Maria Stuart

von Friedrich Schiller

2-LP LITERA 8 60 108/109
Covertext:
Maria Stuart – Historie und Dichtung
Leben und Tragödie der Maria Stuart hat die Zeitgenossen und die Nachwelt in einem so hohen Maße beschäftigt, wie das nur von wenigen Frauengestalten der Weltgeschichte gesagt werden kann. Der Liebreiz einer schönen Frau, ihr Einfluß auf die Geschicke großer Völker an einem historischen Wendepunkt, ereignisreiche Vorgänge, die zugleich einen Bestandteil an Geheimnisvollem, Ungewöhnlichem, Nichtdeutbarem besitzen, die langjährige Gefangenschaft einer Königin im Zeitalter der Königsmacht, Berechtigung oder Ungerechtigkeit eines Todesurteils – diese und andere Motive haben seit nahezu vier Jahrhunderten viele Historiker und Dichter angeregt, den Ereignissen im Leben dieser Frau nachzuspüren und ein Urteil über Maria Stuart und ihre Zeit abzugeben. Und wohl kaum gibt es eine historische Gestalt, wo dieses Urteil so extrem entgegengesetzt ausgefallen ist: Es verherrlicht sie als Heilige, als Märtyrerin, als kluge, maßvolle Königin, und es verdammt sie als Mörderin, als Intrigantin, als liebestolles Weib. Man ist versucht, diese absolute Gegensätzlichkeit den Lücken im zeitgenössischen Quellenmaterial und der Deutungswillkür späterer Interpreten zuzuschreiben. Aber es ist anders: Tatsächlich sind viele tausend Dokumente, überliefert, fast jedes biographische Detail ist in Zeugnissen der Zeitgenossen enthalten, Briefe, Protokolle und Berichte scheinen ein getreues Bild der Vorgänge zu geben. Doch der Forscher erkennt bald, daß Grund und Ursachen aller dieser gegensätzlichen Urteile schon in den alten Handschriften zu finden sind: Die Kriege und die Widersprüche der Zeit, die Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Schotten und Engländern, zwischen den einzelnen Clans und Feudalherren haben sich unauslöschlich in die Dokumente eingeprägt. So steht Stimme gegen Stimme, Zeugnis gegen Zeugnis, Urteil gegen Urteil. Die gesellschaftlichen und politischen Ideen, Weltanschauungen und Machtansprüche prallten offen und hart aufeinander und sie zwangen jeden einzelnen zu entschiedener Parteinahme. Für oder wider Maria Stuart von Schottland, für oder wider Elisabeth von England: Die Parteinahme für eine der beiden Königinnen bedeutete Parteinahme in den politischen Auseinandersetzungen jener Zeit und umgekehrt.



England und Schottland im Zeitalter der Tudors und Stuarts

England befand sich im 16. Jahrhundert an der Schwelle einer neuen Epoche: Die Feudalverhältnisse hatten sich schneller zersetzt und die kapitalistische Entwicklung rascher vollzogen als in jedem anderen Land. Es wurde der Grundstein zur bürgerlichen Revolution des 17. Jahrhunderts und zur Weltmacht England gelegt. Blutige Kämpfe, vor allem der Krieg der Roten und der Weißen Rose (zwischen den Adelshäusern Lancaster und York, 1455–1485), hatten die Macht der großen Feudalherren geschwächt und die Errichtung des Feudalabsolutismus erleichtert. Von 1485 bis 1603 herrschten in England Könige aus dem Hause Tudor. Eine der folgenreichsten Maßnahmen, die Heinrich VIII. (15o9–1547) durchführte, war die Kirchenreform, die der Kirche ihre wichtigste ökonomische Grundlage entzog. Der Landbesitz, der ein Drittel des gesamten Bodens von England ausmachte, wurde zugunsten der Krone eingezogen und die Klöster wurden aufgehoben. Den Anlaß gab eine der Privatleidenschaften des Königs. Als der Papst sich weigerte, die Ehe Heinrichs VIII. mit seiner ersten Frau Katharina von Aragon zu scheiden, damit der König seine zweite Ehe mit Anna Boleyn eingehen konnte, erklärte das englische Parlament 1534 die Unabhängigkeit der englischen Kirche vom römischen Papst. Diese Reformation wurde mit allen Mitteln durchgesetzt. Jeder Engländer, der die neue Kirche nicht anerkennen wollte, konnte wie ein Staatsverbrecher gefoltert und getötet werden. Unter Eduard VI. näherte sich die anglikanische Kirche stärker dem Protestantismus. Maria Tudor, von 1553 bis 1558 Königin von England, eine fanatische Katholikin, versuchte den alten Zustand wiederherzustellen. Sie gab der römischen Kirche ihre Vormachtstellung im Staat zurück, jedoch nicht die Ländereien und den Klosterbesitz. Die Anhänger der Reformation ließ Maria Tudor, die den Beinamen „die Blutige“ erhielt, grausam verfolgen.

