Thomas Müntzer – So ich das sage, muss ich aufrührerisch sein …
Dokumentar-Collage

von Hans Bräunlich
2-LP LITERA 8 65 445/446
Covertext:
Über Müntzer
Im Jahre der Gnade 1789 begann in Frankreich derselbe Kampf um Gleichheit und Brüderschaft, aus denselben Gründen, gegen dieselben Gewalthaber, nur daß diese durch die Zeit ihre Kraft verloren und das Volk an Kraft gewonnen und nicht mehr aus dem Evangelium, sondern aus der Philosophie seine Rechtsansprüche geschöpft hatte … Was einst im Bauernkrieg die Lehrer des Evangeliums versucht, das taten die Philosophen jetzt in Frankreich, und mit besserem Erfolg; sie demonstrierten dem Volke die Usurpation des Adels und der Kirche; sie zeigten ihm, daß beide kraftlos geworden; – und das Volk jubelte auf, und als am 14. Julius 1789 das Wetter sehr günstig war, begann das Volk das Werk seiner Befreiung, und wer am 14. Julius 1790 den Platz besuchte, wo die alte, dumpfe, mürrisch unangenehme Bastille gestanden hatte, fand dort statt dieser ein luftig lustiges Gebäude, mit der lachenden Aufschrift: „Ici on danse.“ (Hier wird getanzt.)

Heinrich Heine


… So war Müntzers Leib getötet, gewaltsam gebrochen das noch jugendliche Gehäuse eines der kühnsten Geister, ehe dieser in sich die läuternde Krise durchgemacht, ehe er ins Mannesalter gereift war … Luther, der … „keine Spur von Reue, nichts als Trotz und Verstocktheit bis ans Ende“ an ihm sah … vergaß, daß die Geschichte bald die Edelsten, bald die Verworfensten auf dem Schafotte zeigt und daß, was der Lebensstrom der neuen Zeit wurde, Blut war, auf einer Schädelstätte vergossen. Noch lange nach seinem Tode hatte Müntzer „einen großen Anhang heimlicher Jünger in Thüringen, die ihn als einen frommen, gottesfürchtigen Mann ehrten und seine hitzigen Episteln als eines heiligen Mannes Werk entschuldigten, der aus einem göttlichen Eifer getan, dessen Geist und Wort niemand urteilen könne“. Noch gehet sein Geist um in Europas Gauen, läßt sich manchmal noch hören aus den Hütten des Landmannes, haucht über die heiße Stirn des Denkers bei mitternächtlicher Lampe, hallt nach in manchem Vortrag, mancher Forderung redlicher Volksvertreter. Es hat solche gegeben, darunter wissenschaftliche und verständige Männer, welche Müntzers geistige Fähigkeiten nieder anschlagen zu dürfen glaubten und … denen seine Pläne wie Tollhauspläne vorkamen. Diese haben übersehen, daß, was mächtig genug ist, fortzuwirken in der Welt Jahrhunderte hindurch und was im Laufe derselben durchdringt und sich verwirklicht im Staat und Gesellschaft, seinen Ursprung nicht aus der Unvernunft haben kann, sondern daß ursprünglich Vernunft gewesen sein muß in demjenigen, welcher die erste Idee davon hatte und, diese Idee ins Leben einzuführen, keine Ruhe und keine Rast, keinen Genuß des Lebens sich gönnte, ja alles Glück des Herzens und alles Glück äußerlicher Stellung, das Leben selbst daransetzte, um dieser Idee Leben zu geben auf dem Boden der Wirklichkeit, in der Anerkennung des Menschen und in der Geltung unter den Menschen, in der Herrschaft über die Zeit … Vieles, was noch religiös und politisch in der Zeit treibt, läßt sich zurückführen auf Müntzer … Diese Fortpflanzung und Fortentwicklung der von ihm zuerst laut ausgesprochenen Gedanken und zugleich die Tatsache, daß er auf die Menschen so viel Einfluß und sich so viel Anhang gewann, von unbedeutender Stellung aus so lange ein gefürchteter Widerpart gegen die höchsten Gewalten in Kirche und Staat war und, von allen Seiten angegriffen und verfolgt, nach allen Seiten hin kämpfte mit dem Schwerte des Geistes – das hat unter allen Ansichten und Farben dem tragisch untergegangenen Kämpfer wenigstens die Anerkennung errungen, daß er ein ungewöhnlich begabter Mensch gewesen sein müsse. Gerade weil er seiner Zeit so über alles Maß hinaus vorausflog, wurde er von ihr nicht erkannt, sondern verkannt … Grausam ist weder Pfeiffer noch Müntzer gewesen; habsüchtig war keiner von beiden. Beide sind, urkundlich, arm gestorben …

