Reineke Fuchs

von Johann Wolfgang Goethe

3-LP LITERA 8 65 277-279
Covertext:
Füchse: Gruppe hundeartiger Raubtiere mit meist mittelgroßen, nicht sehr hochläufigen Vertretern, deren obere Reißzähne verhältnismäßig klein sind. – Der Fuchs oder Rotfuchs (Canis vulpes oder Vulpes vulpes) ist standorttreuer Einzelgänger, der sein Revier mit Harn markiert.
Ranzzeit im Januar und Februar. 50 bis 54 Tage danach werden 4 bis 6 Junge, behaart, aber blind, im unterirdischen Bau geboren. An ihrer Versorgung beteiligt sich auch oft der Rüde. Füchse sind in etwa 50 Rassen in ganz Eurasien bis Skandinavien, in Afrika nördlich der Sahara und in Nordamerika südlich bis Mexico verbreitet.
Der Schaden, den der Rotfuchs durch Tollwutübertragung und Erbeutung von Niederwild und Hausgeflügel anrichtet, überwiegt seinen Nutzen als Schädlingsbekämpfer.

„Reineke Fuchs“ entstand 1793, hauptsächlich in der Zeit der Belagerung von Mainz, der Goethe im Gefolge des weimarischen Herzogs Karl August bis zum Ende beiwohnte.
Diese Fassung ist um etwa die Hälfte gekürzt. Sie konzentriert sich auf die uns am wesentlichsten erscheinenden Abläufe und Begebenheiten. Der 1. und der 12. Gesang blieben vollständig erhalten. Sie bilden die Klammer dieser Fassung und vermitteln den Eindruck des Originals. An großen Schnittstellen wird die Fabel durch einen Sprecher weitererzählt. Das ganze Tierepos besteht aus ungefähr 4500 Hexametern. Es ist nachzulesen im Band 3 der vollständigen Berliner Goethe-Ausgabe.

Durch die Welt sich zu helfen ist ganz was Eignes

Ein garstig Lied! Pfuy! ein politisch Lied Ein leidig Lied!
Faust I, Auerbachs Keller

Reineke ist fertig, in zwölf Gesänge abgetheilt und wird etwa 4 500 Hexameter betragen. Ich schicke Dir bald wieder ein Stück. Ich unternahm die Arbeit, um mich das vergangene Vierteljahr von den Betrachtungen der Welthandel abzuziehen und es wird mir gelingen.
Goethe an Jacobi, 2. 5. 1793

„Reineke Fuchs“ basiert auf einem uralten Stoff. Bereits im 10. Jahrhundert ist er in lateinischen Dichtungen zu finden; im Mittelhochdeutschen wurde er zuerst bearbeitet von Heinrich dem Glichzaere als „Reinhart Fuchs“ (ragin- hart = der im Rat kühne); es findet sich ein ostflämischer „Reinaert“ aus dem 13. Jahrhundert; Gottscheds Bearbeitung des Stoffes 1752 geht auf einen niedersächsischen „Reynke de Vos“ zurück. Goethe bekam den Gottsched’schen „Reineke Fuchs“ 1793 wieder in die Hände (er hatte ihn bereits in Leipzig gelesen und später in Weimar des öfteren vorgelesen).

Heinz Kahlau
Lob der List
Wer immer meint, daß Vergleiche hinken, Fabeln und Parabeln mit Vorsicht zu genießen wären, dem nicke ich erst einmal ernsthaft zu. Was sich da der geheime Rat J. W. von Goethe mit seinem Reineke Fuchs für seine Leserschaft immer gedacht haben mag und welche vergnügliche Kunstfertigkeit er anwandte, diese Gesellschaft von Gaunern, Schurken, Heuchlern, frömmligen Dummköpfen, Mördern und Herrschern in Gestalt der armen Tiere agieren zu lassen, geht uns doch wohl nichts mehr an. Der, den er mit Vornamen Reineke zum Kanzler werden läßt, mag vielleicht zu seiner Zeit und in Weimar seine menschliche Entsprechung gehabt haben, aber doch hier und heute nicht mehr. Und wiewohl es einen Papst gibt – mit dem König, der solche Kanzler macht, können wir nicht mehr dienen.
Denn was geschieht in diesem dramatischen Gedicht, kurz gesagt? Der oberste Herrscher und Gerichtsherr eines Landes, der König eben, wird mit Klagen über den Unhold Fuchs derart überhäuft, daß er ihm den Prozeß macht, ihn zum Tode verurteilt, ihn vor der Hinrichtung begnadigt, seine Ankläger bestraft und Fuchs auf ihre Kosten belohnt. Fuchs ermordet darauf hin die Beauftragten des Königs, verhöhnt den König und ignoriert dessen Befehle. Die Klagen über den dreisten Untäter schwillen an, der König ist außer sich – kann aber erst zu Gericht über ihn sitzen, als Fuchs von selber in den Gerichtssaal spaziert und seine Ankläger herausfordert. Es gelingt ihm, die Widersacher zu besiegen, die Versammelten zu seinen Anhängern zu machen, die Kirche zum Fürsprecher zu nutzen, den König davon zu überzeugen, daß er dessen unentbehrlichster Berater war und ist. Der König spricht ihn frei und macht ihn zu seinem Kanzler.
Das alles erreicht Fuchs durch Schläue, Frechheit, List, Skrupellosigkeit, Beziehungen und Intrige. Er scheut kein Mittel, kennt jeden Trick hält sich an keine Moral und schont einzig die eigene Sippe.
Reineke Fuchs ist der negative Held an sich und der einzige Sieger. Was soll uns das? War der Fuchs das geheime Wappentier des geheimen Rates und zeigt uns der Dichter, wie man bei Hofe Karriere machen muß? Goethe versagt sich jeden Gegenspieler, denn der Wolf Isegrim, mit dem Reineke am Ende um Tod und Leben kämpft, war schließlich, trotz aller Schädigungen, oft genug des Fuchses Komplize und ist zwar stärker, verfreßner und dümmer, aber keineswegs besser als der. Zumindest in dieser Fabel hat die erbitterte Feindschaft keine andere Ursache als den Neid, die Konkurrenz. Und alle andern? Allesamt geschädigt, so sind es doch Herren – von Hennig, dem Hahn, bis zu Lampe, dem Hasen. Und wer nicht davon lebt, daß er andere frißt, der ist fromm und lebt von der Pfründe. Schöne Gesellschaft das, die in Schlössern und Burgen wohnt und in Klöstern. Lauter Barone und Herzöge und Kaplane und sonstige angesehene Hofleute und in etwa der Umgang, den der Dichter gehabt haben muß, als er ein Hofmann war.
Sonst gibt es in dem Gedicht nur eine Müllerin, einen Fuhrmann und einige Bauern, die aber mehr wie die Natur, wie Baum und Bach vorkommen und von denen nur die Rede ist, weil man sie bestiehlt. Und wie sie einander helfen, sich der Räuber zu erwehren. Das ist alles, was über das Volk gesagt wird: daß es die Dinge schafft und ihrer beraubt wird. Mehr ist wohl nicht nötig gewesen. Alle anderen leben vom Raub an ihnen, sind eine Räuberschar, von ihrem Könige abwärts.
Das aber ist es wohl: Soviel von Ehre, Wahrheit, Recht und Weisheit die Rede ist in diesem Gedicht: Unter den Räubern ist der trefflichste immer der Beste der Räuber – der Fuchs. Und ein Dichter ist er außerdem, wenn man seine Kleinodien anhört, die er unter Lebensgefahr erfindet, damit sie weiterhülfen. Was sie dann tun.
Auch wir nehmen eine Dichtung ja so, wie sie uns antrifft und anrührt und fragen nach ihrer Absicht kaum, es sei denn, wir hätten über sie ein Urteil zu geben. Und sie rührt uns nur an, wo sie uns gilt, was immer sie Früheren gegolten haben mag.
Glücklicherweise habe ich kein Urteil zu geben, kann meine Frage nach den Absichten des Dichters zurücknehmen und sagen: Wer nichts hervorbringt, als zu seinem eignen Erhalt und von der Arbeit anderer lebt, der ist auch jetzt noch ein Räuber. Wo Räuber unter sich um die Vorteile raufen, ist der ruchloseste der Sieger. Ihn so trefflich geschildert zu finden, kann mir Lebenshilfe sein. Solange ich selber kein Räuber bin und zu denen gerechnet werde, die arbeiten und also etwas hervorbringen, das anderen zum Nutzen ist. Solange nämlich wollen auch Räuber sich an mir bereichern und ich hab mich mit meinesgleichen zu schützen. Sagt man mir schließlich: Wo Aufbau so eilig getan wird, sei eben auch Mangel und Mangel bringt Räuberei mit sich und Abhilfe wäre nur langsam zu schaffen, das wäre nun einmal nicht anders. Deshalb mein Interesse an dieser Geschichte, die ich dazu noch vorzüglich gesprochen finde.
Hört sie euch an und vergnügt euch an eurem Erschaudern. Denn wie heißt es:
… „Zur Weisheit bekehre bald sich jeder und meide das Böse, verehre dieTugend! Dieses ist der Sinn des Gesangs, in welchem der Dichter Fabel und Wahrheit vermischt, damit ihr das Böse vom Guten sondern möget und schätzen die Weisheit …“
Nur eines tut nicht, vergleicht diese gierige Bande nicht etwa mit sämtlichen Menschen, gemeint sind die Räuber, die unter uns hausen. Erkennt sie und wehrt euch und trefft ihr auf einen, der dieses Gedicht des Freiherren Wolfgang von Goethe nur ärgerlich findet, so ist es ein Räuber. Und zwar von der dümmeren Sorte. Die klügeren, füchsischen werden es hören mit großem Gelächter.

Vor Jahrhunderten hätte ein Dichter dieses gesungen? Wie ist das möglich? Der Stoff ist ja von gestern und heut.
Xenien, 1793

Wir sind überzeugt, daß kein deutscher Autor sich selbst für klassisch hält …
Goethe

Als im Jahre 1793 die deutsche Feudalität Mainz belagert, um der ersten demokratischen Republik auf deutschem Boden den Garaus zu machen und so den gefährlichen Funken auszutreten, der das ganze deutsche Reich in Brand setzen könnte, befindet sich unter den Teilnehmern an der Belagerung auch Goethe. Er ist seinem Herzog Karl August ins Feldlager gefolgt, wie er ihn schon ein knappes Jahr zuvor bei der Kampagne in Frankreich, jenem töricht-blinden Versuch der deutschen Reaktion begleitete, die Französische Revolution niederzuschlagen und die Monarchie im Nachbarland wiederherzustellen. Eine unmittelbare Aufgabe hat er nicht, vielmehr nimmt er passiven, in manchem reservierten Anteil an dem Geschehen, beobachtet und schreibt auf; der Augenzeuge wird zum Chronisten. Politisch neutral ist er keineswegs – in Absprache mit Karl August übermittelt er dem verantwortlichen Minister in Weimar Ratschläge, die Niederhaltung von oppositionellen Strömungen in der Jenenser Studentenschaft betreffend. Auch literarisch ist er indessen tätig: Inmitten des Gewühls in einem solchen Feldlager feilt er an dem Hexameterepos „Reineke Fuchs“, dessen Neubearbeitung er im Januar dieses Jahres 1793 begonnen und in Rohfassung Anfang Mai abgeschlossen hat. „Den 8. Juni setzte ich meine Arbeit an „Reineke Fuchs“ fleißig fort; ritt mit durchlauchtigstem Herzog nach dem darmstädtischen Lager, wo ich den Herrn Landgrafen als meinen vieljährigen unabänderlich gnädigsten Herrn mit Freuden verehrte.“ Dieser bezeichnende Satz steht in der „Belagerung von Mainz“, 1822 zusammen mit der „Kampagne in Frankreich 1792“ veröffentlicht.
Man tut dennoch gut, kein vorschnelles Urteil zu fällen. Goethes Krisenlage war umfassend und tief, und ihre Wurzeln reichten weit über die Herausforderung hinaus, die die Französische Revolution für ihn wie für viele andere Zeitgenossen bedeutete. Der Versuch, in unmittelbarer politischer Regierungstätigkeit, in angespannten Bemühungen um reformerische Veränderungen zwischen 1775 und 1786 die Verwirklichung seiner selbst als aktiver und schöpferischer Persönlichkeit zu krönen, war gescheitert. Die zwei Jahre der Regeneration in Italien hatten mit der Entscheidung geendet, als Künstler zu leben und zu wirken. Natur und Kunst waren nun die designierten Hauptfelder seiner Tätigkeit; und indem er sich ihrer Gesetzmäßigkeiten und Wirkungsmöglichkeiten zu versichern suchte, glaubte er auch ein Fundament für die gesamte weitere Existenz zu finden. Abgetan wurden alle bloß subjektiven Bestrebungen, denen die gegenwärtige Wirklichkeit keinen Boden gab und die ihn nur immer aufs neue in unlösbare Konflikte stürzten.
In diese schwierige Situation hinein trafen die Ereignisse in Frankreich und stellten die gerade gefestigt geglaubten Positionen erneut in Frage. Ein 1810 entstandenes Gesamtschema zu den autobiographischen Schriften kennzeichnet aus der Rückschau, wie es Anfang der neunziger Jahre um Goethe stand: „Schwer zu entziffernde Komplikationen innerer Geistesverhältnisse und äußerer zudringender Umstände. Auf Kunst und Natur drang ich los als auf Objekte, suchte nach Begriffen von beiden. Zerstörte alle Sentimentalität in mir und litt also Schaden am nahverwandten Sittlich-Ideellen. Neigte mich in solcher Hinsicht ganz zu einem strengen Realismus.“ Die Aussagen zur Französischen Revolution aus diesen und späteren Jahren bezeugen die tiefe Verstörtheit und Abneigung, die die politischen und sozialen Umwälzungen in Goethe auslösten. Revolutionärer Umsturz entsprach nicht einem Konzept, das Humanitätsentfaltung und Menschheitsemanzipation durch geistige Kultivierung und auf dem Wege bewußten, allmählichen Voranschreitens zu befördern suchte; er bedeutete für Goethe das „blinde“ Walten von nicht durch Menschen beherrschten und gelenkten geschichtlichen Kräften und die Gefährdung bereits errungener Kultur und Humanität.
