Spejbl & Hurvinek zum Geburtstag
2-LP SUPRAPHON 1 18 1881/2
Covertext:
Kandidaten der Unsterblichkeit
Spejbl und Hurvinek, die populärsten Figuren des tschechischen Marionettentheaters, können wohl mit Recht in, die Galerie der weltbekannten komischen Typen eingereiht, dem englischen Punch, dem österreichischen Kasperl, dem Guignol der Franzosen, dem Hanswurst der Deutschen, dem Petruschka der Russen, dem türkischen Karagöse sowie dem Pulcinell der Italiener an die Seite gestellt werden. Nach fast fünfzig Jahren Existenz, während der sie überall die Aufmerksamkeit von groß und klein auf sich lenkten, steht den beiden in gleichem Maße wie ihren ausländischen Kollegen die Anwartschaft auf die Unsterblichkeit zweifellos offen. Sie besitzen ja alle Voraussetzungen dafür, und darüber hinaus machen sie – im Gegensatz zu den obigen komischen Gestalten, – durch ihre Doppelexistenz die anschauliche Gegenüberstellung der kontrastierenden menschlichen Seiten möglich. So verkörpert sie das Komplizierte und das Widersprechende in dem Einzelnen wie in der ganzen Menscheit, das uralte Ringen zwischen Draufgängertum und Rückschrittlichkeit, Gescheitheit und Begriffsstützigkeit, zwischen Mut und hausbackenem Wesen, Wißbegierde und Teilnahmlosigkeit, zwischen der Jugend und dem Alter.

Dabei macht es gar nichts aus, daß diese Gegenüberstellung nur in dem winzigen Raum einer Marionettenszene vor sich geht. Spejbl und Hurvinek übrigens haben schon längst die Grenzen dieses Mikrokosmos überschritten, haben sich zur Filmleinwand emporgeschwungen, sie erscheinen auf dem Bildschirm des Fernsehens und sprechen auf den Seiten der Bücher zu uns; ihre Stimmen vernimmt man aus dem Rundfunkgerät, vom Tonband wie von der Schallplatte.

Unsere beiden Helden haben im Laufe ihres Daseins eine recht intensive Entwicklung durchgemacht. In so manchem haben sie sich verändert, und auch in ihren gegenseitigen Beziehungen ist ein Wandel eingetreten. Aber im Wesen bleiben Spejbl und Hurvinek stets gleich. Sie erwecken Lachen oder Rührung. Ihr groteskes Gebaren ist etwas Vereinzeltes, ein wenig Unwirkliches, und doch ganz und gar von Realitiit Erfülltes. Sie besitzen klassische und doch moderne Prägung. Mit ihren altertümlichen Holzpantoffeln – die für sie eine dadaistische Laune ihrer Schöpfer bestimmt hat – wurzeln sie tief in der Vergangenheit, ihre hölzernen Köpfe mit den vor ungläubigem Staunen hervorquellenden Augen umweht der frische Lufthauch der Gegenwart. So ist in ihnen ein ewiges Umhertappen und Suchen, und sie sind von Sehnsucht danach erfüllt, sich, ein Lächeln um den Mund, mit allem auseinanderzusetzen, was die Menschheit seit jeher plagt.

Der Weg zur Berühmtheit war für die Zwei nicht leicht. Papa Spejbl gewann Leben nach einem bildnerischen Originalentwurf Prof. Skupas – in der Zeit, da sich dieser im Amateur-Puppentheater der Pilsner Ferienkolonien betätigte – unter den geschickten Händen des Pilsner Holzschneiders Karel Nosek. Die Szene betrat er zum erstenmal im Jahre 1920. Er erschien wie eine scherzhafte Verkörperung des beschränkten Kleinbürgers, dem die Logik absolut fremd ist und dem die Tragweite der Dinge, die sich um ihn abspielen, völlig entgeht. Mit seiner Dummerlingsweisheit kommentierte er die Ereignisse des Tages, wurde die Zielscheibe von Witzen, gab pikante Chansons zum besten, und mit der ihm eigenen Borniertheit parodierte er das gleichzeitige Kunstgeschehen.