Wilhelm Zimmermann


Das Mittelalter hatte alle übrigen Formen der Ideologie: Philosophie, Jurisprudenz an die Theologie annektiert, zu Unterabteilungen der Theologie gemacht. Es zwang damit jede gesellschaftliche und politische Bewegung, eine theologische Form anzunehmen: den ausschließlich mit Religion gefütterten Gemütern der Massen mußten ihre eigenen Interessen in religiöser Verkleidung vorgeführt werden.
Sie, die bäurisch-plebejische Ketzerei – teilte alle Forderungen der bürgerlichen Ketzerei in betreff zwar der Pfaffen, des Papsttum und der Herstellung der urchristlichen Kirchenfassung, aber sie ging zugleich unendlich weiter. Sie verlangte die Herstellung des urchristlichen Gleichheitsverhältnisses unter den Mitgliedern der Gemeinde und seine Anerkennung als Norm auch für die bürgerliche Welt. Sie zog von der „Gleichheit der Kinder Gottes“ den Schluß auf die bürgerliche Gleichheit und selbst teilweise schon auf die Gleichheit des Vermögens. Gleichstellung des Adels mit den Bauern, der Patrizier und bevorrechteten Bürger mit den Plebejern, Abschaffung der Frondienste, Grundzinsen, Steuern, Privilegien und wenigstens der schreiendsten Vermögensunterschiede waren Forderungen, die mit mehr oder weniger Bestimmtheit aufgestellt und als notwendige Konsequenzen der urchristlichen Doktrin behauptet wurden …

Friedrich Engels


Dem bürgerlichen Reformator Luther trat gegenüber der bäuerlich-plebejische Revolutionär Thomas Müntzer … ein Mann von kühner Entschlossenheit, unerschütterlich in seinem Bekennen und Handeln … Schon vor Luther schaffte er die lateinische Sprache im Gottesdienst ab und organisierte die revolutionäre Propaganda, indem er die gewaltsamen Predigten Luthers fortsetzte, nachdem dieser sich für den friedlichen Fortschritt entschieden hatte. Die Lehre Müntzers griff alle Hauptpunkte nicht nur des Katholizismus, sondern des Christentums an. Die eigentliche, die lebendige Offenbarung sei die Vernunft, eine Offenbarung, die zu allen Zeiten und bei allen Völkern existiert habe und noch existiere. Der Vernunft die Bibel entgegenzuhalten, wie es der zahm gewordene Luther tat, heiße den Geist durch den Buchstaben töten. Der Himmel sei nichts Jenseitiges, er sei in diesem Leben zu suchen, und der Beruf des Gläubigen sei, den Himmel, das Reich Gottes, schon auf Erden herzustellen. Wie keinen jenseitigen Himmel, so gäbe es keine jenseitige Hölle. Christus sei ein Mensch gewesen wie wir, ein Prophet, ein Lehrer, kein Gott. Unter dem Reiche Gottes aber, das schon auf Erden herzustellen der Beruf der Gläubigen sei, verstand Müntzer einen Gesellschaftszustand, worin keine Klassenunterschiede, kein Privateigentum und keine den Gesellschaftsmitgliedern gegenüber selbständige, fremde Staatsgewalt mehr beständen. Sämtliche bestehenden Gewalten, sofern sie sich nicht fügen und der Revolution anschließen wollten, sollten gestürzt, alle Arbeiten und alle Güter gemeinsam gemacht und die vollständigste Gleichheit durchgeführt werden … Diese Lehren trug Müntzer unter dem Deckmantel mystischer Redeweisen vor, aber sie wirkten dadurch nur um so tiefer auf die Massen, die noch ganz und gar in religiöser Denkweise befangen waren. Von allen Seiten lief ihm das Volk zu …

