Lyrik und Zauberflöte-Fragment

von Johann Wolfgang Goethe

2-LP LITERA 8 65 315/316
Covertext:
Neue Zeichen
Hier ist die Chance, auf vergnügliche Art Herstellweisen berühmter Verse mit einem Blick zu erfassen. Kunst bietet dichteste Gestalt von Aussagbarem, bringt auf Wesentliches und kennt Balance. Mitaussagende Wirkung eines Gedichts von Rang ist sein Bau. Lesend trifft unser Blick auf ihn; gesprochen muß er erkennbar bleiben; der interessiert Hörende fragt: wie ist das gemacht und warum bevorzugt der Dichter genau diese und keine andere Form? Finden wir im Werk eines Lyrikers große Vielfalt des Bildens, liegt nahe – und ist weder Augenphilologie noch leerlaufend ausgehöhlte Schulkunst – den Titeln bekannter Gedichte deren Strukturformeln folgen zu lassen, die ab nun in blinkneuer Schreibweise – und einfachst wie Pictogramme – den Bau erhellen.

Es anderen zu erleichtern, hat Fritz Schlawe um 1970 dem Computer einspeisbare Symbole je Versfuß gesetzt, alphabetfremde Signen meidend. Nur 4 Lettern drücken alte Grundmetren aus:

Zweisilber
-steigend = Iambus, einst umzeichnet: xx´, ab nun: A
-fallend= Trochaeus, einst umzeichnet: x´x, ab nun: B
Dreisilber
-steigend = Anapaest, einst umzeichnet: xxx´, ab nun: C
-fallend = Dactylus, einst umzeichnet: x´xx, ab nun: D
hinzu, für überzählige Schlußsilben, katalektisch (betont): X
und, unbetont und nicht als Versfuß gezählt: Y.
Der Punkt innerhalb der Formel bedeutet Zeilenende im Gedicht.

Bislang angewendete Codes waren so zeilenreich wie das Gedicht selber, mithin umständlich zu lesen. Ab jetzt genügt eine einzige Zeile Code, den Gesamtbau zu enthüllen. Jeder Versfuß hat sein eigenes Zeichen. Dadurch sind die Bausteine eines Verses und der Strophe umrissener kenntlich; das Gedicht weist klar seine meßbaren Elemente; anschaulich springt Mach-Art in den Blick. Und wenn sich – in freieren Formen – die Zuordnung der Bauteile wandelt, bleibt auch dieser Vorgang überschaubar. Da ist ’Wanderers Nachtlied‘ – zutiefst empfunden; Einsamkeit, Stille, Entronnenheit atembar machend und von zögernder Gangart. Es ist nicht Stimmung allein, ’vertiefter Nachklang sinnbeschwerter Silben‘ (E. Staiger), was dieses kleine Gebilde so überlebensstark macht und – wie manches scheinbar Einfache – so schwer zu sprechen. Genau besehen: jede der nur 8 Zeilen hat eine andere Zuordnung ihrer metrischen Elemente (wie aus 8 verschiedenen Gedichten), mithin Maximalinformation der Form, stützend die fast claudius-haft schlichte Aussage. Auch Pausen werden dadurch mitreguliert und unterschiedlich lang. Die Versbau-Rubrik legt offen: Das winzigste Gebilde dieser Auswahl enthält die reichste Struktur! Es muß vom Dichter nicht darauf angelegt worden sein, der Lesende oder Sprechende findet sie aber vor.

Das ’gegliederte Gebilde‘ leitet seinen Typus her aus der Wahl der Vers-Art und -länge, Senkungsweisen und Kadenz. Strophische Formen haben ihren Ursprung in alter Zeit, als Wort- und Singfolge zugleich entstanden. Später war Lyrik nicht mehr an Singen gebunden; der Autor entschied, Tradition fortzuführen oder mit ihr zu brechen. Doch es blieben, durch alle Zeiten, unterbewußte Einflüsse, mehr von Puls und Stimmungslage herrührend.
In dieser Auswahl trifft man auch auf Hexameter und Pentameter, die aus Antike kamen, paarig auftreten als Distichon und in dieser verzweigteren Einheit Elegie bilden. Dann ist da, aus Renaissance stammend, die strenge Form Sonett und die in Würde einherschreitende 8zeilene Stanze, ebenfalls romanisch. Reimschemata bleiben gekennzeichnet durch die bewährten Kürzel aus Minuskeln. aa, bb, cc … = Paar-, abab = Wechsel-, abba = umschlingender Reim. Die sogenannte Waise entsteht, wenn von 4 Versen nur 2 reimen: wawa, und WH bezeichnet wechselnde Hebungen innerhalb des Verses. Doch sind wir vor allem Adressaten des Sinns. Form – immerhin – nimmt den Gestus auf, der das Auszusagende verdeutlicht.