Einige Jahre hindurch sah sich Spejbl vergeblich nach einem geeigneten Gegenspieler um, der ihm der Abstammung wie der Denkart nach ebenbürtig wäre. Weder im Braven Soldaten Schwejk noch im spottlustigen Kasperl vermochte man einen idealen Partner für ihn zu erblicken. Und so blieb dem alten Spejbl für den Anfang nichts andres übrig als seinen beliebteren Kollegen in den populären Kabaretten zu sekundieren. Aber Skupas Mitarbeiter ruhten nicht eher, als bis Gustav Nosek (Neffe des Holzschneiders Karel Nosek) als angenehme Überraschung für Prof. Skupa den sehnlichst erwarteten kleinen Partner kreiert hatte. Zuerst wurde er Spejblik oder Spejblatko (Deminutive von Spejbl) genannt, aber kurz nach seinem erfolgreichen „Bühnendebüt“ am 2. Mai 1926 erhielt er den Namen Hurvinek. Die ursprünglich unbestimmte Beziehung der zwei neuen Bühnenpartner zueinander wandelte sich im Laufe der Zeit zu einem Verhältnis des Vaters und des Sohnes um. So bekam Spejbl ein Kind, ohne daß die Frage nach der Mutter Hurvineks jemals gelöst worden wäre. Skupa hat seinem Hurvinek als Kontrast zu Spejbls klangvollem Baß eine glockenhelle Fistelstimme in die Wiege gelegt, und diese grundlegende Höhe der beiden, Stimmen ist ihnen schon geblieben.

Erst die Kreierung Hurvineks gab den Anstoß zu dem überraschenden Aufstieg der zwei modernen Szenentypen, des durchtriebenen Buben und seines verzweifelt rückständigen Vaters, welche über Proszeniumsdialoge, populär „Prüfungen und kurze Kabarettauftritte – die sich einmal auf den Text gründeten ein andres Mal auf der Technik des Marionettenspiels fußten –, zu in sich geschlossenen Puppenstücken für die Jugend, zu revueartigen Szenenfolgen für Erwachsene sowie zu Komödien führten, welche empfindlich auf die erregte Stimmung der Vorkriegszeit reagierten.

Damals freilich waren Spejbl & Hurvinek schon längst Profis geworden. Im Jahre 1930 wurde als professioneller Körper das Pilsner Marionettentheater Professor J. Skupas errichtet; es unternahm Theaterreisen durch die Tschechoslowakei und führte sein Können einigemale auch im Ausland vor, und der Ruf der zwei langohrigen Neunmalgescheiten überschritt den heimatlichen Rahmen. Im gleichen Jahre vermehrte sich Spejbls Gesellschaft um den vierbeinigen Zeryk und um Hurvineks ewig staunende Kameradin Manicka. Die ursprüngliche, Zusammensetzung des Quartetts besteht auch heute noch, aber ab 1971 erscheint es um die eigenartige Figur von Manickas Pflegemutter Babinka erweitert, die mit ihrer papierenen Gelehrtheit und der komischen Rappligkeit das charakteristische wie das expressive Register der beiden Haupthelden harmonisch ergänzt.

