Georg Büchner – „Ich habe darüber meine eigenen Gedanken …“
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Covertext:
17. Oktober 1813: Georg Büchner in Goddelau (Hessen) geboren. Vater: Doktor der Chirurgie, Geburtshilfe und inneren Heilkunde; ab 1816 in Darmstadt Großherzoglicher Bezirksarzt, später Medizinalrat
16.–19. Oktober 1813: Völkerschlacht bei Leipzig
September 1814–Juni 1815: Wiener Kongress
September 1819: Karlsbader Beschlüsse und Demagogenverfolgung
1820–1831: Elementarunterricht durch die Mutter, Besuch einer Privatschule, später des Darmstädter Humanistischen Gymnasiums.
Juli 1830: Revolution in Paris
Oktober 1831: Georg Büchner zum medizinisch-naturwissenschaftlichen Studium nach Straßburg, wohnt beim Pfarrer Jaeglé, dessen Tochter Wilhelmine (Minna), 3 Jahre älter als er, seine heimliche Geliebte wird.
November/Dezember 1831: Generalstreik der Lyoner Seidenweber
Dezember 1831: Strassburger Bevölkerung bereitet den polnischen Aufstandsgeneralen Ramorino, Langermann einen triumphalen Empfang
Büchner nimmt daran teil. Er findet Anschluß an die Studentenverbindung „Eugenia“, gilt dort als „feuriger und streng republikanisch gesinnter Patriot“ und gewinnt zunehmend mehr Einblick in die progressiven politischen Strömungen seiner Zeit.
Juni 1832: Pariser Volkserhebung gegen die Monarchie
Oktober-November 1832: Niederschlagung des Aufstandes – „Societe des Droits de L’Homme et du Citoyen“ wird gegründet – hat Vorbildwirkung auf die deutschen „Gesellschaften der Menschenrechte“
April 1833: Sturm auf die Hauptwache in Frankfurt am Main – Einsatz von Militär – viele Verhaftungen
Juli 1833: Büchner verläßt Straßburg, um an der Großherzoglichen Hessischen Landesuniversität in Gießen sein Studium abzuschließen. Seine vom Vater erwirkte 2jährige Auslandsbeurlaubung ist abgelaufen.
Oktober–November 1833: Streiks der Pariser Handwerker, Arbeiter und Gesellen – Annäherung von republikanischer und früher Arbeiter-Bewegung
November 1833: Büchner erkrankt an Hirnhautentzündung.
Dezember 1833: Er erlebt „widrige Verhältnisse“ in Gießen.
Februar-März 1834: Büchner studiert „die Geschichte der Revolution“.
März 1834: „Der Hessische Landbote“ entsteht im Entwurf. Verlobung mit Wilhelmine Jaeglé.
Ostern 1834: Büchner auf Besuch in Straßburg. Er macht sich vertraut mit der republikanischen und frühproletarisch-kommunistischen Bewegung in Frankreich.
April 1834: Generalstreik in Lyon; Republikanischer Aufstand und Barrikadenkämpfe in Paris – Niederschlagung der Revolte – Verhaftungswelle
Mitte April 1834: Büchner gründet in Darmstadt eine Sektion der „Gesellschaft der Menschenrechte“.
Ende April 1834: Semesterbeginn in Gießen.
Pfingsten 1834: Nochmalige Reise nach Straßburg. Im Mai/Juni reorganisiert Büchner die Gießener Sektion der „Gesellschaft der Menschenrechte“.
Juli 1834: Büchners Text des „Hessischen Landboten“ wird von Pfarrer Weidig in revolutionären Kernpunkten korrigiert: statt „Reiche“ heißt es nun „Vornehme“ in der Flugschrift.
1. August 1834: Exemplare des ausgedruckten „Hessischen Landboten“ werden auf Grund von Denunziation beschlagnahmt, Büchner sucht alle beteiligten Verschwörer zu warnen.
3.–8. August 1834: Auch gegen Büchner wird ermittelt, jedoch noch ohne Haftbefehl.
August/September 1834: Weitere Verteilung der nicht beschlagnahmten „Landboten“-Exemplare.
September 1834: Pfarrer Weidig wird strafversetzt.
Dezember 1834: Wahrscheinlicher Beginn der Arbeit an „Dantons Tod“.
21. Februar 1835: Büchner schickt „Dantons Tod“ an Karl Gutzkow, der sofort positiv reagiert.
5. März 1835: Flucht Büchners über die französische Grenze nach Straßburg.
6. April 1835: Verhaftung August Beckers.
Bis 7. April 1835: Vorabdruck der von Gutzkow gekürzten Fassung von „Dantons Tod“ in „Phönix. Frühlingszeitung für Deutschland“.
22. April 1835: Pfarrer Weidig wird inhaftiert und endet später durch Selbstmord.
Juli 1835: Buchausgabe und Gutzkows Rezension zu „Dantons Tod“ erscheinen.
28. Oktober 1835: Rezension im „Literarischen Notizenblatt“ (zur Dresdner „Abendzeitung“) denunziert „Dantons Tod“ als eines „jener Bücher …, welche jede gute Staatspolizei nie öffentlich auslegen läßt und den geheimen Vertrieb möglichst verhindert“.
2. November 1835: Büchner plant Promotion in Zürich und Dozenten-Tätigkeit dort ab Ostern 1836.
Dezember 1835: Vorarbeiten für die Promotion (minutiöse Fischpräparationen).
April/Mai 1836: Nach Vorlesungen in der „Societe d’histoire naturelle des Strasburg“ wird Büchner zum Korrespondierenden Mitglied ernannt.
Sommer–Herbst 1836: Büchner arbeitet offenbar gleichzeitig an: „Leonce und Lena“, ersten Szenen vom „Woyzeck“, einem verloren gegangenen „Aretino“-Drama und philosophischen Exkursen.
3. September 1836: Philosophische Doktorwürde für Büchner von der Züricher Universität.
18. Oktober 1836: Büchner reist in die Schweiz, wo er in Zürich bei Wilhelm und Caroline Schulz ab 7. November wohnt.
5. November 1836: Probevorlesung „Über Schädelnerven“, die den „allgemeinen Beifall“ findet und Zulassung als Privatdozent.
Januar 1837: Beginn der tödlichen Erkrankung: Typhus
19. Februar 1837: Georg Büchner stirbt, 23jährig.