Im Jahre 1558 bestieg Elisabeth I., die Tochter Heinrichs VIII. aus der vom Papst nicht anerkannten zweiten Ehe mit Anna Boleyn, den englischen Thron. Sie stellte die Rechte der reformierten anglikanischen Kirche wieder her und hatte dabei die Mehrheit des Adels und der Bourgeoisie auf ihrer Seite. 1571 beschloß das englische Parlament die sogenannten 39 Artikel, das Glaubensbekenntnis der reformierten Kirche, das Elemente aus dem protestantischen wie dem katholischen Dogma enthält. Oberhaupt der anglikanischen Kirche ist der König, die Kirche Teil der feudalabsolutistischen Staatsmacht. Die Politik der Elisabeth war reich an Widersprüchen, wie es unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht anders sein konnte: Sie förderte die Feudalherren (dabei immer auf die Stärkung der Krone als Zentralmacht bedacht) und versuchte, die aufstrebende kapitalistische Entwicklung zu hemmen und den politischen Einfluß des Bürgertums zu unterbinden. Aber zugleich brauchte sie die neuen gesellschaftlichen Kräfte, wenn sie die ökonomische und politische Macht im Lande vergrößern und den sie bedrohenden starken äußeren Feinden standhalten wollte. Und umgekehrt: Auch Adel und Bourgeoisie brauchten zur Wahrung ihrer Interessen eine starke Zentralmacht, die im Innern des Insellandes die Einigkeit herbeiführte und die Überlegenheit nach außen sicherte. Auch Schottland war ein selbständiges Königreich, beherrscht von der Dynastie der Stuarts. Vorherrschend im Lande waren – besonders seinem Norden – mittelalterlich-patriarchalische Verhältnisse. Im Norden waren es die Führer der Clans, im Süden große Feudalherren, die mit Fehden und Raubzügen das Volk in Unruhe hielten. Die Stuarts, ohne feste Machtbasis, waren vom Hochadel abhängig. Zu der gespannten Situation im Innern kamen seit Beginn des 16. Jahrhunderts die außenpolitischen Kämpfe. England, Frankreich und Spanien suchten das Land zu erobern bzw. von sich abhängig zu machen. Jahrzehntelange blutige Kriege zwischen England und Schottland waren die Folge. Am 14. Dezember 1542 starb der schottische König Jakob V. Sechs Tage zuvor, am 8. Dezember, war seine Tochter Maria Stuart geboren worden. Sie wurde Königin von Schottland; die Regentschaft übte erst ein Rat, später ihre Mutter, Maria von Guise, aus. 1548 wurde die sechsjährige Königin nach Frankreich gebracht, um am Hofe Heinrichs II. erzogen zu werden. Im gleichen Jahre landeten französische Truppen in Schottland, um das sieglose schottische Heer gegen England zu verstärken. In den folgenden drei Jahren gelang es, die Engländer aus Schottland zu vertreiben; es kam zum Friedensschluß zwischen den drei Ländern. Doch wurde damit nicht Friede im Land. Die innenpolitischen Kämpfe verschärften sich. Die Reformation in Gestalt des Calvinismus hatte bei den Stadtbürgern und einem Teil des Adels großen Einfluß erlangt. Unter dem Banner des Calvinismus sammelte sich die nationale und soziale Widerstandsbewegung. Der Führer und Ideologe dieser schottischen Reformation wurde John Knox (1505–1572), ein Priester der anglikanischen Kirche. In wenigen Jahren entstand eine starke innenpolitische Opposition, ein kompromißloser Gegner des Katholizismus und der Abhängigkeit von Frankreich.

