Feinde

von Maxim Gorki
2-LP LITERA 8 60 127/128
Covertext:
Maxim Gorki schrieb die „Feinde“ als Achtunddreißigjähriger, im Jahre 1906. Dieses Schauspiel ist in seinem Schaffen ebenso wie in der dramatischen Literatur der Epoche hervorragend. Der Dichter, literarischer Repräsentant seiner Zeit, hatte zwar keine Universitäten besuchen können, aber auf der Wanderschaft durch sein Land und bei der Arbeit in zahlreichen Erwerbszweigen erwarb er eine umfassende Lebens- und Gesellschaftskenntnis.
Wegen revolutionärer Tätigkeit erregte er 1889 zum ersten Mal die Aufmerksamkeit der Polizei und 1905 wurde er im Zusammenhang mit dem Petersburger Blutsonntag in der berüchtigten Peter-Paul-Festung inhaftiert. Die revolutionären Ereignisse des Jahres 1905 bilden den unmittelbaren historischen Hintergrund der „Feinde“.

In diesem Werk stehen die Antagonisten der Gesellschaft einander von Person zu Person gegenüber. Die Gruppe der Arbeiter mit ihren Widersprüchen zeugt vom Wachsen der revolutionären Bewegung, von den Schwierigkeiten auf dem Wege zu einer organisierten und geschulten Arbeiterklasse. In diesem Wachstumsprozeß sind Einheit und Größe, erwachsen aus dem Gefühl der Zusammengehörigeit, Opferbereitschaft und Kampfentschlossenheit deutlich sichtbar. Wenn die zwischen den Fronten schwankende Schauspielerin Tatjana ihre mit den Arbeitern sympathisierende junge Nichte Nadja mit den Worten tröstet: „Diese Menschen werden siegen“, so spricht daraus die aus dem bitter erlebten Vergleich zwischen beiden Klassen gewonnene Einsicht von der moralischen Überlegenheit der Arbeiter. Tatjanas Zukunftshoffnung für die Kunst beruht auf dem Gefühl von der Humanität der kommenden Gesellschaft, die diese Arbeiter nach ihrem Sieg errichten werden:
„Wie sehnt man sich nach anderen Menschen, teilnahmsvolleren. Nach einem anderen Leben, weniger alltäglichen, einem Leben, in dem die Kunst immer notwendig ist, für alle notwendig, in dem auch ich nicht überflüssig bin.“
Tatjanas Position ist charakteristisch dafür, daß die herrschende Schicht der Gesellschaft zerfällt und zerbröckelt, daß die Einheit dieser Klasse längst verloren ist. Ihre besten Vertreter sehnen sich hinaus, suchen neue Verbündete und ein sinnvolles Leben auf der Seite der Kämpfer für eine neue Gesellschaft.
Eine andere Art Widerspruch bestimmt das Verhältnis des Fabrikanten Sachar Bardin zu seinem Teilhaber Michail Skrobotow. Bardin – eine Figur, die zu höchst aktuellen Parallelen herausfordert – will seine Fabrik weich, liberal leiten; er gibt sich der Illusion hin, er könne human sein, und läßt sich nicht allzu widerwillig davon überzeugen, daß ihm die Umstände Humanität verwehren. Mit dem brutalen, rücksichtslosen Michail Skrobotow als Gegenspieler hat Gorki höchst eindringlich zwei Seiten des gleichen Prinzips dargestellt. Den moralischen Zustand der herrschenden Klasse, der in ihrer Unterlegenheit eingeschlossen ist, schildert die Frau des brutalen Kompagnons, Kleopatra: „Wir aber leben alle in Feindschaft, wir glauben an nichts, sind durch nichts gebunden, jeder für sich allein. Wir stützen uns auf Gendarmen, auf Soldaten, diese aber (die Arbeiter) auf sich selbst. Und sie sind stärker als wir!“ Es ist bezeichnend für Gorkis dichterisches Verfahren, daß er diese Worte und den Appell, freundschaftlich und vertrauensvoll zusammenzuleben, gerade der Person in den Mund legt, die die Fabel als die herzloseste, kälteste und egoistischste ihres Kreises ausweist und die in diesem Sinne „typische“ Vertreterin ihrer Klasse ist.
Die offene Form des Stückes, dem Gorki die Bezeichnung „Szenen“ gab, bedient seinen Humor ebenso wie sein Pathos, beide sind verwurzelt in der überlegenen historischen Position seines Autors. Gorki hat alle Gestalten des Stückes mit einem großen psychologischen Reichtum ausgestattet. Feinste Differenzierungen zwischen ihnen bedienen den Aufbau jeder einzelnen Figur. Aus solchen Gründen gehört Gorkis Werk auch die Sympathie der Schauspieler. Für das Engagement des Dresdner Kollektivs spricht es, daß sie dieses provozierende und zündstoffhaltige Stück auf einer Gastspielreise durch die Bundesrepublik im Frühjahr 1966 zu einem großen Erfolg geführt haben. Die „Frankfurter Rundschau“ bestätigte ihnen ihre Identifikation mit dem Anliegen des Stückes als einen der Gründe ihres Erfolges: „Bewunderswert die Intensität der Akteure, die Unmittelbarkeit, mit der sie ihre Positionen einnehmen, ihr soziales Pathos, ihre Suggestivkraft in durchaus legitimer Weise einsetzen. Welch ein Zusammenspiel!“
Ein Teil der westdeutschen Presse versuchte ihren Lesern bei dieser Gelegenheit klarzumachen, das Stück sei historisch überholt und antiquiert, denn zum Beispiel die Ausbeutung habe sich in Überforderung der Individuen verwandelt („Die Rheinpfalz“). Auf der anderen Seite war diese Presse aber höchst beunruhigt über die Reaktionen der westdeutschen Zuschauer. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bemerkte über den Darsteller des alten Lewschin, den zweiten Führer der Arbeiter: „Diesem Darsteller eines Biederkeit, Klugheit und Menschlichkeit fast unerträglich häufenden Revolutionärs schlug auch am Schluss fast zu Ovationen gesteigerter Applaus entgegen. Galt das der Darstellung, galt das der Rolle? Und was ist das – in diesem Fall – für ein Publikum?“
M. I. Uljanowa, Lenins Schwester, schrieb nach dem Tode Gorkis: „An seinem unsterblichen Werk werden die Werktätigen der gesamten Welt lernen, den Menschen zu schätzen und für ein besseres, lichtes Leben in der ganzen Welt, für den Kommunismus zu kämpfen.“
Gorkis revolutionäre humanistische Botschaft findet überall ihr Publikum. Der Reichtum seines Werkes offenbart uns immer wieder neue Seiten, führt uns zu neuen Entdeckungen – in Zeiten des Kampfes und in Zeiten des Aufbaus.

