Georgica
Lied vom Landbau


von Publius Vergilius Maro
2-LP LITERA 8 65 407/408
Covertext:
Da sind Auskünfte über Landarbeit, im Zuschnitt eines hellenistischen Kurz-Epos; auffallend daran die klare Teilung in 2 Buchpaare. Schön bestimmen die Inhalte den Grundriß.

In den Nachkrieg-Plänen der röm. Regierung löste nun Arbeits-Ethos die mord-empfehlende Ideologie der Militairs ab. Der älteste, nützlichste Stand sollte ermutigt und aufgewertet, weil wieder ans Land gebunden werden. Vergil empfiehlt, Stadt- und Landleben in Einklang zu bringen, aber auch Mensch und übrige Natur. Wie schon die Eclogae weder von noch für Hirten geschrieben worden waren, sondern für Belesene in den großwerdenden Städten, so auch hier: städtischen Lesern sollte das mühvolle Leben der italischen Bauern und die Ordnung der ländlichen Welt gezeigt werden, den appetitus auf sie mit poetischen, aromatischen Worten weckend.

Iupiter ließ – nach Vergils Vers – Überfluß und Fruchtfülle der Natur den Menschen versiegen, begünstigte aber dadurch Selberdenken, Ersinnen, Erfinden. Die bald physiokratisch werdende Regierung bekam derart ihren Überbau freihaus. Diese Epik, stark lyrik-durchtränkt, lenkt hin auf Frieden. Nach den anhaltend kriegerischen Läuften war die Sehnsucht danach allgemein. Das Werk fiel auf. Da sind Schönheiten allerorten, wohlüberlegte Gedankenführung und sprachlich feinster Bau der einzelnen Episoden; in präziser Balance, ohne die ja Kunst nicht ist. Und der Poet wird kenntlich als ein philosophisch Gebildeter der letzten vorchristlichen Jahrzehnte.

In den Georgica hinterließ Vergilius uns sein schönstgebautes Denkwerk, Hesiodos nah, dem Nützlichen. Es ist inhaltdicht auch dann, wenn er weit her zu fabulieren scheint. Ein ländliches Lehrgedicht, von Maecenas angeregt und ihm gewidmet. Alle 4 Libri haben klar abgehobene Prooemien und münden – nach ausführlichem, dennoch poetisch starkem Sachteil – in didaktische Finales. Wie, weit später, hei der Estampie – aus Tanzform her – die 1. Zeile den Halb-, die 2. aber den Ganzschluß hat (ähnlich bei Lai und Sequenz), so haben die 4 Bücher der „Georgica“ – paarig geordnet – 1 und 3 den (skeptischen) Halb-, 2 und 4 aber den (ausblickreichen) Ganzschluß, mithin entschiedeneren, mutmachenden End-Akkord.

Der Titel geht auf grch. georgós (=Bauer) zurück, bedeutet etwa „Landbauhaftes“ und ist wohl dem gleichnamigen Lehrgedicht des Griechen Nikandros (um 200) entlehnt, wovon dank Athenaios mehrere Fragmente erhalten blieben.

Karl-Heinz Pridik analysierte Themen- und Sinnbalance der Auskünfte und erkannte, einzelne Exkurse weisen Ring-Anlage auf, die Unterthemen im Kreisgrundriß a+b+c + c+b+a abhandelnd, gewissermaßen schachtelhalmhaft geordnet. Dergleichen Symmetrie-Bauten begünstigen kunstfähige Strukturen. Die rargehenden Aussagen selber werden zu Bausteinen dieser Zyklen. Der sich nie gehen ließ, achtete auf feinste Schattierungen. Die Einleit-Partie Prooimion – lat. Prooemium – enthält vor Vers-Epen oft den Bittblick an die inspirierenden, gelingende Kunst einhauchenden Musen. Sie galten nicht zufallig als die Töchter dieser Mnemosyne, der (Göttin der) Erinnerung, als ja einer Hauptproduzierkraft des Reflektierens (durchaus auch der ins Künftige Schaffenden). Prooimion ist klar gegliedert. In nur 4 Hexametern ist das Vorhaben aufrißhaft enthalten. Schon in Vers 5 beginnt die Anrufung der Landgottheiten – in der tradierten Form eines Kurz-Hymnus.

