Galileo Galilei

von Bertolt Brecht

3-LP LITERA 8 65 274-276
Covertext:
Stückgeschichte

Das Stück wurde 1938 im dänischen Exil geschrieben. Die Uraufführung war am 9. September 1943 am Züricher Schauspielhaus; Regie führte Leonard Steckel, der auch den Galilei spielte. 1945/46, im amerikanischen Exil, ging Brecht daran, mit dem Schauspieler Charles Laughton eine englische Fassung herzustellen. Dabei erfuhr das Stück, bei Beibehaltung seiner Struktur, bestimmte Änderungen. Brecht: „Das ,atomarische Zeitalter‘ machte sein Debüt in Hiroshima in der Mitte unserer Arbeit. Von heute auf morgen las sich die Biographie des Begründers der neuen Physik anders.“ Mit Charles Laughton in der Titelrolle wurde das Stück am 30. Juli 1947 in Los Angeles aufgeführt. Beide Fassungen, schreibt Brechts Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann, dienten als Grundlage für die Fassung des Berliner Ensembles. Brecht leitete die Proben von Mitte Dezember 1955 bis Ende März 1956. Nach seinem unerwarteten Tod im August übernahm Erich Engel die Regie. Die Premiere von „Leben des Galilei“ war am 15. Januar 1957. Den Galilei spielte Ernst Busch. Bis zum 2. Dezember 1961 wurde die Aufführung 242mal gezeigt, darunter auf Gastspielen in Städten der DDR und BRD, in Paris, Moskau, Leningrad, Prag, Budapest, Bukarest, Stockholm und Helsinki. – Nach dem Modell dieser Inszenierung fand am 5. Oktober 1971 eine Wiederaufnahme mit Wolfgang Heinz in der Titelrolle statt, Regie Fritz Bennewitz. Bis zum 30. Oktober 1974 kam es zu 93 Aufführungen.
Die Premiere von „Galileo Galilei“ war am 10. Februar 1978. Bis Februar 1981 gab es 85 Aufführungen, darunter auf Gastspielen in Städten der DDR, in Wien, Mailand und Kopenhagen.


Anmerkungen zu „Galileo Galilei“

Vorwort
Es ist bekannt, wie vorteilhaft die Überzeugung, an der Schwelle einer neuen Zeit zu stehen, die Menschen beeinflussen kann. Ihre Umgebung erscheint ihnen da als noch ganz unfertig, erfreulichster Verbesserungen fähig, voll von ungeahnten und geahnten Möglichkeiten, als fügsamer Rohstoff in ihrer Hand. Sie selbst kommen sich vor wie am Morgen, ausgeruht, kräftig, erfindungsreich. Bisheriger Glaube wird als Aberglaube behandelt, was gestern noch als selbstverständlich erschien, wird neuem Studium unterworfen. Wir sind beherrscht worden, sagen die Menschen, aber nun werden wir herrschen.
Keine andere Zeile eines Liedes begeisterte die Arbeiter um die Jahrhundertwende stärker als die Zeile „Mit uns zieht die neue Zeit“; die Alten und Jungen marschierten unter ihr, die Ärmsten und Ausgemergeltsten und die sich schon etwas von der Zivilisation erkämpft hatten; sie schienen sich alle jung. Die neue Zeit, das war etwas und ist etwas, was alles betrifft, nichts unverändert läßt, aber doch eben ihren Charakter erst entfalten wird, etwas, in dem alle Phantasie Raum hat, was durch allzu bestimmte Aussagen nur eingeschränkt werden kann. Geliebt wird das Anfangsgefühl, die Pioniersituation, begeisternd wirkt die Haltung des Beginners. Furchtbar die Enttäuschung, wenn die Menschen erkennen oder zu erkennen glauben, daß ihre Zeit, die neue, noch nicht gekommen ist. Sie haben sich vorgewagt und werden jetzt überfallen, das Alte rächt sich an ihnen. Der Forscher oder Entdecker, ein unbekannter, aber auch unverfolgter Mann, bevor er seine Entdeckung veröffentlicht hat, ist nun, wo sie widerlegt oder diffamiert ist, ein Schwindler und Scharlatan, ach, allzusehr bekannt, der Unterdrückte und Ausgebeutete nun, nachdem sein Aufstand niedergeschlagen wurde, ein Aufrührer, der besonderer Unterdrückung und Bestrafung unterzogen wird. Der Anstrengung folgt die Erschöpfung, der vielleicht übertriebenen Hoffnung die vielleicht übertriebene Hoffnungslosigkeit.
Und doch mögen diese Enttäuschten immer noch in einer neuen Zeit, Zeit des großen Umsturzes, leben. Sie wissen nur nichts von neuen Zeiten.
Die Bilder vom Morgen und von der Nacht sind irreführend. Die glücklichen Zeiten kommen nicht, wie der Morgen nach durchschlafener Nacht kommt.
–1939–

