Raureif

von Bernhard Seeger

2-LP LITERA 8 60 159/160
Covertext:
Bernhard Seeger hat die Vorbilder für seine literarischen Gestalten fast ausnahmslos dort gesucht, wo er, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, „... immer am liebsten zu Hause war: auf den Dörfern bei den Bauern“. Davon zeugen der Band Erzählungen „Wo der Habicht schießt“ der Roman „Herbstrauch“, die Skizzen und Reportagen in der Tagespresse; davon zeugen vor allem seine (nach der Ursendung im Rundfunk auch über den Bildschirm gelaufenen) Hörspiele, unter ihnen die drei Teile „Unterm Wind der Jahre“, „Rauhreif“, „Fünfzig Nelken“, die fünf Teile „Hannes Trostberg“ und „Das Vorwerk“. Alle diese Werke aber, obwohl „auf den Dörfern, bei den Bauern“ zu Hause, gehen in ihrer Wirkung über den Bereich der Landwirtschaft hinaus. Indem Bernhard Seeger Probleme der sozialistischen Umgestaltung auf dem Lande nie isoliert, sondern in ihrer gesellschaftlichen Totalität behandelt, werden sie durch die Konkretheit der Gestaltung zum Anlaß, Gültiges über unsere gesamte Gesellschaft auszusagen. Tiefes Verstehen der objektiven Entwicklungsgesetze der sozialistischen Gesellschaft und außergewöhnlich genaue Kenntnis des Gegenstandes, über den er schreibt, haben Bernhard Seeger stets davor bewahrt, nur die manchmal unschöne Oberfläche der Widersprüche unseres Lebens zu sehen und nicht auch bis zu ihrem Wesen vorzudringen. Die von ihm gestalteten Verhältnisse werden auf dieser Grundlage als wahr, der Prozeß und die Art ihrer Veränderung als richtig und allgemeingültig empfunden. Unter Seegers Hörspielen hat „Rauhreif“ eine besonders breite Resonanz gefunden. Das beweist unter anderem die hohe Zahl der Zuschriften anläßlich der Ursendung des Stücks am 9. Januar 1963 über Radio DDR. Auch heute noch, nach mehr als fünf Jahren, muß eine Erklärung für diesen ungewöhnlichen Widerhall darin gesehen werden, daß Bernhard Seeger damals mit seinem Hörspiel Erwartungen erfüllte, denen in diesem Maße andere vorliegende Versuche, ein gleichgeartetes Thema künstlerisch zu bewältigen, nicht genügten. Natürlich wäre es falsch und hieße solchen vorangegangenen Versuchen Unrecht tun, wollte man den Unterschied zu „Rauhreif“ in jedem Fall auf geringere Kunstfertigkeit in der Menschengestaltung oder auf mindere Beherrschung der Sprache zurückführen. Aber worauf dann?

Seit dem Frühjahr 1960 hatte sich bei den Genossenschaftsbauern in wachsendem Maße die Erkenntnis durchgesetzt, daß die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft gesetzmäßigen Charakter trägt und folglich unwiderruflich ist. Mit Notwendigkeit entstand daraus das Bedürfnis, die eigenen, persönlichen Beziehungen zu diesem Prozeß zu klären, mehr und Genaueres zu erfahren über Wesen und Perspektive des genossenschaftlichen Wirtschaftens. Im Zusammenhang damit wuchs natürlich auch das Interesse nach der Beantwortung aktueller Probleme, die das Neue mit sich brachte und die den allgemeinen Vorstellungen vom Wesen und dem Verlauf der sozialistischen Umgestaltung auf dem Lande zu widersprechen schienen. „Rauhreif“ griff diese Probleme nicht nur auf, sondern es geschah auch zum ersten Mal, daß ein dramatisches Kunstwerk sie in solch umfassender Breite und Kompromißlosigkeit aufwarf und beantwortete. Um diesen wesentlichen Unterschied zu vorausgegangenen, gleichgearteten Bemühungen zu einem Teil zu erklären und um der Gerechtigkeit willen muß man allerdings auch hinzufügen, daß Bernhard Seeger die Wirklichkeit in einem Stadium ihrer Entwicklung vorfand, in dem der um einen produktiven Standpunkt bemühte Betrachter weit mehr und tieferen Einblick erhielt in ihr Wesen, ihre Problematik und ihre Perspektive als zuvor.

