Fritz Reuter

2-Schallfolie CITYVOX (keine Nummer)
– kein Covertext –
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Die „Läuschen un Rimels“, Reuters erstes plattdeutsches Werk, aus dem hier drei Texte gesprochen werden, ist – wenn auch gewiß nicht sein bestes – so doch wohl sein bekanntestes und beliebtestes geblieben: eine Sammlung geschickt gereimter Anekdoten, die alle in eine deutliche, zuweilen auch grobe Pointe münden. Die Stoffe entnahm der Autor zumeist Zeitungen, Unterhaltungsjournalen, Volkskalendern und nicht zuletzt dem Volksmund, denn zu jener Zeit wurden dergleichen Schwänke erzählt wie heutzutage Witze. – Obgleich, aufs Ganze gesehen, der anspruchslose Ulk vorherrscht, gibt es verschiedene Stücke, in denen der Verfasser, auf die Tradition der heiteren Volkserzählung aufbauend, auf verschmitzte Weise Sozialkritik übt, wie z. B. in dem Läuschen „De blinne Schausterjung“, wo der pfiffige Lehrling den Geiz der Meisterfamilie ab absurdum führt, oder in „Tru un Glowen“, wo der Bauer Möller in aller Unschuld dem vorgesetzten Amtmann die wirkliche Meinung der Dorfbewohner über ihn mitteilt.


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Über die „Urgeschicht von Meckelnborg“, sein wohl turbulentestes Werk, schrieb der Dichter 1860: „Alles, was mir halbverrückte Laune und zur Hand liegende Satire auf unsere sozialen, politischen, kirchlichen Zustände eingibt, kleide ich in historische facta“. Indem er die biblischen Patriarchen nach Mecklenburg versetzt, gelingt ihm eine überaus witzige Darstellung der ständischen Gesellschaft seines Landes und zugleich eine Parodie der heimattümelnden Geschichtsschreibung. Der hier erzählte Auszug ist ein ironisch unterspielter, rhetorisch wirksamer Disput zwischen einem in alttestamentliche Gewandung gekleideten mecklenburgischen Duodezherrscher und seinen Untertanen, deren Forderungen im Grunde auf die Errichtung einer Demokratie hinauslaufen: „Fri Bahn möt wi hewwen! Un Brot möt wi hewwen! Un Hüsung möt wi hewwen! Un lihren möt uns Gören wat!“


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Aus Reuters großem humoristischen Werk „Ut mine Stromtid“ (was übersetzt soviel heißt wie „Aus meinen Lehrjahren“ und auf die landwirtschaftliche Elevenzeit des Autors hinweist), einem breit angelegten Dorf- und Kleinstadtroman, wird hier eine Textstelle gelesen, in welcher der Inspektor a. D. Bräsig, die zentrale Figur des Romans, seinem Freund Hawermann die Erlebnisse in der „Waterkunst“, d. h. während einer Kneippkur, schildert. Die Komik der Passage wird dadurch verstärkt, daß Bräsig das durch ihn berühmt gewordene „Missingsch“, eine Mischung aus Platt- und Hochdeutsch, spricht. Die Stelle, eh schon eine Glanznummer aller Reuter-Vorleser, gibt zwar keinen Einblick in die vielschichtige Problematik des Werkes, aber sie läßt deutlich werden, mit wieviel humorvoller Beredsamkeit dessen Hauptfigur seiner Umwelt begegnet.


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Das hier – leicht gekürzt – vorgestellte Kapitel „De Brand“ bildet den ersten Höhepunkt der Versdichtung „Kein Hüsung“. Der Konflikt zwischen dem „Herrn“ und dem Knecht Jehann entzündet sich hier an der Rettung eines vom Feuertod bedrohten Kindes durch den Knecht. Damit hat er sich für die Menschlichkeit und gegen den Junker entschieden, der ihm diese Tat nicht verzeihen wird. Die Gewitterstimmung gibt den grellen Hintergrund für die Auseinandersetzung ab, die später dazu führt, daß Jehann im Affekt seinen sadistischen Herrn ersticht und nach Amerika flieht, während seine Braut mit ihrem Kind von der bigotten Frau des Gutsbesitzers ausgetrieben wird und im Wahnsinn endet. „Kein Hüsung“ heißt wörtlich übersetzt „Keine Behausung“, aber es bedeutet hier, im übertragenen Sinne, auch „Keine Heimat“.

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Sprecher: Rita Barg, Gerd Micheel,
Karl Netzel, Ulrich Voss


Herausgeber: Sozialistischer Großhandelsbetrieb Möbel,
Kulturwaren, Sportartikel, Rostock
Manuskript: Dr. Kurt Batt
Künstlerische Beratung: Dr. Hans Joachim Theil

Gestaltung der Schallplatten:
Radio DDR Ferienwelle, Hanjo Hensel
Verantwortlicher Verleger: Direktor des Verlags des Kunstfonds
Verlag des Kunstfonds, Budapest 1974
Recorded and Manufactured, by MHV Budapest