Ungeschminktes Bild einer neuen Zeit
Es wird sich so für die Theater die Frage erheben, ob sie „Galilei“ als eine Tragödie oder als ein optimistisches Stück aufführen sollen. Sollen sie sich, was den Grundton betrifft, an die „Begrüßung der neuen Zeit“ durch Galilei in der ersten Szene oder an gewisse Partien der vierzehnten Szene halten? Nach den herrschenden Regeln des Stückebaus muß der Schluß eines Stückes schwerer gewogen werden. Aber das Stück ist nicht nach diesen Regeln gebaut. Das Stück zeigt den Anbruch einer neuen Zeit und versucht, einige Vorurteile über den Anbruch einer neuen Zeit zu revidieren.
–1939–

Preis oder Verdammung des Galilei?
Ich hoffe, das Werk zeigt, wie die Gesellschaft von ihren Individuen erpreßt, was sie von ihnen braucht. Der Forschungstrieb, ein soziales Phänomen, nicht weniger lustvoll oder diktatorisch wie der Zeugungstrieb, dirigiert Galilei auf das so gefährliche Gebiet, treibt ihn in den peinvollen Konflikt mit seinen heftigen Wünschen nach anderen Vergnügungen. Er erhebt das Fernrohr zu den Gestirnen und liefert sich der Folter aus. Am Ende betreibt er seine Wissenschaft wie ein Laster, heimlich, wahrscheinlich mit Gewissensbissen. Angesichts einer solchen Lage kann man kaum darauf erpicht sein, Galilei entweder nur zu loben oder nur zu verdammen.
–1947–