Unterdessen wurde Maria Stuart in Frankreich zu einer fanatischen Katholikin erzogen. Ihre einflußreichsten Erzieher kamen aus der Familie der Guise, der ihre Mutter entstammte. In ihren Briefen nennt Maria ihren Oheim, den Herzog de Guise, und seinen Bruder, den Kardinal von Lothringen (de Guise), als diejenigen, die sie ständig berieten und die ihr Leben regelten und bestimmten. Es ist derselbe Kardinal de Guise, der gemeinsam mit der Königinmutter Katharina von Medici die Bartholomäusnacht im August 1572 zu verantworten hat, in der 32 000 französische Protestanten (Hugenotten) hingemordet wurden. – Im April 1558 wurde in Paris die Hochzeit Maria Stuarts mit dem Dauphin von Frankreich gefeiert. Als im gleichen Jahre Elisabeth I. den Thron von England bestieg, benutzte der französische König Heinrich II. das für England so folgenschwere päpstliche Eheverbot, um Elisabeth für unehelich und Maria Stuart zur rechtmäßigen Erbin der englischen Königswürde zu erklären. Elisabeth, als Bastard bezeichnet und entehrt, empfand nun auch persönlich Haß gegen Maria. Im Jahre 1559 bestiegen Franz II. und Maria Stuart den französischen Königsthron – sie nannten sich nun: Könige von Frankreich, Schottland und England. – Im Jahre 156o gelang es den schottischen Calvinisten, die englische Flotte zu besiegen, die den Hafen von Leith belagert hatte. Es kam zum Frieden von Edinburgh: Die schottische Königin sollte zur Verkündung der Glaubensfreiheit, zum Abzug der französischen Truppen und zum Verzicht auf den englischen Königstitel gezwungen werden; Maria verweigerte ihre Unterschrift. Im gleichen Jahre starb Franz II.; sein zehnjähriger Bruder Karl IX. folgte ihm auf den Thron, die Mutter des Königs, Katharina von Medici, wurde Regentin in Frankreich. Maria beschloß, nach Schottland zurückzukehren.

Im August 1561 verließ Maria Stuart mit ihren Schiffen den Hafen von Calais; es gelang ihr, der englischen Flotte zu entgehen, die Elisabeth gegen sie ausgesandt hatte. Nach der Ankunft der Königin verschärften sich in Schottland die Spannungen. Maria suchte ihre Partei zu stärken und verbündete sich mit der katholischen Opposition in England. Elisabeth unterstützte die Calvinisten in Schottland und bekämpfte die Katholiken in ihrem Lande. – Religionskämpfe in dieser geschichtlichen Epoche waren immer nationale, politische und ideologische Kämpfe. Es ging um die nationale Einheit des Insellandes unter englischem oder unter schottischem Zepter, unter Elisabeth oder unter Maria. Elisabeth aber vertrat die dem Fortschritt offene Position, da die Reformation als Ausdruck des Wirkens neuer gesellschaftlicher Kräfte die Keime in sich trug, die zur Entfaltung von Wirtschaft, Handel und Kultur führen sollten. Unter diesen Bedingungen war es ein nationales Programm, das Zukunft hatte. Maria dagegen wollte die Einheit Englands und Schottlands unter der Herrschaft des Katholizismus, unter gesellschaftlich überholten Bedingungen. Ihr Traum galt einer vergangenen und vergehenden Epoche: dem Mittelalter.

Im März 1564 ließ Elisabeth durch einen Gesandten der schottischen Königin die Eheschließung mit Lord Robert Dudley, dem späteren Earl of Leicester, vorschlagen. Maria lehnte ab, weil ihr Dudley nicht ebenbürtig erschien. Wenige Wochen später warb eine andere Angehörige des Hauses Tudor um Marias Hand für Lord Henry (Heinrich) Darnley, der ebenfalls dem englischen Königshaus entstammte. Elisabeth versuchte, diese Eheschließung zu verhindern. Die Gründe, die Maria bestimmten, Darnley zu heiraten, mögen wohl nicht nur persönlicher Art und gefühlsbedingt gewesen sein. Der Widerspruch und die Gegenmaßnahmen Elisabeths reizten, der Anspruch auf den englischen Thron wurde durch die Verbindung mit einem Tudor bekräftigt. Im Juli 1565 wurde die Ehe geschlossen, Darnley der Königstitel für die Zeit ihrer Dauer verliehen. In einem Aufruf wandte sich das Königspaar „an alle Schotten und gegen die Rebellen“. Darnley gelang es nicht, für sich und die Königin neue Freunde zu gewinnen, im Gegenteil, er zog sich den Haß von Volk und Adel zu. Darnley erwies sich als unfähig. An die Spitze der Parteigänger der Königin trat James Hepburn, Earl of Bothwell. Ihm wurde der Oberbefehl über die Flotte und über die an der Südgrenze des Landes stationierten Truppen übertragen. Im Juni 1566 wurde Maria Stuarts Sohn geboren, der ihr später als James (Jakob) VI. auf dem Thron folgen sollte. Bothwell und andere Anhänger forderten von der Königin, sie solle ihre Ehe mit Darnley lösen. Sie lehnte ab. Am 10. Februar 1567 wurde das Haus, in dem sich Darnley befand, in die Luft gesprengt. Die sogenannten Kasettenbriefe (Briefe Marias an Bothwell), die die Mitschuld der Königin an dem Mord belegen würden, sind von einigen Forschern als echt, von anderen als Fälschung bezeichnet worden. Ob die Wahrheit über diese Dokumente, die für die Schuld oder Unschuld der Maria Stuart von so großer Bedeutung sind, je ermittelt werden kann, ist zweifelhaft. Den Zeitgenossen galt Bothwell als der Mörder bzw. der Anstifter zum Mord. Der Gerichtshof jedoch sprach ihn frei. – Wenige Wochen später wurde die Königin auf der Rückreise von Stirling nach Edingburgh von Bothwell, seinen Verbündeten und achthundert Reitern umringt und gefangen genommen; sie durfte Dunbar erst wieder verlassen, nachdem sie sich verpflichtet hatte, Bothwell zu heiraten. Auch diese Ereignisse werden von der Gegenseite anders geschildert: Maria habe von dem Streich vorher gewußt, sie sei Bothwell freiwillig gefolgt und sei ihm – wie die Kasettenbriefe beweisen – blindlings und bis zur Selbstaufgabe ergeben gewesen. Am 15. Mai 1567 fand die Eheschließung Maria Stuarts mit dem Earl of Bothwell, Duke of Orkney, statt. Die Königin erschien in Trauerkleidung. – John Knox, der Führer der schottischen Calvinisten, aber beendete seine Predigten an das Volk mit dem Appell: „Gott! Erlöse uns von der Tyrannei der Dirne!“ Damit meinte er Maria Stuart, die fanatische Papistin, die Abgesandte Frankreichs, die Königin, die im Land nicht Ordnung noch Frieden zu stiften verstand. Die Calvinisten jedoch drohten nicht nur mit Worten, sie bewaffneten das Volk, und Elisabeth lieferte ihnen Waffen und Geld. Die Unzufriedenheit von Volk und Adel führte im Juni 1567 zum Aufstand. Es war ein kurzer Kampf. Bothwell wurde von seinen Truppen im Stich gelassen und mußte fliehen; es gelang ihm, nach Dänemark zu entkommen, wo er bis zu seinem Tode im Kerker gefangen gehalten wurde. Die Königin aber wurde als Gefangene nach Edinburgh gebracht. Im Mai 1568 glückte ihr die Flucht aus dem Gewahrsam. Es fanden sich Adlige, die ihr huldigten und die ihr ein Heer zuführten. In der Schlacht bei Longside jedoch unterlagen ihre Truppen, und sie wählte – gegen den Rat ihrer Anhänger – England zum Asyl, um ihren innenpolitischen Gegnern nicht erneut ausgeliefert zu sein.