Hier ist Landnähe praxishafter als in den Hirtengedichten, geht an die bäuerliche Seite – Arbeiten bringt Gewinn, durch Ernte –, kennt weniger die creative Muße der Viehhüter, die ihre Schützlinge weiden und die 7-rohrige Syrinx blasen oder Verliebtheiten ausleben. Sondern es ist die Rede von Feldbestellung, Klima- und Wetterkunde, insgesamt utilitas et voluptas; ansonst karge ländliche Sachverhalte werden poesiehaft ausgelotet, dadurch belebt und entfaltet, alle ihre Bezugpunkre herzeigend.

Letzlich enthalten die 4 Georgica eine Philosophie des nutzbringend redlichen Arbeitens, einschreitend in große Horizonte. Etwas wie Stiften von Lebenssinn liegt darin. Die – poetisierten – Sachauskünfte zeigen, was die damals alles schon wußten!

I
Der Poet rät, mit Frühjahrbeginn zu pflügen, bietet Kenntnis der Böden, zieht vor: heimische Art des Erbauers. Aber erst nachdem er sein Wissen über ferne Regionen bewies – sich selber poetisierende Exotik einbeziehend – preist er sein Italia. Er nennt sein Gedicht (II, 176) ein ascreum carmen und sieht es damit klar in der Nachfolge des Hesiodos. Besonders in Buch I übernimmt er dessen Principia des Gliederns: Form der Katalogdichtung und das Ordnen des Stoffs in blockhafte Aussage-Einheiten, nennt Vorzeichen für Wind und Regen, für heiteres Wetter. Astrale Objekte, atmosphärische und terrestrische Anzeichen interessierten damals.

Auch ohne Menschenarbeit bot die Natur reichlich und immer neu. Frühzeit der Sammler und Jäger lebte davon; solange nicht Übervölkerung geschah, bei Griechen und Römern schon im Verstädtern an manchen Wohnpunkten spürbar. Nur Harmonie zwischen Naturkräften und Menschenmühe brachte gesunde Ertragfülle. Mehrfelderwirtschaft gab es schon, mithin Ruhzeiten fur Böden.

Bewundernswert eingehaltene Zahlenverhältnisse regeln – durch Vers-Anzahl je Block – die Balance der Teile. Amoinitas der Landschaft – anmutige Lage, zu Besiedeln einladend – allenthalben. Als götterher definierte Warnzeichen, entlesbar den Symptomen des Wetterlebens, führen hin auf einen Prodigien-Katalog. Ende I ist die Harmonie gestört; naturwidriger, Landleben ablehnender Sozialzustand herrscht, der nur überwunden werden kann durch Umdenken und neues Handeln. Vergil fordert, in Einklang mit der Natur und ihrem dargebotenen Fruchtreichtum zu leben, in unisonem Zug den zu fördern.

Mit düsteren Romkriegbildern – einige wie vanitare Bildmuster zu Brechts Kriegsfibel: leere Helme, Fossile gewesenen Abschlachtens etc. – setzt, etwa 50 Verse lang, ein Finale schreckender Größe ein. Gibt seinen wie unseren Zeitgenossen zu denken.