Breife und Erinnerungen an Georg Büchner

… In aller Eile einige Worte! Ihr Drama gefällt mir sehr, und ich werde es … empfehlen: nur sind theatralische Sachen für Verleger keine lockende Artikel. Deshalb müßten Sie bescheidene Honorarforderungen machen …
Karl Gutzkow, 25. Februar 1835

… Sie sollten meine Ermunterung, in der Teilnahme an der deutschen Literatur fortzufahren, nicht in den französischen Wind schlagen. Was Sie leisten können, zeigt Ihr „Danton“ der des Vortrefflichen so viel enthält … Ich glaube, Sie taugen zu mehr als zu einer Erbse, welche die offne Wunde der deutschen Revolution in der Eiterung hält. Treiben Sie wie ich den Schmuggelhandel der Freiheit … Man nützt so mehr, als wenn man blind in Gewehre läuft, die keineswegs blindgeladen sind …
Karl Gutzkow, 17. März 1835

… Ich wiege mich in dem Gedanken, Sie entdeckt zu haben und Sie recht als ein schlagendes Beispiel … der Menge, mit der ich mich zu balgen habe, gegenüberhalten zu können. Soll ich Sie noch mehr loben? Nein, Sie sollen sich Ihren eignen Stolz machen … Ich stelle mir in Ihnen einen nicht über 5 Fuß hohen Kerl oder Menschen oder Mann, wie Sie wollen, vor, und zwar fröhlicher Laune …
Karl Gutzkow, 7.April 1835

… Dieser Büchner war mein Freund, der mich lange Zeit zum einzigen Vertrauten seiner teuersten Angelegenheiten machte, von welchen er weder seine Familie noch einem seiner andern Freunde etwas gesagt hatte. Ein solches Vertrauen mußte ihm mein Herz gewinnen, seine liebenswürdige Persönlichkeit, seine ausgezeichneten Fähigkeiten … mußten mich unbedingt für ihn einnehmen bis zur Verblendung. Die Grundlage seines Patriotismus war wirklich das reinste Mitleid und ein edler Sinn für alles Schöne und Große. Wenn er sprach und seine Stimme erhob, dann glänzte sein Auge … wie die Wahrheit. Ich habe die von ihm verfaßte Flugschrift abgeschrieben. Was hätte ich nicht für ihn getan, wovon hätte er mich nicht überzeugt? Büchner … wollte, wie er mir oft gesagt hat, sich durch diese Flugschrift überzeugen, inwieweit das deutsche Volk geneigt sei, an einer Revolution Anteil zu nehmen. Er sah indessen ein, daß das gemeine Volk … nur dann bewogen werden könne, seine gegenwärtige Lage zu verändern, wenn man ihm seine naheliegenden Interessen vor Augen lege …
Die Tendenz der Flugschrift läßt sich vielleicht dahin aussprechen: Sie hatte den Zweck, die materiellen Interessen des Volkes mit denen der Revolution zu vereinigen, als dem einzigen möglichen Weg, die letztere zu bewerkstelligen. Solche Mittel, die Revolution herbeizuführen, hielt Büchner für ebenso erlaubt und ehrbar als alle andern …
August Becker, 1835/36, Gerichtliche Aussagen