„Rauhreif“ schildert die Geschichte des ,Bruchs‘ an einem Wendepunkt. Eine Fülle episodenhaft gestalteter Charaktere tritt auf, deren Entwicklung gerade so weit gezeigt wird, daß sie als Voraussetzung für eben diesen Wendepunkt begreifbar ist. Seeger enthüllt in gleichberechtigtem Nebeneinander die verschiedenartigsten menschlichen Schicksale, oft nur mit wenigen, prägnanten Strichen. Die verschiedenartigsten Probleme und Widersprüche, deren sachkundige, parteiliche Aufdeckung und Lösung dem Hörspiel diesen hohen Grad von Lebensnähe verleihen, sind in diesem individuellen Bereich angesiedelt. Indem aber Seeger den Wendepunkt im ,Bruch‘ auch aus der Summe der Aktionen seiner Episodenfiguren hervorgehen läßt, wird selbst der formale Aufbau von „Rauhreif“ zu einem aktiven Bestandteil des Anliegens, Wesen und Perspektive unserer gesellschaftlichen Entwicklung darzustellen. Der epische Aufbau des Hörspiels, die Vielzahl menschlicher Schicksale, die den Verlauf der Handlung bestimmt – all das entspricht der ästhetischen Qualität des realen gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses in unserer Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Geschichte Thomas Rothardts. Er ist im ,Bruch‘ gescheitert, obwohl – wie der alte Rothardt doch in verhältnismäßig kurzer Zeit beweist – eine Lösung für die Schwierigkeiten, die das Leben der Menschen dort schwer und hoffnungslos machen, objektiv möglich ist. Aber Thomas hat den Glauben an die Realisierbarkeit sozialistischer Produktionsverhältnisse auf dem Lande verloren. Deshalb ist er nicht imstande, solche Möglichkeiten einer Lösung zu erkennen. Seine Skepsis ist ja nur ein Ausdruck dafür, daß er die Wirklichkeit und ihre Zusammenhänge nicht begreift: somit auch nicht ihre Veränderbarkeit. Es versteht sich von selbst, daß er niemanden von einer Sache überzeugen kann, an die er selbst nicht mehr glaubt. Denn wenn er das Ziel in Frage stellt, hört er natürlich auch auf, nach geeigneten Mitteln und Methoden für seine Verwirklichung zu suchen.