Hintergrund
Als Goethe 25 Jahre alt war, hatte er in 3 Literaturgattungen bislang nie gehörten Tonfall etabliert: in Lyrik durch die Sesenheimer Gedichte, im Drama durch den ’Götz‘ und im Roman durch ’Werther‘. Anschauliches, eidetisches Denken leitete ihn zeitlebens. Die Straßburger Phase und die Liebe zu der Pfarrerstochter Friederike Brion im nahen Sesenheim lassen ihn glücklichst seine Identität finden. Statt Pointe und Galanterie der Anakreontik war in Sturm und Drang ’gefühlsmäßige Reihung, innere Weite und Fülle des Herzens‘ gefordert. Der jungen Generation ging ein neuer Sinn für Natur auf. Ganz ihr zugewandt, sprach Goethe unvergleichlich das Lebensgefühl der Jugend um 1770 aus. Natur, vorerst naiv und schön besungen, wurde später auf lange Zeit Objekt seiner wissenschaftlichen Untersuchungen, die aus ernsthaft betriebener Liebhaberei zu kraftzehrendem, selbstbändigendem Studium anwuchsen. Anschauliches Denken auch da seine Weise des Herangehens. Wie kaum einem war ihm gegeben, großes Wissen in schöner Klarheit auszudrücken. Die Auswahl pointiert Goethes Hinwendung zu Natur, bringt nah: Briefgedicht, lyrische Confessio, Lehrgedicht, Invective – in all dem den neuen Ton vorweisend, der durch ihn in die Literatur seiner Zeit kam. Eine Gruppe von Schauspielern fand sich ein, diese Texte zu lesen. Individueller Stimmklang und Gestikulierweise vertreten je Sprecher eine bestimmte Gangart an Goethe-Substanz.

Das erste Gedicht – ursprünglich ’Mai-Fest‘ betitelt (Feier der Natur) ist Höhepunkt der Sesenheimer Lyrik und gilt als eines der ganz großen des Sturm und Drang überhaupt. Da taucht erstmals in deutschen Versen dieses gleichberechtigte Du der Liebenden auf. Überwältigt vom Werden, das rings ihn anglüht aus bereitstehendem Frühling, findet der 21jährige kaum zu Syntax. Das frische Gedicht besteht fast nur in Ausrufen (12!). Da sind stoßend hervorgebrachte Impulse, nicht aber fließende Tirade. Worte wie ’Blütendampf‘ (Mailied) und später ’Nebelglanz‘ (An den Mond) drücken das Empfundene unüberbietbar treffend aus, werden bisherigem Wortstand der Sprache hinzugefügt; der Sprechende wird sie mit dem Blitzakzent des (zitierten) Einfalls versehen.

’Willkomen und Abschied‘ ebenfalls Friederike meinend, ist bekannt und kräftig genug, ein kleines Experiment zu überstehen: frühe und die korrigierende Spätfassung ineins gesprochen, zu zeigen – kommentarlos – Gedicht im Werden. Stereophonie nutzend hört man, welche Versgegenden geändert wurden, und beibehaltene Stellen lassen erkennen, was der Autor selber als gelungen an seinem Produkt liebte. Da ist in Abenddämmern Aufbruch, Ritt durchs Dunkel, die Landschaft kehrt ihr Inneres hervor, wird Sog; Phantasie sieht Gefahren in sie hinein, die bestanden werden müssen – erlkönighafte Todeslandschaft mit dem Styx, an dem die alten Weiden so grau scheinen, ist nicht weit. Der herzverengende Abschied: in erster Fassung begleitet Friederike ihn ein Stück und kehrt ins Gärtchen zurück, in der zweiten geht er und sie blickt ihm nach. Ein Unterschied, an dem die Deutschlehrer seit mehr als 100 Jahren sich nicht sattdiskutieren konnten.

Das interieurhafte Briefgedicht an Belinden (Lili Schönemann) enthält Lob des Alleinseins im Gehäus. Der Creative braucht den Schonraum, Erlebtes und Stimmung wollen zu Vers gerinnen. In die Geselligkeit entführt, fühlt er sich deplaciert, ist störanfällig. Allein die Gegenwart der Geliebten vermag ihn zu trösten wie sonst nur Natur.

