Faust – Der Tragödie erster Teil

von Johann Wolfgang Goethe

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Covertext:
Goethe und einige Zeitgenossen über den ersten Teil des „Faust“

Im 10. Buch von „Dichtung und Wahrheit“ schreibt Goethe über seine Gedanken und poetischen Pläne, die ihn in der Zeit vom Herbst 1770 bis April 1771 beschäftigten, u. a.:
Am sorgfältigsten verbarg ich ihm [Herder] das Interesse an gewissen Gegenständen, die sich bei mir eingewurzelt hatten und sich nach und nach zu poetischen Gestalten ausbilden wollten. Es war Götz von Berlichingen und Faust. Die Lebensbeschreibung des erstern hatte mich im Innersten ergriffen. Die Gestalt eines rohen, wohlmeinenden Selbsthelfers in wilder, anarchischer Zeit erregte meinen tiefsten Anteil. Die bedeutende Puppenspielfabel des andern klang und summte gar vieltönig in mir wider. Auch ich hatte mich in allem Wissen umhergetrieben und war früh genug auf die Eitelkeit desselben hingewiesen worden. Ich hatte es auch im Leben auf allerlei Weise versucht und war immer unbefriedigtem und gequälter zurückgekommen. Nun trug ich diese Dinge sowie manche andre mit mir herum und ergötzte mich daran in einsamen Stunden, ohne jedoch etwas davon aufzuschreiben. Am meisten aber verbarg ich vor Herdern meine mystisch-kabbalistische Chemie, und was sich darauf bezog, ob ich mich gleich noch sehr gern heimlich beschäftigte, sie konsequenter auszubilden, als man sie mir überliefert hatte.

Heinrich Christian Bole notierte am 15. Oktober 1774 in sein Tagebuch:
Einen ganzen Tag allein, ungestört mit Goethen zugebracht, mit Goethen, dessen Herz so groß und edel wie sein Geist ist! ... Er hat mir viel vorlesen müssen, ganz und Fragment, und in allem ist der originale Ton, eigne Kraft, und bei allem Sonderbaren, Unkorrekten, alles mit dem Stempel des Genies geprägt. Sein „Doktor Faust“ ist fast fertig und scheint mir das Größte und Eigentümlichste von allem.

Karl Ludwig von Knebel schrieb am 23. Dezember 1774 an Friedrich Justin Bertuch über Goethe:
Ich habe einen Haufen Fragmente von ihm, unter andern zu einem „Doktor Faust“, wo ganz ausnehmend herrliche Szenen sind. Er zieht die Manuskripte aus allen Winkeln seines Zimmers hervor.

Am 27. März 1831 sprach Goethe mit Eckermann über seinen Jugendfreund Johann Heinrich Merck und erzählte einige „Anekdoten“ aus den Jahren 1773 und 1774:
„Merck und ich“, fuhr Goethe fort, „waren immer miteinander wie Faust und Mephistopheles. So mokierte er sich über einen Brief meines Vaters aus Italien, worin dieser sich über die schlechte Lebensweise, das ungewohnte Essen, den schweren Wein und die Moskitos beklagt, und er konnte ihm nicht verzeihen, daß in dem herrlichen Lande und der prächtigen Umgebung ihn so kleine Dinge wie Essen, Trinken und Fliegen hätten inkommodieren können. – Alle solche Neckereien gingen bei Merck unstreitig aus dem Fundament einer hohen Kultur hervor; allein da er nicht produktiv war, sondern im Gegenteil eine entschieden negative Richtung hatte, so war er immer weniger zum Lobe bereit als zum Tadel, und er suchte unwillkürlich alles hervor, um solchem Kitzel zu genügen.“

Ende März 1775 war Klopstock Goethes Gast in Frankfurt. Im 18. Buch von „Dichtung und Wahrheit“ heißt es:
Einige besondere Gespräche mit Klopstock erregten gegen ihn bei der Freundlichkeit, die er mir erwies, Offenheit und Vertrauen; ich teilte ihm die neusten Szenen des „Faust“ mit, die er wohl aufzunehmen schien, sie auch, wie ich nachher vernahm, gegen andere Personen mit entschiedenem Beifall, der sonst nicht leicht in seiner Art war, beehrt und die Vollendung des Stücks gewünscht hatte.