Einige Schwierigkeiten bereitet es zu erklären, wie Thomas Rothardt, der ja ursprünglich die Möglichkeit zur sozialistischen Umgestaltung auf dem Lande bejahte, in diese Skepsis geraten konnte. Schwierig ist die Erklärung deshalb, weil eine solche Haltung heute, gemessen am gegenwärtigen Niveau unserer Landwirtschaft, zumindest anachronistisch, wenn nicht absurd erscheinen muß. Wahrscheinlich um die Form und damit die künstlerische Geschlossenheit und Überzeugungskraft seines Hörspiels nicht zu sprengen, hat sich Bernhard Seeger damit begnügt, eine Erklärung nur anzudeuten – offensichtlich auch in der Annahme, daß eventuell fehlende Bindeglieder vom Publikum assoziativ ergänzt würden: infolge der Aktualität des Stoffs und weil Haltungen, wie sie Thomas Rothardt im Stück zeigt, zu jener Zeit aus den verschiedensten Gründen nicht selten anzutreffen waren. So viel aber ist eindeutig: Thomas Rothardts Ideale von einer Genossenschaft sind von abstrakten, akademischen Vorstellungen abgeleitet, an denen gemessen die Realität, so wie er sie in der von seinem Vater auf den ,Höhen‘ geleiteten Genossenschaft vorfand, entschieden abfällt. Bei dem Versuch, die vorgefundene Realität auf den ,Höhen‘ seinem Ideal anzugleichen, stößt er deshalb notwendig auf Widerstand. Die Genossenschaftsbauern hatten sich ja nicht wegen eines moralischen Prinzips zusammengeschlossen, sondern um ganz konkrete materielle, geistige und soziale Bedürfnisse besser als zuvor befriedigen zu können. Thomas Rothardt, der das nicht begreift, führt diesen Widerstand auf ideologische Unreife zurück, wie das immer in solchen Fällen zu geschehen pflegt. Sein Auftreten wird rücksichtsloser, anmaßender, die Auseinandersetzungen mit den Genossenschaftsbauern – als Beispiel steht hier Kersten – nehmen immer mehr feindseligen Charakter an. So ist der alte Rothardt gezwungen, seinen Sohn aus der Genossenschaft zu entfernen. Da aber weder sein Vater noch irgend ein anderer die prinzipiellen Ursachen seiner Fehler erkennen, hält Thomas nach wie vor an seinen lebensfremden Idealen fest. Den Widerstand, der ihm auf den ,Höhen‘ entgegengesetzt wird, nimmt er für Unvermögen, das Richtige zu erkennen, und die Isolierung, in die er dadurch gerät, führt er auf dieses Unvermögen zurück. Aus dieser Haltung entsteht dann unmerklich Skepsis gegenüber den intellektuellen und schöpferischen Möglichkeiten der Menschen auf dem Lande schlechthin, und seine zunehmende Vereinsamung stellt sich ihm als tragische, aus der Unzulänglichkeit der Verhältnisse geborene Notwendigkeit dar. Die niederdrückenden Verhältnisse im ,Bruch‘ schließlich und im privaten Bereich das Unverständnis seiner Frau gegenüber dem gesellschaftlichen Prozeß, der sich vor ihren Augen vollzieht, rufen den Zweifel an der Richtigkeit und Notwendigkeit der sozialistischen Umgestaltung auf dem Lande nur als logische Konsequenz seiner Hoffnungslosigkeit hervor.

Ein weiteres kommt hinzu. Thomas ist es überdrüssig immer nur als Sohn des alten Rothardt zu gelten, dem man mit Rücksicht auf die Verdienste des Vaters vieles nachsieht und alle Türen öffnet. Zum Teil aus einem gewissen Schuldgefühl heraus, resultierend aus dem Vergleich der eigenen bisherigen Leistung mit der seines Vaters, im wesentlichen aber, weil er das Recht der jüngeren Generation nach freier, ungehemmter Entfaltung der Persönlichkeit auch für sich beansprucht, hatte er beweisen wollen, daß er zu gleichem imstande sei wie sein Vater. Die Mißerfolge aber, die er sowohl auf den ,Höhen‘ wie auch im ,Bruch‘ erleidet, bringen ihn dazu, nicht nur die Realisierbarkeit der sozialistischen Perspektive auf dem Lande, sondern zugleich auch die Möglichkeit zu hervorragender individueller Leistung in unserer Zeit zu leugnen. „Wir sind zu spät geboren – das ist unser Manko. In unserem Leben ist kein Platz mehr für Heldentaten. Vom Bett weg in die Mühle und wieder ins Bett und wieder in die Mühle. Den Sozialismus aufbauen mit Leuten, die ihn nicht wollen, die lieber auf ihren Klitschen verrecken würden ... Das ist unser Leben!“ Daß Heldentum dazu gehört, gerade die Schwierigkeiten, vor denen er kapituliert, zu überwinden das begreift er nicht.

