Die Tage der Commune

von Bertolt Brecht

3-LP LITERA 8 60 182-184
Covertext:
Das Stück „Die Tage der Commune“, 1948/49 in Zürich geschrieben, wurde ans 17. November 1956, wenige Monate nach Brechts Tod, in Karl-Marx-Stadt uraufgeführt. Regie führten Benno Besson und Manfred Wekwerth, das Bühnenbild wurde nach Entwürfen von Caspar Neher entwickelt.
Ende 1961 begannen die Proben im Berliner Ensemble. Regie führte Wekwerth und Tenschert, Bühnenbild und Kostüme entwarf Karl von Appen. Die Premiere war am 7. Oktober 1962.
Bis zum Ende der Spielzeit 1969/70 wurde das Stück 167mal aufgeführt, darunter auf Gastspielen in Städten der Deutschen Demokratischen Republik und, 1965, im National Theatre London.
In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fernsehfunk entstand 1966 ein Film dieser Inszenierung.
Der Aufnahme liegen Tonband-Mitschnitte der Aufführung aus dem Jahre 1962 zugrunde, für die Schallplatte bearbeitet von Isot Kilian.
Die Schallplattenproduktion wurde hergestellt und veröffentlicht anläßlich des 100. Jahrestags der Pariser Commune im Frühjahr 1971.


Zur Fassung des Berliner Ensembles

„Das Stück ,Die Tage der Commune‘ wurde 1948/49 in Zürich nach der Lektüre von Nordahl Griegs ,Die Niederlage‘ geschrieben. Aus der ,Niederlage‘ wurden einige Züge und Charaktere verwendet, jedoch sind ,Die Tage der Commune‘ im ganzen eine Art Gegenentwurf.“

Brechts Mitteilung formuliert seine Haltung zum Manuskript, wie es später, 1957, als Druckfassung vorgelegt wurde, Er betrachtete diese Fassung als Entwurf, als Skizze über einen der schwierigsten Vorgänge der neueren Geschichte, als dramaturgische Sammlung großer, sowohl beispielgebender wie fehlerhafter politischer Verhaltensweisen. Brecht zögerte diesen Entwurf einer Fabel in dieser Form auf die Bühne zu bringen. Aus Gesprächen vom Juli/August 1956, wenige Wochen vor seinem Tod, gibt es Aufzeichnungen und Protokolle, die für viele Szenen weitgehende Änderungsvorschläge Brechts – Fabel, Figuren und Text betreffend – zum Ausdruck bringen.

Es war Brechts Absicht, in den Vorgängen dieses Stück nichts politisch im unklaren zu lassen; eine Aufführung sollte beitragen, politische Klarheit zu schaffen über die Diktatur des Proletariats. Seiner Aufforderung, alle Quellen zur Bereicherung hinzuzuziehen, auch die ihm in der Schweiz nicht zugänglichen, wurde gefolgt. Wir berücksichtigten neben Fabelentwürfen Brechts vor allem seine Hauptquelle, Die „Geschichte der Commune von 1871“ von Roger Lissagaray, Journalist und Teilnehmer der Commune, sowie andere zeitgenössische Beschreibungen, Dokumente, Protokolle und neuere Forschungen.

So ist die vorliegende Fassung ein Versuch, nach sorgfältiger Erforschung der Absichten Brechts über Verlauf und Sinn jeder einzelnen Szene, unter Hinzunahme aller von Brecht benutzten Quellen, die Fabel erkennbar und übersichtlich zu machen, den einfachen, allerdings außerordentlich widersprüchlichen Vorgang des Entstehens der Commune so zum Verständnis zu bringen, daß ihr Untergang als Folge wesentlicher Unterlassungen begriffen wird. Sicher wäre zu Lebzeiten Brechts eine Umarbeitung größeren Stils erfolgt, vor allem, was den dialektischen Zusammenhang zwischen Privatem (Familie) und Öffentlichem (Commune) betrifft. Das konnten wir nicht, da das Stück, zum Elisabethanischen hin hätte verändert werden müssen. Wir entschlossen uns, die Fabel von der Familie her zu erzählen, die im Verlauf des Stückes zu ihrer Existenz die Commune benötigt, um am Ende, nach dem Versagen der Commune, wieder auf sich allein, auf die Barrikade, gestellt zu sein. Wir vermieden alles Lehrhafte zugunsten der politischen Sittenschilderung. Auch die Sitzungen der Commune bauen sich aus Verhaltensweisen – so großartig wie fehlerhaft -– auf. Wir machten es zum Prinzip, daß nur kritisiert werden darf, was mindestens auch bewundert wurde. Erst die Erkenntnis und das Erleben der Größe der Tage der Commune läßt auch ihre Fehler zu großen Fehlern werden: man sieht, was verlorengeht.