’An Lida‘, Versbrief an die verheiratete Charlotte v. Stein. Die kühle, gleichbleibend freundlich wirkende Frau macht ihn unsicher, also abhängig. Seine Phantasie nur ist in sie verliebt; er müht sich ab, anerkannt zu werden. An Wieland einmal der Satz wie Ausflucht: ’Ich kann mir die Bedeutsamkeit, die Macht, die diese Frau über mich hat, anders nicht erklären als durch Seelenwanderung. Ja, wir waren einst Mann und Weib. Nun wissen wir von uns.‘ Er glaubt, wie im Naturkreislauf treten die Liebenden in die Emanation, werden als andere neu in Welt gesetzt. Qual also, daß so tief einander Erkennende getrennt leben müssen. Die Nachtgedichte stammen aus der Zeit mit Charlotte, und es wird geschrieben, er habe sie – nach dem Bruch und in Ärger über die Anspielungen in ihrer matten Tragödie ’Dido‘ (1794) – als Urbild für die rachsüchtige Nachtkönigin im Zauberflöte-Fragment hergenommen.

’An den Mond‘ – der über herbem Wintergesträuch und nächtlichem Fluß steht – ist Lied eines Ruhlosen, den die Nähe der Geliebten an dieses Ufergefild bannt. Ihr Insichruhen fließt mit dem Bild des Mondes zusammen, sein Unmut mit dem der rastlos dahinrauschenden Ilm. In der 2. Fassung, die Änderungen aus Charlottes Feder aufnimmt, taucht unwiederbringlich Vergangenes auf, löst sich in Dichtung: er kann rein ’aufgehen ins Erlebnis dieser Nacht‘.

’Die Liebende‘ – eines der zartesten wohlklingenden (sonare) Sonette. Die strahlend Freundliche, ganz in Identität mit sich und dankbar darüber, bekennt ihre Liebe in freier natürlicher Geste, bietet ermunternd Sympathie.

’Römische Elegie‘ Schon Sextus Propertius (49–15 v. u. Z.) betrachtete in einer der Elegien über Cynthia die schlafende Geliebte, wie Goethe später in Rom die zutiefst einfühlsame Freundin Faustina. Sie entzückte nicht durch Briefe, sondern durch vollendeten Gliederbau, war herzlich und heiter, nur den Wünschen des Mannes nachspähend. Da ist schönste sinnlichste Lust und gezeigt wird: Liebe begünstigt Creativität. Goethe will auch das Komplizierteste anschaulich wiedergeben, so ’daß ein anderer denselben Eindruck empfindet‘. Er schrieb nach Rückkunft diese Elegien in Weimar und brachte hier Ernte des ersten Italienaufenthaltes und erinnertes Glück aufs anmutigste in Vers. Um 1790 hatte er fast keine Ämter mehr, war mithin entspannt, froh durch die Gegenwart Christianes.

’Morgengrauen‘ hat etwas von den Genrebildern a la Chodowiecki, mit Laube, kargem Gasthofzimmer des 18. Jhs.; das Gedicht weist schöne Einzelheiten, richtet sich an Christiane Vulpius, enthält verliebte Koketterie, gespielten Kummer. Nachklang der Anakreonteen. Und heiter ist auch Philine, freundliche Gestalt aus ’Wilhelm Meister‘, gar nicht so lasziv, vielmehr möchte sie Schwärmer zu natürlichster Unbefangenheit bekehren.

’Nähe des Geliebten‘ Goethe hörte – in Vertonung durch Zelter – das Lied ’Ich denke dein‘ der Frederike Brun. Angeregt durch das rondohafte
Wiederkehren der Titelworte darin, schrieb er ein kräftigeres Gedicht (das dann Zelter ebenfalls vertonte und auch in E-Dur): Die Verse zeigen ernstes schönes Empfinden einer Frau; sie ist ergriffen und fühlt die Würde der Liebe; contemplativ ihre Gedanken, worin Sehnsucht atmet und leis hoffende Erwartung.

’Die Metamorphose‘ Nach Brechts Vorschlag, Gedichte durch Vorwegkommentare von einander zu trennen, sie dadurch kenntlicher werden zu lassen, enthält die LP zunächst Entstehensbericht, der auch Licht auf Goethes Lage wirft. Knebel hatte ’De rerum natura‘ des Titus Lucretius (98–45 v. u. Z.) übersetzt, der ja auch ’den Versbau mit dem Landbau lehrte‘. Durch Goethe entstand hier eines der erquickendsten Gebilde lyrischer Weltliteratur. Langzeilen sind zu einem melodisch dahinfließenden Strom vereint, worin präzisest durchschaute Naturvorgänge punktuell aufblinken: in Sprachschönheit gebettete Definition vom Werden. Kraft aus Lebensmitte zeigt Dichter und Naturforscher ineins. 1798/99 plante er ein großes Lehrgedicht, das Anschauen der Natur ’wo nicht poetisch, so doch wenigstens rhythmisch‘ (!) darzustellen. ’Wissen, ahnen, glauben – die Fühlhörner, mit denen der Mensch sich ins Universum tastet.‘