Am 17. Mai 1568 schrieb Maria Stuart an Elisabeth von England: „Inständig bitte ich Euch, lasset mich zu Euch kommen, sobald Ihr irgend es ermöglichen könnet, denn meine Lage ist verzweifelt, nicht nur einer Königin, nein, einer Edeldame unwürdig.“ Elisabeth ließ Maria zunächst mit Ehrerbietung aufnehmen, zugleich aber streng bewachen. Eine Begegnung mit Maria verweigerte sie: Zuerst habe die Schottin ihre Unschuld am Tode Darnleys zu beweisen. Eine Untersuchungskommission, bestehend aus englischen und schottischen Adligen und Geistlichen, wurde eingesetzt und die angeblichen Liebesbriefe Marias an Bothwell (die Kasettenbriefe) zum Beweis herangezogen. Maria blieb standhaft und wies alle Anschuldigungen zurück. Elisabeth, die offenbar Zweifel an der Echtheit der Schriftstücke hegte, ließ die Untersuchung ergebnislos beenden. Im Januar 1569 wurde Maria Stuart nach Wingfield, dann nach Schloß Tutbury gebracht und der Obhut des Earl of Shrewsbury anvertraut. Ein Versuch zur Befreiung Marias schlug fehl; sie wurde nach Coventry überführt. Ihr Aufenthaltsort wechselte: seit 1570 war sie in Sheffield, seit 1584 in Wingfield, dann wieder an anderen Orten. – In all diesen Jahren versuchten Frankreich und Spanien die gefangene Königin zu befreien: Gelder für die Invasion wurden bereitgestellt, Heiratspläne mit Don Juan von Österreich erwogen, offizielle Botschafter und zahllose Geheimagenten geschickt. In Schottland wechselten die Mitregenten des Königs und seine Berater. Blutige Schlachten und Belagerungen waren an der Tagesordnung. Elisabeth ließ Spione foltern – und schickte eigene Spione. Herzöge und Bischöfe wurden wie die einfachen Bürger gefoltert und eingekerkert. Fallbeil, Gift und Dolch waren in England und Schottland in diesen Jahren die sichersten Mittel der Politik. Ein Leben zählte nichts. Es war eine harte, eine blutige Zeit. – Am 25. September 1586 wurde Maria Stuart nach Fotheringhay gebracht. Sie wurde beschuldigt, das Leben Elisabeths bedroht zu haben. Eine Kommission wurde eingesetzt; Maria leugnete jeden Anteil an der Verschwörung. Am 25. Oktober sprachen Kommission und Parlament das Todesurteil aus. Am 4. Dezember wurde es von Elisabeth unterschrieben. Abgesandte des Königs von Frankreich erreichten einen Aufschub. Am 7. Februar 1587 erfuhr Maria Stuart von den Grafen Shrewsbury und Kent, daß ihre Hinrichtung am folgenden Tag erfolgen werde. Sie antwortete, daß sie bereit sei, im katholischen Glauben zu sterben, doch schwöre sie, keinen Mordanschlag auf Elisabeth vorbereitet oder begünstigt zu haben. Am 8. Februar 1587 (dem 18. Februar neuer Zeitrechnung) wurde Maria Stuart im Saal des Schlosses zu Fotheringhay enthauptet. – Fast zwanzig Jahre hatte sie im Gewahrsam der englischen Königin verbracht: als sie sich freiwillig überlieferte, war sie 25 Jahre alt, als sie unter dem Henkerbeil endete, eine 44jährige. Elisabeth von England starb im Jahre 1603. Den Thron bestieg als James (Jakob) I. von England Maria Stuarts Sohn James (Jakob) VI. von Schottland.


