Rote Kapelle
Dokumente aus dem antifaschistischen Widerstand
2-LP LITERA 8 65 395/396
Covertext:
Rote Kapelle – ein klangvoller Name.
Die Herkunft des Namens ist sehr viel nüchterner als sein Klang. Gestapo und faschistische Abwehr nannten den einzelnen illegalen Funker an der Morsetaste einen Pianisten, eine Gruppe von Funkern wurde Kapelle genannt. Von einer Roten Kapelle sprach man, als eine faschistische Funküberwachungsstelle im ostpreußischen Cranz am Fuße der Kurischen Nehrung in der Nacht vom 25. zum 26. Juni 1941 entdeckte, daß aus dem okkupierten Westeuropa und sogar aus der „Reichshauptstadt“ Berlin lebhafter Funkverkehr mit Moskau stattfand.
Rote Kapelle – dennoch ein klangvoller Name, den zu benutzen wir uns nicht scheuen sollten. Auch die Niederländer zu Egmonts Zeiten wurden von den sie beherrschenden Spaniern als gueux, als Bettler beschimpft, aber sie machten daraus einen Ehrennamen, indem sie sich selbst mit Stolz die Geusen nannten.
In Deutschland war die Rote Kapelle ohne Unterbrechung aktiv im Einsatz von jener Etappe an, da die deutschen Antifaschisten 1938/39 noch gegen die Entfesselung des II. Weltkrieges kämpften, bis nahe an den Zeitpunkt heran, als mit dem Sieg der Roten Armee bei Stalingrad die Wende zugunsten der antifaschistischen Befreiungsfront der Völker einsetzte. Das ist ihre eigentliche Geschichte.
Ihre Vorgeschichte beginnt schon Anfang der 30er Jahre, zunächst in vielen kleinen Gruppen und Zirkeln, in denen sich Nazigegner aus allen Schichten und Berufsgruppen zusammenfanden. So entstand und wuchs ein außerordentlich breites Bündnis, das sich im aktiven Widerstand bewährte und zur kostbarsten Erfahrung der Roten Kapelle geworden ist.
Ausgangspunkt und Basis der organisierten Widerstandsarbeit bildeten kommunistische Gruppen, die im komplizierten Übergang von der Legalität in die Illegalität schweres Lehrgeld bezahlt hatten. Manche Parteiorganisationen in Berlin haben diesen Prozeß relativ intakt überstanden wie die Neuköllner Gruppe, in der John Sieg eine maßgebliche Rolle spielte, oder auch unsere Gruppe des Kommunistischen Jugendverbandes, die Hans Coppi auf der Scharfenbergschule im Berliner Norden auf die Beine gestellt hatte. Andere Organisationseinheiten waren durch den faschistischen Terror nach 1933 in Stücke geschlagen worden, so daß die Verbindungsfäden ganz neu geknüpft werden mußten. Das war mühsam, kostete Zeit, ging nicht ohne Rückschläge ab, prägte aber schließlich jenen lebendigen Organismus ungezählter Erfahrungen und zugleich das feste Fundament für den Aufbau eines Apparates, der die ganz spezifischen Aufgaben einer Roten Kapelle zu bewältigen vermochte. So sind die beiden herausragenden Köpfe der späteren Roten Kapelle in Deutschland, Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen, nur in innigster Verbindung mit diesem organisierten Widerstand zu dem geworden, was ihre historische Bedeutung ausmacht.
Arvid Harnack, aus einer berühmten deutschen Gelehrtenfamilie stammend, war aufgrund seiner wissenschaftlichen Studien zum Marxisten-Leninisten geworden. Als Geschäftsführer der 1931 gegründeten wissenschaftlichen „Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetischen Planwirtschaft“, die auch Studienreisen in die Sowjetunion organisierte, knüpfte er früh die Verbindung zum kommunistischen Widerstand, wobei der durch Adam Kuckhoff vermittelte Kontakt zu John Sieg eine Schlüsselstellung einnahm.
Der Herkunft nach stand Harro Schulze-Boysen der Arbeiterklasse noch ferner. Seine verwandtschaftlichen Beziehungen reichten bis hin zum wilhelminischen Großadmiral von Tirpitz und über seine Frau Libertas zum Fürsten zu Eulenburg, dem einstigen Freund und Vertrauten Wilhelms II. Doch schon als junger Student entwickelte er einen radikalen Nonkonformismus, der bereits 1933 zu einem frontalen Zusammenstoß mit dem Faschismus führte. Entscheidend für seine weitere Entwicklung war die Begegnung mit Künstlerkreisen, in denen organisierte Kommunisten wie Kurt Schumacher, Walter Küchenmeister und Walter Husemann maßgeblichen Einfluß besaßen.