Mein lieber Georg … In Teutschland befinde ich mich sehr wohl; es ist nicht halb so schlimm, wie Du glaubst … Es gibt keinen besser organisierten Staat in Europa wie in Preußen, beinahe in aller Beziehung. Die Regierung herrscht nach den bestehenden Gesetzen kraftvoll und energisch, und von eigentlichem Despotismus habe ich wenig oder gar nichts gesehn. Über Politik darf man sich, und hauptsächlich Fremde, ziemlich freimütig äußern, nur nicht gegen die bestehende Regierungsverfassung. Was ich hauptsächlich in Preußen bewundere, das sind die militärischen Institutionen. Es ist nicht zu leugnen, daß Preußen der erste und bestorganisierte Militärstaat der Erde ist. und das heißt viel …
Eugen Boeckel, 4. September 1836

Lieber Georg! … Meine Besorgnis um Dein künftiges Wohl war bisher noch zu groß, und mein Gemüt war noch zu tief erschüttert durch die Unannehmlichkeiten alle, welche Du uns durch Dein unvorsichtiges Verhalten bereitet und gar viele trübe Stunden verursacht hast, als daß ich mich hätte entschließen können, in herzlicher Relation mit Dir zu treten; wobei ich jedoch nicht ermangelt habe, Dir pünktlich die nötigen Geldmittel …, welche ich zu Deiner Ausbildung für hinreichend erachtete, zufließen zu lassen.
Nachdem Du nun aber mir den Beweis geliefert, daß Du diese Mittel nicht mutwillig oder leichtsinnig vergeudet, sondern wirklich zu Deinem wahren Besten angewendet und ein gewisses Ziel erreicht hast … und ich mit Dir über Dein ferneres Gedeihen der Zukunft beruhigt entgegensehen darf, sollst Du auch sogleich wieder den gütigen und besorgten Vater … in mir erkennen … Sei nur recht vorsichtig in Deinem Benehmen und in Deinen Äußerungen gegen und über jedermann. Bedenke stets, daß man Freunde nötig hat und daß auch der geringste Feind schaden kann.
Büchners Vater, 18. Dezember 1836

… Alles, was in dem lose angelegten Drama („Dantons Tod“ / H. B.) als Motiv und Ausmalung gelten sollte, war aus Charakter und Talent zusammengesetzt. Jener ließ diesem keine Zeit, sich breit und behaglich zu entwickeln; dieses aber auch jenem nicht, nur bloß Gesinnungen und Überschweifungen hinzuzeichnen, ohne wenigstens eine in der Eile versuchte Abrundung der Situationen … Ich hatte indessen große Mühe mit seinem „Danton“, da solche Dinge, wie Büchner sie hingeworfen, Ausdrücke, die er sich erlaubte, heute nicht gedruckt werden dürfen. Es tobte Sansculottenduft in der Dichtung: die Erklärung der Menschenrechte wandelte darin, mit Rosen bekränzt, aber nackt. Die Idee, die das Ganze zusammenhielt, war die rote Mütze … Um dem Zensor nicht die Lust des Streichens zu gönnen, ergriff ich selbst dies Amt und beschnitt die wuchernde Demokratie der Dichtung mit der Schere der Vorzensur. Da fühlt ich wohl, wie gerade der Abfall des Buches, der unsern Sitten und Verhältnissen geopfert werden mußte, der beste, der individuellste, eigentümlichste Teil des Ganzen war. Lange, zweideutige Dialoge in den Volksszenen, die vom Witz und Gedankenfülle sprudelten, mußten zurückbleiben. Die Spitzen der Wortspiele mußten abgestumpft werden oder durch aushelfende dumme Redensarten, die hinzuzusetzen waren, krumm gebogen. Der echte Danton von Büchner ist nicht erschienen. Was davon herauskam, ist ein notdürftiger Rest, die Ruine einer Verwüstung, die mich Überwindung genug gekostet hat …
Wie wenig er auch arbeitete und erklärte, für den „Danton“, der so hurtig zustande gekommen, wären „die darmstädtischen Polizeidiener seine Musen gewesen“, so trug er sich doch mit einer Novelle, wo Reinhold Lenz im Hintergrund stehen sollte …
Karl Gutzkow, Juni 1837, Nachruf im „Frankfurter Telegraf“

