Salut an Alle. Marx
Stück nach Briefen von Karl und Jenny Marx
und Friedrich Engels

von Günter Kalthofen und Hans Pfeiffer

2-LP LITERA 8 65 264/265
Covertext:
„Salut an Alle. Marx“ ist ein Dokumentarstück. Jeder Satz darin stammt original von Karl Marx, Friedrich Engels oder Jenny Marx, und zwar aus Briefen, die sie einander oder an dritte Personen geschrieben haben. Ferner wurden Aufzeichnungen von Jenny über einige Stationen ihres Lebens benutzt.

Aus mehr als 4 000 Briefen haben wir diese szenische Montage zusammengestellt. Sie bringt uns Marx, seine Frau und seinen Freund im ganzen Reichtum ihrer Persönlichkeit nahe. Denn im Brief zeigt sich ein Mensch von seiner persönlichsten Seite, besonders wenn er an Menschen gerichtet ist, die ihm am nächsten stehen. Ihnen offenbart er am freimütigsten seine Gedanken und Gefühle. In Briefen zeigt sich das Wesen einer Persönlichkeit, ihr Charakter, oft viel prägnanter und vielschichtiger als in den Arbeiten, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind.
Das Werk von Marx und Engels, der Marxismus, ist Gemeingut von Millionen Menschen. Die Gedanken von Marx und Engels sind bekannt, aber die Denker selbst weit unbekannter. Deshalb erschien es uns wichtig, mit dem Werk Schöpfer ins Licht zu rücken, mit dem Produkt seine Produzenten, mit dem Marxismus Marx und Engels als Charaktere sichtbar zu machen.
Die Briefe lassen uns das Leben, die geistige und politische Entwicklung dieser genialen Menschen von der Jugend bis zum Tode mitverfolgen, nicht als kalte Beobachter und neugierige Schlüssellochgucker, sondern mit tiefer innerer Anteilnahme. Noch zu Lebzeiten von Marx bemerkte Engels einmal ironisch, sie beide seien bereits der Mythenbildung verfallen. Wenn Marx und Engels nun hier noch einmal lebendig vor uns erstehen, wirken sie selber kräftig dieser Mythenbildung entgegen. Sie werden wieder Menschen von Fleisch und Blut, liebend, hassend, kühle Denker und leidenschaftlich empfindende Menschen, voller Lebenslust und Humor, sensibel und kraftvoll, zweifelnd, verzweifelt und voller Zuversicht, kühne Strategen im Klassenkampf, kluge Taktiker, prinzipienfest und elastisch zugleich. Marx hat sich sehr treffend selbst charakterisiert, als er sagte, nichts Menschliches sei ihm fremd.
Diese Briefe sind aber nicht nur das Spiegelbild eines wechselvollen und erregenden Lebens, nicht nur Information und Dokumentation. Gerade weil sie so intim, ganz und gar spontan geschrieben worden sind, witzig, sarkastisch, geschliffen, pointiert, wirken sie auf uns – die wir selber im Zeitalter des Telefons das Briefe schreiben fast verlernt haben – wie ein literarisches Kunstwerk. Sie bereiten uns einen poetischen Genuß.
Das Dokumentarstück „Salut an Alle. Marx“ zeichnet einige der markantesten Stationen dieses Lebens in chronologischer Folge nach. Es zeigt das Reifen des wissenschaftlichen Werks von Marx, das sich in der ständigen Auseinandersetzung mit bürgerlichen Auffassungen, mit linken und rechten Abweichungen in der Arbeiterbewegung entwickelt und zur geistigen Waffe des Proletariats wird. Es zeigt zugleich auch die übermenschlichen Anstrengungen, die Marx aufbringen mußte, um die sich dem Werk entgegenstellenden äußeren Hindernisse zu überwinden: die unsagbare Not der Emigration in den 50er und 60er Jahren, Krankheiten, die seine Arbeitskraft lähmten, die aufreibende alltägliche politische Kleinarbeit. Das Stück zeigt das Wachsen der tiefen und unzerstörbaren Freundschaft zwischen Marx und Engels, die sich immer aufs neue bewährt. Diese Freundschaft ist vielfältig wie das Leben der beiden Männer. Sie ist geistiger Austausch, wissenschaftliches Geben und Nehmen, ist gegenseitige Ergänzung, Gemeinsamkeit in Sieg und Niederlage, unbedingte Verläßlichkeit, und ist nicht zuletzt aufopferungsreiche materielle Hilfe von Engels für die Familie des Freundes.