Franz Mehring


Der weitaus hervorragendste unter den Anhängern der Zwickauer Apostel war aber Thomas Müntzer. Er bildete von 1521–1525 den Mittelpunkt der ganzen kommunistischen Bewegung in Deutschland. Seine Gestalt ragt so mächtig daraus hervor, seine Geschichte ist mit ihr so eng verflochten, und alle zeitgenössischen Zeugnisse darüber beziehen sich so ausschließlich auf ihn, daß auch wir dem allgemeinen Beispiel folgen und als Geschichte der kommunistischen Bewegung der ersten Jahre der Reformation eine Geschichte Müntzers geben müssen …
Er war nichts weniger als ein Wirrkopf und auch kein beschränkter Sektierer. Er kannte die bestehenden Machtverhältnisse in Staat und Gesellschaft, und bei allem mystischen Enthusiasmus rechnete er mit diesen Verhältnissen. Und weit entfernt, seine Wirksamkeit auf eine kleine Gemeinde Rechtgläubiger zu beschränken, appellierte er an alle revolutionären Elemente jener Zeit, suchte er sie alle seiner Sache dienstbar zu machen.
Wie lange es auch her ist, daß Müntzer sein Leben für seine Sache ließ, diese selbst, die Sache des Proletariats, sie lebt und ist gefürchtet, mehr noch als zu Müntzers Zeiten … Müntzer war und ist heute noch im Volksbewußtsein die glänzendste Verkörperung des rebellischen, ketzerischen Kommunismus.

Karl Kautsky


Was aber den besonderen Fall von Bauernkrieg, Bildersturm, Spiritualismus angeht, so muß hier erst recht neben den wirtschaftlich bestehenden Elementen von Auslösung und Konfliktinhalt noch das originäre Wesenselement an sich betrachtet werden: als Umgang des ältesten Traums, als breitester Ausbruch der Ketzergeschichte, als Ekstase des aufrechten Gangs und des geduldlosen, rebellischen, ernstlichsten Willens zum Paradies …
Die Bauern verlangten Bodenaufteilung; immerhin: der freie und unabhängige Grundbesitz allein sollte auf den Reichstagen vertreten sein, gesucht war ein rein kleinbäuerlich aufgebautes Reich ohne Adel und Fürsten … Müntzer freilich predigte scheinbar noch weit Entlegeneres, Unwirklicheres; er hieß die Bauern das Ihre zusammenlegen, er sprengte die kurzen Träume von Demokratie und Kaisertum, selbst Nationalismus war ihm fremd, an Stelle des mystischen Volkskaisers trat völlig deutlich Christus, mystische Weltrepublik, Theokratie und Tieferes, er postulierte vollkommene Gütergemeinschaft, urchristliches Wesen, Beseitigung aller und jeder Obrigkeit. Zurückrückung des Gesetzes auf Moralität und Christbereitung. Doch er postulierte solches in der seltsamsten Spannung, zum ersten bewußt auf das Bergproletariat gestützt, zum anderen ebenso bewußt rekurierend auf die jeder wirtschaftsdialektischen Zwangsläufigkeit sich entrückender Spontanität des vollkommenen Christenmenschen; das wirklich und das überwirklich Wirksamste war hier im weitesten Bogen vereinigt, an den Kopf der Revolution gestellt …
Müntzer ist – und damit beantwortet sich die Frage nach seinem politischen Rang, nach der Existenz seines politischen Nah- und Weitblicks –, Thomas Müntzer also ist auch in seinem Scheitern keine rührende, keine punktuelle, keine komische, sondern eine durchaus vertretende, kanonische, tragische Gestalt; mit seiner Niederlage wurde von neuem einer echt verkörperten, richtig eingesetzten, adäquat erfaßten Idee der Weltweg verlegt.