Kurz nach dem Weltgrieg übersiedelte Skupas Ensemble nach Prag; hier nun hat das Theater Spejbls und Hurvineks seine ständige Arbeitstätte. Die Tatsache, daß die Namen der Hauptprotagonisten auch in der Bezeichnung des Theaters Aufnahme gefunden haben, war nur eine Bekräftigung des Endstandes. Und auch die Frage, ob diese traditionellen Helden, welche die Vergangenheit unwiederbringlich hervorgebracht hatte, auch zu den neuen Realitäten der Nachkriegszeit etwas zu sagen haben werden, erhielt bald eine bejahende Antwort. Die Popularität dieser Typen, deren Wurzeln bis weit in die Ferne zurückreichen und deren Äßeres ein grotesker Anachronismus war, erlitt durchaus keine Einbuße. Und zwar deshalb, weil unsere Helden, ohne ihr übliches Gewand, ihren Charakter wie ihre Einstellung im Wesentlichen zu ändern. Denken und Sprache der neuen Lage unauffällig anzupassen verstanden. Sie entsprangen reinem komödiantischen Empfinden und Phantasie, aus dem Wunsche heraus, der Wirklichkeit einen grotesken Spiegel vorzuhalten, aus dem Bestreben, die Mißbräuche und die Gebrechen der Gesellschaft um sich herum mit Lachen zu heilen. Und weil sie dieser ihrer Sendung treublieben, entschwand nicht die Lebenskraft und die Dringlichkeit ihrer Kunst.

Diesen Übergang ermgglichte nicht nur das angeborene künstlerische Empfinden ihres geistigen Vaters Josef Skupa, welcher seiner Verdienste wegen 1948 mit dem Titel eines Nationalkünstlers ausgezeichnet worden war, – es war auch die Tatsache, daß ein neuer schöpferischer Geist Eingang in das Ensemble gefunden hatte, einer geistigen Welle gleich, welche Skupa half, über die kritische Zeit hinwegzukommen; und nach Skupas Tode Januar 1957 vermochte man mit ihr auf schöpferische Art an das Vermächtnis des Verewigten anzuknüpfen.

Die Erkrankung Skupas hatte zur Folge, daß die beiden Hauptfiguren schon ab 1953, zunächst sozusagen anonym der jetzige Leiter des S & H-Theaters, Milos Kirschner, zu interpretieren begann. So war schon zu Lebzeiten Professor Skupas für eine neue, lebenspendende Kraft unserer Helden aus Lindenholz Sorge getragen. Das junge Blut in unserm Ensemble machte sich überdies darum verdient, daß zu den überkommenen Hängepuppen neue Elemente der Marionettentechnik hinzukamen: der Bühnenausdruch erfuhr eine wesentliche Belebung deshalb, weil die traditionellen Prinzipien auf erfinderische Art durch Einsetzen von unten gelenkter Puppen, Handpuppen, des Scnwarzen Theaters und weiterer Tricks geltendgemacht wurden; an Derartiges wagte das einstige, verhältnismäßig bescheiden ausgestattete Wander-Puppentheater kaum zu denken.

Die Reihe der altbewährter Autoren der Vorkriegszeit wurde durch neue Namen ergänzt, manche von neuen abgelöst. Immer dringlicher zeigte sich das Bedürfnis, die Phantasie der Autoren der schon fast zur Regel gewordenen Konzeption der Hauptgestalten unterzuordnen und der sich gedeihlich entfaltenden Szenentechnik anzupassen. Deswegen begannen sich die Autoren bald aus dem Ensemble selbst sowie aus den Reihen der Theaterangestellten zu rekrutieren. Eine dominierende Stellung nimmt hier schon jahrelang Milos Kirschner ein, der sich in unmittelbarem Kontakt mit der Szene zu einem Autor tiefgründiger, indes auch witziger Intermezzos sowie Proszeniumsdialoge entwickelt und zum Mitschöpfer von Puppenrevuen und Spielen für die Jugend und für Erwachsene emporgearbeitet hat. Vor allem kam es nach Skupas Tode in Spejbls und Hurvineks Gestalt zu einem offenkundigen Ruck vom robusten Kabaretthumor zu einem feineren, geistreich gefeilten Ausdruck; von Wortspielen, Schulthemen, kitzelnden Pikanterien, aber auch von Problemen der Generation hat sich das Gebiet, das sich S & H zum Ziel gesetzt hatten, um allgemeine gesellschaftliche Fragen erweitert, um Probleme des Charakters, der Moral, der Liebe, der Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft und ähnl.