1814 las er Dichtung des Koranauslegers und diesseitsfreudigen persischen Lyrikers Hafis (1320–89); dessen Verse regten Thematik und Formenvielfalt des West-östlichen Divan an; schönste Fülle und Zartsinn bietet darin das Buch Suleika – das zentrale Wort in ihm, alles mild überstrahlend, heißt: Herzenskunde! Orientweise ist schweifend, vermag weit entfernte Zeiten und Räume ineinanderzuspiegeln, fatamorganahaft. Sprache ist hier wie ein Fächer, jedes dichterische Wort offenbart und verhüllt zugleich.

August 1815 begegnet er der Marianne v. Willemer. In einem ersten Gedicht schlägt der 65 Jahre alte Poet der 31jährigen schüchtern ein Maskenspiel vor, als Hatem getarnt, und ist überrascht von der schönen, kaum erhofften Antwort: Marianne erwidert hochbeglückt als Suleika, echohaft seine Reimworte aufnehmend. Goethe tat ihre Verse, als ebenbürtig, in seine Sammlung. Es entstanden Gedichte von höchstem Rang. Turban, Schleier und Fächer, hinzu die exotischen Namen als Schutz, ermöglichten ihnen, alle Direktheit zu wagen, auch jede Anspielung in eroticis auszukosten, die risikolose Liebe (Bund zwischen Greis und liebeskräftiger Frau) so Genußwilligen wie Entsagenden erlaubt. Beide sind enthusiasmiert, legen orienthaft Glitzerware aus, zeigen Innigkeit, nie bei der Tat genommene Spiel-Art. Charme und Grazie und die Skala der Liebesempfindungen wurden dichterisch ausgeschöpft, und der Abschiedschmerz war sehr real. Das Lied an den Westwind schrieb Marianne auf der Rückfahrt unter Tränen, und Goethe hatte einen Zusammenbruch, machte wenige Tage darauf sein Testament; beide waren ergriffen von so viel Macht der Sympathie.

’Das Göttliche‘ – hier als Vor-Bild künftig besseren Verhaltens in der Welt gesehen – soll vom Mensch-Innern her erschlossen werden. Nur in diesem einen Gedicht – sehr schillernah, mithin kantisch aufgefaßt – sind bei Goethe Menschengeist und Natur einander entgegen, wie Satzung und Gesetz. Er bekennt sich zu Freiheit der sittlichen Entscheidung und will Tat sehen: edel, hilfreich und dadurch gut.

’Urworte‘ Der thrakische Sänger Orpheus stiftete im 7. Jh. v. u. Z. eine religiöse Sekte, die später Seelenwanderung lehrte und kosmogonische Gedichte verfaßte. Nach orphischer Lehre sind 4 Gottheiten bei der Geburt jedes Menschen zugegen und bestimmen seinen Lebensgang. Goethe gibt eine fünfte hinzu: die Hoffnung. Sie bleibt übers Grab hinaus mit dem Leben verbunden und ihr erschließt sich sogar das All.
Daß Natur und Kunst paralleler Gesetzlichkeit folgen, erweckt das Behagen des Dichters. Er wählt den strengsten Bau, das Sonett, und ihm gelingt sogar darin ein auffallend plausibler, lockerer Satzbau, schöner Beweis seiner These: durch Bindung an Form wird Kunst eigentlich frei und kann wieder Natur werden. Das Gedicht wurde ins Vorspiel ’Was wir bringen‘, zur Eröffnung des Lauchstädter Theaters, eingefügt.

’Dauer im Wechsel‘ enthält Heraklits dialektische Sentenz (alles ist in Bewegung). Erfahrung und Lehre sind rein und sehr dichterisch zu Empfindung und Lied umgeprägt. Es spricht daraus: umspannende Güte, mit Blick auf die, eilende Zeit. Das ’gegliederte Gebilde‘ meint das Werk, und ’jene Stelle‘ ist der wandelnde eigene Körper, umgebender Luft und dem Raum ausgespart.

’Weltseele‘ – einst Weltschöpfung betitelt (der neuere Begriff stammt von Schelling) – richtet sich an die Monaden, kleinste kraftbegabte Seins-Einheiten, aus denen alles ist. Demiurghaft sie aussendend zum Zug ins All, gibt der Dichter ihnen auf, alles mit Leben zu beseelen; sie bilden Sternsysteme, wolkige Atmosphäre, Gesteinsformen, entwickeln im Wasser organisches Leben der Pflanzen, an Land Tiere, werden zu Menschen und gelangen ins Göttliche zurück. Paare, mithin Polarität, setzen die Menschheit fort. Der Dichter, auf selber Rotierendem sich befindend (Erde) reflektiert, taumelnd wie bei anhaltendem Blick auf Gestirnswelt, in deren Sog sein Denken gerät.