Ernst Bloch


Kein Zufall … daß in Deutschland damals der ,gemeine Mann‘ sich erhob, daß im deutschen Bauernkrieg die erste große soziale Bewegung mit einem damals stark religiösen Hintergrund begann. ,Nichts als die Gerechtigkeit Gottes!‘ stand auf den Fahnen des ,Armen Konrad‘ und ,Bundschuh‘ … Und Männer standen auf seiten dieser ,rottischen Haufen‘ wie der Florian Geyer, der seinen Rittermantel ablegte, um durch Not, Schuld und Tod hindurch Schulter an Schulter neben dem ,gemeinen Mann‘ zu kämpfen und zu sterben! Und Ulrich von Hutten stand auf der Bauern Seite, ein Franz von Sickingen, ein Thomas Müntzer, ein Heinrich Pfeiffer, zwei Pfarrer aus dem Thüringischen.
Damals war Deutschlands große, einzigartige Schicksalstunde …, als die kühnsten und besten Faustkerle und Geisteskämpfer die ,gerechte Sach‘ des gemeinen Mannes zu der ihren machten … Die Zeit war noch nicht reif. Die Stunde ging vorüber … Ein paar Jahrhunderte lang ward diese wahre Heldengeschichte unseres Volkes … totgeschwiegen oder umgefälscht, wurden … die kämpfenden Bauern zu Mordbrennern, ihre Führer: der Geyer, der Müntzer, der Hutten – ganz wie die heutigen Revolutionäre – zu Hetzern gestempelt … es ging diesen Männern des Bauernkrieges wirklich um eine ,große Sache‘! Tausende der besten Deutschen sind für diese Idee, das Reich der Gerechtigkeit schon auf dieser Welt zu verwirklichen, gestorben!

Friedrich Wolf


Luther und Thomas Müntzer sind ,korrespondierende Größen‘ … wir, die deutsche Arbeiterbewegung, haben der Gestalt Martin Luthers gerade dadurch zur Unsterblichkeit verholfen, indem wir dem Schändlichen, Knechtseligen seiner Figur entgegengesetzt haben die Genialität seiner Sprachleistung … und auf sie hingewiesen haben. Luther verdankt das Beste seines Wesens, seine lebendig-schöpferische Existenz Thomas Müntzer und den Seinen, und ähnliche Beispiele lassen sich viele in der Geschichte finden, das heißt in allen geschichtlich widerspruchsvollen Persönlichkeiten wird der Widerspruch überwunden nur dadurch, daß andere, fortschrittliche Persönlichkeiten ihn aufheben und das beste des Vergangenen in ihrer eigenen Leistung, mittels ihrer Leistung in die Zukunft herübernehmen.

Johannes R. Becher


Indem die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung Müntzers Vermächtnis im Sinne des Kampfes um die Durchsetzung ihrer eigenen historischen Mission, mit dem Blick auf die Notwendigkeit des Bündnisses mit der werktätigen Bauernschaft interpretierte, machte sie sich Müntzer zu eigen und brachte den zu seiner Zeit scheinbar Gescheiterten nach über drei Jahrhunderten zu gesellschaftlicher Weltbedeutung … Auch bürgerlich-demokratische Kräfte und mit der Arbeiterbewegung verbundene linke Intellektuelle sowie christliche Kreise … nahmen das Erbe Müntzers in diesem Sinne auf. Ihnen allen galt Müntzer als einer von denen, welche die Menschen den aufrechten Gang gegenüber Knechtschaft und Unterdrückung gelehrt haben.
Thomas Müntzer zu ehren, bedeutet deshalb nicht nur eine historische Persönlichkeit, die vor 500 Jahren geboren wurde, und ihr Wirken in ihrer Zeit zu würdigen, sondern auch all die Einflüsse ins Bewußtsein zu rufen, die von dieser großen Gestalt der deutschen Geschichte noch Jahrhunderte später ausgingen und eine Tradition begründeten. Wir stehen in dieser Tradition, bekennen uns zu ihr und führen sie unter unseren Bedingungen fort …
Thomas Müntzer ist der erste Denker in der deutschen Geschichte, der mit den religiösen Kategorien seiner Zeit die geschichtsbildende Rolle der Volksmassen erfaßte: „Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feind wird“, stellte er in seiner „Hochverursachten Schutzrede“ fest und fuhr fort: „Die Ursach’ des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun. So ich das sage, muß ich aufrührerisch sein, wohlhin.“ Wieviel Hingabe, Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit gehörten dazu, gegen die damals Herrschenden anzutreten und darauf zu vertrauen, daß dem arbeitenden Volk die Zukunft gehört. Wie bitter müssen seine Gegner diesen unbeugsamen Mann gehaßt haben, der sich noch auf der Folter zu dem bekannte, wofür er eingetreten war und weswegen er am 27. Mai 1525 hingerichtet wurde.
Nach allem, was wir wissen, war er kein Mann ohne Ecken und Kanten. Streitlust und Unnachgiebigkeit wurden ihm nachgesagt und daß er maßlos sei in der Brandmarkung der Gegner. Immer wieder vertrieben, verfolgt und verleumdet, hielt er allen Anfeindungen stand. Er war von einer Idee ergriffen, fühlte sich zu einer großen Sendung berufen und bewahrte seiner Aufgabe die Treue auch dann, als es ans Leben ging. Eine kraftvolle Persönlichkeit und ein Revolutionär, der zum Besten gehört, was unser Volk hervorgebracht hat.
„Aber am Volke zweifle ich nicht!“ schrieb er … Das ist die Botschaft, die er uns hinterlassen hat. Über Jahrhunderte hinweg hat sie Ausgebeutete und Unterdrückte im Kampf um ein menschenwürdiges Dasein beseelt und ist noch heute lebendig, mögen sich die Formen und Begriffe auch gewandelt haben, in denen sich, wie man es nennen könnte, „das Müntzerische in der Geschichte“ ausdrückt.