Kirschners Interpretation läßt sich Spejbl gewissermaßen von seiner grenzenlosen Blödigkeit freimachen, selbstverständlich wird er noch immer hie und da zur Zielscheibe des Spottes, aber immer häufiger erscheint er als bedauernswertes Opfer eines ungünstigen Zufalls oder des Zusammentreffens absurder Umstände, die er nicht verstehen kann oder manchmal sogar nicht verstehen will. Hurvinek hat nicht einmal mit dem Ablauf der Jahre etwas von der Wißbegierde des aufgeweckten jungen Menschleins eingebüßt dafür hat er schon nicht wenig von seiner einstigen bodenlosen Frechheit nachgelassen; das kommt nunmehr eher als provokatives Fragen zum Ausdruck, bei dessen Beantwortung die Folgen nicht bloß Spejbl zu tragen hat. In der letzten Zeit fängt Manicka an, eine ähnliche Metamorphose durchzumachen – das einst so beispiellos folgsame, naiv-herzige Schulmäderl; in Helena Stachova hat sie eine neue, hervorragende Interpretin gefunden. Auch Manicka hat sich das ihr eigene naive Staunen über die Dinge auf der Welt bewahrt, dessenungeachtet ist ihre Agilität augenscheinlich gestiegen, entschlossener geworden, und so wird sie zu einer Gegenspielerin der zwei Haupthelden, die durchaus natürlich erscheint und den beiden Akteuren in jeder Hinsicht ebenbürtig ist.

Vom Beginn ihrer Profi-Laufbahn an haben S & H in der Wiedergabe Professor Skupas und Milos Kirschners einige Zehn Plattenaufnahmen vorgenommen. Dank den umfassenden Sprachenkenntnissen Milos Kirschners und Helena Stachovas haben sie ihren hölzerne Figuren durch fremdsprachige Interpretierung die Gunst des Publikums in 25 Ländern Europas und anderer Kontinente gewonnen; in 14 Sprachen haben Spejbl und Hurvinek zu aller Welt geredet. In der letzten Zeit wird die S & H-Produktion in Fernsehen, Rundfunk und Schallplatte systematisch weiter entfaltet. Vor allem ist dies in der deutschen Sprache der Fall. Nach kürzeren Episoden kommen abschnittweise auch größere Begebenheiten; längere Szenen sowie Bühnenstücke zu Worte. Nach den populären Dialogen aus der Amorosiade bereitet Artia zusammen mit Supraphon Aufnahmen vor, die nur ein weiterer Beweis dafür sind, daß die Anwartschaft dieser originellen Akteure auf die Unsterblichkeit ganz ernst genommen werden muß. Das eigentliche Heim unserer Marionetten ist ihr Theater in Prag, In unmittelbarem Kontakt mit den großen und den kleinen Enthusiasten wird ihr Humor ständig gefeilt. Auf der ganzen Welt nennen sie soviele Menschenkinder ihre Freunde, daß sie sich wirklich überall wie zu Hause fühlen. Auf der ganzen Erde haben sie den Leuten etwas zu sagen. Und das ist auch die Garantie für ihre unerschöpfliche Lebenskraft.

Pavel Grym
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Hurvinek zum Geburtstag


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Manicka zum Geburtstag


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Herrn Spejbl zum Geburtstag


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Zeryk zum Geburtstag

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Spejbl, Hurvinek: Milos Kirschner
Manicka: Helena Stachova
Hündchen Zeryk: Miroslav Cerny


Textbuch: Milos Kirschner
Deutsche Übersetzung: Vera Labska

Regie: Jiri Sramek
Tonaufnahme: Jiri Bartos
Toneffekte: Petr Messany

Aufgenommen vom 14. bis 21. Juni 1974
im Supraphon-Studio „Lucerna“, Prag


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