Bertolt Brecht


„Galileo Galilei“

Das Stück, das Brecht 1938 im dänischen Exil schrieb und das 1943 unter dem Titel „Galileo Galilei“ am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde, unterscheidet sich sehr wesentlich von „Leben des Galilei“, von jener Fassung, die unter dem Eindruck der Atombombenexplosion von Hiroshima entstand und seither gespielt wird. Beide Stücke sind verschieden in ihrer Geschichte, in ihrem politisch-ästhetischen Anliegen. Deshalb muß das frühe Galilei-Stück mit anderen Augen gesehen werden als das spätere. Am 23. 11. 1938 vermerkte Brecht in seinem Arbeitsjournal, daß die Arbeit am „Galilei“ abgeschlossen sei („brauchte dazu drei wochen.“). Somit war das Stück bereits geschrieben, bevor die beiden Physiker Otto Hahn und Fritz Straßmann ihre Ergebnisse über die gelungene Spaltung des Urankerns der wissenschaftlichen Öffentlichkeit mitteilten. Brecht erfuhr davon durch Mitarbeiter des dänischen Atomphysikers Niels Bohr. Die neue Entdeckung wertete er positiv und veranlaßte ihn deshalb zu einem vagen Hinweis im Text, aber noch zu keiner Veränderung.
Die Fabel des frühen Galilei-Stücks erzählt die Geschichte eines Mannes, der für ein neues Zeitalter kämpft, der aber an einem entscheidenden Punkt seines Lebens versäumt, für die Vernunft, für den Fortschritt einzutreten. Brecht schildert uns hier – ausgehend von den Erfahrungen der illegalen Arbeit gegen den Hitlerfaschismus – einen Menschen, der in schwierigen Zeiten lebt, der harten Belastungsproben ausgesetzt ist. Was er will, ist nicht immer mit Gradlinigkeit, nicht auf dem ersten besten Wege durchzusetzen. Um für die Vernunft einzutreten, ist List, ist Taktik nötig. Er überlegt lange, ob das Werk eines Wissenschaftlers und die Person des Wissenschaftlers nicht zwei ganz verschiedene Dinge sind. In einem frühen Entwurf hatte Brecht den Galilei sagen lassen: „Hätte es geheißen: Wir töten dich, wenn du nicht abschwörst, aber dann soll dein Werk leben, und ich hätte dann abgeschworen, dann wäre ich sehr verächtlich geworden. Aber, natürlich, das Werk lebt nicht von dem, was ich schwöre oder abschwöre, es steht auf eigenen Beinen, es wendet mir den Rücken zu, macht eine wegwerfende oder selbstmitleidige Gebärde nach mir und spaziert fort, in vollem Sonnenlicht.“ Dieser Galilei leitet seine Haltung aus der wissenschaftlichen Erkenntnis ab, aber er erwägt auch, wo er List und Taktik gebrauchen muß. Aber wie weit kann er gehen?
Brecht läßt den Galilei den schmalen Pfad zwischen Taktik und Kapitulation durchschreiten. Die Situation des Galilei, die Bedrohung durch die Inquisition, verführt zur Selbstrechtfertigung. Doch Galilei kapituliert nicht, er wird nicht zum Verräter. Aber er ist auch weit davon entfernt, sich letztlich als Sieger zu fühlen. Die List, die er gebrauchen mußte, die Taktik, ohne die es nicht ging, entstellt auch die geistige Physiognomie des Forschers. Von seinem Schüler wegen seines listigen Verhaltens gelobt, bekennt er den Schaden, gesteht er die geistige und psychische Beschädigung. Aber im Unterschied zu „Leben des Galilei“ ist dieser Galilei am Ende des Stückes nicht geistig verlumpt. Er ist angeschlagen, er erliegt im Kampf. Dieser Mann kommt nicht über die Hürde, die die Zeit ihm gestellt hat. In der konsequenten Verfolgung seiner Ziele erreicht er nicht unangefochten die Schwelle der neuen Zeit.
Galilei beginnt seinen Kampf mit dem Triumphgefühl der neuen Zeit. Doch er muß erleben, daß sich der Gegner noch stark erweist, daß die alten, verdammenswerten Zustände noch stabil, die verschlissenen Ideale noch brauchbar sind. In solchen Situationen fallen manche Mitkämpfer in die alte Zeit zurück. Wenig starke Charaktere ertragen nicht, wenn sie sich in ihren Hoffnungen getäuscht glauben. Das Triumphgefühl von einst schlägt in Verbitterung um. Doch dieser Galilei bleibt der Kämpfer für die neue Zeit. Er macht seine bitteren Erfahrungen, aber er fällt nicht zurück. Am Ende des Stückes ist er nicht der Bruder im Verrat, der Vetter in der Gosse, sondern der Mann aus dem Dickicht der Kämpfe. Angeschlagen, aber nicht zerbrochen, erreicht er die neue Zeit. Eine Inszenierung des „Galileo Galilei“ muß auf die Gestaltung dieses widersprüchlichen, außerordentlich komplizierten Charakters ausgerichtet sein. Weder die „Verdammnis des Galilei“ noch die Rückkehr zur Volkslegende kann ihr Anliegen sein. Die Interpretation der vielschichtigen geistigen Physiognomie Galileis kann ebensowenig in der Verteidigung eines moralischen Rigorismus wie in der Heroisierung der Taktik bestehen. Galilei ist hier der tragische Held, der die Sympathie des Zuschauers verlangt. Deshalb ist für dieses Stück die „Pest“-Szene ebenso notwendig, wie sie für „Leben des Galilei“ verfehlt wäre.
Das frühe Stück kann das spätere nicht ersetzen, wie das spätere das frühere nicht einfach aufhebt. Beide haben ihre eigenen Schönheiten, die des späteren sind bekannt, die des früheren gilt es zu entdecken.