’Eins und alles‘ – sieht die Welt als Abbild aller Tätigkeit. Der Mensch, in ihrem Rhythmus mittreibend, muß tätig sein. Wer vom All durchdrungen ist, darf und muß sich mit dem Weltgeist messen. Der Einzelne verschwindet ins Ganze, Starrwerdendes zerfallt in Nichts.

’Vermächtnis‘ – Statt ’Eingehen des Einzelnen ins Ganze‘ gilt ihm nun dieses selber als das Seiende, in dem jeder Einzelne in gewandelter Form erhalten bleibt. Mit dem Weisen ist Copernicus gemeint, der die Umlaufbahn der Erde und anderer Planeten nachwies. Wieder akzentuiert Goethe die Analogie von äußerer und mensch-innerer Welt. In einer schweifenden, nicht sehr dichterischen Sprache der Mitte vererbt der fast 80jährige lächelnd die Summe seiner Lebenskenntnis in einem ’Catalogue‘ von Ratschlägen. Schöne Gesetzlichkeit nach Art der Griechen aufgefaßt – ist: Natur als Sitte. Sein immer auf den Kreislauf der Natur gründendes Denken auch hier. Vermacht wird Menschlichkeit.

s. w.


Wer Unbekanntes vorzieht, findet hier Wiederentdecktes, hinzu wird gezeigt: Goethe als Librettist. Er hatte eine Vorliebe für Oper. Mozarts ’Zauberflöte‘ endet, nachdem Blitz, Donner und Sturm die Wüteriche in die Unterwelt jagten, mit der Anmerkung: ’Sogleich verwandelt sich das ganze Theater in eine Sonne.‘ Heiterkeit des Lichts breitet sich aus, auch in Musik, tauglich zu Dienst an der Aufklärung, deren Ziel war: einleuchtendes Gutwerden von Menschen und Zuständen. Große Kunstwerke sind auf die Inhalte der Zukunft aufgetragen, haben deshalb auch späteren Zeiten etwas zu sagen. Mozarts ’Zauberflöte‘ – Phantasiestück, das fraglos humanisiert durch die Weltfeierlichkeit gediegenster Klang-Aura – wurde am 30. September 1791 in Wien uraufgeführt. Goethe inszenierte sie etwa 2 Jahre danach für Weimar, zum 16.Januar 1794. Sie blieb länger als andere Stücke auf dem Spielplan, mithin hatte er ihre Klangwelt präzis in Erinnerung. Was da in ihm nachschwang, drängte zu Fortsetzung, die er auch plant. Frühester Adressat in dieser Sache war Paul Wranitzky, Erstaufrührer von Haydns ’Schöpfung‘ und Compositeur eines ’Oberon‘; doch auch Zelter, Schiller, Knebel, Kirms, Riemer erfahren davon, und erwähnt sind Iffland, Byron etc. – diese Namen markieren die Entstehenszeit. Doch Goethe fand keinen Komponisten für seinen Text; er nahm die Arbeit daran mehrmals wieder auf, intensiv zwischen dem 5. und 16. Mai 1798, als die Handschrift zu diesem ’dramatischen Mährchen‘ angefertigt wurde, aber bald ließ er es liegen. 1802 und, nach wenigem Ändern, 1807 wurde das Fragment gedruckt.
Etliche Passagen darin muten an wie auf ’Zauberflöte I‘-Rhythmen textiert. Das bietet einen Ansatz. Etwa den:
Einer liest Brieftext Goethes über sein Vorhaben. Darin der auffallende Satz: ’… wünsche, daß die Erinnerung an die erste Zauberflöte immer angefesselt bliebe.‘ Klima aus ihr weht heran, durchklingt auch die Szenenanmerkungen Goethes und die Geräusche der Handlung. Die erste Zauberflöte in Erinnerung, setzt der Librettist die zweite aus sich heraus. Gestus: hervor-bringen. Mitten im Monostatos-Wort übernimmt der Darsteller und ab da ist Szene.
Goethe ließ die Verhaltensrichtung der Charaktere unverändert, vertiefte aber enorm. Die Priesterschaft hütet nicht mehr nur die Riten, sie wendet humane Gesinnung an, sendet Helfer aus, unternimmt viel, das Kind zu retten: ein collectivum eingreifenden Denkens; das erst geworden durch ihn. Pamina ist auch hier die Humanitas. Einige Papageno-Szenen, die nur auf optischen Spaß zielen, konnte man beiseite lassen. Die Fabel ist schön und belangvoll, hat das ’Weitstrahlsinnige‘ (Goethe), das den Durchblick auf Wesentliches offen hält. Die Szenen sind von einander klar abgehoben; ist das Verständnis gesichert, wird der nächste Vorgang etabliert. Mögliche Lesart:

Sarastro übergab das Sonnen-Diadem, den Stein der Weisen, an Tamino und will helfend durchs Land pilgern, ethischer Lehre neue Welterfahrung zuzuführen. Tamino, nun Priesterkönig, hat von Pamina das erste Kind: Genius. In Finsternis aber wird es geraubt, ehe die Eltern es sahen. Monostatos will es in die Gewalt der Nacht- und Truggöttin verschleppen, damit das humane Prinzip sich nicht ausbreite. Er sperrt es in einen Sarg, kann den aber nicht vom Ort rücken, solange Sarastros Zaubersegen gegenwirkt; so drückt er fliehend das unlösbare Siegel darauf. Das Neugeborene, noch unerwacht, ruht zwischen Leben und Tod, ist zwar den Nachstellungen entzogen, doch auch den Eltern. Ab nun tobt Kampf ums entführte Kind, das ausersehen war, humane Zeitläufte heraufzuführen.
Der berühmte d-moll-Akkord kündet das Nahen der Nachtgöttin. Sie weist Monostatos, den niederträchtigen Selbstling, als einen Versager zurecht. Unwetter und zyklische Donner durchziehen die Atmosphäre, da ist Kampf auch in den Lüften. Schon wirkt die Finsternis ins Reich der Sonne und wird in den stillen Gefilden der Entronnenheit als heraufziehende Gefahr vernehmbar. Der Palast Taminos liegt in Trauer. Priester treffen seltsame Vorkehrungen, das Kind zu retten. Hüterinnen tragen ruhlos das Kistchen umher – wie einst die Cista zu den heiligen Mysterien – in Gegenzug zu Monostatos den Sarg wieder zur Wiege machend, bis Genius erwacht. ’Solang ihr wandelt, lebt das Kind!‘ Stehen sie still, verliert es Atem und Puls.
Pamina, schutzflehend, will das Kästchen der Sonne weihen. Doch ihre ’Mutter Nacht‘ sendet ein Erdbeben, Altar und Sarkophag stürzen in den Abgrund.

Pamina sinkt hin; ihrem schwindenden Bewußtsein ziehen, wie bei Sterbenden, erlebte Begegnungen vorüber – gespiegelt durch eine Psycho-Montage aus Mozartzitaten. Wieder zu sich findend, eilt sie zu Tamino, beide verfallen in Trübsinn. Sie daraus zu erlösen, sendet Sarastro den Schlaraffen Papageno, der die Flöte von Tamino bekam und deren heilende Magie nutzen kann. Nur solange ihr Klang andauert, sind die Eltern getröstet. Priester stürzen herbei und melden, der Sarkophag sei tief unterm Palast in einem zerklüfteten Höhlengewölbe verborgen, bewacht von Gewaffneten und Ungeheuern. Die Eltern dringen ins Unterirdische, ihr Kind zu retten, überwinden Wasserfall und Feuerbarriere. Da erscheint die Nachtkönigin und befiehlt, das Kind zu morden. In höchster Not, als Löwen herzuspringen und Speere gezückt sind sendet Sarastro einen Gewitterstrahl, der die obskure Mordclique augenblicks versteint und den Sarg entsiegelt. Das Kind kann nun sich selber befreien.

Die letzten Verse des Fragments sind für einen Schluß, bei dem man doch gerne beruhigt ist, zu blaß. In Sinn und Richtung des – ungeschriebenen – Finales einen besseren zu finden, wurde ein spätes Gedicht Goethes angefügt. Darin lehrt Genius in poetischer Weise: Leben ist verbesserbar, seine Tragik künftig aufhebbar, wenn der Mensch sich immer wieder ins Rechte denkt, sein Verhalten überprüft. Genius – mit Vorwissen ausgestattet, wie das Genies sind – entschwebt in die Lüfte, um – wie Musik selber – aus dem Durchsichtigen des Klangs ein hörbares Universum zu weben: seraphisch. Sprechen vollzieht sich hier in einer Sphäre, die Verbindung zu musikalischem Ausdruck hält, wenn er, arielhaft und still hinsegelnd übers Gefild, am Blau sich erquickt.
Das Staunen – den Kindern und den Genies eigen, weshalb ihnen mehr auffällt als eingeht und Creativität ihnen natürlicher und gemäßer ist als etwa entfremdender Pflichtstoff – ist auch dieses Erdensohns Teil. Und es ist ein überlegener, zarter Zug an Goethe, dem Genie die Gestalt eines Kindes zu geben. Kind-Idee verweist so auf Werk-Idee, denn auch das Werk, während es hervorgebracht wird, durchläuft embryonale Stadien, wird geboren (freigesetzt) und bereitet Stolz oder Schmerz, darin mensch-ähnlich.