II
Von Pflanzensorten und Entstehensarten ihrer genera gelangt er zu Vorbereiten der Saatböden und künstlich hantierter Entstehung, etwa durch Veredeln der Bäume. Dies abhandelnd bewegt sich sein Lehren in einer Art 3-Schritt voran: wissendes Beschreiben, Auffordern zu Hinwendung, Anleiten zum Tun. Biotope, die gemeinsamen Lebensräume von Planze und Tier, werden beachtet; bevorzugte Böden, Regionen, Länder. Plausibel ergibt sich als Gipfel und Buchmitte das Lobpreisen Italias, idealisiert als magna parens und saturnia tellus. Ein Sachthema wird hier tendenziell poetisch erhöht. Ambrosische Luft und bereitstehende Fruchtfülle der Natur in genußreich atembarer Aequivalenz der zutreffendsten Worte: laudes Italiae. Dringt er ins Detail, wählt er gern Exempla aus dem Weinanbau. Schönheiten – nie läßt Ebener sie sich entgehen und findet immer adaequaten Rang. Es ist die arkadische Seite. Grün dominiert allenthalben, klangfarbliche Nuancen sitzen am rechten Textort, strahlen Authenticitas ab, wirken.
Der scheue Poet erinnert, wie einfach zu leben sei und inmitten der Natur; enorm vorwegnehmend, was viel später Rousseau riet. Auch unser 18. Jh wollte der damals erblickbaren Natur wesensähnlich werden: einfach, frei, zum Besten dienend, un-verdorben, d. h. rein und unverkünstelt. Als schön galt der Aufklärung die Natur, soweit sie frucht- und nutzbar war. Preist der Poet eine friedlich daliegende Landschaft, ist alles noch auf sanfte Art da – allenthalben der ,Schöpfungsmorgen des Mai‘, die Nährpflanzen erwachen, die Wiese blickt frei heidnisch drein, braust in Frühlingswärme, glüht rings uns an. Liebe zum Landleben wird geweckt, haydnklang-hafte Schönheiten, vilan wie in „Seansons“ und „Creation“.

III
Maecenas trieb an zu Fortsetzen der Arbeit.

In das noch niemals bestiegene waldreiche Land der Dryaden
führt mich inzwischen dein wahrlich nicht sanftes Drängen, Maecenas.
Ohne dich kann ich nichts Großes gestalten. Wohlan denn, ich werde
länger nicht säumen. Laut ruft der Kithairon, laut ruft mich die Meute
aus dem Taygetus, auch Epidaurus, die Herrin der Rosse,
doppelt so laut erdröhnt der Widerhall rings aus den Wäldern
III, 40–45

Pferde und Rinder und ihre Aufzucht werden beschrieben. Sie stehen für Großviehhaltung – Esel, als weniger attraktiv, übergeht er. Die Zucht von Kleinvieh lehrt er an Schafen und Ziegen, läßt dort Schweinehalten – empfunden als ästhetisch geringerwertig, mithin auch kaum poesie-tauglich – weg.

Reiche Saatgefilde zeigt er uns, schöne Rosse und Rinder auf üppigen Fluren. Vergil war nun aus auf Wohllaut, da die Sprache seit Cicero freier geworden und geschmeidigt fähig wurde zu Anmut und Klarheit. Hier spürt man, das ernste Talent suchte sich ein großes, ihm gemäßes Thema: Landleben und Natur.

Ab Librum III ist auch andere Quellenlage. Varros Prosawerk über die Landwirtschaft, 12 Bücher „Res rustica“, kam 37 heraus und wird nun dominierende Vorlage. Vergilius übernimmt auch dessen Termini: aetas = Lebens-, Altersstufe; delictus = Sorgfalt der Obhut; forma – etwa bei Pferden – = Zustand; Schönheit und Geprägtheit des Geschlechts.

Des Poeten Blick schweift von Rinderweide hin zu den Pferden und zurück. Auffallend die schöne Gesinnung: nicht die Tiere kalt zu Ausbeutung gefangensetzen, sondern sie in menschliche Obhut bringen, es ihnen erträglich machen! Er gönnt ihnen auch was. Und erkannte – Passage über das Einüben junger Rosse – das Tier lernt noch linear, Ursache und Wirkung erlebend und dadurch merkfähig. Er lehrt Gelassenheit im Umgang mir diesen eigentlichen Geschwisterwesen.

Die Weideschönheiten und den appetitus auf Idylle nicht zu stören, verlegen wir die Kenntnis der pestes et morbi, der Seuchen und Krankheiten und der Schädlinge, womit er sich lucretisch auch dem Häßlichen in Natur stellt und so in Skepsis schließt, in den Anfang der IV. LP-Seite, Da sind auch die remedia; Gegenmittel, Abhilfe bietend.

IV
Wieder Schöngefild, nun schwirrend bewohnt von Bienen. Stätten, Hege. Er beachtet auch den Altruismus dieser unter einander sozialen Nutzinsekten. Bienen anlangend, ist das zu Sagende in nur 256 Versen abgehandelt. Danach – praeteritio – kurz Ausblick auf Gartenkunst; der hart arbeitende, philosophisch heitere Greis, aus Corycus her, nun inmitten seiner Stauden nah Tarentum, lebt kein verlassen hingebrachtes Alter, sondern hat seinen Garten gewissermaßen „so weise angelegt mit monatlichen Blumen / daß er vom März bis zum Oktober blüht“.