Werner Mittenzwei 1977


Zur Inszenierung

„Sinngebung“ nannte Brecht einmal lakonisch die Arbeit des Regisseurs. Das hat ihm viel Ärger eingebracht. Man wollte nicht verstehen, daß hier eine Verbindung des Sinnreichen mit dem Sinnfälligen und Sinnlichen vorgeschlagen wurde, sondern man äußerte den muffigen Verdacht, Brecht wolle die Theatersessel in Schulbänke und die Theater in Erziehungsanstalten verwandeln. Sich so einen Popanz aufbauend – vor dem es Brecht am meisten gegruselt hätte –, hatte man genügend Anlaß, Brecht vom Theater zu verdammen. Besonders in jüngster Zeit hat man besonders unter westdeutschen Kritikern und Theaterleuten (aber nicht nur dort) geradezu einen Verein gegen die Verbreitung Brechts gebildet. Und die jetzt fanatisch sein Ende herbeiwünschen, sind meistens dieselben, die vor nicht langer Zeit ihn fanatisch bejubelten. (Das zeigt die Gefährlichkeit des Fanatismus.) Vor allem aber ist es jede Art von Sinngebung, die mißfällt. Die eigene Verständnislosigkeit gegenüber Brecht und dem Theater der Vernunft wird zum ganz neuen Brecht-Verständnis erklärt.
Die Überwindung Brechts und des Theaters der Vernunft entpuppt sich da als der Einzug eines gigantischen Naturalismus. Seine Konsequenz: die Nichtigkeit der Welt ließe sich dann am besten zeigen, indem man einfach nicht mehr Theater spielt.
An einem Stück wie dem „Galilei“ erweist sich Brechts Vorschlag der „Sinngebung“ als sehr nützlich, besonders wenn man „über Brecht hinauswill“. Das Stück ist zu verschiedenen Zeiten und Anlässen in bemerkenswerter Weise aufgeführt worden. Wer kennt nicht Galileis Bekenntnis, er glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft? Wie gut klang dieser Satz nach einem barbarischen Krieg, der zweifeln ließ, ob Menschen überhaupt noch Vernunftswesen seien. Wer atmete nach Hiroshima nicht auf, wenn wenigstens Galilei sich verdammte, er habe das einzige Ziel der Wissenschaft verraten, die menschliche Existenz zu erleichtern. Die damalige Sinngebung, vor dem Mißbrauch der Wissenschaft zu warnen, kam nicht allein aus dem Stück, mehr noch von dem Schrecken, den die Wissenschaft als unmittelbare Bedrohung unseres Planeten verbreitete.
Sicher ist heute das Stück mit dieser eindringlichen Sinngebung noch zu spielen, denken wir an die Neutronenbombe. Aber gerade der eingangs erwähnte „Verein“ der Anti-Brechtianer sieht gerade auch in „Galilei“ den Beweis, wie sehr Brecht veraltet ist, da er lediglich ein „Anti-Atombomben-Stück“ geschrieben habe.
Den „Galilei“ heute lesend, fällt zunächst auf, wie sehr der Fall Galilei, also der eines Wissenschaftlers, sich auf andere Bereiche umlegen läßt. Wie sehr er Gleichnis oder Modellfall ist, auch für uns. Uns, die wir im Besitz einer großen Wahrheit sind, interessiert die Frage, wie sich Wahrheit durchsetzt. Sie scheint heute eine Schlüsselfrage – nicht nur des Stückes. Setzt sich Wahrheit durch, weil sie wahr ist? Auf uns umgelegt: Reicht es, die Gesellschaft umzuwälzen – und alles wird automatisch neu? Die Arbeitsmoral, das Klassenbewußtsein, der Wissensdurst, das Glücksgefühl? Oder setzt sich nur soviel an Wahrheit durch, wie wir durchsetzen? Und durchsetzen können? Ist Galileis Bekenntnis, daß niemand sich gegen die Versuchung wehren kann, die von einem Beweis ausgeht, wirklich ein wahres Bekenntnis, oder ist es nicht auch Illusion, die schlimme Folgen hat? Das Stück weniger auf die Größe der Figuren lesend und mehr auf die der Vorgänge, in die die Figuren verwickelt werden, entdeckt man, daß dieses zum Zitat gewordene Bekenntnis Galileis gerade dann von ihm gesagt wird, als er sich an den Florentiner Hof begibt, weil er dort mit dem Fernrohr selbst die Mönche überzeugen will: Der wissenschaftliche Beweis gilt ihm alles. Später, im Gespräch mit dem Kleinen Mönch, wird der Lehrer lernen müssen: Es geht gar nicht um den Beweis, den das Fernrohr von den Jupitermonden liefert, es geht um gesellschaftliche Interessen. Und widerspricht die Winkelsumme im Dreieck eben den Herrschaftsinteressen, so ist sie nicht 180 sondern 90 Grad. Das wußte schon der englische Philosoph Thomas Hobbes, und der war Galileis Zeitgenosse.