Schillers Trauerspiel

Bereits 1783 in Bauerbach beschäftigte sich Friedrich Schiller mit dem Maria Stuart-Stoff; er studierte die englischen Geschichtswerke von Camden und Robertson. Erst 1799 nahm er den Plan wieder auf. In der Zwischenzeit aber war Schiller ein bedeutender Historiker geworden, hatte er neben Ästhetik und Philosophie jahrelang Geschichtsstudien getrieben und in Jena über diese Wissenschaftsdisziplin Vorlesungen gehalten. Mit der „Wallenstein“-Trilogie war er zur künstlerischen Gestaltung großer historischer Begebenheiten übergegangen. Kaum war „Wallenstein“ beendet, nahm Schiller im April 1799 erneut seine Studien der englischen Geschichte des 16. Jahrhunderts auf, beriet er im Mai mit Goethe das Schema des geplanten Trauerspiels und begann anschließend mit der Ausführung. Ein Jahr später, am 9. Juni 18oo, wurde das Werk beendet. Dazwischen hatte es längere Unterbrechungen gegeben, andere Arbeiten, Krankheiten in der Familie, den Umzug nach Weimar und im Januar 1800 die Wiederaufnahme eines alten Plans: Es entstand die Bühnenbearbeitung des „Macbeth“ von Shakespeare. Diese Beschäftigung mit Shakespeare fügte sich organisch in den Komplex der Aneignung historischer Stoffe ein; nicht nur Euripides, wie Schiller selbst bezeugt hat (in seinem Brief an Goethe vom 26. April 1799), auch Shakespeare muß als Vorbild für „Maria Stuart“ genannt werden.

Schiller hat die historischen Vorgänge so gut gekannt, wie sie eben in seinen Quellenwerken zu finden waren. Das beste Zeugnis für seine gründlichen Studien geben die vielen Fakten, Details und Anspielungen, die in das Werk eingeflossen sind. Dabei darf man nicht übersehen, daß eben die leidenschaftliche Parteinahme für eine der beiden Königinnen das Hauptanliegen dieser Historien war. Viele Materialien waren Schiller noch nicht zugänglich und die Wesenszüge jener Epoche noch nicht erforscht. Außerdem haben Schillers Geschichts- und Kunstauffassung, sein Vorhaben, einen „bloß leidenschaftlichen und menschlichen Stoff“ zu gestalten, der Phantasie mehr als der Historie zu folgen (an Goethe, 19. März 1799), die Umwandlung vom historischen zum künstlerischen Stoff entscheidend beeinflußt.

Schiller hat der geschichtlichen Überlieferung neben einigen Details vor allem drei Elemente hinzugefügt: Er erfand die Begegnung der beiden Königinnen im Park von Fotheringhay, die Gestalt des Mortimer und die Liebesbeziehungen des Grafen Leicester zu Maria kurz vor ihrem Tode. Schon die zeitliche Raffung ist interessant, die Schiller vornimmt. Er reduziert die Vorgänge von zwanzig Jahren auf wenige Tage; die Königinnen sollen nach seiner Weisung (an Iffland, 22. Juni 1800) jung sein: im Alter von 25 und 30 Jahren. Gewiß, die Begegnung der beiden Königinnen im dritten Akt – als Höhepunkt im Stück – entspricht nicht der historischen Wahrheit, aber ohne Zweifel zutiefst der künstlerischen Wahrheit. Es ist für Schiller typisch, wie er diese beiden Charaktere, die Königinnen, in ein dialektisches Verhältnis zueinander setzt, wie er sich der Kontraste bedient, wie der Extreme im politischen und psychologischen Verhalten. So hätte es den künstlerischen Gesetzmäßigkeiten widersprochen, die beiden Königinnen nur jeweils in ihrem Kreise wirken zu lassen. Es ist schon ein eigenartiges Werk: bereits zu seinem Beginn ist alles entschieden das ganze Stück „sozusagen nur ein fünfter Akt“, wie Franz Mehring schrieb –, und doch hat es die bewegteste Handlung, vermag es unaufhörlich, Denken und Gefühl zu beschäftigen, weckt es Nachdenken und Leidenschaft. Durch den „Kunstgriff“, Mortimer und Leicester in Beziehung zu Maria und zu Elisabeth zu setzen, werden vom Dichter Hoffnungen wachgerufen und die Rettung Marias bleibt im Bereich der Möglichkeit. Die Gestalt des Mortimer ist eine geniale Erfindung Schillers, denn wie sonst hätte er Macht und Politik des Katholizismus zeigen können. Selbstaussagen, auch bei einer künstlerisch ausgereiften Gestalt wie der Maria, haben immer geringere Überzeugungskraft. Aber Mortimer darf nicht, auch nicht in einzelnen Momenten, als absolut positiver Held aufgefaßt werden. Schiller hat ihn kritisch gesehen, und nicht nur als Gestalt aus dem 16. Jahrhundert, sondern vor allem als Typ des romantischen Schwärmers, wie er seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in der Literatur und Gesellschaft auftrat. Auch Graf Leicester ist nicht nur der ferneren Zeit zuzurechnen; sein Verhalten konnte Schiller noch an den Höflingen in seiner eigenen Umwelt studieren. Die beiden engsten Berater der englischen Königin neben Leicester hat Schiller genau charakterisiert: Burleigh, vom Sekretär der Königin zum Lord und Großschatzmeister aufgestiegen, der Puritaner, der unerbittliche Bewahrer der Vorteile und Machtinteressen Elisabeths und der ihr ergebenen Klassen; Shrewsbury, der langjährige Wächter der Maria, dessen historisch verbürgtes Verhalten durch ethische Maximen der deutschen Klassik ... (Anmerkung: Wort nicht lesbar) ... veredelt wird.