Eine lange Hexameterstrecke aus 241 Versen – seltsam fremd im Geflecht des Ganzen und wegführend von den klaren Landbauwinken, zudem eine ganze LP-Seite beanspruchend und schon deshalb ausgespart – enthält 2 ineinanderspielende Mythen. Ihre Erzählform trägt Kennzeichen eines Epyllion nach alexandrinischem Muster, darin erinnernd an das 408 Verse lange 64. Gedicht des Catullus. Die Servius-Vita und, ihr nach, andere behaupten, diese Sage sei später eingefügt worden anstelle eines früheren Lobes auf den Freund und dichtenden Staatsmann Cornelius Gallus (der, in Ungnade gefallen, 26 vC sich selber tötete). Im Hörteil ausgespart, sei auswahl-ergänzend wenigstens ihr Inhalt gekannt:

Der Hirt und Imker Aristaeus, landbaufördernder Apoll-Sohn, dem im arkadischen Quellental des Peneus die Bienenvölker, wegstarben, will den Grund dieses Verlusts wissen. Eine Nymphe mit dem klangschönen Namen Arethusa geleitet ihn abwärts in die Wassertiefe zur Mater cyrene. Die rät ihm, dem kenntnisreichen und gestalt-wechselnden Proteus die Auskunft zu entreißen. Tief an grottenumschlossenen Seen erfährt er die Ursache:

Aristaeus stellte einst der Nymphe Eurydike nach, Gattin des Sänges Orpheus; sie entrann. Über den Strom fliehend, sah sie nicht die im Gras lauernde Schlange und starb an deren Biß. Die Gestade hallten wider von den Klage-Sängen des Orpheus; selbst die Gründe des Tartaros lauschten. Die Gottheit entschied, er solle die Zarte ins Leben zurückerhalten. Katabasis – Abstieg ins Totenreich. Er aber brach das Vereinbarte, indem er sich nach der Wiedergewonnenen umsah, und verlor sie auf immer. Trostlos durchzog er hyperboreische Eisfelder; thrakische Frauen rissen ihn in Stücke. Auf den Wellen wurde sein Haupt fortgetragen, die Ufer stöhnten „Eurydike!“. Der Sänger war durch Aristaeus ins Unglück geraten, und die Gottheit strafte den Hirten durch Verlust seiner Bienen.

Die Mutter riet ihm, 4 Stiere, 4 unjochige Kühe, 8 Tage darauf 1 schwarzes Lamm (!) und ein Kalb zu opfern. Aus dem verwesenden Blut der Rinder stiegen nach 9 Tagen neue Bienenschwärme auf. Seither enthält der Lateinwortschatz extra für diesen Vorgang das Wort bugonia. Die mythischen Hergänge hintergründen hier das in Antike vermutete lmmerwiederentstehen von Leben – auch aus abgestorbener Natur – und behandeln das Thema ,Überwindung des Todes‘. Den machtlos Einsamen verleitet seine Kunst, sich in Leid zu verzehren; er kann gefühltes Erleben nur ausdrücken, auch: andere dadurch bewegen; der pur Contemplative, Orpheus, verfehlt seine Chance und geht zu Grunde. Hingegen Aristaeus, tathaft, sinnt auf Abhilfe; hantiert eine vita activa und hat Erfolg.

Im Epilog, 8 Hexameter kurz, erinnert Vergilius an die glückhafte Zeit, als er noch anonym und daher ungestört schuf, im Schatten der Buche bei Neapolis – Urtext: Parthenope. In der viertletzten Zeile der Georgica nennt er seinen Namen, signiert; betont so das Ich-hafte der Sicht, Ehe Octavian vom Kriegzug zurückkam, Sommer 29 vC, lagen die 4 Gesänge vor. Es waren immerhin 2188 Verse geworden, 8jahre Arbeit hatten sie gefordert.

