieren Spartas Schmiedeeisen geschmückte Helden auf, die beiden Ajaxe, Achilles, Menelaos und der König der Könige Agamemnon. Tollkühn will Agamemnon versuchen, das Orakel zu verstehen, bevor es sich bewahrheitet hat. Geist wird gefordert, um den unfehlbaren Text des Gottes auszulegen.

Kalchas verkündet den Spruch mit der feinen Warnung. Groß sind die Mühen der Helden Griechenlands, eine Deutung zu finden, aber allen, auch Agamemnon, bleibt der Sinn dunkel.

Da mengt sich der Schäfer ein, deutet den Text und auf die verwirrendste Weise. Er erklärt mit seiner Lesart Helena deutlich seine Liebesziele und fordert von Menelaos mit überzeugenden Gründen, sofort nach Kreta zu reisen. Dann gibt der Schäfer sich als Prinz Paris zu erkennen. Helena muß ihn mit dem Kranz des Siegers schmücken. Diese Niederlage hofft Kalchas später noch in einen Sieg umzumünzen. Unvermittelt wird Menelaos auf die Reise geschickt, vom Volk, von Paris und von Helena freudig verabschiedet.

Helena wartet, beunruhigt vom Gewissen und von Fleischeslust, auf den Geliebten. Als sie mit Paris vereint im Bett liegt, nimmt Helena „es“ für einen Traum.

Menelaos, der vorzeitig von seiner Reise zurückkehrt, tritt in sein Schlafzimmer und überrascht die Liebenden. Er ruft die Könige gegen den Betrüger zu Hilfe. Paris verspricht seine Rückkehr um Helena zu entführen. Helena bittet den Geliebten, zu gehen, weil sie ihn vor der Wut der Könige schützen will. Aus dem Zorn der Könige hofft Kalchas, für Jupiters Tempel seinen Sieg zu ziehen: Er fordert von Menelaos, den Tempel der Venus zu schließen.

Menelaos versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen. Er will von Helena genau wissen, ob „es“ kein Traum war. Seine Dummheit besiegt Helenas Skrupel vollends.
Agamemnon macht Sorgen, daß Venus – durch ihr Wirken – die Sitten auflöst. Er sucht Mittel, es zu beenden.

Als Großaugur der Venus verkleidet kommt Paris mit einer Galeere aus Cyhtere, fordert ein freudvolleres Leben im Namen seiner Göttin. Erneut beugen sich die Könige und Kalchas demütig vor der stärkeren Macht. Helena wird aufgefordert, angeblich um einen Vertrag abzuschließen, der den Streit mit der Venus schlichten soll, zum Tempel der Göttin nach Cythere zu reisen. Zum Wohl des Landes verabschieden sie die Könige. Der Augur nimmt Helena auf seine Galeere und gibt sich dann als Prinz Paris und Entführer zu erkennen. Die betrogenen Könige künden drohend die kriegerische Verfolgung an.


Peter Hacks über seine Figuren

Die Göttinnen Juno, Minerva. und Venus. Jede von ihnen ist sehr schön. Juno, eine schwarze, üppig Schönheit im roten Chiton, mit goldener Krone. Minerva, blauhaarig und blau gewandet, mit Helm, Schild und Lanze. Venus, blond, sinnlich, weiß umschleiert.
Merkur, smarter Politiker und vielgereister Götterbote.
Paris ist sehr jung, wenig über zwanzig. Er ist hübsch und von vollkommener Anmut. Sein Anzug ist der eines realen Schäfers arm, praktisch und nicht unbedingt sauber, aber es gehört zu seinem Charme, daß ihm, was er trägt, steht. Auf dem Kopf hat er natürlich einen Strohhut.
Helena ist verhältnismäßig leicht zu besetzen. Eine Frau, zarteste Jugend mit sinnlicher Reife verbindend; äußerst intelligent, indes von durchaus weiblicher Denkart; phlegmatisch, aber sensibel; unübertrefflich schön und dabei von sehr persönlichem Charme, – mehr wird da nicht verlangt.
Kalchas hat den Kopf eines Römers. Keiner, er selbst am wenigsten, würde bei seinem Anblick auf den Gedanken kommen, daß das Amt eines Jupiterpriesters etwas mit Religion zu tun hat. Er ist ein militanter Reaktionär, bewußt, stolz, würdevoll, sinnenfeindlich. Was ihn allenfalls von einem römischen Stoiker unterscheidet, ist, daß diese Eigenschaften nicht bis zum Kern seines Wesens reichen. Er braucht zur Würde noch würdige Situationen, zur Keuschheit das Fehlen von Versuchung. Übrigens weiß der Autor nicht, ob sich das bei einem römischen Stoiker anders verhielt.
Agamemnon, der König der Könige. Er ist der große Politiker, stark vergoldet und voll Majestät. Seine Haltungen zeugen durchweg von Stolz und Würde.
Achilles, der edle Krieger. Er ist gut und teuer bewaffnet, ein Facharbeiter des Militarismus. Er, hat die Stupidität eines deutschen Jagdfliegers mit Ritterkreuz.
Die beiden Ajaxe. Das sind zwei Raufbolde und Schlagetote der niedrigen Art, komische Figuren wie der Herkules der Komödie.
Menelaos, eine der tragischen Gestalten, die ihrer Zeit voraus sind. 3000 Jahre später geboren, hätte er einen ganz guten Versicherungskassier abgegeben; er wäre dann auch gehörnt worden, aber durchaus unschuldig am Ausbruch des Weltkrieges.
Jupiter: Dieter Franke
Merkur: Peter Dommisch
Venus: Barbara Dittus
Minerva: Barbara Adolph
Juno: Antje Ruge
Paris: Fred Düren
Helena: Elsa Grube-Deister
Kalchas: Rolf Ludwig
Agamemnon: Reimar Johannes Baur
Achilles: Harry Pietzsch
Ajax I: Hans Lucke
Ajax II: Johannes Maus
Menelaos: Günter Sonnenberg
Bacchis: Johanna Clas
Philokemus: Friedrich Links
Chor: Jenny Gröllmann, Annelene Hischer,
Gudrun Ritter, Christine Schorn, Sabine Thalbach,
Rudolf Christoph, Hans Bergermann, Alex-Peter Lang,
Gerhard Lau, Werner Tornow


von Peter Hacks
nach dem Libretto von Meilhac und Halevy

Musik: Jacques Offenbach
bearbeitet von Herbert Kawan und Reiner Bredemeyer
Kinderchor
Instrumentalgruppe
Leitung: Reiner Bredemeyer

Regie: Benno Besson
Regie-Assistenz: Wolf-Dieter Panse
Bühnenvertrieb: Henschel-Verlag Berlin