Nachdem 1938/39 durch Adam Kuckhoff die Verbindung der Kreise um Harnack und Schulze-Boysen zustande gekommen war, entstanden Kontakte zu weiteren Gruppen und späteren Mitkämpfern, so zu Ilse und Dr. Philipp Schaeffer, über Lotte Schleif zu unserer Scharfenberger Gruppe, zu dem Kreis, der sich um den Schauspieler Wilhelm Schürmann-Horster gebildet hatte, und zu dem Freundeskreis um den Neurologen Dr. John Rittmeister. Durch Kommunisten wie John Sieg und Wilhelm Guddorf gab es außerdem vielfältige Querverbindungen. Die Zusammenarbeit dieser Antifaschisten – von Kommunisten und Sozialdemokraten, bürgerlichen Demokraten und linksliberalen Intellektuellen, echten Christen und nationalbewußten Offizieren – potenzierte die Kraft und stellte ein beträchtliches Stück Volksfrontpolitik dar. Unter Ausnutzung aller legalen, halblegalen und illegalen Möglichkeiten suchte die Widerstandsorganisation auf breitester demokratischer Basis wirksam zu werden. In ihrer Aufklärungsarbeit durch Flugschriften, Flugblätter und Klebezettelaktionen wandte sie sich an alle Volksschichten. Sie leistete solidarische Hilfe für Verfolgte, bemühte sich um die Einbeziehung ausländischer Zwangsarbeiter in den Widerstand, unterstützte Sabotageaktionen in Rüstungsbetrieben.
Eingedenk der schon von Marx und Engels formulierten Erkenntnis, daß „eine Nation … nicht frei werden und gleichzeitig fortfahren (kann), andere Nationen zu unterdrücken“, bekämpfte die Rote Kapelle den Faschismus an allen Fronten, also auch in Gestalt der Kundschaftertätigkeit zugunsten des antifaschistischen Befreiungskampfes der anderen Völker, allen voran der Sowjetvölker.
Als Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium hatte Harnack Kontakt mit Mitarbeitern im Oberkommando der Wehrmacht, im Komitee für den Vierjahresplan, in der Reichswirtschaftskammer, in großen Konzernbetrieben. Jeder dieser Kontakte wurde zu einer Quelle kriegswichtiger Nachrichten vor allem unter ökonomischem Blickwinkel. Schulze-Boysen waren aufgrund seiner Tätigkeit im Luftwaffenführungsstab in erster Linie wichtige militärische Nachrichten zugänglich. Dieses konkrete Wissen um die faschistischen Reserven und Absichten wurde durch eine Unzahl anderer Nachrichten erweitert, vertieft und präzisiert, die in Betrieben, Verwaltungen, bei der Bahn, auf Flugplätzen, in Truppenteilen und anderswo zusammengetragen wurden. Sorgfältig gesichtet und verschlüsselt gelangten diese Nachrichten über illegale Sender nach Moskau.
Die Männer und Frauen um Schulze-Boysen und Harnack hielten es für ihre patriotische und internationalistische Pflicht, dem Faschismus und seinem verbrecherischen Kriege Widerstand zu leisten. Sie ergriffen alle ihnen zu Gebote stehenden Waffen, um den Krieg zu verkürzen und die Niederlage des Faschismus zu beschleunigen. Für uns war Widerstand unteilbar angesichts von Völkermord.
Im Dezember 1941 wurde die Brüsseler Funkstelle in der Rue des Attrébates entdeckt, bei den Verhaftungen fand man erste Anhaltspunkte für den Code der Roten Kapelle. Doch erst im Juli 1942 gelang es den vereinten Bemühungen von Gestapo und Abwehr, einige der seit Juni 1941 aufgefangenen Funksprüche zu entziffern und ab Ende August die Rote Kapelle in Deutschland aufzurollen. Die Liquidierungsaktion lief als geheime Kommandosache, denn schon die bloße Existenz eines solchen Widerstands im Zentrum faschistischer Macht sollte vor aller Welt und für immer verborgen bleiben.
Nach ihrer Zerschlagung ist die Rote Kapelle unter mörderisches Feuer genommen worden, aber sie hat auch diese Bewährungsprobe bestanden. Unter der Drohung, ja Gewißheit des nahen Todes fühlte sich jeder jedem nur noch inniger verbunden. Günther Weisenborn schrieb am Abend des Tages, da gegen ihn die Todesstrafe beantragt worden war: „Muß ich sterben, so werde ich tapfer und schweigsam sterben. Es ist Krieg, die einen fallen in Stalingrad, die anderen in Plötzensee.“
Der Krieg gegen den Hitlerfaschismus wurde nicht im Äther gewonnen, sondern in blutigen Schlachten erkämpft. Doch die Rote Kapelle leistete einen patriotischen Beitrag, der die Ehre des deutschen Volkes retten half. Mit der Befreiung durch die Rote Armee und die Völker der Antihitlerkoalition bot sich dem deutschen Volk die historische Chance, verantwortungsvoll für eine menschenwürdige Zukunft zu sorgen, die imperialistischer Aggressivität und barbarischem Völkermord keinen Zentimeter Raum mehr läßt.