Franz Mehring hat festgestellt, daß Schiller persönliche Sympathie für den Katholizismus ebensowenig gehabt hat wie für den Protestantismus: „Er stand über diesen Gegensätzen, und eben deshalb vermochte er, ihnen ihr historisches Recht zu wahren.“ Schiller zeigt den Katholizismus und den Protestantismus als Staatsmacht und Ideologie ihrer Zeit, er zeigt sie in der ganzen Brutalität ihrer Intoleranz, im Mißbrauch der Macht über Krieg und Frieden sowie der Gewalt über die Gesellschaft und den einzelnen Menschen. Besonders im Denken und Handeln der Königinnen wird deutlich gemacht, daß sich die ethischen Deklarationen der Glaubensbekenntnisse von dem machtgierigen, blutigen Tun ihrer Repräsentanten absolut unterscheiden. Die Kritik des Dichters gilt beidem: dem Wahn und der Schuld. Ja, Schiller geht sogar soweit, die persönliche Schuld der Maria zu erhöhen, und er verstärkt damit zugleich die Zweifel an ihren Idealvorstellungen. So sieht Schiller die Maria: Sie ist eine schöne und kluge junge Frau, deren Bestimmung es ist, anderen Menschen Glück zu bringen, die Freuden genoß und zu bereiten wußte, die aber diese ihre Natur aufgibt und einem politischen Ziel opfert, das andere Menschen nicht glücklich macht, sondern diese sogar, einen nach dem anderen, dem Tode oder Unglück überliefert. Es ist die Wahnidee, der politische Mißbrauch, die Naturwidrigkeit und schwärmerische Selbstaufgabe, die Schiller verurteilt. Und doch, obwohl er sie zu „objektivieren“ suchte, mit ihr keine „weiche Stimmung“, sondern höchstens Mitleid hervorrufen wollte (an Goethe, 18. Juni 1799), erregt Maria beim Zuschauer und Hörer auch diese Stimmung. Sicher wollte Schiller einen Gegensatz auftun zwischen Person und Sache, aber hat er sich nicht in der Wirkung verschätzt? – Schon die Zeitgenossen haben herausgefunden, daß das Stück eigentlich keinen positiven Helden hat. Shrewsbury ist keine Hauptfigur; er redet, doch er handelt nicht. Maria hat positive Züge in Charakter und Haltung. Dabei fällt auf, daß sie zwar ein mittelalterliches, also der Vergangenheit zugewandtes Ideal vertritt, jedoch ihr Charakter und ihre ethischen Prinzipien gläutert werden durch humanistische Ideen, die erst der klassischen Literaturepoche angehören. Maria konnte keine absolut positive Gestalt sein, denn die persönlichen Eigenschaften konnten die verfehlten politischen Ideale nicht aufheben. Und hier drängt sich ein Vergleich auf: In „Wallenstein“, in „Wilhelm Tell“ und in anderen Werken konnte Schiller seine eigenen Ideale aussprechen; sein Blick galt nicht nur einer ethisch und ästhetisch modifizierten Vergangenheit, sondern er sprach seine eigenen Hoffnungen und Visionen aus und er brachte sie in positiven Gestalten zum Ausdruck. In „Maria Stuart“ hingegen sind die Ideen und ihre Vollstrecker von der Geschichte dem Untergang bestimmt; erst danach können Schillers Menschen- und Gesellschaftsvorstellungen Raum und Zeit beanspruchen. Diese Problematik wird in Schillers Trauerspiel gleichermaßen sichtbar an der Gestalt der Elisabeth. In ihrer künstlerischen Gestalt ist die Elisabeth ein treues Abbild ihrer Zeit: sie wird von den Interessen des Volkes getagen, aber sie verachtet es, sie ist hart, nachgiebig, haßerfüllt, milde gesinnt, hochmütig, scheinbar unentschlossen – je nachdem, was ihrem politischen Vorteil und ihren Zielen dient. Dabei ist sie kein so gradliniger Charakter, wie sie mitunter aufgefaßt wird: Sie ist nicht das absolut Böse in Person. Um ein Schillersches Begriffspaar zu verwenden: Sie kennt nicht nur die Pflicht, sie hat auch Neigungen, und die Schwankungen treten ein, wenn sie die Neigung unterdrücken, die Hoffnungen und Wünsche der Frau, ja des Menschen aufgeben muß, weil jeder Gegensatz von Pflicht und Neigung Macht und Thron in Gefahr bringen. Elisabeth hat nichts, was sie liebenswert macht, sie hat selten Gedanken, die ungeteilte Zustimmung bewirken; ihre menschlichen Züge verschönen nicht das Bild, sie ergänzen es nur. Aber sie gehört in das Panorama der Zeit, in der man nicht anders Königin, Herrscherin sein konnte, wollte man nicht das Schicksal der Maria Stuart erleiden. Und Elisabeth war vor allem eine sehr kluge Königin, die die Gesetze der Zeit auf ihre Weise verstand und sich ihrer zu bedienen wußte. Die geschichtlich fortschrittliche Bedeutung, die Elisabeth gehabt hat, wurde von Schiller nicht erkannt bzw. nicht anerkannt. Das hat mit seinem Geschichtsbild zu tun. Weder der Feudalabsolutismus noch der Kapitalismus konnten vor seinen humanistischen Idealen bestehen. Schiller vermochte nicht, die Kritik an einer viele Jahrhunderte umfassenden Epoche mit der relativen Anerkennung fortschrittlicher Ereignisse und Erscheinungen zu verbinden. Mit seinen Maßstäben der Vernunft und der Moral, seinen Vorstellungen von Staatskunst und Lebensweise der Menschen und Völker betrachtete er Elisabeth und ihr Zeitalter, prüfte und verwarf er beide.

Friedrich Schiller gestaltete in seinem Trauerspiel „Maria Stuart“ Vorgänge aus einer historisch vergangenen Zeit, und doch haben die Gedanken und Probleme, die den Dichter beschäftigten, in vielfältiger Form ihre Aktualität behalten. Gewalt und Ohnmacht, Recht und Unrecht, Freiheit und Unterdrückung – wo auch immer in aller Welt es um Ereignisse und Entscheidungen geht, die diese oder andere Grundfragen unserer Epoche berühren, geht es auch um die politische und menschliche Verhaltensweise, um die Parteinahme des einzelnen. Das Zeitalter der Tudors und der Stuarts ist versunken, jedoch Schillers dramatische Dichtung, seine Gestalten, die Schönheit seiner Verse, die Macht und Leidenschaft seiner Ideen erregen die Menschen nach wie vor, belehren sie und fordern sie zum Nachdenken auf.