Manfred Wekwerth/ Joachim Tenschert 1962
Mme. Cabet – Näherin: Gisela May
Jean Cabet – ein junger Arbeiter (ihr Sohn):  
Hilmar Thate
„Papa“ – Maurer, Nationalgardist: Wolf Kaiser
Coeo – Uhrmacher, Nationalgardist (sein Freund):  
Peter Kalisch
Der beleibte Herr: Siegfried Kilian
Der Kellner: Otto-Peter Fliedner
Verwundeter deutscher Kürassier: Klaus Tilsner
François Faure – Seminarist, nun in der Nationalgarde:  
Manfred Karge
Thiers und Bismarek: Martin Flörchinger
Jules Favre: Willi Schwabe
Pierre Langevin – Schwager von Mme. Cabet, Arbeiter,  
Delegierter der Commune:
Raimund Schelcher
Philippe Faure – Bruder von François, Bäcker, nun in  
der Linientruppe:
Stefan Lisewski
Genevieve Guericault – eine junge Lehrerin:  
Renate Richter
Babette Cherron – Näherin, Freundin Jean Cabets:  
Angelica Domröse
Die Bäckerin: Carola Braunbock
Frauen der Rue Pigalle: Christine Gloger,
Annemone Haase, Ingeborg Holan, Agnes Kraus,
Betty Loewen, Bella Waldritter

Offizier der Linie: Kurt Schmengler
Liniensoldaten: Herbert Manz, Willi Scholz,
Jörg Trentow

Nationalgardist im Zentralkomitee: Nico Turoff
Mitglieder des Zentralkomitees: Johannes Conrad,
Dieter Knaup, Erhard Köster

Bürgermeister: Kurt Gawallek, Wolfram Handel,
Erich Haußmann, Kurt Schmengler, Rudolf Seiß,
Axel Triebel

Offizier der Gendarmerie: Wolfgang Lohse
Sergeant der Nationalgarde: Karl-Maria Steffens
Veteran: Erhard Köster
Delegierte der Commune  
Ranvier: Dieter Knaup
Beslay: Hermann Hiesgen
Delescluze: Siegfried Weiß
Varlin: Günter Naumann
Rigault: Ekkehard Schall
Vermorel: Hans-Georg Voigt
Chardon: Johannes Conrad
Rogeard: Otto-Peter Fliedner
Valles: Wolfram Handel
Arnaud: Otfried Knorr
Avrial: Erhard Köster
Rastoul: Herbert Manz
Pindy: Harald Popig
Durand: Willi Scholz
Jourde: Rudolf Seiß
Billioray: Franz Viehmann
Dupont: Karl-Maria Steffens
Champy: Klaus Tilsner
Amouroux: Nico Turoff
Theisz: Günter Voigt
Delegierte des Xl. Arrondissements: Agnes Kraus
Marquis de Ploeuc – Gouverneur der Bank von  
Frankreich:
Bruno Carstens
Sekretär des Gouverneurs: Heinrich Schramm
Ein Geistlicher – Prokurateur des Erzbischofs von Paris:  
Siegfried Kilian
Sprecher: Dieter Knaup

von Bertolt Brecht
In der Bühnenfassung des Berliner Ensembles
Musik: Hanns Eisler
Musikalische Leitung: Hans-Dieter Hosalla
Tonmontage: Dieter Hasselmann / Helmut Schlafke
Das Orchester des Berliner Ensembles
Assistenz: Isot Kilian
Regie: Manfred Wekwerth / Joachim Tenschert
Tonregie: Rolf-Dieter Gandert

Berliner Ensemble, Leitung: Helene Weigel
Redaktion: Joachim Tenschert
„Die Tage der Commune“ in: Stücke Band X, Aufbau-Verlag Berlin, 1958