Das Stück zeigt die Liebe zwischen Marx und Jenny in den Höhen und Tiefen des gemeinsamen Lebens. Die romantisch-leidenschaftliche, poetisch verklärte Liebe des Studenten Marx zu Jenny fand ihre Ewigkeit – wie Marx in einem Gedicht schrieb – allerdings nicht in der jugendlichen Schwärmerei, sondern in den Jahrzehnten einer Ehe, die von Kampf, Elend und Sorgen ebenso erfüllt war wie von Freude, Spaß und Heiterkeit. So bewährte sich diese Ehe in der tätigen Mithilfe Jennys beim politischen Tageskampf, im gemeinsam ertragenen Leid beim Tod mehrerer Kinder und in der großen moralischen Kraft dieser Frau, ohne die das Werk von Marx nicht denkbar wäre.
So konnte Engels beim Tode Jennys mit Recht sagen, sie habe noch den Sieg der Ideen von Karl Marx erlebt. Und als Marx stirbt, erklärt Engels voller Schmerz und doch voll Zuversicht: „Die Menschheit ist um einen Kopf kürzer gemacht, und zwar um den bedeutendsten Kopf, den sie heutzutage hatte. Aber trotz aller Umwege bleibt der endliche Sieg sicher.“
Lenin sagte über die Briefe von Marx und Engels: „Nicht nur treten Marx und Engels hier dem Leser mit besonderer Prägnanz und in ihrer ganzen Größe entgegen. Der so reiche theoretische Gehalt des Marxismus entfaltet sich hier höchst anschaulich, denn Marx und Engels kommen in den Briefen häufig auf die verschiedensten Seiten ihrer Lehre zurück, indem sie, manchmal miteinander diskutierend und einer den andern überzeugend, das Neueste (im Verhältnis zu ihren früheren Ansichten), das Wichtigste und Schwierigste hervorheben und klären. Vor dem Leser entrollt sich in erstaunlicher Lebendigkeit die Geschichte der Arbeiterbewegung – Die Epoche, durch die hindurch sich der Briefwechsel erstreckt, ist gerade die Epoche der Loslösung der Arbeiterklasse von der bürgerlichen Demokratie, die Epoche der Entstehung einer selbständigen Arbeiterbewegung, die Epoche der Herausarbeitung der Grundlagen der proletarischen Taktik und Politik … Wenn man versuchen will, mit einem Wort zu bestimmen, was sozusagen den Brennpunkt des ganzen Briefwechsels ausmacht, so wird dieses Wort die Dialektik sein.“
So sind die Briefe ein philosophisches, politisches und menschliches Dokument, das uns anrührt und bewegt. Diese erregende Wirkung hat sich überall dort, wo das Stück auf der Bühne, im Fernsehen oder im Funk dargestellt wurde, immer wieder bestätigt. Uraufgeführt wurde „Salut an Alle. Marx“ 1975 zur Eröffnung des „Theater im Palast“ im Palast der Republik in Berlin. Die Intendantin des TiP, Vera Oelschlegel, die die Rolle der Jenny Marx übernahm, hat sich um die Entwicklung des Stückes große Verdienste erworben. Inzwischen ist das Stück mit Ekkehard Schall als Marx und Hans Peter Minetti als Engels viele Male aufgeführt worden. Die 65. Aufführung im November 1978 zählte zugleich den 100 000. Besucher des TiP. Es gab ferner Gastspiele in Städten und Großbetrieben der DDR, in Moskau, in Paris, in Berlin-West und in der BRD. Andere ausländische Gastspiele werden folgen. Hinzu kommen weitere Inszenierungen des Stückes an Theatern der DDR, in Basel, Funkfassungen für den Deutschen Demokratischen Rundfunk, den jugoslawischen und polnischen Rundfunk, japanische, ungarische und tschechoslowakische Übersetzungen.

