Winterschlacht

von Johannes R. Becher
2-LP LITERA 8 60 079/080
Covertext:
Bechers dramatische Dichtung „Winterschlacht“, die Hedda Zinners (hier gekürzt wiedergegebener) Hörspielfassung zugrunde liegt, gehört zu jenen Werken, deren Wirkung nur langsam und gleichsam zögernd einsetzt, die aber in stetigem Vordringen immer größeren Widerhall erwecken, bis sie schließlich aus dem geistigen Leben eines Volkes nicht mehr wegzudenken sind. Heute erscheint es fast unglaublich, daß diese „deutsche Tragödie“, deren Mahnung und Warnung inzwischen zahllose Menschen erschüttert hat, erst 1954 auf einer deutschen Bühne aufgeführt worden ist, obwohl die Bühnenfassung bereits seit 1945 im Druck vorlag.
Es war ein tschechischer Regisseur, E. F. Burian, der das Stück als erster der Vergessenheit entriß und es 1952 im Prager Armee-Theater zur Uraufführung brachte. Ein Jahrzehnt zuvor, mitten im Ringen der Völker, hatten deutsche Emigranten in Mexiko eine allererste Aufführung gewagt, über die Egon Erwin Kisch begeistert zu berichten wußte. Damals lag den Darstellern noch keine Bühnenfassung vor, sie mußten sich ihren Text aus einer umfangreichen dramatischen Dichtung zusammenstreichen, die Becher in drei Doppelheften der von ihm geleiteten Zeitschrift „Internationale Literatur / Deutsche Blätter“ (Nr. 1–6 /1942) veröffentlicht und der er den Titel „Schlacht um Moskau“ gegeben hatte.
Wie es zur Entstehung seiner „Schlacht um Moskau“ gekommen war, hat der Dichter selbst bekannt: „Ich beabsichtigte 1941, der ungeheueren faschistischen Militärmaschine ein großes deutsches Drama gegenüberzustellen, in der Hoffnung, es sei eine Gewalt.“ Und an anderer Stelle sagt er noch deutlicher, welches Ziel er mit seiner Dichtung erstrebte: Allen deutschen Menschen wollte er zeigen, was in der Seele so vieler deutscher Soldaten vorging schon damals, als durch die Schlacht um Stalingrad noch nicht der Zusammenbruch Hitlers weithin sichtbar geworden war“.
Es war nicht allein der visionäre Blick des Dichters, der Becher befähigte, tief in das Herz deutscher Menschen zu schauen und zu erkennen, was in jenen vorging, die – wissend oder betrogen den Krieg der Faschisten mitmachten. Feldpostbriefe deutscher Soldaten zeigten ihm, in welche Gewissensnot so mancher junge Mensch geraten war: etwa jener Bauernjunge aus Oberbayern, der dem Vater schrieb, er werde beim nächsten Angriff alles tun um zu fallen, weil er „danach als Mensch nicht mehr weiterleben“ könne. Dieser Soldat hatte die unmenschlichen Verbrechen an sowjetischen Gefangenen und der Zivilbevölkerung miterlebt, hatte sich in tiefem Abscheu darüber empört, aber nicht den Mut gehabt, dagegen aufzutreten. Ihm war allein die Kraft geblieben, sich selbst zum Tode zu verurteilen. In diesem Briefe fand Becher wie er sagte, „eine Tragödie vorgebildet, wie sie später über viele deutsche Menschen hereinbrach“.
„Es wurde auch die Tragödie Johannes Hörders, einer Gestalt, die der Dichter selbst als „deutsche Hamletfigur“ bezeichnet hat. Mit diesem Hinweis ist ein Schlüssel zum Verständnis der Zentralgestalt des Dramas gegeben. Für Hörder gilt Ähnliches, was nach Goethes Worten Hamlet kennzeichnet: „Eine große Tat ist auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist …“ Nicht viel anders urteilt im (später weggefallenen) Epilog der Stabskoch Oberkofler über Hörder: „Er, der viel verstrickt und unrettbar in das Verderben schwankte und unentschieden nicht hervorgewagt zu einer Tat sich hat, zu einer kühnen …“. Dennoch fällt der Epilog kein endgültig negatives Urteil über den „deutschen Hamlet“. Johannes Hörder, hin und her gerissen zwischen falsch verstandener Pflicht und seinem Gewissen, macht ja eine Entwicklung durch, die ihn zuletzt