In diese Auswahl kam, was davon poetisch wiegt und auch nützlich zu wissen ist; diese genau 51% der Versanzahl enthalten das Gelungenste des insgesamt Vorzüglichen, nun hingeordnet auf praktikable Exkurse.


Conceptive notate 1985

Platz für die eigentlichen Landbau-Winke frei zu haben und ihren Vorrang zu sichern, schnellten wir sogleich in medias res, dies bedenkend:

Der klare, mithin schöne Grundriß, sauber gegrenzt und hingeordnet auf die Buchschlüsse, legt nahe, möglichst mit jedem auch eine LP-Seite zu enden, um – ansatzhaft frisch fürs Hören – die nächste mit neuem Thema zu beginnen. Das geht, wenn man nach Vers 4 das umfängliche Prooimion I – ab Hymnus-Teil, der zudem 20, Verstehensfortgang hemmende Namen aus Mythologie enthält – als Nachtrag ans Ende der LP-S. IV setzt. Dies kann sogar der Schaffens-Chronologie dienen; denn laut Pridik ist stark zu vermuten, daß dieser Hymnus, I 5–42, nach dem Seesieg bei Actium verfaßt, zumindest neu getextet wurde. Er enthält u. a. die ,Vorschußlorbeeren‘ an den nun zu den Göttern aufgestiegen denkbaren Octavianus. Und vergortbar waren nur Nothelfer oder eben Herrscher, die ein Segen fürs Volk blieben. Es ist also apellatives Lob, durch geäußerte Erwartung den Sieger von Actium und dadurch Beender des Bürgerkriegs auch zu künftigen Wohltaten – Friedenszeit etwa – verpflichtend.

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Angestrebt wurde: das Silbe um Silbe authentische Interpretieren dieses erst durch Klang voll entfaltbaren Wettertextes. Westphal, ganz in Kenntnis seiner Palette aus Myriaden Zwischentönen, auch nebendominanten Hinlenkungen auf die Grundriefe, wo die Wahrheit liegt, bietet das. Da stehen alle Pforten offen zu Einlaß der vielen punktuellen, sinnstürzenden Assoziationen. Oder anders gesehen: es ereigne sich ein dichtestes Feuersprühen aus lauter Lichtblicken – als Erhellungen.

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Ihn für das Hören sogleich kenntlich zu halten gegen den mehrfach angeredeten Caesar (Augustus), wurde dessen nur 1x erwähnter Großonkel, der 44 getötete Caesar, ausnahmsweise (und eigentlich falsch) mit Z ausgesprochen (LP-S. I, etwa 4’ vor Ende).

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Musik – hier nur Trenn-Signen, wie geprägte Siegel –: sphragis-haft. Miniaturen als Kürzel, nachhallhaft Ruhe stiftend. Moment zu Durchatmen, erfrischt die nächste Vers-Partie zu hören. Denn sie soll nicht anstrengen, etwa durch urbane Interessantmache selbstzweckhaft (Finessen usurpieren Aufmerksamkeit), sondern wie klingende Pausen Sog bilden, andeutend Klangwetter in nuce. Da intonieren Harfe und Pauke einen Hexameter, oder sie geben den Phantasieblick frei auf treibende Stämme im Padus, unter genauem Klima und windhaft lichtgebender Tagzeit, etc.


Dietrich Ebener

1920 in Berlin geboren, studierte alte Sprachen, Philosophie und Historie, war zunächst Lehrer für Griechisch, Latein, Geschichte und Russisch. 1953 Promotion, 3 Jahre danach in Halle Habilitation. Stets gefragter Dozent, ab 1959–66 Professor, dann Direktor des Instituts für Klassische Philologie an der Unversität in Greifswald. Seit 1967 freiberuflicher Wissenschaftler, in Bergholz-Rehbrücke lebend, unüberbietbar produktiv.