Thomas Rothardt nimmt – entsprechend seiner Funktion innerhalb der Entwicklung im ,Bruch‘ – die zentrale Stellung in „Rauhreif“ ein. Daraus resultiert eine Erscheinung, die man zunächst für einen künstlerischen Mangel halten könnte. Mit der Lösung der Probleme Thomas Rothardts wird zugleich die Lösung der Probleme im ,Bruch‘ assoziiert. Aber schon allein die Realität hat bereits bewiesen, daß es sich um keinen künstlerischen Mangel, sondern um ein legitimes Gestaltungsprinzip handelt, denn tatsächlich sind die persönliche Entwicklung Thomas Rothardts und die der Gesellschaft in der Folgezeit kongruent. Zum andern sind mit dem Neubeginn von Thomas auch die wichtigsten Hindernisse für die gesellschaftliche Weiterentwicklung im ,Bruch‘ überwunden. Seeger hat, ein legitimes Kunstmittel, Wesen und Perspektive des gesamten gesellschaftlichen Prozesses am stellvertretenden Einzelfall vorweggenommen.

Bernhard Seeger erhielt die Anregung zu „Rauhreif“ durch einen Brief, den ihm ein Genossenschaftsbauer aus dem Bezirk Frankfurt/O. anläßlich der Sendung von „Unterm Wind der Jahre“ schrieb und der ihn veranlaßte das Dorf, in dem der Bauer wohnte, aufzusuchen. Die Verhältnisse, die er dort antraf, spotteten jeder Beschreibung. Da gab es Mitglieder, die regelmäßig ihre Sauftouren veranstalteten. Andere wieder feierten bei schönstem Wetter krank, während sie bei Regen vollzählig zur Stelle waren: es gab dann weniger Arbeit. Der Vorsitzende vertrug sich nicht mit seinem Stellvertreter, und die Mitglieder setzten Himmel und Hölle in Bewegung, nur damit ihre Kinder nicht etwa auf die Idee kamen, auch in dieser Genossenschaft zu arbeiten.

Niemand wußte, wie es weitergehen sollte. Mit einem Wort: Wenn Bernhard Seeger über diese Genossenschaft hätte schreiben wollen, dann unmöglich so, als ob sie sich aus eigener Kraft von diesen Verhältnissen befreien könne. Er gelangte zu einer der wichtigsten Grundlagen für die Konzipierung von „Rauhreif“: Bauern aus guten Genossenschaften müssen den schwachen Genossenschaften helfen, das ist der einzige Weg. So erfand er eine Geschichte, die sich in der Wirklichkeit auf diese Weise nicht zugetragen hatte, die sich aber auf diese Weise hätte abspielen können und in der Folge oftmals so abgespielt hat. Eine Episode mag das belegen: Als sich nach der Sendung von „Rauhreif“ der Vorstand einer Genossenschaft im Bezirk Potsdam mit dem schlechten Zustand der Rinderställe befassen mußte, machte ein Mitglied den Vorschlag, es so zu handhaben wie der alte Rothardt in der Szene mit dem Rinderpfleger. Mit einem Wort: Seeger hat es vermocht, gegenüber seinem Vorbild in der Wirklichkeit zum Wesen der sozialistischen Umwälzung auf dem Lande vorzustoßen, und zwar so weit, daß sein Hörspiel „Rauhreif“ sowohl operativ als auch gleichnishaft war und zugleich zu einem wichtigen literarischen Dokument über ein bedeutungsvolles Kapitel unserer Geschichte wurde.

Peter Goslicki
Rothardt: Albert Garbe
Frau Rothardt: Else Wolz
Thomas Rothardt: Hans-Peter Minetti
Anne Rothardt: Ingeborg Medschinski
Kreissekretär: Albert Hetterle
Braune: Willi Narloch
Kersten: Jochen Thomas
Franka: Ingeborg Krabbe
Erwin Herzmann: Erik S. Klein
Kietz: Hans-Joachim Manisch
Erzähler: Hans-Dieter Lange
Weitere Mitwirkende: Heinz Scholz, Karl Brenk,
Peter Dommisch


Regie-Assistenz: Horst Gosse
Regie: Theodor Popp

Eine Hörspielproduktion des Deutschen Demokratischen Rundfunks (1962)