Erich Honecker


Ferne Nähe von Müntzers Erbe heute

Bei uns sind die schrecklichen Worte der Propheten auch heute noch grausame Wahrheit. Auch bei uns gibt es jene, die den „Unschuldigen für Geld und den Armen für ein Paar Sandalen verkaufen“, die in ihren Palästen Gewalt und Raub anhäufen und den Armen in den Staub treten, die sich ein Stück Land nach dem andern aneignen, bis sie Alleinherrscher sind. Die Texte der Propheten sind nicht Stimmen aus entfernten Jahrhunderten, sind nicht nur Texte, die wir voller Ehrfurcht in der Liturgie lesen. Sie sind realer Bestandteil unseres Alltags.

Erzbischof Oscar A. Romero, El Salvador, am 2. Februar 1980


Im Laufe seiner gesamten Geschichte wurde das arme Volk von Nikaragua, ebenso wie die anderen lateinamerikanischen Völker, nicht nur der Früchte seiner Arbeit beraubt, sondern auch seines eigenen Lebens, seiner Freiheit und seines Vaterlandes. Aber in dieser Geschichte finden wir auch Bruchstellen. Fakten der Rebellion der Unterdrückten und der Forderung nach ihren Rechten. In Nikaragua wird dieses Aufbegehren vornehmlich durch die außergewöhnliche Persönlichkeit des Generals Augosta César Sandino verkörpert, und nach ihm von Carlos Foncesa Amador und vielen anderen. Sie pflügten die Erde meines Landes und legten den Samen, daß die Somoza-Tyrannei gestürzt werden konnte. Diese Samen wurden in die vom Blut der Armen getränkte Erde gesenkt, er schlug Wurzeln und gewann Leben, und wir in unserer Zeit sind es, die die Ernte einbringen. Ein ganzes Volk stimmte in den Ruf seiner Vorhut, der Frente Sandinista, ein: Ein freies Vaterland oder sterben! Es eroberte diese Freiheit, indem es sein Leben für sie hingab. Zum ersten Mal in seiner Geschichte fühlt sich dieses Volk als Herr seines eigenen Landes. Nicht, weil irgendwer es ihm zugestand, sondern weil es dieses zu erringen verstand, mit der Waffe in der Hand und der Hoffnung im Herzen … Ein Volk, das seine eigene Geschichte schmiedet, stellt unsere Art, die Kirche zu sehen, in Frage und bereichert sie. Das Volk Gottes werden künftig Männer und Frauen sein, die sich immer mehr ihres Rechts auf Leben, Freiheit und Gerechtigkeit bewußt werden. Wenn die verkündigte christliche Botschaft diesen wachsenden Reifegrad nicht in Rechnung stellt, wird sie auf den Bereich des Privaten, Individuellen reduziert bleiben. Sie wird am Rande der Geschichte bleiben …
Das Reich Gottes zu verstehen und dieses Reich zu errichten bedeutet, die Solidarität mit den Armen und Unterdrückten dieser Welt zu leben … Der historische Ort unseres Zusammentreffens mit Christus ist die Integration in den Befreiungsprozeß …