Gräzist von Rang, ist er durch seine Vers-Übertragungen griechischer und danach auch römischer Klassik in ganz Europa seit Jahren geschätzt. Seine wissenschaftlichen, präzisest kommentierten 2-sprachigen Ausgaben des „Resohs“ – Tragödie eines unbekannten grch. Dichters um diesen thrakischen Sagenkönig und Troja-Helfer – 1966, und die 6 Bände Euripides grch/dt. (1972–80) zeigen ihn als den, fundierten Kenner des Metiers und allen Umfelds. Anklang in Fachkreisen und Begeisterung durch neu Hinzustoßende finden zunehmend auch seine gediegenen anderen Übersetzungen. So folgte der reinen Deutsch-Ausgabe – Euripides in 3 Bänden, 1966 und ’79 – noch eine stattliche Reihe:
Homer – Werke in 2 Bänden, 1971. Er brachte die 15 792 Verse der Ilias und die 12 110 der Odyssee ans hiesige Sprachufer und in schönwetterige, frische, sinndeutliche Hexameter. Selbst Schwierigstes in Sprache fassend, gelingt ihm diese naiv-hell, mithin frei, aromatisch: atembar. Es herrscht vor: die reine Naturluft antiker Läufte und entspannende Draufsicht. Immer ist da progressivste Haltung zum Sujet, es optimal uns Heutigen urbar machend; durch Schürfarbeit in die Tiefe, Klang für Klang. Und das hin über 2 Weltgedichte von ozeanener Weite! 27 902 Verse des Homers, 13 166 des Vergilius – das bedeutet: ein riesiges Pensum höchstbewältigter Neusetzung, schon lebenzehrend.
Aber fast in jedem Jahr trat er mit einer neuen Übersetz-Leistung hervor:

1972 – Theophrastos: Charaktere
1973 – Theokritos: Sämtliche Dichtungen – ganz Idylle plus Sprach-Anmut.
1976 – Griechische Lyrik
1976 – Aischylos: Werke in 1 Band
1978 – Lucanus: Der Bürgerkrieg – hierin hell Kritik leistend.
1981 – Griechische Anthologie, 3 Bände
1984 – Epigramme daraus, von Konstantinos Kephalas gesammelt und um 900 zutag. Durch 122 benannte Epigrammatiker und einige anonyme wurden 15 Themenkreise erhellt – ein poetisches Handbuch, aus Lebensmomenten ab Ausgang der Gentilordnung bis in die Blütezeit des Feudalismus.
1984 – Vergil: Werke in 1 Band
1985 – Frühgriechische Lyrik des 7.–5. Jhs vC.
1985 – Nonnos – das war ein grch. Epiker des 5. Jhs nC, der in 48 Büchern (Hexameter) Leben und Indienzug des Dionysos erzählte. Und nach seiner Christwerdung arbeitete er das Johannes-Evangelium metrisch nach. Übersetzung: in 2 Bänden.
1988 – Terenz: Werke in 1 Band. (schon die Prologe, bebend und scapinhaft hell, bieten frappierende Aufschlüsse über Theaterpraxis bei den Römern.)
1982 – Vergilius: Hirtengedichte (Bucolica) lat/dt. – eine Ausgabe von nobler Schönheit. Einband und Typographie: Peter Israel und Gisela Fischer.

Ebeners Hexameter – immer aufs schönste lebendig gehalten durch blinkende Einzelheiten in poeticis. Diese gestische Verlebendigung auch zeilenbinnen macht, daß seine souverän präzise Übertragung einen wirklich anblickt, wie nur ein Wesen das kann. Und er überliefert hinzu, was antiken Werken gemeinsam ist: das helle, Menschen prägende Wetter mediterraner Landstriche und den immer anwesenden frischen Windzug der Meernähe. Jeden Vers zutreffend belichtend, erreicht er, daß auch in weitestgespannten Werken deren Detailschönheiten dicht bei einander blühen.

Aber man liest sich auch gern fest im maximal-informativen Text seiner sehr durchdachten Beweisgänge. Allein zu Vergil, in der „nur belletristisch bezweckten“ Ausgabe, sind 210 Seiten Wissens-Apparat. Und er erläutert hinzu Strophenbau, augusteisches Latein; weiß alles über antike Metren, führt 27 davon als prägnante Exempla vor, Fand bei all dem noch Zeit für 3 Romane und Erzählungen, Märchen, Novellen.

Ihn selber erlebend? Da ist scharfer Verstand, das Seine mit Feuer vortragend, Interesse weckend – Hörende beflügelnd, zu lernen. Einer von klar umrissener individualer Haltung, immer sich ganz ins Tun werfend. Aus ihm spricht stets die Sache selber. Da ist enormer Kenntnisreichtum, auf grundfreundliche Art weitergegeben: schönste Wechselwirkung von theoria cum praxi.