Am 17. September 1775 schrieb Goethe an Auguste Gräfin zu Stolberg:
Ist der Tag leidlich und stumpf herumgegangen; da ich aufstund, war mir’s gut, ich machte eine Szene an meinem „Faust“. Vergängelte ein paar Stunden. Verliebelte ein paar mit einem Mädchen, davon Dir die Brüder erzählen mögen, das ein seltsames Geschöpf ist. Aß in einer Gesellschaft ein Dutzend guter Jungens, so grad wie sie Gott erschaffen hat. Fuhr auf dem Wasser selbst auf und nieder; ich hab die Grille, selbst fahren zu lernen. Spielte ein paar Stunden Pharao und verträumte ein paar mit guten Menschen. Und nun sitz ich, Dir gute Nacht zu sagen. Mir war’s in all dem wie einer Ratte, die Gift gefressen hat, [„Auerbachs Keller“, Rattenlied] sie läuft in alle Löcher, schlürpft alle Feuchtigkeit, verschlingt alles Eßbare, das ihr in Weg kommt, und ihr Innerstes glüht von unauslöschlich verderblichem Feuer.

Der Arzt und Schriftsteller Johann Georg Zimmermann schrieb an den Leipziger Buchhändler Philipp Erasmus Reich, nachdem er Goethe im September 1775 in Frankfurt besucht hatte:
Sein „Doktor Faust“ ist ein Werk für alle Menschen in Deutschland. Er hat mir einige Fragmente davon in Frankfurt vorgelesen, die mich bald entzückten und dann wieder halb tot lachen machten.

Am 7. November 1775 traf Goethe in Weimar ein. Zu Eckermann sagte er am 10. Februar 1829:
Über die ersten Anfänge des „Faust“:
„Der ,Faust‘ entstand mit meinem ,Werther‘; ich brachte ihn im Jahre 1775 mit nach Weimar. Ich hatte ihn auf Postpapier geschrieben und nichts daran gestrichen; denn ich hütete mich, eine Zeile niederzuschreiben, die nicht gut war und die nicht bestehen konnte.“

Zu den Fragmenten, die Goethe auf seine Italienreise mitnahm, gehörte auch der „Faust“. Nachdem der Dichter einige Stücke vollendet hatte, wandte er sich dem „Faust“ zu. „Italienische Reise“, Rom, 1. März 1788:
Es war eine reichhaltige Woche, die mir in der Erinnerung wie ein Monat vorkommt. – Zuerst ward der Plan zu „Faust“ gemacht, und ich hoffe, diese Operation soll mir geglückt sein. Natürlich ist es ein ander Ding, das Stück jetzt oder vor fünfzehn Jahren ausschreiben, ich denke, es soll nichts dabei verlieren, besonders da ich jetzt glaube, den Faden wieder gefunden zu haben. Auch was den Ton des Ganzen betrifft, bin ich getröstet; ich habe schon eine neue Szene ausgeführt, und wenn ich das Papier räuchre, so dächt ich, sollte sie mir niemand aus den alten herausfinden. Da ich durch die lange Ruhe und Abgeschiedenheit ganz auf das Niveau meiner eignen Existenz zurückgebracht bin, so ist es merkwürdig, wie sehr ich mir gleiche und wie wenig mein Innres durch Jahre und Begebenheiten gelitten hat. Das alte Manuskript macht mir manchmal zu denken, wenn Ich es vor mir sehe. Es ist noch das erste, ja in den Hauptszenen gleich so ohne Konzept hingeschrieben, nun ist es so gelb von der Zeit, so vergriffen (die Lagen waren nie geheftet), so mürbe und an den Rändern zerstoßen, daß es wirklich wie das Fragment eines alten Kodex aussieht, so daß ich, wie ich damals in eine frühere Welt mich mit Sinnen und Ahnden versetzte, mich jetzt in eine selbst gelebte Vorzeit wieder versetzen muß.

Die Manuskripte für die Ausgabe der „Schriften“ mußten abgeschlossen werden. An Herzog Karl August schrieb Goethe am 5. Juli 1789:
„Faust“ will ich als Fragment geben aus mehr als einer Ursache. Davon mündlich ...

Im Brief an Johann Friedrich Reichardt vom 2. November 1789 heißt es:
... hinter „Fausten“ ist ein Strich gemacht. Für diesmal mag er so hingehn.

Am 29. November 1794 schrieb Schiller, an Goethe, daß er „mit einer wahren Sehnsucht“ auf die angekündigten ersten Bogen von „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ warte, und setzte hinzu:
Aber mit nicht weniger Verlangen würde ich die Bruchstücke von Ihrem „Faust“, die noch nicht gedruckt sind, lesen, denn ich gestehe Ihnen, daß mir das, was ich von diesem Stücke gelesen, der Torso des Herkules ist. Es herrscht in diesen Szenen eine Kraft und eine Fülle des Genies, die den besten Meister unverkennbar zeigt, und ich möchte diese große und kühne Natur, die darin atmet, soweit als möglich verfolgen.

Goethe antwortete am 2. Dezember 1794:
Von „Faust“ kann ich jetzt nichts mitteilen, ich wage nicht, das Paket aufzuschnüren, das ihn gefangen hält. Ich könnte nicht abschreiben, ohne auszuarbeiten, und dazu fühle ich mir keinen Mut. Kann mich künftig etwas dazu vermögen, so ist es gewiß Ihre Teilnahme.

Goethe an Schiller, 17. August 1795:
Ich sehe voraus, daß ich anfangs September nach Ilmenau muß und daß ich unter zehn bis vierzehn Tagen dort nicht loskomme; bis dahin liegt noch vielerlei auf mir, und ich wünschte noch von Ihnen zu wissen, was Sie zu den „Horen“ bedürfen. Soviel ich übersehe, könnte ich folgendes leisten:
...
November und Dezember
Ankündigung von Cellini, und wenn es möglich wäre, etwas von „Faust“.
Mit diesem letzten geht mir’s wie mit einem Pulver, das sich aus seiner Auflösung nun einmal niedergesetzt hat; solange Sie dran rütteln, scheint es sich wieder zu vereinigen, sobald ich wieder für mich bin, setzt es sich nach und nach zu Boden.

Goethe an Schiller, 22. Juni 1797:
Da es höchst nötig ist, daß ich mir, in meinem jetzigen unruhigen Zustande, etwas zu tun gebe, so habe ich mich entschlossen, an meinen „Faust“ zu gehen und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um ein gutes Teil weiterzubringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder auflöse und mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in große Massen disponiere und so die Ausführung des Plans, der eigentlich nur eine Idee ist, näher vorbereite. Nun habe ich eben diese Idee und deren Darstellung wiedervorgenommen und bin mit mir selbst ziemlich einig. Nun wünschte ich aber, daß Sie die Güte hätten, die Sache einmal, in schlafloser Nacht, durchzudenken, mir die Forderungen, die Sie an das Ganze machen würden, vorzulegen und so mir meine eignen Träume, als ein wahrer Prophet, zu erzählen und zu deuten. – Da die verschiednen Teile dieses Gedichts, in Absicht auf die Stimmung, verschieden behandelt werden können, wenn sie sich nur dem Geist und Ton des Ganzen subordinieren, da übrigens die ganze Arbeit subjektiv ist, so kann ich in einzelnen Momenten daran arbeiten, und so bin ich auch jetzt etwas zu leisten imstande. – Unser Balladenstudium hat mich wieder auf diesen Dunst- und Nebelweg gebracht, und die Umstände raten mir, in mehr als in einem Sinne, eine Zeitlang darauf herumzuirren.

Schiller an Goethe, 23. Juni 1797:
Ihr Entschluß, an den „Faust“ zu gehen, ist mir in der Tat überraschend, besonders jetzt, da Sie sich zu einer Reise nach Italien gürten. Aber ich hab es einmal für immer aufgegeben, Sie mit der gewöhnlichen Logik zu messen, und bin also im voraus überzeugt, daß Ihr Genius sich vollkommen gut aus der Sache ziehen wird. – Ihre Aufforderung an mich, Ihnen meine Erwartungen und Desideria mitzuteilen, ist nicht leicht zu erfüllen; aber soviel ich kann, will ich Ihren Faden aufzufinden suchen, und wenn das auch nicht geht, so will ich mir einbilden, als ob ich die Fragmente von „Faust“ zufällig fände und solche auszuführen hätte. So viel bemerke ich hier nur, daß der „Faust“ (das Stück nämlich) bei aller seiner dichterischen Individualität die Foderung an eine symbolische Bedeutsamkeit nicht ganz von sich weisen kann, wie auch wahrscheinlich Ihre eigene Idee ist. Die Duplizität der menschlichen Natur und das verunglückte Bestreben, das Göttliche und das Physische im Menschen zu vereinigen, verliert man nicht aus den Augen, und weil die Fabel ins Grelle und Formlose geht und gehen muß, so will man nicht bei dem Gegenstand stille stehen, sondern von ihm zu Ideen geleitet werden. Kurz, die Anfoderungen an den „Faust“ sind zugleich philosophisch und poetisch, und Sie mögen sich wenden, wie Sie wollen, so wird Ihnen die Natur des Gegenstandes eine philosophische Behandlung auflegen, und die Einbildungskraft wird sich zum Dienst einer Vernunftidee bequemen müssen. – Aber ich sage Ihnen damit schwerlich etwas Neues, denn Sie haben diese Foderung in dem, was bereits da ist, schon in hohem Grad zu befriedigen angefangen.

Goethe an Schiller, 24. Juni 1797:
Dank für Ihre ersten Worte über den wieder auflebenden „Faust“. Wir werden wohl in der Ansicht dieses Werkes nicht variieren, doch gibt’s gleich einen ganz andern Mut zur Arbeit, wenn man seine Gedanken und Vorsätze auch von außen bezeichnet sieht, und Ihre Teilnahme ist in mehr als einem Sinne fruchtbar. – Daß ich jetzt dieses Werk angegriffen habe, ist eigentlich eine Klugheitssache, denn da ich bei Meyers Gesundheitsumständen noch immer erwarten muß, einen nordischen Winter zuzubringen, [Goethe plante eine neue Italienreise] so mag ich, durch Unmut über fehlgeschlagene Hoffnung, weder mir noch meinen Freunden lästig sein und bereite mir einen Rückzug in diese Symbol-, Ideen- und Nebelwelt mit Lust und Liebe vor. – Ich werde nur vorerst die großen erfundenen und halb bearbeiteten Massen zu enden und mit dem, was gedruckt ist, zusammenzustellen suchen, und das so lange treiben, bis sich der Kreis selbst erschöpft.

Schiller an Goethe, 26. Juni 1797:
Den „Faust“ habe ich nun wieder gelesen, und mir schwindelt ordentlich vor der Auflösung. Dies ist indes sehr natürlich, denn die Sache beruht auf einer Anschauung, und solang man die nicht hat, muß ein selbst nicht so reicher Stoff den Verstand in Verlegenheit setzen. Was mich daran ängstigt, ist, daß mir der „Faust“ seiner Anlage nach auch eine Totalität der Materie nach zu erfodern scheint, wenn am Ende die Idee ausgeführt erscheinen soll, und für eine so hoch aufquellende Masse finde ich keinen poetischen Reif, der sie zusammenhält. Nun, Sie werden sich schon zu helfen wissen. – Zum Beispiel: Es gehörte sich meines Bedünkens, daß der Faust in das handelnde Leben geführt würde, und welches Stück Sie auch aus dieser Masse erwählen, so scheint es mir immer durch seine Natur eine zu große Umständlichkeit und Breite zu erfodern. – In Rücksicht auf die Behandlung finde ich die große Schwierigkeit, zwischen dem Spaß und dem Ernst glücklich durchzukommen, Verstand und Vernunft scheinen mir in diesem Stoff auf Tod und Leben miteinander zu ringen. Bei der jetzigen fragmentarischen Gestalt des Fausts fühlt man dieses sehr, aber man verweist die Erwartung auf das entwickelte Ganze. Der Teufel behält durch seinen Realism vor dem Verstand, und der Faust vor dem Herzen recht. Zuweilen aber scheinen sie ihre Rollen zu tauschen und der Teufel nimmt die Vernunft gegen den Faust in Schutz. – Eine Schwierigkeit finde ich auch darin, daß der Teufel durch seinen Charakter, der realistisch ist, seine Existenz, die idealistisch ist, aufhebt. Die Vernunft nur kann ihn glauben, und der Verstand nur kann ihn so, wie er da ist, gelten lassen und begreifen. Ich bin überhaupt sehr erwartend, wie die Volksfabel sich dem philosophischen Teil des Ganzen anschmiegen wird.

Goethe an Schiller, 27. Juni 1797:
Ihre Bemerkungen zu „Faust“ waren mir sehr erfreulich. Sie treffen, wie es natürlich war, mit meinen Vorsätzen und Planen recht gut zusammen, nur daß ich mir’s bei dieser barbarischen Komposition bequemer mache und die höchsten Forderungen mehr zu berühren als zu erfüllen denke. So werden wohl Verstand und Vernunft, wie zwei Klopffechter, sich grimmig herumschlagen, um abends zusammen freundschaftlich auszuruhen. Ich werde sorgen, daß die Teile anmutig und unterhaltend sind und etwas denken lassen, bei dem Ganzen, das immer ein Fragment bleiben wird, mag mir die neue Theorie des epischen Gedichts zustatten kommen.

Goethe an Schiller, 1. Juli 1797:
Meinen „Faust“ habe ich, in Absicht auf Schema und Übersicht, in der Geschwindigkeit recht vorgeschoben ... Es käme jetzt nur auf einen ruhigen Monat an, so sollte das Werk zu männiglicher Verwunderung und Entsetzen wie eine große Schwammfamilie aus der Erde wachsen.

Goethe an Schiller, 5. Juli 1797:
„Faust“ ist die Zeit zurückgelegt worden, die nordischen Phantome sind durch die südlichen Reminiszenzen auf einige Zeit zurückgedrängt worden, doch habe ich das Ganze als Schema und Übersicht sehr umständlich durchgeführt.

Im April 1798 beschäftigte sich Goethe, wie aus seinem Tagebuch hervorgeht, wiederum sehr intensiv mit seinem Werk. An Charlotte Schiller schrieb er am 21. April 1798:
„Faust“ hat diese Tage immer zugenommen; so wenig es ist, bleibt es eine gute Vorbereitung und Vorbedeutung. Was mich so lange Jahre abgehalten hat, wieder daran zu gehen, war die Schwierigkeit, den alten geronnenen Stoff wieder ins Schmelzen zu bringen.

Schiller an Cotta, 16. Dezember 1798:
Goethe hat an seinem „Faust“ noch viel Arbeit, eh’ er fertig wird.

Von April bis September 1800 folgte wieder eine Periode intensiver Arbeit am „Faust“, die aber vorwiegend der „Helena“ (Zweiter Teil) galt. Goethe an Schiller, 16. April 1800:
Der Teufel, den ich beschwöre, gebärdet sich sehr wunderlich.

Im November 1800 und von Februar bis April 1801 arbeitete Goethe erneut am „Faust“. Goethe an Schiller, 18. März 1801:
Keinen eigentlichen Stillstand an „Faust“ habe ich noch nicht gemacht, aber mitunter nur schwache Fortschritte.

Im Herbst 1805 bereitete Goethe eine neue Ausgabe seiner Werke vor, die in den Jahren 1806 bis 1810 in dreizehn Bänden bei Cotta erschien.
Am 21. März 1806 notierte Goethe in sein Tagebuch:
„Faust“ angefangen durchzugehen mit Riemer.

Es folgen Wochen angestrengter Arbeit. Am 25. April 1806 heißt es im Tagebuch:
„Faust“, letztes Arrangement zum Druck.

Durch die Kriegshandlungen verzögerte sich der Druck.

„Faust“. Eine Tragödie, nunmehr der vollständige erste Teil, erschien zur Ostermesse 1808 im Band 8 der bei Cotta herausgegebenen „Werke“ Goethes.

Goethe im Gespräch zu Eckermann am 6. Mai 1827:
„Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer, als billig. Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen; aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre! – Da kommen sie und fragen, welche Idee ich in meinem ,Faust‘ zu verkörpern gesucht. Als ob ich das selber wüßte und aussprechen könnte! Vom Himmel durch die Welt zur Hölle – das wäre zur Not etwas; aber das ist keine Idee, sondern Gang der Handlung. Und ferner, daß der Teufel die Wette verliert und daß ein aus schweren Verirrungen immerfort zum Besseren aufstrebender Mensch zu erlösen sei, das ist zwar ein wirksamer, manches erklärender, guter Gedanke, aber es ist keine Idee, die dem Ganzen und jeder einzelnen Szene im besonderen zugrunde liege. Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und so höchst mannigfaltiges Leben, wie ich es im ,Faust‘ zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen durchgehenden Idee hätte reihen wollen! – Es war im ganzen“, fuhr Goethe fort, „nicht meine Art, als Poet nach Verkörperung von etwas Abstraktem zu streben. Ich empfing in meinem Innern Eindrücke, und zwar Eindrücke sinnlicher, lebensvoller, lieblicher, bunter, hundertfältiger Art, wie eine rege Einbildungskraft es mir darbot; und ich hatte als Poet weiter nichts zu tun, als solche Anschauungen und Eindrücke in mir künstlerisch zu runden und auszubilden und durch eine lebendige Darstellung so zum Vorschein zu bringen, daß andere dieselbigen Eindrücke erhielten, wenn sie mein Dargestelltes hörten oder lasen.“

Goethe an Karl Friedrich Zelter, 20. November 1829:
Läßt man sich in historische und etymologische Untersuchungen ein, so gelangt man meistens immerfort ins Ungewissere. Woher der Name Mephistopheles entstanden, wüßte ich direkt nicht zu beantworten; beiliegende Blätter jedoch mögen die Vermutung des Freundes [David Friedlaender] bestätigen, welche demselben gleichzeitig-phantastischen Ursprung mit der Faustischen Legende gibt; nur dürfen wir sie nicht wohl ins Mittelalter setzen: der Ursprung scheint ins sechzehnte und die Ausbildung ins siebzehnte Jahrhundert zu gehören. Die protestantischen Teufelsbeschwörer hatten den kirchlichen Bann nicht unmittelbar zu befürchten, und es gab desto mehr Kophtas, welche die Albernheit, Unbehülflichkeit und leidenschaftliche Begierde der Menschen zu nutzen wußten; denn freilich wäre es leichter, durch einige gezogene Charaktere und unsinniges Gemurmel reich zu werden, als im Schweiße seines Angesichts das tägliche Brot zu essen. Haben wir doch noch vor kurzem im Neustädter Kreise ein dergleichen Nest von Schatzgräbern ausgehoben und damit ein Dutzend solcher Wunderschriften, deren aber keine an Wert jenem Kodex gleicht, aus welchem beiliegender Auszug gemacht ist.