Siegfried Seidel



Maria Stuart von Schottland an Elisabeth von England

(Anfang und Schluß ihres letzten Briefes) Fotheringhay, 19. Dezember 1586
Gnädige Frau!
Ich habe von jenen, in deren Hände Ihr mich gegeben habt, die Ermächtigung nicht erlangen können, Euch selbst darzulegen, was ich auf dem Herzen habe, sowohl um mich von dem Vorwurf zu entlasten, irgend bösen Willens oder des Gelüsts, Grausames oder Feindseligkeit zu planen gegen mir Blutsverwandte, wie auch um Euch liebevoll übermitteln zu können, was mir zu Eurem eigenen Schutz und Heil dienlich schien, wie auch zur Bewahrung des Friedens dieser Insel – die Verwirklichung dieser Absicht hätte wohl nicht schädlich sein können, da es ja bei Euch stand, meinen Rat anzunehmen oder zu verwerfen, meinen Ausführungen Glauben zu schenken oder zu mißtrauen, wie immer es Euch günstig dünkte. Also will ich nun einzig in Jesus Christus Stärkung suchen, welcher denen, die ihn anrufen in der Heimsuchung aus ehrlichem Herzen, immerdar Gerechtigkeit widerfahren läßt und Tröstung zuwendet, zumal wenn sie, bar menschlichen Beistandes, einzig seinem heiligen Schutz überantwortet sind. Des sei er gerühmt. Er hat meine Zuversicht nicht enttäuscht und mir Kraft und Tapferkeit verliehen, in spe contra spem, um die unrechten Verleumdungen, Anklagen und Bemakelungen zu ertragen von seiten derer, denen es wohl kaum zusteht, über mich Gericht zu halten, und in unwandelbarer Festigkeit ergeben den Tod zu erleiden, um der Macht und des Bestandes willen der römisch-katholischen und apostolischen Kirche. Da mir nun seither nach Eurem Beschluß der Schiedsspruch Eures Staatsrates verkündet worden ist und ich durch Lard Buckhurst und Lord Beale angehalten worden bin, mich vorzubereiten auf das Ende meiner langen und gramvollen Pilgerschaft, ersuche ich diese, Euch in meinem Namen für so genehme Nachricht zu danken und Euch zu bitten, mir in einigen Punkten zu willfahren zur Erleichterung meines Gewissens. Von der Gewährung durch Euch hat Sir Paulet mich inzwischen verständigt ...

Ich wünschte, daß meine gesamten Papiere Euch ohne jedwede Verschleierung vorgelegt worden wären, damit sich offenbart hätte, ob einzig Beflissenheit für Eure Sicherheit der Beweggrund des Handelns all jener war, die mich stets so mitleidlos verurteilten und verfolgten. Wenn Ihr meinen letzten Wunsch erfüllen wollet, so gebietet, daß ich mit eigenen Augen lese, was Ihr diesbezüglich schreibt. Andernfalls wird man willkürlich mit mir verfahren, und mir ist darum zu tun, Eure letzte Antwort auf meine letzte Bitte ohne Umschweife zu erfahren.

Zum Beschluß bete ich zu Gott, dem Barmherzigen und Gerechten, er möge Euch durch den Heiligen Geist Erleuchtung schenken und mir die Gnade angedeihen lassen, ohne Bitternis zu verscheiden, wie ich es ersehne, und meinen Tod seinen Urhebern und Befürwortern vergeben. Dies wird meine Sorge sein bis zum Ende, das mir fast glücklich vorkommen will, da es mich enthebt, Zeuge sein zu müssen der Heimsuchungen, die diese Insel bedrohen, wird Gott in tieferer Wirklichkeit nicht gefürchtet und geliebt, werden Eitelkeit und weltliche Erwägung nicht bezähmt und bezwungen. Zeihet mich nicht der Überheblichkeit, wenn ich beim Verlassen dieser Welt, mich für eine bessere bereitend, Euch daran erinnere, daß ein Tag kommt, da von Euch Rechenschaft gefordert wird über Euch anvertrautes Amt und jene, die Euch vorangehen mußten aus den irdischen Grenzen.

Eure Schwester und Base, die widerrechtlich Gefangene.

Maria, Königin
Elisabeth – Königin von England: Gisela May
Maria Stuart – Königin von Schottland (Gefangene in England): Ingeborg Ottmann
Robert Dudley – Graf von Leicester: Victor de Kowa
Georg Talbot – Graf von Shrewsbury: Herwart Grosse
Wilhelm Cecil – Baron von Burleigh (Großschatzmeister): Wolf Kaiser
Amias Paulet – Ritter (Hüter der Maria): Siegfried Weiß
Mortimer – sein Neffe: Klaus Piontek
Graf Aubespine – französischer Gesandter: Reimar Joh. Baur
Graf Bellievre – außerordentlicher Botschafter von Frankreich: Hans-Ulrich Lauffer
Hanna Kennedy – Amme der Maria Stuart: Erika Dunkelmann
Melvil – Haushofmeister der Maria Stuart: Hans Klering
Graf von Kent: Thankmar Herzig

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von Friedrich Schiller
In der Bearbeitung von Dr. Siegfried Seidel und Renate Thormelen

Regie: Renate Thormelen
Regie-Assistenz: Regine Toelg / Werner Schurbaum
Produktionsleitung und Aufnahmendramaturgie: Ulrich Rabow

Tonregie: Rolf-Dieter Gandert