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– 1. Buchpaar Flora –

Liber primus – Ackerbau

An Maecenas (Prooemium I, 1–4)

Klima. Saatbett. Gegend
Frühjahr. Brache. Fruchtwechsel. Wässern
Unbillen – jupiterher – bringen zu Denken
Methoden ersinnen. Anwenden
Mangel spornt. Ceres lehrt pflügen
Landgerät. Material
Jahrzeiten – günstig für Aussaat

Kraft aus dem All. Erdzonen
Schlechtwetter. Verrichtungen im Haus. Handwerk
Das Draußen. Hauptarbeit auf Feldern
Freude an Ertrag, winters Feste

Wetterkatalog. Sturm. Kometen. Tierverhalten
Atheistischer Ansatz. Moment materialistischer Sicht
Mond und Sonne. Warnzeichen

Aufruhr in Natur kündet soziale Katastrophen
Spuren vergangener Kriege
Anrufung heimischer Gottheiten und Heroen,
den erhofften Friedensbringer zu begünstigen
Mahnung als rettender Versuch
Klage gegen Mißachten friedlicher Landarbeit


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Liber secundus – Gehölz-Pflege. Wein-Anbau

Baumhaftes in Natur. Wuchsarten
Eingreifen des Landmannes: Veredeln
Weinsorten. Baumzonen

Laudes Italiae. Lob der Heimat als Land des Saturnus

Pflanzgefild. Rebstöcke. Winzer-Rat
Frühling, empfunden als Liebe
Laubwerk auslichten und andere Winke
Nutzen der Baumarten. Herstellbares

Gegen Luxus, her aus Lüge und Zwietracht
An die Musen: Frage nach dem Warum aller Hergänge
Das All erforschen und Wesen der Welt
Städterverderbtheit. Ämterunwesen
Geltungsgier. führend zu Krieg
Entronnenheit, erntbarer Segen der Mühen
Lob nützlich einfachen Landlebens


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– 2. Buchpaar Fauna –

Liber tertius – Viehaufzucht

Musen – griechenher – ins Römische tragen.
Mantua, das Geburtland, ehrend (Prooemium III, 8–19)
Großvieh: Rinder und Rosse
Mutter-Tiere. Fohlen-Auswahl
Mythisch-historische Herkunft der Pferdezucht
Paarzeit
Hege der Kälber

Einüben junger Rosse

Der Leben zeugende Trieb
Stiere. Rivalen auf waldigen Triften
Macht der Brunst in uns allen

Scilicet ante omnes furor est insignis equarum … (III, 266–88)
Liebesdrang brünstiger Stuten. Lodernde Rosse

Kleinvieh-Haltung: Schafe und Ziegen
Unwirtliche Weltgegend: Skythen-Region
Wie sie da leben
Jungtiere. Milchertrag. Wolle


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Schlangenterror. Seuchenplage

Liber quartus – Bienenzucht

Hege. Bienenverhalten. Imker-Rat

Zu Gartenkunst
Der ländlich lebende Greis aus Corycus
Exemplum Philosophisch heiter-einfachen Lebens
Bienenverhalten, Vorsorge anlangend. Arbeitsteilung
Epilog – contemplativ lyrischer Ausklang


Nachtrag aus I

Anrufung der Gestirne und Landgottheiten und des Caesar Augustus (Prooemium I, 5–42)
Vere novo gelidus canis quum montibus humor … (I, 43–69)
(Wenn sich bei Frühjahrs Beginn …)

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Sprecher: Gert Westphal

Aufnahmen 28. 5.–1. 6. 1986
Auswahl und Regie: Siegfried Wittlich
Regie-Assistenz: Ingrid Hauschild
Aufnahmeleitung: Brigitte Walzer
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Bärbel Hintze
Latein-Strecken, Urtext, sprach Prof. Dr. Ebener

Die Trenn-Signen Wittlichs für Harfe, Wind und Pauke spielten Katharina Hanstedt und Hans-Jürgen Lüdecke

Hüllen- und Hefttext: Siegfried Wittlich