zur Einsicht führt. Kann er sich auch nicht zur befreienden Tat entschließen und wie Nohl, Oberkofler und andere den richtigen Weg einschlagen, zur Roten Armee – so zeigt sich bei ihm die Absage an den Faschismus und das Bekenntnis zu einem neuen Deutschland doch zumindest darin, daß er sich nicht mehr zum Handlanger eines Verbrechens hergibt: Er verweigert den Befehl bei der Hinrichtung sowjetischer Patrioten, auch wenn er damit sein Leben verspielt! So ergibt sich der eigentümliche Widerspruch, daß Hörder gerade durch sein Nicht-Handeln aus der bisherigen Unentschiedenheit heraustritt und ins Positive rückt. Der Epilog legt diese Dialektik klar, wenn es dort von Hörder heißt, er habe „nicht handelnd höchst ehrenhaft gehandelt … nicht handelnd, stand er handelnd auf der Höhe …“. Ja, Oberkofler fordert für ihn eine Tafel, „die ihm die Größe seiner Tat bezeugt. Sein Name geh’ in die Geschichte ein“.
Es ist auf diesem knappen Raum nicht möglich, auf all die positiven und negativen Figuren einzugehen, die sich um die Hauptgestalt gruppieren. Auf der einen Seite steht als unsichtbares Vorbild der ermordete Antifaschist, dessen Verse als Leitmotiv das Drama durchziehen, neben ihm. Gerhard Nohl, seine Frau Anna, sein Vater Josef und der pfiffige Oberkofler, der in kluger Tarnung als Dümmling und Eulenspiegel dem General wie den Kameraden ein Licht aufzustecken und sie über den Hitlerkrieg zum Nachdenken zu bringen weiß. Auf die andere Seite gehören Gestalten wie der Kriegsverbrecher Major von Rundstedt mit seiner Elvira, die Nohls Vater denunziert, der Fachmann für Leichenvertilgung Oberstleutnant von Quabbe oder der weißrussische Fürst, der nach seinen ehemaligen Besitzungen giert. Nach diesen beiden Lagern scheidet sich auch Hörders Familie: der Vater und SS-Obergruppenführer, der „Köpfe rollen läßt“ (selbst den des eigenen Sohnes!) – und die Mutter, die schließlich ihren Mann entlarvt und richtet. All diese Repräsentanten des guten und des schlechten Deutschlands sind vom Dichter scharf gesehen, im Wesen erfaßt, lebendig vorgeführt: ein Gestaltenzug, dessen „Wahrheit“ uns heute noch zu ergreifen vermag.
Es bleibt erstaunlich, wie Johannes R. Becher in einer Zeit, als die Niederlage des Faschismus noch nicht erkennbar war, schon den Zusammenbruch voraussehen, die Keime des Neuen mitten im Zerfall bloßlegen und den Weg zu einer deutschen Erneuerung aufzeigen konnte. Er ließ sich als Marxist von der Fülle deprimierender Tatsachen nicht überwältigen, sondern sah die gesetzmäßige Entwicklung voraus und beschwor sie in seiner Dichtung. So ist seine „Winterschlacht“ ein echtes Zeugnis des sozialistischen Realismus, der im Heute schon das Morgen zu gestalten vermag. So erfüllt sein Werk auch nach Jahrzehnten noch die Aufgabe, die ihm der Dichter gestellt hat, an dem Gewissen der ganzen deutschen Nation zu rütteln und sie aufzurufen zu einem unwiderstehlichen: ,Nie und Nimmermehr‘ gegenüber allen jenen, die mit einem neuen Kriegsabenteuer spielen“.

Ernst Stein
Karl Hörder: Wolfgang Heinz
Maria Hörder: Marie Borchardt
Johannes Hörder: Horst Preusker
Josef Nohl: Aribert Grimmer
Gerhard Nohl: Ernst Kahler
Anna Nohl: Ursula Burg
Major von Rundstedt: Theo Schall
Elvira von Rundstedt: Annemarie Hase
Oberstleutnant von Quabbe: Hans Schölermann
General: Werner Pledath
Russischer Fürst: Wolf von Beneckendorff
Xaver Maria Oberkofler: Franz Kutschera
Leutnant mit Klaps: Horst Schönemann
Kommandeur der Roten Armee: Edwin Marian
Kriegsberichter: Harry Riebauer
In weiteren Rollen: Heinz Voss, Otto Lange, Arthur Hilmer, Walter Hehmer, Gerhard Wollner, Günther Haack, Olf Hauschild

von Johannes R. Becher

Bearbeitung: Hedda Zinner
Regie: Hedda Zinner
(Historische Aufnahme)