Guten Morgen, du Schöne
Sechs Frauenporträts

nach dem Buch von Maxie Wander
2-LP LITERA 8 65 371/372
Covertext:
Im Frühjahr 1977 lernen wir das Buch kennen. Rasch geht es von Hand zu Hand. Die allererste Begegnung mit diesen neunzehn Frauen, mit ihren so ganz unterschiedlichen Erfahrungen, ist vor allem eins: die Begegnung mit dem uralten und plötzlich unverwechselbar heutigen, hiesigen Glücksanspruch, der sich wie ein roter Faden durch die hier versammelten Schicksale zieht und Verwandtschaft knüpft, auch zum Leser, der vergleichend zu sich selbst findet. Der eigene Lebensweg enthüllt sich als Abenteuer von Wichtigkeit.
Dieses Erlebnis ist so aufregend, daß es umgehend mitgeteilt werden muß. Nächtliche Anrufe, Gespräche in den Probenpausen. Betroffen und ermutigt durch die Ehrlichkeit dieser Lebensberichte reden wir über uns, über Entdeckungen, die wir gemacht haben oder miteinander machen könnten, müßten. Eine große Zuversicht steckt in diesem Konjunktiv, in der Möglichkeitsform, und in der ersten Person Plural. Irgendwann wird so auch der entscheidende Satz gesagt: „Das müßten wir auf die Bühne bringen.“
Kann man, darf man das? Wo wichtige Stoffe und Themen nicht aus der Bühnenliteratur zu holen waren, hat das Theater sich oft erfinderisch zu helfen gewußt und mit Seitensprüngen in die epische Literatur reizvolle Eroberungen gemacht. Aber in „Guten Morgen, du Schöne“ läßt Maxie Wander authentisches Leben zu Wort kommen. Persönliche, intimste Auskünfte, gegeben im vertraulichen Gespräch unter vier Augen, sind hier einem Leser anvertraut, dem gleichsam das Du angeboten wird, die Zwiesprache. Wie verträgt sich das mit dem grellen Scheinwerfer der Bühne, mit der Öffentlichkeit eines Publikums? Eine heikle Frage, die uns immer wieder Herzklopfen verursacht.
Doch die Herausforderung, die von der wunderbar ansteckenden Offenheit des Buches ausgeht, hat uns längst erreicht. Wir haben Lust, sie an unsere Zuschauer weiterzugeben. Vielleicht läßt es sich multiplizieren, das Abenteuer.
Als wir uns mit Maxie Wander über unsere Pläne verständigen wollen, liegt sie schwerkrank in der Klinik. Sie läßt uns ausrichten, daß sie überrascht und erfreut ist, aber keine Ahnung hat, wie wir das machen wollen.
Wir wissen es selbst noch nicht. Wir blättern in den Schicksalen, eine Auswahl fällt schwer. Versuchsweise einigen wir uns auf sieben Frauen, improvisieren eine Gesprächsrunde, montieren die Texte zu einer Unterhaltung, auch um damit vielleicht die heikle Grenze des intimen Dialogs zu öffnen. Der Versuch scheitert. Zu mühelos plaudert es sich in der Gruppe, zu vieles kann dabei weggelassen werden, zu sehr schrumpft das Gewicht der einzelnen Biographie auf eine bloße Wortmeldung. Leicht, zu leicht wird das Urteil.
Wir müssen, auch der Zuschauer muß den schwierigen Weg versuchen, den Maxie Wander erprobt hat, Schritt für Schritt ein Menschenleben zu erkunden. Jeden Gedanken. Jeden Widerspruch. Jede Frage, die so oder ähnlich wirklich gestellt worden ist und also Gründe haben muß. Mit prüfendem Blick gehen jetzt drei Schauspielerinnen an die Arbeit. Gekürzt muß werden, aber behutsam, lieber später noch, zuerst müssen wir dahinter kommen, auf das Leben hinter den Sätzen, „das Einmalige und Unwiederholbare“, wie es Maxie Wander im Vorwort achtungsvoll nennt.
Im November erreicht uns die Nachricht von ihrem Tod. In einem Brief des Theaters an Fred Wander steht der Satz: „Es fällt uns schwer, den Verlust eines Menschen hinzunehmen, der uns so sehr auf Menschen und Leben neugierig zu machen wußte.“ Die Neugier bleibt. Woher nimmt Rosi ihr waches Selbstbewußtsein, ihr kühnes Verständnis von Liebe und Ehe, ihr streitbares Engagement? Wie konfliktreich war er wirklich, der lange Weg der Emanzipation, ehe ihn Erika mit souveränem Witz durchschaut? Warum unterbricht sich Ruth so oft mit jenem wegwerfenden „No ja“, als sei sie nicht der Rede wert? Und: Wann hat Maxie welche Frage gestellt, wo hat sie gewartet, bis die andere von allein weiterspricht? Wieviel hat sie von sich selbst preisgegeben? Was ist das Geheimnis jener Selbstverständlichkeit, ohne die Vertrauen und Freimütigkeit nicht denkbar sind?
„Vielleicht ist dieses Buch nur zustandegekommen, weil ich zuhören wollte.“ Sie hat, erfahren wir, jeder Frau viele Stunden lang zugehört, oft mehrmals. Aus ungezählten Metern Tonband erst ließ sich ein konzentriertes Porträt formen, das glaubwürdig genau, diskret, wesentlich genannt werden darf. Wie leicht hätte dabei lebendiger Atem verloren gehen können, Tonfall, Unmittelbarkeit des gesprochenes Wortes, plastische Individualität. Fleisch und Blut – heißt das für Schauspieler. Wo sie es vermissen, sagen sie: Papier. Hier vermissen wir es nicht. Staunend ahnen wir die Kunst der Autorin: Fingerspitzengefühl, Bescheidenheit, Ehrfurcht.