… Büchner liebte vorzüglich Shakespeare, Homer, Goethe, alle Volkspoesie, die wir auftreiben konnten, Aschylos und Sophokles; Jean Paul und die Hauptromantiker wurden fleißig gelesen. Bei der Verehrung Schillers hatte Büchner doch vieles gegen das Rhetorische in seinem Dichten einzuwenden … Für Unterhaltungslektüre hatte er keinen Sinn; er mußte beim Lesen zu denken haben. Sein Geschmack war elastisch. Während er Herders „Stimmen der Völker“ und „Des Knaben Wunderhorn“ verschlang, schätzte er auch Werke der französischen Literatur. Er warf sich frühzeitig auf religiöse Fragen, auf metaphysische und ethische Probleme, in einem inneren Zusammenhang mit Angelegenheiten der Naturwissenschaften … Für echte Poesie war seine Liebe groß, sein Verständnis fein und sicher. Für die Antike und für das Seelenbezwingende in der Dichtung neuerer Zeiten hatte er gleiche Empfänglichkeit, übrigens so, daß er sich dem einfach Menschlichen mit Vorliebe zuwandte. Sein mächtig strebender Geist machte sich eigne Wege; in der Schule befriedigte er durch recht mäßige Anstrengung … Die Natur liebte er mit Schwärmerei … Kein Werk der deutschen Poesie machte … auf ihn einen so mächtigen Eindruck wie der „Faust“ … Ich bin überzeugt, daß mein unvergeßlicher Jugendfreund … mehr zum Philosophen als zum Dichter geboren war; auch den Beruf zum bedeutenden Naturforscher scheint er schon damals entschieden angekündigt zu haben …
Friedrich Zimmermann, 13. Oktober 1877 an Karl Emil Franzos


Nachwirkungen bis in die Gegenwart
… Hier (im „Woyzeck“ / H. B.) dichtet jemand aus dem Grunderlebnis menschlicher Standesgleichheit und menschlichen Glücksanspruchs … Dieses Trauerspiel hat zum ersten Male den Helden unterhalb aller bisherigen dramenwürdigen Stände gefunden …
Arnold Zweig, 1926, Versuch über Büchner

… Büchner ist … plebejischer Revolutionär … Er suchte … mit dem großen Instinkt eines wirklichen, epochemachenden Tragikers den säkularen Widerspruch seiner Periode im Spiegel der Französischen Revolution darzustellen. Und zwar nicht so, daß er die Probleme seiner Zeit in diese Periode hineingetragen und die Revolution als Kostüm benutzt hätte. Er erkannte vielmehr … daß dieses Problem seiner Epoche gerade in der Französischen Revolution aufgetaucht und eine bedeutend historisch-polemische Gestalt erhalten hatte … Die dramatisch-tragische Zentralstellung Dantons hängt damit zusammen, daß Büchner mit einer außerordentlichen dichterischen Tiefe nicht nur die politisch soziale Krise der revolutionären Bestrebungen des 18. Jahrhunderts am Wendepunkt der Französischen Revolution gestaltet, sondern zugleich, mit dieser Frage untrennbar verbunden, die Weltanschauungskrise dieses Übergangs, die Krise des alten mechanischen Materialismus als Weltanschauung der bürgerlichen Revolution. Dantons Figur, Dantons Schicksal ist die tragische Verkörperung jener Widersprüche …
… In dieser großen Tragödie tritt die Unfähigkeit des alten Materialismus, die Geschichte zu begreifen, in den Vordergrund. Büchner selbst hat diesen Konflikt sehr tief erlebt, ohne ihn philosophisch lösen zu können … Aber Robespierre und Saint Just sind doch ebensowenig mit Büchner identisch wie Danton. Und gerade weil Büchner in dieser großen geistigen Krise unerschütterlich an der materialistischen Philosophie festhält und nie den Glauben verliert, mit ihrer Hilfe die großen Probleme des Lebens lösen zu können, steht seinem Gefühl Danton näher als der ihm politisch verwandtere Saint Just … Was Büchner politisch sucht, die Konkretisierung der ,Armen‘ zum revolutionären Proletariat, ist in seiner, der deutschen Wirklichkeit nicht vorhanden. Deshalb kann er auch in seinem konsequenten Materialismus die dialektische Auffassung der Geschichte nicht finden. Büchners persönliche Eigenart aber besteht darin, seinen widerspruchsvollen Weg wirklich geradlinig, ohne Schwankungen, unbekümmert um die Widersprüche zu Ende zu gehen … Daraus entsteht sein bedeutender, an Shakespeare und Goethe geschulter Realismus … Büchner hat seine realistischen Tendenzen ununterbrochen, offen und auf hohem theoretischen Niveau verkündet. Seine Theorie des Realismus ist: dichterische Widerspiegelung des Lebens in seiner Beweglichkeit, Lebendigkeit und unerschöpflichen Reichtum …
Georg Lukas, Der faschistisch verfälschte und der wirkliche Georg Büchner. Zu seinem 100. Todestag am 19. Februar 1937

… Lest alle, die jung starben zur Zeit Goethes, die Lenz und Bürger und Hölderlin und Büchner. Versteht, was den Dichter jenseits der Grenzen gejagt hat, ihres Landes und ihrer Zeit …
Anna Seghers, Illegales legal, 1938

… Bis ich selbst den abrückenden historischen Stil Kleists begriff und liebte, verging ziemlich viel Zeit. Heute erscheint mir die Novelle ,Lenz‘ von Georg Büchner der Anfang der modernen Prosa. Man hätte mich aber lange nicht zwingen können, die Novelle wie heute zu bewundern
Anna Seghers, 18. April 1964

… Büchners Realismus hatte genug Substanz, den unglücklichen Lenz aufzuheben. Wenn wir über den sozialistischen Realismus reden oder dazu schreiben, müssen wir die Substanz ,haben‘ (nicht nur postulieren), den unvollendeten Büchner aufzuheben.
Max Walter Schulz, Rendezvous mit Georg Büchner, 1967

… Georg Büchner … fand vor über 100 Jahren den Anfang und, das kann man unbesorgt sagen, einen Höhepunkt der modernen deutschen Prosa. Zwar benutzt er für seine Lenz-Novelle in horrend unverfrorener Weise den Krankenbericht des Pastors Oberlin, und die Verwandlung dieses Materials in Kunst riecht nach Hexerei. Bis man dahinterkommt, daß der Erzähler den vollen Einsatz gezahlt hat: „Mit wenigen Mitteln“ hat er sich selbst dazugetan, seinen unlösbaren Lebenskonflikt, die eigene Gefährdung, die ihm wohl bewußt ist. Ein Konflikt, in dem sich die tausendfache Bedrohung lebendiger, entwicklungshungriger und wahrheitssüchtiger Menschen in Restaurationszeiten gesteigert spiegelt: der Dichter, vor die Wahl gestellt, sich an unerträgliche Zustände anzupassen und sein Talent zu ruinieren oder physisch zugrunde zu gehen. Die Variante Wahnsinn Lenz – kann dem nachgeborenen Büchner nicht ganz fremd gewesen sein. Er kann sie durchgespielt haben, um ihr zu entrinnen. Die Distanz des nüchternen Beobachters, die der Krankenbericht ihm anbot, mußte ihm recht sein – entäußern wollte er sich nicht. Man mag von Mimikry reden. Nur soll man nicht weiterhin, wie Büchners Mit- und Nachwelt, seine Entdeckung übersehen: daß der erzählerische Raum vier Dimensionen hat; die drei fiktiven Koordinaten der erfundenen Figuren und die vierte, „wirkliche“ des Erzählers. Das ist die Koordinate der Tiefe, der Zeitgenossenschaft, des unvermeidlichen Engagements, die nicht nur die Wahl des Stoffes, sondern auch seine Färbung bestimmt. Sich ihrer bewußt zu bedienen ist eine Grundmethode der modernen Prosa …
Büchners Lenz-Novelle steht – hoch über dem trüben Strom konventioneller Prosa, die seitdem in deutscher Sprache produziert wurde – frisch und kühn wie an dem Tag, an dem sie geschrieben wurde … Büchner gibt alles, die Prosa des Alltags: Situation, Umstände, Psychologie, Analyse – und er verwandelt es, indem er die Vision dazutut, von der er lebt und unter der er leidet. Und wäre sie nur sichtbar im Ton des unübertroffenen Schlußsatzes, gegen den, so kann es einem vorkommen, die Menschheit sich seitdem auflehnen muß: So lebte er hin.
Weggefegt ist der Rauchvorhang vor dem Gewimmel der erdichteten Gefühle. Einsicht herrscht, Nüchternheit und Kenntnis bei gesteigerter Sensibilität: Realismus. Nicht Dürre der Konstruktion oder Naturalismus, aber auch der Überschwang erhitzter Empfindungen nicht. Sondern: phantastische Genauigkeit…
Christa Wolf, Lesen und Schreiben, 1968

… Der Dichter Büchner, der Arzt und Politiker, sie wollen ans Leben heran so nahe wie möglich. Wo die Wirklichkeit mit der Revolution schwanger geht, kann die Kunst nicht auskommen ohne sie. Schon gar nicht, wenn sie selbst auf die gesellschaftliche Veränderung hin will …
Werner Brauning, Prosa schreiben, 1968

… Die Unerschrockenheit, mit der Heine, und neben ihm nur Georg Büchner, die verschwommenen liberalen Forderungen seiner Zeit zugespitzt hat zur Frage nach den sozialen Verhältnissen, hat ein Maß gesetzt, vor dem selbst unsere DDR-Literatur ziemlich kurz aussieht …
Volker Braun, Drei ausgelassene Antworten, 1972

… Denn Büchner, das weiß jedes Schulkind, ist der literarische Vorfahr von so ziemlich der Hälfte aller in der DDR lebenden und schreibenden Schriftsteller. Jeder nimmt ihn auf seine Weise in Anspruch. Ohne ihn wäre Brecht nicht denkbar … Max Walter Schulz hält die ersten zwei Seiten der … Novelle („Lenz“ / H. B.) für gekonnter und wichtiger als den Text Hunderter Gegenwartsromane …“
Erik Neutsch, Reise zu Büchner, 1975

… Ja, der Büchner hat viel für sich (was eben andere nicht haben): wenn man ihn zum Anlaß nimmt, dem sozialen Gehalt, dem Interesse für den Grund der Gesellschaft nachzufragen. Natürlich ist hier immer der Ansatz aller kommunistischer Germanistik …
Volker Braun, Aus einem Brief, 1980

Ich bin von radikalem Mißtrauen Leuten gegenüber, die Büchner nicht zur Kenntnis nehmen.
Werner P., Prenzlauer Berg; aus Irma Liebmanns Protokollbuch „Berliner Mietshaus“ (1983)
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Dokumente
Briefe
„Der hessische Landbote“



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Briefe
„Dantons Tod“



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Steckbrief
„Lenz“-Novelle
Briefe



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Briefe
„Woyzeck“
Tagebuchaufzeichnungen


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Georg Büchner: Hanns-Jörn Weber
„Lenz“-Novelle-Leser: Stephan Hermlin
Georg Danton: Hans Teuscher
Julie – seine Frau: Regina Jeske
Robespierre: Volkmar Kleinert
St. Just: Friedrich-Wilhelm Junge
Woyzeck: Horst Hiemer
Marie: Walfriede Schmitt
Hauptmann: Joachim Zschocke
Doktor: Rolf Hoppe
„Der Hessische Landbote“: Hanns-Jörn Weber, Ute Boeden, Ruth Glöß, Ruth Kommerell, Peter Reusse, Peter Tepper, Harald Warmbrunn
Pfarrer Jakob Wiener: Karl-Heinz Liefers
(Taufdokument)
Gymnasialdirektor Dilthey: Eckhart Strehle
(Abschlußzeugnis)
Hofgerichtsrat Georgi: Heinz Schröder
(Steckbrief)
Caroline Schulz: Barbara Schnitzler
(Tagebuchaufzeichnungen)
Chronistin: Gertraud Klawitter

Collagengestaltung: Hans Bräunlich
Musik: Jürgen Ecke
Regie: Fritz Göhler

Klavier, Synthesizer: Jürgen Ecke
E-Gitarre: Peter Falkenhagen
Schlagwerk: Heiner Herzog
Tuba: Georg Schwark
Violine: Stoytcho Todorov
Mitglieder des Rundfunkchores Berlin
Musikalische Leitung: Jürgen Ecke

Künstlerische Mitarbeit: Leni Löpez
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Christa Blaumann