Ursula Püschel
Sachar Bardin: Hans Kießler
Polina – seine Frau: Ingrid Fandrei
Jakob Bardin – sein Bruder: Walter Kainz
Tatjana – seine Frau: Thea Elster
Nadja – Polinas Nichte: Renate Blume
Petschenjegow – General: Rolf Hoppe
Michail Skrobotow: Peter Herden
Kleopatra – seine Frau: Traute Richter
Nikolaj Strobotow – sein Bruder: Alfred Struwe
Ssinzow: Joachim Zschocke
Pologij: Siegfried Göhler
Konj – ehemaliger Soldat: Fritz Bogdon
Grekow: Wilfried Weschke
Lewschin: August Hütten
Jagodin: Rudolf Donath
Rjabzow: Friedrich Wilhelm Junge
Akimow: Reinhold Stövesand
Agrafena – Wirtschafterin: Charlotte Friedrich
Bobojedow – Rittmeister: Wilhelm Burmeier
Kwatsch – Wachtmeister: Gerhard Vogt
Polizeikommissar: Klaus Gehrke
Landgendarm: Heinz-Karl Konrad

von Maxim Gorki

Deutsch von O. D. Potthoff
Schallplattenbearbeitung: Hans-Dieter Mäde
Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Ursula Püschel
Regie-Assistenz: Werner Schurbaum
Regie: Hans-Dieter Mäde
Inszenierung des Staatstheaters Dresden