Miguel D’Escoto, Priester und Außenminister, Nikaragua, 1980


Stimmen der Zeit

Der letzte Stand ist derer, die auf dem Lande in Dörfern und Gehöften wohnen und dasselbe bebauen und deshalb Landleute genannt werden. Ihre Lage ist ziemlich bedauernswert und hart. Sie wohnen abgesondert voneinander, demütig mit ihren Angehörigen und ihrem Viehstand. Hütten aus Lehm und Holz, wenig über die Erde emporragend und mit Stroh gedeckt sind ihre Häuser. Geringes Brot, Haferbrei oder gekochtes Gemüse ist ihre Speise, Wasser und Molken ihr Getränk. Ein leinerner Rock, ein paar Stiefel, ein brauner Hut ist ihre Kleidung. Das Volk ist jederzeit ohne Ruhe, arbeitsam, unsauber. In die nahen Städte bringt es zum Verkaufe, was es vom Acker, vom Vieh gewinnt, und kauft sich wiederum hier ein, was es bedarf; denn Handwerker wohnen keine oder nur wenige unter ihnen. In der Kirche, von denen eine für die einzelnen Gehöfte gewöhnlich vorhanden ist, kommen sie an Festtagen vormittags alle zusammen und hören von ihrem Priester Gottes Wort und die Messe, nachmittags verhandeln sie unter der Linde oder an einem anderen öffentlichen Orte ihre Angelegenheiten, die Jüngeren tanzen darauf nach der Musik des Pfeifers, die Alten gehen in die Schenke und trinken Wein. Ohne Waffen geht kein Mann aus: sie sind für alle Fälle mit dem Schwerte umgurtet. Die einzelnen Dörfer wählen aus sich zwei oder vier Männer, die sie Bauernmeister nennen, das sind die Vermittler bei Streitigkeiten und Verträgen und die Rechnungsführer der Gemeinde. Die Verwaltung aber haben sie nicht, sondern die Herren oder die Schulzen, die von jenen bestellt werden. Den Herren frohnen sie oftmals im Jahre, bauen das Feld, besäen, ernten die Früchte, bringen sie in die Scheunen, hauen Holz, bauen Häuser, graben Gräben. Es gibt nichts, was dieses sklavische und elende Volk ihnen nicht schuldig sein soll, nichts, was es, sobald es befohlen wird, ohne Gefahr zu tun verweigert: der Schuldige wird hart bestraft. Am härtesten ist es für die Leute, daß der größte Teil der Güter, die sie besitzen, nicht ihnen, sondern den Herren gehört, und daß sie sich durch einen bestimmten Teil der Ernte jedes Jahr von ihnen loskaufen müssen.

Aus einer zeitgenössischen Chronik


Denn, o Schmerz, die Weltpriester täuschen Armut vor und ziehen dabei ihre Untergebenen aus durch Kollekten. Und was noch verwerflicher ist, Kirchenfürsten wie Päpste, Erzbischöfe, Bischöfe, Erzdiakone, Äbte, Pröbste, Kanoniker und deren Anhang, treiben, um dem Mangel zu entgehen, auf teuflische Weise Unterstützungen ein, nach ihrem eigenen schandbaren Gutdünken, da doch weder göttliches noch menschliches Recht dazu verpflichtet, wenn eine schimpfliche, schwelgerische Verschwendung des Eigentums Christi dabei vor sich geht. Wo, frage ich, gibt es das göttliche Gesetz, daß ein solcher Kirchenvorsteher sein Volk besteuern soll? Vielmehr beraubt er unverdientermaßen das Volk Gottes, das er unter Strafe der Verdammnis verteidigen soll, anstelle es zu verteidigen, indem er es wie ein Folterknecht mit Strafen und Gericht einschüchtert.

Jan Hus


Germania hat jetzt und vielerlei Völker und fürnehme Ständ. Zuerst geistliche Pfaffen und Mönch. Die Pfaffen haben lange weite Röck an, zirkelrunde Barett auf, tragen auch Kappenzipfel von seiden und wollenem Tuch, gehn gemeiniglich auf Pantoffeln. Müßig, ehelos, niemand nütze Leut, die wenig studieren, die ihre Zeit fast mit Spielen, Essen, Trinken und schönen Frauen hinbringen. Diese haben große Freiheit von Päpsten, in geistlichen Rechten eingeleibt, also, daß sie niemand von einer Sachen wegen weder strafen noch vor Recht ziehen oder antasten darf denn allein ihre Obrigkeit, der Bischof und Papst. Nun wäre viel zu sagen von ihren mehr denn heidnischen Privilegien, Wesen, Leben, Rechten, Religion, wie und mit was Gestalt, Gewalt oder Listen sie alle Welt unter sich geworfen, so gar, daß auch der Kaiser ihrem Obern und Gott, dem Papst, zu Fuß fallen, die küssen und von ihm die Kron und das Lehen des Kaisertums und römischen Reichs empfahn muß …