Hier entdecken wir, den „Galilei“ lesend, noch eine Frage von Brisanz: Galilei beschreibt mit schönen (brechtischen) Worten die Eröffnung eines neuen Zeitalters in der ersten Szene: Die Wahrheit bricht sich Bahn, die Unvernunft kapituliert, die Plebejer fressen die Vernunft in sich hinein wie Semmeln. Aber Galilei wird erfahren müssen, daß nicht nur die Kirche sein Feind ist, sondern mehr noch das Vorurteil der vielen einfachen Leute, die die Kirche unterstützen, auch gegen ihre wirklichen Interessen. Marx sagt: Der Kampf um die Wahrheit ist in der Hauptsache der Kampf gegen die Unwahrheit. Ist dies nicht wichtig für uns zu wissen? Gerade weil wir die wirklichen Interessen der einfachen Leute vertreten? Aber wissen wir nicht auch, daß viele arme Landarbeiter 1945 sich hartnäckig weigerten, den Boden der Gutsbesitzer zu übernehmen, obwohl dies schon die Bauern im großen Bauernkrieg 1525 forderten?
400 000 Menschen in Hiroshima, gestorben in einer Sekunde durch das höchste Produkt der damaligen Physik, veranlaßten Brecht, sein Stück „Galileo Galilei“ zu verändern: Er verdammte ihn gnadenlos, da er mit seinem Widerruf den Herrschenden sein Wissen auslieferte, es zu gebrauchen, es nicht zu gebrauchen, es zu mißbrauchen. Die Verdammung Galileis richtete lädierte Ideale auf, indem die Schwelle gezeigt wurde, die niemals überschritten werden darf. Den „Galilei“ heute lesend, stellt sich die Frage auch von einer anderen Seite: Heute richtet man Ideale auf, um sie gegen Realitäten ins Feld zu führen. Das reicht von Marx, den man als Kronzeuge gegen den realen Sozialismus aufruft, bis hin zu den jungen Leuten, die mit subjektiver Ehrlichkeit die Realität ausschließlich am Ideal messen. Kurz: vom realen Sozialismus bis zur Koexistenz ist nichts ohne die Dialektik zwischen Strategie und Taktik zu verstehen. Und auf diese Sicht scheint der „Galileo Galilei“ der ersten Fassung zu verweisen: Es kann keine ausschließliche Verdammung der Taktik geben. Ohne Widerruf gäbe es keine Weiterführung des Werkes Galileis. Aber es kann auch kein ausschließliches Lob der List und der Taktik geben: Das Werk Galileis wird zwar erhalten, aber stark beschädigt; Galilei selbst wird über die Erhaltung seines Werkes zerstört. Hier enthält das Stück eine Warnung vor rein moralischer Verdammung des Kompromisses, und es enthält zugleich die Warnung, die Taktik zur alleinigen Strategie werden zu lassen: Undialektisch gebraucht gefährdet Taktik jedes strategische Ziel.
Die neue Zeit wird nicht daran gemessen, wie ideal sie ist, sondern wie neu sie ist. Strategische Ziele werden nicht ohne Taktik erreicht, aber ohne Stategie verdeckt, ja beschädigt die Taktik das Ziel. Es gibt keine moralische Verdammnis einer List. Aber es gibt auch keine moralische Rechtfertigung einer List. Gemessen werden allein die Folgen.
Den „Galilei“ so lesend und so Ausschau haltend nach einer heutigen Sinngebung, suchten wir nicht so sehr die unbestrittene Größe des Stücks, sondern den Streit; nicht so sehr die Geschichte, sondern die Geschichten, die das Stück enthält. Nicht so sehr den gegebenen Charakter eines Mannes der neuen Zeit, sondern seine Entstehung. (So verzichteten wir selbst auf das „berühmte“ prustende Waschen am Anfang, das die Schablone des asketischen Sternguckers zerstören sollte, da es inzwischen zu einer anderen Schablone geworden war, die Brecht geahnt haben muß: Galilei ist kein Falstaff. Wir versuchten die Sinnlichkeit durch die Konkretheit, Naivität und Neugier des Denkers Galilei zu zeigen, mit der er seine Umwelt studiert. Beobachten ist für ihn ebenso Lust wie Sucht).
So kamen wir auch auf unsere „sinnliche“ und „sinnfällige“ Seite der Sinngebung: Unsere Bühne ist nicht ein „festgelegter Platz“. Sie ist ein Spielgerüst, das Arena Tableau, Hörsaal, Marktplatz, Mittelpunkt der Welt und Gefängnis des alten Galilei sein kann. Auf diesem Gerüst wollen wir nichts behaupten, sondern alles entstehen lassen: vom Charakter des Galilei bis zu Karnevalszügen, von der engen Studierstube in Padua bis zum Papst.
Und da wir mit einer Meinung des Zuschauers rechnen (die berechtigt ist), Galilei sei ein bedeutsamer historischer Fall, der abgeschlossen ist von der katholischen Kirche bis zu Brecht, wollten wir von vornherein die Gegenmeinung mobilisieren: Wir stellten die Masken der Fastnachtsszene an den Anfang und machten den Balladensänger zum Spielmeister. Die wunderbare Musik Eislers erhaltend, wollten wir zugleich die in Form und Haltung sehr volksliedhaften Vorsprüche Brechts geben, die auf den Fall ein gesundes, plebejisches Licht werfen, ohne Respekt, aber mit viel Achtung, besser Beachtung.
Die Masken des Fastnachtszuges sind von Anfang an anwesend, schwinden zeitweilig und dominieren am Schluß: Es sind die volkstümlich gesehenen Gespenster der Obrigkeit. Sie sind uns Metapher, erinnernd an Goyas Zeichnung: Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer.