w.
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Mailied
Alexander Lang
Mai 1771 mit 21 Jahren
Versbau: Aay.aa.aay.aa.
Reimschema: Wawa

Willkommen und Abschied
(Früh und Spätfassung ineins)
Alexander Lang
1770 mit 21 Jahren
Versbau: Aaaay.aaaa.
Reimschema: X4 Ababcdcd

An Belinden
Alexander Lang
1775 mit 26 Jahren
Versbau: Bbbbb.bbx
Reimschema: X2 Abab

Herbstgefühl
Wilfried Ortmann
Herbst 1775 mit 26
Versbau: freie Rhythmen
Reimschema: -

An Lida
Jürgen Holtz
14. 4. 1776 mit 26
Versbau: Bbbb.(B/X)..
Reimschema: Abab

An den Mond
(Frühe Fassung)
Fred Düren
16. 1. 1778 mit 28
Versbau: Bbbx.bbx
Reimschema: X2 Ahab

An den Mond
(Späte Fassung)
Fred Düren
Vor 1789
Versbau: Bbbx.Bbx
Reimschema: X2 Abab

Die Liebende
Walfriede Schmitt
1779 mit 29
Versbau: Aaaaay.
Reimschema: Abba Cbbc Defdef

Wanderers Nachtlied II
Jürgen Holtz
6. 9. 1780 mit 31
Versbau: Cay.a.aay.d.dx.Accy.db.dx.
Reimschema: Abab Cddc

Römische Elegie V
Wilfried Ortmann
Sept. 1788 mit 39
Versbau: Dddddb.ddxddx.
Reimschema: Distichen

Morgenklagen
Alexander Lang
Sommer 1788 mit 38
Versbau: Bbbbb.
Reimschema: Vers

Philine
Hannelore Koch
1795 mit 46
Versbau: Bbbb.bbbx.
Reimschema: X2 Abab


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Nähe des Geliebten
Walfriede Schmitt
April 1795 mit 45
Versbau: Aaaaay.aa.
Reimschema: X2 Abab

Die Metamorphose der Pflanzen
(Schicksal der Hand- und der Druckschrift
Das Lehrgedicht-als Elegie)
Wilfried Ortmann
17./18. 6. 1798 mit 48
Versbau: Dddddb. Ddxddx
Reimschema: Distichen

Talisman
Wolfgang Dehler
1815 mit 65
Versbau: Aaccy.aaccy.aaaa.Aacc. Aaaa. Aacc.
Reimschema: Aabbcc

Hatem
Wolfgang Dehler
Versbau: Bbbb. Bbbx.
Reimschema: X2 Abab

Suleika
Gabriele Heinz
1815 M.v.w.

Hochbeglückt
Gabriele Heinz
mit 31
Versbau: Bbbb.bbbx.
Reimschema: X2 Abab

Ach, um deine feuchten Schwingen
Gabriele Heinz
Versbau: Bbbb.bbbb.
Reimschema: X2 Abab

Wie mit innigstem Behagen
Gabriele Heinz
Versbau: Bbbb.bbbx.
Reimschema: X2 Abab

Gedichte sind …
Dieter Mann
nach 1810
Versbau: Aaaaay…
Reimschema: Reim/Knittelvers

Ein Gleichnis
Wolfgang Dehler
1828 mit 79
Versbau: Aaaa
Reimschema: Aabbccddeeff

Künstlerlied
Jürgen Hentsch
1816 mit 66
Versbau: Bbbb.bbbx.
Reimschema: X4 Ababcdcd

Harfenspieler
Fred Düren
Dez. 1783 mit 34
Versbau: Aaaa.aaaay.
Reimschema: X2 Abab

Wanderers Gemütsruhe
Dieter Mann
1814 mit 65
Versbau: Bbbx.bbb.
Reimschema: X2 Abab

Mich nach- und umzubilden
Fred Düren
Vor 1820 mit 70
Versbau: Aaaaay.aaaaay
Reimschema: X4 Abba Abba

