Mutter Courage und ihre Kinder
Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg

von Bertolt Brecht

3-LP LITERA 8 60 122–124
Covertext:
Das Theater des neuen Zeitalters
Ward eröffnet, als auf die Bühne
Des zerstörten Berlin
Der Planwagen der Courage rollte.
Ein und ein halbes Jahr später
im Demonstrationszug des 1. Mai
Zeigten die Mütter ihren Kindern
Die Weigel und
Lobten den Frieden.

Bertolt Brecht an Helene Weigel zum 1. Mai 1950


Was eine Aufführung von „Mutter Courage und ihre Kinder“ hauptsächlich zeigen soll

Daß die großen Geschäfte in den Kriegen nicht von den kleinen Leuten gemacht werden. Daß der Krieg, der eine Fortführung der Geschäfte mit andern Mitteln ist, die menschlichen Tugenden tödlich macht, auch für ihre Besitzer. Daß für die Bekämpfung des Krieges kein Opfer zu groß ist.


Die Courage lernt nicht

In den Bauernkriegen, dem größten Unglück der deutschen Geschichte, war, was das Soziale betrifft, der Reformation der Reißzahn gezogen worden. Übrigblieben die Geschäfte und der Zynismus. Die Courage – dies sei gesagt, der theatralischen Darstellung zu helfen – erkennt zusammen mit ihren Freunden und Gästen und nahezu jedermann das rein merkantile Wesen des Krieges: das ist gerade, was sie anzieht. Sie glaubt an den Krieg bis zuletzt. Es geht ihr nicht einmal auf, daß man eine große Schere haben muß, um am Krieg seinen Schnitt zu machen. Die Zuschauer bei Katastrophen erwarten ja zu Unrecht, daß die Betroffenen daraus lernen werden. Solang die Masse das Objekt der Politik ist, kann sie, was mit ihr geschieht, nicht als einen Versuch, sondern nur als ein Schicksal ansehen; sie lernt so wenig aus der Katastrophe wie das Versuchskarnickel über Biologie lernt. Dem Stückschreiber obliegt es nicht, die Courage am Ende sehend zu machen – sie sieht einiges, gegen die Mitte des Stückes zu, am Ende der 6. Szene, und verliert dann die Sicht wieder –, ihm kommt es darauf an, daß der Zuschauer sieht.

Bertolt Brecht


„Mutter Courage und ihre Kinder“ wurde 1939 geschrieben, im skandinavischen Exil, kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Die Uraufführung fand während des Hitlerkriegs am 19. April 1941 im Züricher Schauspielhaus statt, einem hauptsächlich von deutschen Emigranten gemachten Theater; die Titelrolle spielte Therese Giehse.
Am 11. Januar 1949 war die Premiere des Stücks im Deutschen Theater Berlin, die Neuaufführung durch das Berliner Ensemble und gleichzeitig 100. Aufführung am 11. September 1951. Regie führten Bertolt Brecht und Erich Engel, das Bühnenbild war von Teo Otto und Heinrich Kilger, die Titelrolle spielte Helene Weigel. Bis zum 4. April 1961 wurde das Stück vom Berliner Ensemble 405mal aufgeführt, darunter auf Gastspielen in vielen Städten der Deutschen Demokratischen Republik und der Deutschen Bundesrepublik, in Krakow, Lodz und Warschau, in Paris 1954, 1957 und 1960, in London, in Moskau und Leningrad, in Prag und Bratislava, in Stockholm und in Helsinki.
Das Modellbuch der Aufführung – Text, Fotos, Anmerkungen – erschien unter dem Titel „Brecht Couragemodell 1949“ im Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1958. Nach der Modellinszenierung des Berliner Ensembles entstand 1960 in den DEFA-Studios für Spielfilme unter der Regie von Peter Palitzsch und Manfred Wekwerth der Film „Mutter Courage und ihre Kinder“. Am 10. Februar 1961, dem 63. Geburtstag Brechts, war die Uraufführung.
Der Aufnahme liegt das Tonband dieses Films zugrunde, für die Schallplatte eingerichtet von Isot Kilian.


Die Welt braucht Frieden

1
Mutter Courage und ihre Kinder zeigt, daß die kleinen Leute vom Krieg nichts erhoffen können (im Gegensatz zu den Mächtigen). Die kleinen Leute bezahlen die Niederlagen und die Siege.

2
Ich war erfreut, schon einen Tag nach meiner Rückkehr in Berlin, der Stadt, von der einer der furchtbarsten Kriege ausgegangen ist, einer Kundgebung der Intellektuellen für den Frieden beiwohnen zu können. Der Anblick der ungeheuerlichen Verwüstungen erfüllt mich nur mit einem Wunsch: auf meine Weise dazu beizutragen, daß die Welt endlich Frieden bekommt. Sie wird unbewohnbar ohne Frieden.
25. Oktober 1948

Bertolt Brecht
Anna Fierling – Marketenderin  
(genannt Mutter Courage):
Helene Weigel
Kattrin – ihre stumme Tochter: Angelika Hurwicz
Eilif – der ältere Sohn: Ekkehard Schall
Schweizerkas – der jüngere Sohn: Heinz Schubert
Ein Werber: Willi Schwabe
Feldwebel: Gerhard Bienert
Der Koch: Ernst Busch
Ein Feldhauptmann: Norbert Christian
Der Feldprediger: Wolf Kaiser
Der Zeugmeister: Harry Gillmann
Yvette Pottier: Regine Lutz
Der Einäugige: Peter Kalisch
Zweiter Feldwebel: Erik S. Klein
Der alte Obrist: Wolf Beneckendorff
Ein Schreiber: Ralf Bregazzi
Junger Soldat: Gert Schaefer
Ein älterer Soldat: Wladimir Marfiak
Erster Soldat: Axel Triebel
Ein Bauer: Siegmund Linden
Ein Soldat: Wolfgang Lohse
Singendes Mädchen: Sabine Thalbach
Der Fähnrich: Stefan Lisewski
Erster Soldat: Hans W. Hamacher
Zweiter Soldat: Horst Kube
Die Bäuerin: Carola Braunbock
Der alte Bauer: Josef Kamper
Der junge Bauer: Fritz Hollenbeck
Der Chronist: Hilmar Thate

von Bertolt Brecht
Musik: Paul Dessau

Eine Aufführung des Berliner Ensembles
Leitung: Helene Weigel

Redaktion: Joachim Tenschert

Texte: Der Fabelerzählung liegen Texte Brechts zugrunde, entnommen „Mutter Courage und ihre Kinder“, Stücke Band 7, AufbauVerlag, Berlin 1957 und dem „Conragemodell 1949“, erschienen im Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1958; die Texte „Die Welt braucht Frieden“ und „Die Courage lernt nichts“ sind aus den „Anmerkungen zu Mutter Courage und ihre Kinder“, veröffentlicht im Band 6 der „Schriften zum Theater“, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1964; das Gedicht „Das Theater des neuen Zeitalters“, geschrieben für Helene Weigel zum 1. Mai 1950, steht in Band 7 der „Gedichte“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1964. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Verlage.