Hans Pfeiffer 1978


Die Presse über „Salut an Alle. Marx“

DDR-Presse:
„Ein Gegenbild zu dem, was die jüngsten Marx- und Engels-Töter der bürgerlichen Welt entworfen hatten.“
„Ein plastisches Porträt der drei Persönlichkeiten in szenisch darstellbaren Haltungen.“
„Eine überzeugende Einheit von Gesellschaftlichem und Privatem, vom Kampf um die Sache und Individualität, von großen Ideen und großen Charakteren.“
„Intellektueller Glanz, emotionelle Tiefe und Bewegtheit, im Ausdruck so selbstbewußt wie salopp, eine nicht nachlassende Spannung.“
„In der Tat gab es lange kein neues Stück von so viel kräftiger, souverän hemdsärmliger sprachlicher Unmittelbarkeit und Ausdruckskraft wie dieses.“

Aus einem Zuschauerbrief:
„Wir sind Lehrkräfte auf dem Gebiet der Germanistik und aus 18 Ländern zum internationalen Hochschulkurs nach Berlin gekommen. ,Salut an Alle.‘ hat uns tief bewegt.“

Werktätige eines Betriebes:
„Dieses Stück löste bei uns Begeisterung und großen Beifallsturm aus. Wir fühlten uns unmittelbar angesprochen, weil es uns bei unserer eigenen Arbeit für unser eigenes Leben so viel zu sagen hat.“

Unsere Zeit (Düsseldorf):
„Ein einmaliger Knüller.“

L’Humanite (Paris):
„Ein sehr schönes Stück. Marx, Jenny und Engels gezeigt als Menschen von Fleisch und Blut, leidend und kämpfend.“

Vorwärts (Basel):
„Ich habe noch nie Gleichwertiges in solch spannender Weise miterlebt. Das aus allen Kreisen zusammengesetzte Publikum ging voller Aufmerksamkeit mit.“