Das Göttliche
Jürgen Hentsch
1783 mit 34
Versbau: Freie Rhythmen
Reimschema: -


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Der Zauberflöte Zweiter Teil
Brieftext und Fragment

Paralipomena

I. Act
1 Monostatos. Sclaven
2 Monostatos. Sclaven. Königin der Nacht
3 Wächterinnen
4 Wächterinnen. Tamino Arie
5 Papageno
6 Priester unter Sarastro
7 Priester. Sarastro Abschied
8 Feyerlicher Zug. Pamina. Verschwinden des Kinds. Arie
9 Papagenos Eyer
10 Papagenot Eyer. Sarastro
11 Erwachsen des Papagenos
12 Mädchen. Hofleute
13 Papageno und Familie
14 Die Vorhänge gehen auf
Die Vorigen. Pamina. Tamino
15 Die Vorigen, zwey Priester
Gewölbe. Wasser Feuer
Die Wächter und die Löwen
Pamina. Tamino
Die Königin der Nacht
Das Kind entflieht


– Fragment Ende –

– weiterführender Plan –

Kurze Landschaft
Sarastro und Kinder
Tiefe Landschaft
Genius Pamina Tamino
Papagena Monostatos
Papageno Papagena Kinder
Genius wird gefangen
Pamina Tamino die vorigen
Pamina Tamino die vorigen Monostatos
Nachtscene mit Meteoren
Königin. Sarastro
Königin. Monostatos
Schlacht. Tamino siegt
Papageno gerüstet
Palast aufgeputzt
Weiber und Kinderspiel
Monostatos unterirdisch. Brand
Zeughaus
Die Überwundenen. Priester.


Die Scenen 16–39 wurden von Goethe nicht mehr numeriert.

Königin der Nacht: Marion van de Kamp
Monostatos: Dieter Mann
1. Gewaffneter – in ihrem Dienst: Michael Gwisdek
2. Gewaffneter – in ihrem Dienst: Werner Dissel
Sarastro: Wolfgang Dehler
Tamino: Gunter Schoss
Pamina: Hildegard Alex
Genius – ihr geraubtes Kind: Hannelore Koch
Papageno: Edwin Marian
Dame: Gabriele Gysi
Hüterinnen und Stimmen des Schicksals: Gisela Fetting, Christina Klopsch, Astrid Pilzecker, Karin Pohl
Sklaven und Gewaffnete der Nachtkönig, Priester Taminos: Siegfried Hausmann, Rainer Kirste,
Karl-Heinz Schmieder, Bernhard Strohbach


Schlagwerk: Rudi Liebetrau
Flötensolo (komponiert von Ralf Hoyer): Werner Tast
Brieftext und Scenen-Anmerkungen Goethes: Jürgen Hentsch
Vorhabens-Idee, Chöre, Dirigat und Inszenierung: Siegfried Wittlich
Regie-Assistenz: Ingrid Hauschild
Klang-Realisation: Jürgen Meinel
Schnitt: Barbara Kluczyk

Das Fragment aus den Jahren 1795–1806, wurde bisher nie aufgeführt.


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Fortsetzung des Fragments

Ins Libretto eingearbeitet:

Schwebender Genius über der Erdkugel
Hannelore Koch
3. 2. 1826 mit 76
Versbau: Bbbb.bbbx.bbbb.bbbx.
Reimschema: Abab

Notat Johann Peter Eckermanns
Dieter Mann

Aus Urworte Orphisch
Jürgen Hentsch
7/8. 10. 1817 mit 58
∆AIMΩN Dämon
Versbau: Aaaaay.
Reimschema: Stanzen X8 Abababcc
Anagkh Nötigung
Versbau: Aaaaax.
Reimschema: X8 Abababcc
E∆∏I∑ Hoffnung
Versbau: Aaaaay.
Reimschema: X8 Abababcc

Natur und Kunst
Alexander Lang
Vor 1802 mit 51
Versbau: Aaaaay. frz. Sonettbau
Reimschema: Abba Abba Cde Cde

Dauer im Wechsel
Wolfgang Dehler
Frühjahr 01 mit 51
Versbau: Bbbb.bbbx.
Reimschema: X4 Ababcdcd

Welt-Seele
Alexander Lang
März-Mai 02 mit 52
Versbau: Aaaaay.aaa.
Reimschema: X2 Abab

Eins und alles
Jürgen Hentsch
6. 10. 1821 mit 72
Versbau: Aaaay.aaaay.aaaa.
Reimschema: X2 Aabccb

Vermächtnis
Fred Düren
Febr. 1829 mit 79
Versbau: Aaaay.aaaay.aaaa.
Reimschema: X2 Aabccb.

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Auswahl und Regie: Siegfried Wittlich
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seddig