Sebastian Franck (1517)


Was soll ich nun von den Großen des Hofes sagen? Obwohl die meisten von ihnen die denkbar Unterwürfigsten, Verächtlichsten, Widerwärtigsten und Verworfensten sind, wollen sie trotzdem in allen Dingen als Hauptpersonen angesehen werden. Freilich sind sie in dem einen Punkt sehr bescheiden, daß sie sich damit begnügen, Gold, Juwelen, Purpur und alle möglichen Symbole der Weisheit und Tugend an sich zu tragen, anderen aber die Sorge überlassen, weise und tugendhaft zu sein. Sie schätzen sich überglücklich, daß sie den König ihren „Herrn“ nennen dürfen, daß sie ihm kurze Komplimente zu machen verstehen und mit den hochklingenden Anreden „Ew. Majestät“, „Ew. Königliche Hoheit“, „Ew. Durchlaucht“ recht verschwenderisch umzugehen wissen; auch parfümieren sie sich mit köstlichen Wohlgerüchen das Gesicht und schmeicheln auf feine und gefällige Art … Betrachtet man aber ihre sonstige Lebensweise näher, so erscheinen sie als wahre Phäaken … Man schläft bis zum Mittag und läßt sich dann vom gemieteten Kaplan, der schon bereitsteht, noch fast im Halbschlummer eine Messe lesen. Dann frühstückt man; das Dinner folgt unmittelbar darauf. Nach Tisch wird gewürfelt, gelost und manches Brettspiel gespielt. Dann kommen die Spaßmacher, Narren und Dirnen, und man ergötzt sich an Frohsinn und Heiterkeit. Dazwischen nimmt man eine oder andere Erfrischung. Danach wird zu Abend gegessen und schließlich wieder getrunken, wobei man sich nicht mit einem Glase begnügt. So eilen die Stunden, Tage, Monate, Jahre und Jahrhunderte, frei von jedem Kummer, dahin … und ein jeder fühlt sich um so glücklicher, je schwerer die Kette ist, die ihm am Halse baumelt.

Erasmus von Rotterdam (1511)


Also wird es sich erheben und die Wurzel und Anfang wird werden anno Christi 1520, da wird einer auferstehen, der wird lassen im Druck, Deutsch und Latein, daß allen Menschen offenbart wird, wider unsern heiligen Vater den Papst und seinen Kardinälen und wider die Priesterschaft und die christliche Kirche, ihr unbillig und unordentlich Wesen, das sie führen … dadurch die gemeinen Laien Neid und Haß werden tragen gegen den Papst und die christlichen Kirchen, dadurch sich erheben wird ein Aufruhr in aller Christenheit wider die Geistlichen.

Jakob Pflaum (1500)
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Thomas Müntzer
Ausgedrückte Entblößung des falschen Glaubens … (1524)
Martin Seifert

Die Bibel
Inge Keller

Thomas Müntzer
Ausgedrückte Entblößung …
Martin Seifert

Martin Luther
Von weltlicher Obrigkeit, wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei … (1523)
Klaus Piontek

Pikardische Artikel der Taboriten
Arno Wyzniewski

Anonym
Uberliefertes Sprichwort (aus: „Cataclysmoligia“)
Chor

Thomas Müntzer
Hochverursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg … (1524)
Martin Seifert

Heinrich Heine
Französische Zustände (1832)
Rolf Ludwig

Erasmus von Rotterdam
Lob der Torheit (1511)
Kurt Böwe

Niccolo Machiavelli
Der Fürst (1513)
Ekkehard Schall

Thomas Müntzer
Hochverursachte Schutzrede …
Martin Seifert

Martin Luther
Brief an die Fürsten zu Sachsen … (1524)
Klaus Piontek

Thomas Müntzer
Hochverursachte Schutzrede …
Martin Seifert

Heinrich Heine
Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834)
Rolf Ludwig

Ulrich von Hutten
Brief an Willibald Pirckheimer (1518)
Daniel Minetti


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Die Bibel
Inge Keller

Sebastian Franck
Wahrhaftige Beschreibung aller Teile der Welt
Eberhard Mellies

Erasmus von Rotterdam
Lob der Torheit
Kurt Böwe

Thomas Müntzer
Protestation oder Entbietung Thomas Müntzers … seine Lehre betreffend … (1524)
Hochverursachte Schutzrede …
Martin Seifert