Manfred Wekwerth 1977


Galilei und seine Zeit

1564 Galilei in Pisa geboren
          1564 Michelangelo gestorben – Shakespeare geboren
          1571 Johannes Kepler geboren
          1572 Aufstand der Niederlande gegen die spanische Fremdherrschaft/Hugenottenmassaker in Paris (Bartholomäusnacht)
          1572 Tycho Brahe erkennt, daß auch die Sternenwelt außerhalb der Planetenwelt sich ständig bewegt
1581 Galilei studiert Medizin, später Mathematik und Physik in Pisa
          1583 Erste englische Niederlassung in Nordamerika
1583 Galileis Beobachtungen der Pendelbewegungen
          1584 Giordano Brunos Hauptwerk erscheint in England
1585 Galilei studiert in Florenz
1586 Galilei erfindet eine Waage zur Messung spezifischer Gewichte
          1587 Maria Stuart als Haupt der Gegenreformation in England hingerichtet
          1588 Untergang der spanischen Armada beim Angriff auf England; Marlowes „Faust“-Drama
1589 Galilei als Universitätsdozent für Mathematik in Pisa: Erforschung des freien Falls (Galileische Gesetze)
1592 Galilei als Mathematikprofessor nach Padua berufen
1593 Galilei: „Traktat über Mechanik“ und „Traktat über Befestigungen“
          1595 Holland gründet seine ersten Kolonien in Ostasien
1597 Galilei: „Traktat über die Himmelskugel“, Konstruktion des Proportionalzirkels
          1600 Giordano Bruno von der Inquisition in Rom als Ketzer verbrannt
          1601 Kepler in Prag Nachfolger des verstorbenen Hofmathematikers Tycho Brahe
          1602 Campanella schreibt im Kerker seine Sozialutopie vom „Sonnenstaat“
          1608 In Holland erfindet Lippershey das Fernrohr
          1609 Kepler: Die Gesetze der Planetenbewegung
1609 Galilei richtet das nachkonstruierte Fernrohr auf den Himmel
1610 Galilei: Entdeckung der Mondgebirge, der Jupitermonde, der Saturnringe; Beobachtung der Sonnenflecken, Veröffentlichung der „Sternenbotschaft“: Erstes öffentliches Bekenntnis zum Weltbild des Kopernikus; Hofmathematiker in Florenz: Entdeckung der Phasen der Venus
1611 Galileis Reise nach Rom. Bekanntschaft mit Kardinal Barberini (später Papst Urban VIII.)
1612 Galilei: „Diskurs über die Dinge, die sich auf dem Wasser befinden“
          1612 Pater Lorini predigt in Florenz gegen Galileis Lehre von der Bewegung der Erde
1613 Schrift über die Sonnenflecken: Galilei verteidigt die Kopernikanische Lehre und zeichnet die Grenzen zwischen Wissenschaft und Glauben auf
1615 Der Dominikanerpater Lorini denunziert Galilei bei der Inquisition. Galilei reist erneut nach Rom
1616 Galilei: „Diskurs über Ebbe und Flut“
1616 Galilei wird von der Inquisition die Verbreitung der Kopernikanischen Lehre verboten; diese wird auf den Index (Verbotsliste) gesetzt
          1618 Protestantische Erhebung in Prag (Fenstersturz). Beginn des 30jährigen Krieges
          1619 Keplers Hauptwerk erscheint. „Die Harmonie der Welten“