[Beilage]

Die römische Kirche behandelte von jeher Ketzer und Teufelsbanner als gleichlautend und belegte sie beiderseits mit dem strengsten Bann, so wie alles, was Wahrsagerei und Zeichendeutung heißen konnte. Mit dem Wachstum der Kenntnisse, der nähern Einsicht in die Wirkung der Natur scheint aber auch das Bestreben nach wunderbaren, geheimnisvollen Kräften zugenommen zu haben. Der Protestantismus befreite die Menschon von aller Furcht vor kirchlichen Strafen; das Studentenwesen wurde freier, gab Gelegenheit zu frechen und liederlichen Streichen; und so scheint sich, in der Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, dieses Teufels- und Zauberwesen methodischer hervorgetan zu haben, da es bisher nur unter dem verworrenen Pöbel gehaust hatte. Die Geschichte von Faust wurde nach Wittenberg verlegt, also in das Herz des Protestantismus, und gewiß von Protestanten selbst; denn es ist in allen den dahin gehörigen Schriften keine pfäffische Bigotterie zu spüren, die sich nie verleugnen läßt. – Um die hohe Würde des Mephistopheles anschaulich zu machen, liegt ein Auszug abschriftlich bei einer Stelle von „Fausts Höllenzwang“. Dieses höchst merkwürdige Werk des räsoniertesten Unsinns soll, nachdem es lange in Abschriften umhergelaufen, Passau 1612 gedruckt worden sein. Weder ich noch meine Freunde haben ein solches Original gesehen, aber wir besitzen eine höchst reinliche vollständige Abschrift, der Hand und übrigen Umständen nach etwa aus der Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts.

Goethe im Gespräch mit Eckermann am 2. März 1831:
„Das Dämonische“, sagte er, „ist dasjenige, was durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen ist. In meiner Natur liegt es nicht, aber ich bin ihm unterworfen.“ „Napoleon“, sagte ich, „scheint dämonischer Art gewesen zu sein.“ – „Er war es durchaus“, sagte Goethe, „im höchsten Grade, so daß kaum ein anderer ihm zu vergleichen ist.“ ... – „Hat nicht auch“, sagte ich, „der Mephistopheles dämonische Züge?“ – „Nein“, sagte Goethe; „der Mephistopheles ist ein viel zu negatives Wesen, das Dämonische aber äußert sich in einer durchaus positiven Tatkraft.“
Faust: Horst Caspar
Mephistopheles: Erich Ponto
Margarete: Antje Weisgerber
Marthe Schwertlein: Fita Benkhoff
Valentin, Böser Geist: Ulrich Haupt
Schüler: Kurt Beck
Wagner: Ernst Hetting
Stimme des Herrn: Hermann Schomberg
Raphael: Heinz Drache
Gabriel: Claus Hofer
Michael: Kaspar Brüninghaus
Hexe: Emmy Graetz
Lieschen: Luitgard Im
Alter Bauer: Carl Brückel
Erster Bürger: Wilhelm Pilgram
Zweiter Bürger: Wilhelm Wahl
Dritter Bürger: Philipp Wilhelm Ost
Bettler: Bernd M. Bausch
Irrlicht: Paul Bürks
Trödelhexe: Edith Lechtape
Sprecher: Hermann Stein und viele andere

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Regie und Bearbeitung: Wilhelm Semmelroth
Komposition der Lieder: Werner Haentjes
Die Schola Gregoriana, Köln
Leitung: Dr. Franz Tack
Ton und Technik: Georg W. Bärta und Robert Brückner