Heinrich Scheel
|  Seite 1  |

„Aus Gesprächen mit Überlebenden“

Prof. Heinrich Scheel
Wir waren 17 Jahre alt

Hans Lautenschläger
Mutter Coppis Sprache

Hermann Natterodt
Weinerts Gedichte

Prof. Heinrich Scheel
Ein kleines Gefecht auf Scharfenberg

Hans Lautenschläger
Sich bewegen unter illegalen Bedingungen

Hermann Natterodt
Das war eigentlich Ehrensache

Prof. Heinrich Scheel
Begegnung mit Harro 1939

Hans Lautenschläger
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion

Prof. Heinrich Scheel
Abschied von einer Wunschvorstellung

Ina Ender
Wir waren ja keine Spezialisten


|  Seite 2  |

Ina Ender
Wo wird der Angriff kommen?

Hans Lautenschläger
Der Anlaß bei mir war …

Ina Ender
Modenschau in Brüssel

Prof. Heinrich Scheel
Der Widerstand muß aktiv sein

Prof. Helmut Roloff
Der Koffer unter dem Flügel

Prof. Heinrich Scheel
Ich habe Arvid und Mildred nie kennengelernt

Dr. Wolfgang Havemann
Zehn Jahre hat Arvid mit mir gearbeitet

Prof. Heinrich Scheel
Es war einfach das Gefühl der gemeinsamen Bedrohung

Ina Ender
Die Verhaftung

Hans Lautenschläger
Ich hatte Todesurteil


|  Seite 3  |

„Ausgewählte Dokumente – letzte Zeugnisse“

„Da sind sie alle …“
Ein Text von Günther Weisenborn
Kurt Böwe

Aus dem Abschiedsbrief von Harro Schulze-Boysen
Klaus Piontek

Die letzten Stunden
Aus dem Bericht des Gefängnisgeistlichen Dr. Harald Poelchau
Fred Düren

Aus dem Abschiedsbrief von Dr. Arvid Harnack
Gerry Wolff

Pfarrer Poelchau berichtet vom Tag der ersten Hinrichtungen
Fred Düren

„Die Sache hat reichsgeheim zu bleiben …“
Falk Harnack berichtet
Dietrich Körner

„Noble be man …“
Goethes Gedicht „Das Göttliche“ ins Englische übersetzt
von Mildred Harnack kurz vor ihrer Hinrichtung
Jean Pheby

Über das Urteil gegen Dr. Mildred Harnack
Pfarrer Poelchau berichtet
Fred Düren

„Mir träumte, ich sei zum Tode verurteilt worden …“
Aus dem Tagebuch der Cato Bontjes van Beek
(1939)
Dagmar Manzel

Die Guillotine in Plötzensee
Pfarrer Poelchau berichtet
Fred Düren

Gefährtinnen
Aus Erinnerungen von Dr. Elfriede Paul
Lissy Tempelhof

Aus dem letzten Brief von Hans Coppi
geschrieben am 9. 12. 1942 an seine Frau
Hermann Beyer

Aus dem Abschiedsbrief von Hilde Coppi
Walfriede Schmitt

Erinnerung an Oda Schottmüller
Dr. Elfriede Paul berichtet
Lissy Tempelhof

Aus Kassibern von Oda Schottmüller
(Jan./Febr. 1943)
Jutta Wachowiak

Erinnerung an Erika von Brockdorff
Dr. Elfriede Paul berichtet
Lissy Tempelhof


|  Seite 4  |

Die Verhöre
Dr. Elfriede Paul und Günther Weisenborn berichten
Lissy Tempelhof / Kurt Böwe

„Klopfzeichen“
Ein Text von Günther Weisenborn
Kurt Böwe

Letzte Notizen von Kurt Schumacher
Ulrich Mühe

Erinnerung an Dr. John Rittmeister
Pfarrer Poelchau berichtet
Fred Düren / Otto Mellies

„Die Sorge um Deutschlands Zukunft …“
Aus einer Agis-Flugschrift von 1942
Verfaßt von John Sieg und Harro Schulze-Boysen
Otto Mellies

Aus der Urteilsbegründung des Reichskriegsgerichts
vom 19. 12. 1942
Erhard Marggraf

Konsequenzen
Aus Erinnerungen von Dr. Greta Kuckhoff
Katja Paryla

Standpunkt
Aus einem Brief von Günther Weisenborn an die Illustrierte „Stern“
(1951)
Kurt Böwe

Begegnung mit Walter Husemann in Plötzensee
Pfarrer Poelchau berichtet
Fred Düren

Aus dem Abschiedsbrief von Walter Husemann
Arno Wyzniewski

Aus Briefen von Albert Hößler
an seine Frau Klawdia Semjonowna Rubzowa
(1941)
Jörg Gudzuhn

Epilog
aus dem Bericht von Harald Poelchau
Fred Düren

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Leitung: Alexander Stillmark
Redaktion und künstlerische Gestaltung: Regina Griebel / Alexander Stillmark
Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Dr. Heinrich Scheel, Hans Coppi jun.

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Christa Blaumann