          1620 Francis Bacons Wissenschaftslehre (philosophische Grundlegung des modernen wissenschaftlichen Denkens)
          1622 Der Papst gründet ein Institut für katholische Propaganda
1623 Galileis Streitschrift „Goldwäger“: Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen und Methoden der Himmelsforschung
          1623 Maffeo Barberini besteigt als Urban VIII. den Papstthron. Pascal geboren
1632 Mit Genehmigung der Zensurbehörden in Rom und Florenz erscheint im Februar Galileis großes Werk: „Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme“. Es wird im August verboten. Galilei wird trotz lebensgefährlicher Erkrankung vor die römische Inquisition befohlen.
1633 Verhöre im Inquisitionspalast. Ein gefälschtes Protokoll seiner Vermahnung von 1616 dient als Rechtsgrundlage des Prozesses. Im Juni schwört Galilei die Kopernikanische Lehre öffentlich ab. Er kehrt als Häftling der Inquisition in seine Villa bei Florenz zurück
1635 In Straßburg erscheint eine lateinische Übersetzung des verbotenen „Dialogs“. Galilei betreibt weitere Übersetzungen
1638 Galilei erblindet völlig
1638 In Leiden erscheint Galileis zweites Hauptwerk die „Discorsi“: Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige. Es begründet die moderne Physik
1642 Tod Galileis in Florenz
          1643 Isaac Newton, Begründer der mathematischen Physik, geboren
Erst 1835 erfolgt die Streichung der kopernikanischen Schriften Galileis vom Index der katholischen Kirche.


Wie eitel ist doch der Glaube, man könne einer neuen Wahrheit Eingang verschaffen durch Widerlegung des und jenes Autors. Erst muß man verstehen, die Köpfe der Menschen umzuformen und sie fähig machen, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden.

Wer will der Verstandeskraft und der Erfindungsgabe des Menschen Grenzen vorschreiben? Wer will behaupten, daß alles, was in der Welt wahrnehmbar und erkennbar ist, bereits entdeckt und erkannt sei?

Ich glaube, daß es in der Welt keinen größeren Haß gibt als den der Unwissenheit gegen das Wissen.

Galileo Galilei
Der Balladensänger: Peter Aust
Frau des Balladensängers: Carmen-Maja Antoni
Galileo Galilei: Ekkehard Schall
Andrea Sarti – als Knabe: Andreas Schulze
Frau Sarti: Renate Richter
Ludovico Marsili: Michael Gerber
Kurator Priuli: Wolfram Handel
Sagredo: Dieter Knaup
Virginia: Simone Frost
Federzoni: Stefan Lisewski
Der Doge: Rudolf Seiß
Die Ratsherren: Werner Dissel, Hein Trilling,
Heinrich Schramm

Ein General: Georg Schweiger
Cosmo de Medici – der junge Großherzog von Florenz:  
Martin Decker
Der Hofmarschall: Karl M. Steffens
Der Philosoph: Victor Deiß
Der Mathematiker: Peter Aust
Die ältere Hofdame: Doris Thalmer
Die jüngere Hofdame: Angelika Ritter
Gelehrte im Collegium Romanum: Wolfgang Arnst,
Hans-Joachim Frank, Herbert Sievers,
Werner Riemann, Jaecki Schwarz, Jürgen Kern,
Dieter Wagner, Horst Wünsch

Ein Astronom: Erhard Köster
Ein fanatischer Mönch: Holger Mahlich
Der alte Kardinal: Siegfried Weiß
Begleiter des Kardinals: Lothar Runkel
Christopher Clavius: Siegfried Kilian
Der kleine Mönch: Hans-Peter Reinecke
Der Kardinal Inquisitor: Arno Wyzniewski
Die Frau: Barbara Dittus
Zwei Nonnen: Ingrid Leipold, Marlies Wilken
Zwei Soldaten: Jörg Trentow, Günter Voigt
Zug der Pestbeschwörer: Angelika Ritter, Dietlind Stahl, Franziska Troegner, Viktor Deiß, Wolfgang Holz, Harald Popig, Heinrich Schramm, Jaecki Schwarz, Dieter Wagner, Horst Wünsch, Hans-Joachim Frank, Hein Trilling
Kardinal Barberini – später Papst Urban VIII.:  
Günter Naumann
Kardinal Bellarmin: Peter Hladik
Zwei geistliche Sekretäre: Heinrich Buttchereit,
Johannes Conrad

Zwei Balldamen: Dietlind Stahl, Franziska Troegner
Maskenzug: Ingrid Leipold, Angelika Ritter,
Dietlind Stahl, Franziska Troegner, Marlies Wilken, Heinrich Buttchereit, Johannes Conrad, Peter Hladik, Wolfgang Holz, Erhard Köster, Harald Popig,
Werner Roloff, Heinrich Schramm, Jaecki Schwarz, Jörg Trentow, Günter Voigt, Dieter Wagner,
Hans-Joachim Frank, Hein Trilling

Andrea Sarti: Thomas Neumann
Filippo Mucius: Wolfgang Holz
Rektor Gaffone: Franz Viehmann
Ein Beamter der Inquisition: Willi Schwabe
Geistliche Sekretäre des Papstes: Werner Dissel,
Johannes Conrad, Harald Popig, Werner Riemann, Jörg Trentow

Der Hafner: Achim Petry
Lakaien, Astronomen und Mönche, Handwerker

Regie: Manfred Wekwerth / Joachim Tenschert
Bühnenbild: Hans-Ulrich Schmückle a. G.
Kostüme: Sylta Busse a. G.
Musikalische Mitarbeit und Leitung: Hans Dieter Hosalla
Technische Leitung: Walter Braunroth

Inspizient: Lothar Runkel
Tontechnik: Helmut Schlafke, Dieter Hasselmann
Souffleuse: Ursula Brandt
Gestaltung der Dekorationen in den Werkstätten der Staatstheater und Künstlerische Mitarbeit: Gustav Hoffmann, Horst Obst
Kostümgestaltung: Christine Stromberg
Kostüm-Assistenz: Irmgard Lorenz
Karnevalsmasken: Eduard Fischer
Choreographie: Hildegard Buchwald
Maske: Werner Strauchmann

Das Orchester des Berliner Ensembles
Karl-Heinz Nehring (Cembalo), Eberhard Vogel (Flöte),
Helmut Ernst (Klarinette), Wolfgang Zell (Kontrabaß)

Der Schallplattenaufnahme liegen Mitschnitte zugrunde, die der VEB Deutsche Schallplatten am 6., 8. und 10. April 1979 im Berliner Ensemble durchführte.
Künstlerische Aufnahmeleitung: Leni López
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seddig

Berliner Ensemble
Staatstheater der Deutschen Demokratischen Republik
Leitung: Manfred Wekwerth
Redaktion: Joachim Tenschert

Texte:
Bertolt Brecht, Stücke Band 8,
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1959
Materialien zu „Leben des Galilei“,
Henschelverlag Berlin 1970
Galilei, Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, übersetzt von Emil Strauß,
Druck und Verlag von B. G. Teubner Leipzig 1891
Werner Mittenzwei und Manfred Wekwerth,
aus: Programmheft zu „Galileo Galilei“, 1977
Reproduktion aus dem Archiv des Berliner Ensembles