Hans Hergot
Neue Wandlung (1526/27)
Günter Naumann

Thomas Müntzer
Auslegung des andern Unterschied Daniels des Propheten … (Fürstenpredigt) (1524)
Martin Seifert

Die Bibel
Inge Keller

Bauerneid zu Tettelbach (1525)
Chor

Bericht des Abtes Trithemius
Walter Niklaus

Thomas Müntzer Pfingsthymnus (Nachdichtung des „Veni creator spiritus“ von Hrabanus Maurus)
Martin Seifert


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Hans Zeyß
Brief an den Herzog Johann von Sachsen (28. Juli 1524)
Horst Hiemer

Thomas Müntzer
Bekenntnis (1525)
Martin Seifert, Lothar Schellhorn

Anonym
Bundschuh-Losungen
Chor

Thomas Müntzer
Verschiedene Schriften
Martin Seifert

Anonym
Schwäbische Bauernklage
Günter Naumann

Thomas Müntzer
Auslegung des andern Unterschied Daniels …
Martin Seifert

Hans Zeyß
Brief an Herzog Johann von Sachsen (25. August 1524)
Horst Hiemer

Martin Luther
Sendbrief an Bürgermeister, Rat und ganze Gemeinde der Stadt Mühlhausen (1524)
Klaus Piontek

Thomas Müntzer
An die Mansfelder
Martin Seifert

Leonhard von Eck
Aus Briefen (1525)
Volkmar Kleinert

Kurfürst Friedrich von Sachsen
Brief (14. April 1525)
Eckhart Strehle

Die Bibel
Inge Keller

Thomas Müntzer
An die verfolgten Anhänger zu Sangerhausen (1524)
Martin Seifert

Anonym
Die 14 Artikel der Bürger von Frankenhausen gegenüber Adel und Amtleuten
Klaus Bergatt, Kristof Mathias Lau,
Karl-Heinz Liefers, Lothar Schellhorn, Ulrich Voss, Detlef Witte


Martin Luther
Ermahnung zum Frieden auf die 12 Artikel der Bauernschaft zu Schwaben (1525)
Klaus Piontek


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Thomas Müntzer
Hochverursachte Schutzrede …
Martin Seifert

Anonym
Volkslied
Günter Naumann

Thomas Müntzer
An die Gemeinde in Frankenhausen (1525)
Martin Seifert

Die Bibel
Inge Keller

Hans Zeyß
Brief an den Kurfürsten (7. Mai 1525)
Horst Hiemer

Thomas Mützer
An den Schmalkalder Haufen (1525)
Martin Seifert

Brief der Frankenhausener an die Erfurter (1525)
Klaus Bergatt, Kristof Mathias Lau,
Karl-Heinz Liefers, Lothar Schellhorn, Ulrich Voss, Detlef Witte


Martin Luther
Brief an den Mansfeldischen Rat Dr. Rühl (30. Mai 1525)
Klaus Piontek

Huldrych Zwingli
Brief an Luther (1. April 1527)
Gert-Hartmut Schreiber

Martin Luther
Sendbrief von dem harten Büchlein wider die Bauern (1525)
Klaus Piontek

Thomas Müntzer
Brief an den Grafen Albrecht von Mansfeld (12. Mai 1525)
Martin Seifert

Die Bibel
Inge Keller

Thomas Müntzer
Predigt auf dem Schlachtfeld zu Frankenhausen (1525)
Martin Seifert

Thomas Müntzer
Bekenntnis auf der Folter nach seiner Gefangennahme (1525)
Martin Seifert

Volker Braun
Ist es zu früh. Ist es zu spät. (aus: „Training des aufrechten Gangs“ / 1979)
Martin Seifert

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von Hans Bräunlich

Musik: Jürgen Ecke
Regie: Fritz Göhler

Chor: Mitglieder des Rundfunkchores Berlin
Schlagwerk: Heiner Herzog, Göran Schade
Studio-Orchester
Dirigent: Jürgen Ecke

Künstlerische Arbeit: Leni López
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Aufnahmetechnick (Musikaufnahme): Hartmut Kölbach
Schnitt: Bärbel Hintze