Engels: Wie steht’s mit dem Buch? Am 1. September war der Ultimatissimal-Termin, und es kostet zwölf Flaschen Wein, wie Du weißt.
Marx: Ich will Dir reinen Wein einschenken. Es sind noch drei Kapitel zu schreiben. Ich kann mich aber nicht entschließen, irgend etwas wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt.
Engels: Die Hauptverzögerung liegt immer in Deinen eignen Skrupeln, am Ende ist’s doch besser, daß das Ding erscheint. Sei endlich einmal etwas weniger gewissenhaft; es ist immer noch viel zu gut für das Lausepublikum. Mach jetzt rasch voran, Du weißt, welche Verschleppung im Druck in Deutschland Mode ist.
Jenny: Lieber Herr Engels. Leider kann Karl nicht selbst schreiben. Er ist todkrank an einer der gefährlichsten und schmerzhaftesten Krankheiten – Karbunkel am Rücken. Das Arbeiten wird ihm unendlich schwer. Um sich etwas Erleichterung zu verschaffen, verdoppelte er das gewöhnliche Maß des Rauchens und verdreifachte das der verschiedenen Sorten Pillen. Endlich, nachdem das Blutgeschwür die Größe einer Faust angenommen, der ganze Rücken verkrümmt war, ging ich zu Dr. Allen. Ich vergesse nie den Blick des Mannes, als er den Rücken sah. Lenchen mußte Karl halten, der Doktor schnitt tief, eine große klaffende Wunde. Sie begreifen, wie diese Geschichte Karl auch geistig deprimiert.
Marx: Meine Krankheit kommt immer aus dem Kopf. Psychische Gründe. Sorgen, private und publike. Diätetische Sünden. Vernachlässigung regelmäßiger Diät, Bewegung usw.
Engels: Führe eine etwas regelmäßigere Lebensweise, laß einige Zeit das Nachtarbeiten sein! Kein Mensch kann diese chronische Karbunkelgeschichte auf die Dauer aushalten. Abgesehen davon, daß endlich mal einer auftreten kann, der eine solche Gestalt annimmt, daß Du daran zum Teufel gehst!
Marx: Lieber Fred. Gestern ein neuer bösartiger Karbunkel ausgebrochen. Nach Empfang Deines Briefes nahm ich ein scharfes Rasiermesser und schnitt den Hund in eigener Person. Das Blut sprang hoch empor.
Engels: Du mußt endlich etwas Vernünftiges tun! Selbst wenn das Buch dadurch noch drei Monate verzögert würde.
Marx: Wäre mein Buch fertig, so wäre es mir völlig gleichgültig, ob ich heute oder morgen auf den Schindanger geworfen würde alias verreckte. Unter besagten Umständen –
Engels: Und Deine Familie?
Marx: – geht es aber noch nicht.
Engels: Sei doch vernünftig! Was soll aus der ganzen Bewegung werden, wenn Dir etwas passierte. Ich hab Tag und Nacht keine Ruhe. Willst Du in ein Seebad gehn? Nach Margate. Das Geld schaff ich für den Zweck, und in diesem extremen Fall mehr, als ich unter andern Umständen riskieren dürfte.
Marx: Es ist wahrhaftig niederschmetternd, sein halbes Leben abhängig zu bleiben.
Engels: Entschließ Dich!
Marx: Liebes Herz, ich habe mich hier in Margate sehr erholt. Nicht das geringste Zeichen von Wiederkehr der infamen Karbunkel. Vier Wochen rein der Gesundheit gelebt – es ist wahrhaftig wieder hohe Zeit, daß dies bald aufhört, da ich bereits so viel Zeit verloren habe.
Jenny: Statt sich zu pflegen! Wie oft habe ich Sie, lieber Herr Engels, im stillen hierher gewünscht. Manches wäre anders, da ich ganz ohnmächtig bin, irgend etwas in seiner Lebensweise zu ändern.
Marx: In Hast diese Zeilen. Diese Woche wird also die Scheiße fertig. Das Beste an meinem Buch ist: 1. (darauf beruht alle Verständnis der Fakten) der Doppelcharakter der Arbeit, je nachdem sie sich in Gebrauchswert oder Tauschwert ausdrückt; die Behandlung des Mehrwerts, unabhängig von seinen besondren Formen als Profit, Zins, Grundrente etc. Lieber Fred, Du mußt mir Deine Ansicht genau mitteilen, Wünsche, Aussetzungen, Fragen.
Engels: Ich habe das Ding durchgelesen, flüchtig, ich sehe jetzt das Ganze noch einmal durch, d. h. das mehr Theoretische. Sehr brillant ist das Resume über die Expropriation der Expropriateurs, das wird durchschlagen. Ich gratuliere zu der höchst famosen, fast sinnlich klargemachten Darstellung des Verhältnisses von Arbeit und Kapital. Die Kapitel über die Verwandlung in Kapital und das Entstehen des Mehrwerts bilden, was Darstellung und Inhalt angeht, soweit den Glanzpunkt.
Karl Marx: Ekkehard Schall
Friedrich Engels: Hans-Peter Minetti
Jenny Marx: Vera Oelschlegel
Sprecher: Hans-Dieter Lange

von Günter Kaltofen/Hans Pfeiffer
Ein Stück nach Briefen von Karl und Jenny Marx und Friedrich Engels
Inszenierung des Theaters im Palast

Regie der Schallplattenaufnahme: Wolfgang Heinz
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin