Über die großen Städte
Brecht Abend Nr. 2

von Bertolt Brecht

2-LP LITERA 8 60 034/035
Covertext:
Zum Brecht-Abend Nr. 2
Die Reihe unserer Brecht-Abende soll das Publikum mit den Liedern und Gedichten Brechts bekanntmachen. Brecht schrieb seine Gedichte nicht so sehr zum Lesen als zum Vortragen, und seine Lieder kommen erst voll zur Geltung und Wirkung, wenn man sie nicht nur hört, sondern selber singt. So sollen unsere Brecht-Abende Vortragende und Zuhörende in neuer Weise zusammenführen: Jeder sei „sein eigener Kolumbus“, Schauspieler sowie Zuschauer. In unmittelbarem Kontakt miteinander, sich dem gegenseitigen Urteil direkt ausliefernd, einander beanspruchend, einander ermunternd, einander belehrend, einander Vergnügen bereitend, begibt man sich auf Entdeckungen in das große lyrische Werk Bertolt Brechts wie auf eine Reise.

Das Leben in den großen Städten, ein immer wiederkehrendes Motiv der Lyrik Brechts, ist Thema des Brecht-Abends Nr. 2.

Die imponierenden Bauwerke des aufbrechenden industriellen Zeitalters rühmte schon Marx höher als die ägyptischen Pyramiden, die römischen Aquädukte und die gotischen Kathedralen. Ihre Gründungen sind grandiosere Unternehmungen als Völkerwanderungen und Kreuzzüge. Was haben Menschen hier vollbracht! Und was ist aus den großen Städten des Kapitals geworden? Je höher die Häuser, je dichter die Netze der Eisenbahnen, je leistungsfähiger die Maschinen, je zahlreicher die Menschen – mit ihnen wuchs das Elend, die Verzweiflung, das Chaos. Die Bauten, aufgeführt, den Menschen zu dienen, schienen nur mehr gemacht, sie zu unterwerfen. Dort, wo man in zahllosen Bars, Kinos, Shows Vergnügungen mit industrieller Kunstfertigkeit herstellt, zielen sie keineswegs mehr auf Herz oder Hirn des Menschen, sondern nur noch auf seine Taschen. In den großen Städten wohnt das Geld, und es ist, als halte es sich die Menschen zu seinem Unterhalt. Es verhält sich gleichgültig gegen alles, gegen alle Werte, ausgenommen einen: den Tauschwert. Es macht alles käuflich: die Kinokarte wie den Ruhm. Es beherrscht den, der es hat, und den, dem es fehlt. Was ein Dasein hat in diesen Städten, hat es als Ware, ist austauschbar gegen alles, da alles Ware ist, auch der Mensch. Wo Beziehungen sind, sind es Beziehungen von Waren untereinander, die sich niederkonkurrieren. In den modernen endlosen Avenuen, an den Plätzen größter Leistungen der Menschheit, dort, wo man die Zukunft gegenwärtig glaubt, herrscht das uralte, barbarische Gesetz des Dschungels: der Kampf aller gegen alle.

So stehen dem Menschen die Leistungen seiner eigenen Hand gegenüber wie eine fremde Macht, die ihn zerstört.

Wir zeigen im Brecht-Abend Nr. 2, wie sich der Mensch zu der Verkehrung aller Werte verhält, wie er sich abfindet, wie er vergeblich zu entkommen sucht – und wo die Lösung liegt. Nicht die Städte, die Bauten, die Fabriken müssen verändert werden, sondern die Verhältnisse, unter denen die Menschen leben. Kein noch so verbissener Kampf des einzelnen führt heraus aus dem Dschungel – nur der Klassenkampf. Und die Lösung ist nicht die Loslösung des einzelnen von den Verhältnissen, unter denen er lebt, sondern die Veränderung gerade dieser Verhältnisse durch das große Kollektiv der Klasse. So ist das Gedicht „Inbesitznahme der großen Metro durch die Moskauer Arbeiterschaft“ die Aufhebung des „Verschollenen Ruhms der Riesenstadt New York“, beschreibend das neue Leben in den großen Städten.

Uns, den Erbauern der neuen Städte, in denen sich der Kampf aller gegen alle verwandelt hat in den Kampf aller für alle, sollen die Verhältnisse mit dem „jämmerlichen Fehler“, wie es Brecht nennt, noch einmal vorgeführt werden in ihrer ganzen Nacktheit, Brutalität und Selbstzerstörung.

Das kleine Mahagonny, geschrieben zwischen Anfang und Mitte der zwanziger Jahre, komponiert von Kurt Weill, aufgeführt 1927 in Baden-Baden, wurde damals von der provozierten Bourgeoisie niedergeschrieen, weil es den Fabrikanten und Krämern unangenehm war, mit Figuren verglichen zu werden, die für Geld „alles dürfen dürfen“, sich vergnügen, fressen, lieben, töten. Faschismus und zweiter Weltkrieg lassen auch dieses kleine Songspiel in neuem Licht erscheinen. Das gezeigte barbarische Verhalten, einst als Übertreibung der Brutalität verschrieen, wurde von der Geschichte bei weitem in den Schatten gestellt: das Verbrechen war nicht nur käuflich, sondern wurde zur Lebensweise. Der Schlächter gab sich als Moralist.

Die kleine Geschichte der Mahagonny-Leute, die eine Stadt gründen, wo man für Geld alles dürfen darf, sollte Erinnerung und Erkenntnisvermögen jener schärfen, die Brutalität und Chaos des Kapitals vergessen haben oder die der Glanz seiner Riesenstädte blendet. Die Vorführung des Parabelstücks wird die Erbauer der neuen Gesellschaft bestärken, ihre Städte souverän zu errichten: sie werden nicht mehr die Menschen beherrschen – sie werden ihnen dienen.


Mahagonny
In Bertolt Brechts erstem Gedichtbuch, der 1926 gedruckten „Taschenpostille“, bringt die vierte Lektion fünf „Mahagonnygesänge“, die, vor einem romantisch-exotischen Hintergrund, von einer merkwürdigen Spannung zwischen banal und kunstvoll getragen, den anarchistischen Zustand der kapitalistischen Gesellschaft zitieren. Diese Gesänge bildeten den Kern des Songspiels „Mahagonny“, das – von Kurt Weill komponiert – am 17. Juli 1927 auf den Wochen der modernen Musik in Baden-Baden uraufgeführt wurde. Nach der Arbeit an der „Dreigroschen-Oper“ griffen Brecht und Weill dann wieder zum Mahagonny-Stoff, und es entstand die dreiaktige Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, die am 9. März 1930 im Leipziger Opernhaus zum ersten Male aufgeführt wurde. Die Oper war das erste Werk, in dem Brecht das Thema über die großen Städte, das ihn immer wieder beschäftigte, von einem neuen Standpunkt aus betrachtete. Brechts Interesse galt nicht mehr den Städten schlechthin als dem Dschungel des 20. Jahrhunderts, sondern den gesellschaftlichen Verhältnissen, dem Zusammenleben der Menschen in diesen Städten. Die Stadt war für ihn zum Knotenpunkt vieler Widersprüche der bürgerlichen Welt geworden.

Brecht bedauerte später des öfteren, daß das Thema der Paradies- und Netzestadt Mahagonny aufgrund der Vertonung die den musikalischen Apparat eines Opernhauses verlangt, einem Schauspieltheater vorenthalten blieb. Als wir anläßlich der Arbeit am Brecht-Abend Nr. 2 „Über die großen Städte“ an den Wunsch Brechts, den Mahagonny-Stoff für ein Schauspielensemble handhabbar zu machen, erinnert wurden, suchten wir nach dem Songspiel von 1927. Die Fassung war jedoch nicht mehr erhalten. Der Amerikaner David Drew hat zwar die sechs Songs und die vier Zwischenmusiken von Weill in der richtigen Folge zusammengestellt und herausgegeben; doch die Zwischentexte Brechts, die – zum Teil von Sprechern vorgetragen, zum Teil auf Tafeln geschrieben oder projiziert – die einzelnen Songs kommentierten und dem ganzen eine Geschichte gaben, sind leider verlorengegangen.

So entschlossen wir uns, eine Neufassung – „Das kleine Mahagonny“ – herzustellen, die die Geschichte der vier Männer, die nach Mahagonny ziehen, nacherzählt und von Schauspielern musikalisch bewältigt werden kann. Die Neufassung benutzt (bis auf den Benares-Song) alle Songs des Ur-Mahagonny, lehnt den Schluß-Chor an den Text der Oper an, enthält weitere Texte des Librettos und einige Lieder und Chöre aus der Oper, verwendet Rekonstruktionen, die anhand von Erinnerungen Elisabeth Hauptmanns und Helene Weigels von der Baden-Badener Uraufführung gemacht wurden. Der Text des Ansagers wurde neu geschrieben. Die Musik instrumentierte Hans-Dieter Hosalla für das Orchester des Berliner Ensembles.

MK/ML
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Bidis Ansicht über die großen Städte (1925)
Manfred Karge

Lied von der belebenden Wirkung des Geldes (1933)
Musik: Hanns Eisler
Renate Richter

Verschollener Ruhm der Riesenstadt New York (1930)
Helene Weigel

Lieder aus „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ (1930)
Musik: Hans-Dieter Hosalla
Barbara Berg, Angelica Domröse, Christine Gloger, Annemone Haase, Felicitas Ritsch

Nachdenkend, wie ich höre, über die Hölle (1941/42)
Dieter Knaup


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Hollywood-Elegien (1942)
Musik: Hanns Eisler
Hilmar Thate

Aus der Kriegsfibel (1940/45)
Carola Braunbock

Der anachronistische Zug (1947)
Musik: Paul Dessau
Ekkehard Schall

Inbesitznahme der großen Metro durch die Moskauer Arbeiterschaft am 27. April 1935
Helene Weigel


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Das kleine Mahagonny
von Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill
Nach dem Songspiel von 1927 in der Bühnenfassung des Berliner Ensembles

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Das kleine Mahagonny (Fortsetzung)

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Witwe Begbick: Carola Braunbock
Dreieinigkeitsmoses: Bruno Carstens
Willy der Prokurist: Peter Kalisch
Jenny: Felicitas Ritsch
Bessie: Christine Gloger
Paul Ackermann: Hilmar Thate
Jakob Schmidt (genannt Vielfraß): Ekkehard Schall
Heinrich Merg: Günter Naumann
Joseph Lettner (genannt Alaskawolf-Joe):  
Manfred Karge
Männer von Mahagonny: Günther Arndt,
Johannes Conrad, Dieter Knaup

Ansager: Margret Wolfshohl

Regie: Manfred Karge, Matthias Langhoff
Musikalische Leitung: Hans-Dieter Hosalla
Ausstattung der Aufführung: Karl von Appen
Projektionen der Aufführung: Caspar Neher
Künstlerische Leitung der Aufnahme: Manfred Wekwerth

Das Orchester des Berliner Ensembles
Herbert Benkert, Trompete
Helmut Ernst, Klarinette/Saxophon
Kurt Hörold / Kurt Grieger, Schlagzeug
Eberhard Vogel, Flöte / Saxophon
Ernst König, Gitarre
Henry Krtschil, Klavier
Norbert Lange, Akkordeon
Dietrich Unkrodt, Kontrabaß/Posaune
Dymar Jutzi, Zither
Karl-Heinz Kraehnke, Fagott

Die Premiere des Brecht-Abend Nr. 2 „Über die großen Städte“ fand am 10. Februar 1963 statt, anläßlich des 65. Geburtstags von Bertolt Brecht. Bis zum 6. April 1968 wurde die Inszenierung 51 mal gespielt, darunter auf Tourneen in Prag, Budapest und London. Der Aufnahme des „Kleinen Mahagonny“ liegt ein Mitschnitt der dritten Aufführung im Berliner Ensemble zugrunde. Aus technischen Gründen wurde ein Großteil der musikalischen Nummern im Studio neu produziert.

Redaktion: Joachim Tenschert