Vor der Premiere kommt die Angst. Da ist keine Rolle mit Kostüm und Maske, in die man schlüpfen könnte, da ist nur die Bühne und die einsame Ewigkeit allein mit dem Text, den man im Kopf haben muß, auch wenn das Buch auf dem Schoß liegt, das Dokument einer Annäherung, geronnen zum Monolog, der wieder werden muß, was er zuerst war, Dialog, nun mit dem Partner Publikum.
Die Uraufführung im März 1978 übertrifft alle Erwartungenn „Wieso Frauenbuch?“ sagt ein Mann, „das ist ein Menschenbuch.“ Voilà. (Aber dann reden wir natürlich doch über die Frage, warum es Maxie mit ihren Bemühungen um ein Männerbuch so ungleich schwieriger hatte.)
Schönstes Lob: daß Kenner des Buches sagen, wirklich genau hätten sie diese oder jene Figur erst jetzt verstanden. (… man habe die neunzehn Geschichten ungeduldig verschlungen, sich wohl nicht gründlich genug auf jede eingelassen oder, wenn einem eine anstrengende Person zu unbequem wurde, doch rasch mal weitergeblättert.)
Merkwürdigstes Kompliment: daß dies seit langem das beste Theaterstück sei. (Theaterstück?)
Manchmal aber gibt es auch in den besten Vorstellungen etwas wie ein Todesurteil. Unter den Zuschauern, inmitten offen empfindsamer Augen, ein ungerührter Blick auf die Uhr. „No Ja.“ – Würde Ruth jetzt sagen. Und kein Sterbenswörtchen mehr. Diesen Augenblick von Verweigerung könnte man im Beifall vergessen. Aber man nimmt Schwierigkeiten wahr. Wie man auch Veränderung wahrnimmt. Als Spanne zwischen noch nicht und schon.
Worte der Anerkennung für das Buch, die uns hierzulande schon nicht mehr überraschen, kriegen einen überraschenden Klang, als wir sie nach einem Gastspiel in Westberlin hören: so konkret und berührend sei selten Auskunft über DDR-Alltag, Geschichte und Utopie gegeben worden. Verständigungsbereite Sympathie kommt uns entgegen. Jemand sagt: „Bei uns haben Frauen ganz ähnliche Probleme.“ „Nur der gesellschaftliche Anspruch“, sagt eine andere, „diese Art von Interesse und Zuständigkeit ist natürlich enorm.“ Nachdenken über „nur“ und „natürlich“.
Als sich „Guten Morgen, du Schöne“ der unglaublichen 100. Vorstellung nähert und die Nachfrage unvermindert anhält, schlägt die Theaterleitung eine Ablösung vor. 1981 wird der zweite Abend vorbereitet, aber eine Ablösung findet nicht statt. Beide Abende bleiben im Programm des Deutschen Theaters, das mit seinen Arbeiten nun auf andere Spielstätten ausweichen muß, solange das traditionsreiche alte Haus wegen Rekonstruktion geschlossen ist. Die „Schönen“ ziehen kreuz und quer durch Berlin, auch in andere Städte und Dörfer der Republik. Das Publikum ist überall anders, aber überall ist es da. Nicht nur bei uns.
1983 gibt es in der DDR 35 Bühnen, die diese Anregung aufgenommen haben, sieben davon zum zweiten Mal. In den jüngsten Spielzeitbilanzen gilt „Guten Morgen, du Schöne“ mit Abstand als das meistgespielte Werk zeitgenössischer Literatur. Das Buch ist inzwischen in vielen Nachauflagen erschienen, veröffentlicht auch in der BRD, in der CSSR, in Dänemark, Holland, Italien …
In diesen Tagen besucht uns eine junge Amerikanerin, die über das Buch und über Maxie Wanders „Briefe und Tagebücher“ schreiben will. Wir streiten uns über vieles, nicht über das Motto, das sie ihrer Arbeit voranstellt: „Es kommt mir immer mehr darauf an, ein Mensch zu werden als Gegenentwurf zu den Bombenbauern!“ Ein Satz aus einem Brief von Maxie Wander, geschrieben 1977 und, wir spüren es alle, kostbarer geworden in der Welt von 1983.
Christa Wolf hat gesagt: „Dieser Zeit, in der die zerstörerischen und selbstzerstörerischen Gefahren so nahe liegen, hat sie Leben abgerungen, hat ein Gebiet abgesteckt und es ständig vergrößert, in dem es mit rechten Dingen zuging, das heißt: freundlich. Ich weiß nicht, was man anderes, Besseres tun kann.“
Ende 1983, im Winter, beginnen wir die Arbeit für die Schallplatte.

Regina Griebel
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Eröffnungslied
Kurt Böwe
Komposition: Uwe Hilprecht
Gitarre: Brigitte Breitkreuz

Rosi
Das Haus, in dem ich wohne

Jutta Wachowiak

Ruth
Warten auf das Wunder

Simone von Zglinicki


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Ruth
Warten auf das Wunder
(Fortsetzung)

Erika
Marx und Scheherezade

Lissy Tempelhof


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Ute
Großfamilie

Katrin Klein

Lena
Das Schiff fahren lassen und in den Sonne schauen

Gabriele Heinz


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Lena
Das Schiff fahren lassen und in den Sonne schauen
(Fortsetzung)

Karoline
Das Kupferdach

Elsa Gruber-Deister

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(2 Aufführungen des Deutschen Theaters Berlin)
nach dem Buch der Maxie Wander

Künstlerische Leitung: Regina Griebel, Gabriele Heinz
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Christa Blaumann, Rita Seddig

Mit freundlicher Genehmigung des Buchverlags „Der Morgen“