Dies ist der Kontext, in dem die Arbeit an „Reineke Fuchs“ steht. Am Ende der „Kampagne in Frankreich“ lesen wir: „… aus diesem gräßlichen Unheil“ – der gegenwärtigen Entwicklung „suchte ich mich zu retten, indem ich die ganze Welt für nichtswürdig erklärte, wobei mir denn durch eine besondere Fügung ,Reineke Fuchs‘ in die Hände kam. Hatte ich mich bisher an Straßen-, Markt- und Pöbelauftritten bis zum Abscheu übersättigen müssen, so war es nun wirklich erheiternd, in den Hof- und Regentenspiegel zu blicken: denn wenn auch hier das Menschengeschlecht sich in seiner ungeheuchelten Tierheit ganz natürlich vorträgt, so geht doch alles, wo nicht musterhaft, doch heiter zu, und nirgends fühlt sich der gute Humor gestört.“
Die Tendenzen zur Distanzierung von Gegenwärtig-Wirklichem sind deutlich. Eine Dichtung, entstanden in längst vergangenen Zeiten und gewidmet der Darstellung von märchenhaft-phantastischer Tier-, nicht aber von Menschenwelt, bot sich „als wünschenswertester Gegenstand für eine zwischen Übersetzung und Umarbeitung schwebende Behandlung“ an. Zwar reflektierte sie ironisch und satirisch mancherlei widersprüchliche Verhältnisse, aber sie stellte nicht unmittelbare Berührung mit dem Gegenwärtigen her, forderte nicht Einmischung und Kampf. Sie tat weder dem „Realismus“ Eintrag noch zog sie in konkrete Realität hinein. Eine solche Arbeit konnte „zu Hause und auswärts zu Trost und Freude“ gereichen.
Aber dies ist nur die eine Seite der Sache. Denn andererseits fand der Dichter in dem Tierepos ein Bild gesellschaftlicher Beziehungen, das seinen eigenen Erfahrungen und Urteilen über die Menschenwelt entsprach. Als „Hof- und Regentenspiegel“ enthüllte das Werk schonungslos die Unordnung und Ungerechtigkeit der feudalen Welt. Zugleich erkannte Goethe, das ihre Wahrheit durchaus auch gegenwärtig gültig war. Und so nannte er das Tierepos eine «„unheilige Weltbibel“, was umschrieben werden kann als eine göttlich-wahrhalte Offenbarung über die Menschengesellschaft aus mephistophelischer Sicht. Nicht minder kritikwürdig als die Feudalwelt befand Goethe die gegenwärtigen republikanisch-revolutionären Bestrebungen. So sehr bewegte ihn dies, daß er im achten Gesang seine Funktion als Übersetzer und Umgestalter verließ und eine Passage hinzufügte, die sich gegen „den Dünkel des irrigen Wahns“ richtet, „es könne jeder im Taumel / Seines heftigen Wollens die Welt beherrschen und richten“. Daraus erwachsen Anarchie und Chaos, und „so sinken wir tiefer und immer tiefer ins Arge.“ Das sagt Reineke, als er zur Rechtfertigung der eigenen Verbrechen unverblümt den Stand der Dinge im feudalen Tierreich darlegt. Aber hier spricht er auch ganz gewiß die Sorgen des Dichters aus.
Geht wirklich „alles … heiter zu“? Wird der „gute Humor“ nicht doch gestört? Goethes Begriffe von Heiterheit und Humor sollten nicht oberflächlich genommen und weder von seinem komplexen weltanschaulichen Denken noch von seinen damit verbundenen ästhetischen Auffassungen losgelöst werden. Was vorgeführt wird, ist der Sache nach äußerst ernst und schlimm. Die Großen und Starken des Tiergeschlechts herrschen legal und illegal, die Kleinen und Schwachen werden unterdrückt und aufgefressen. Der relativ schwache, aber schlaue Räuber Reineke nutzt das Widerspiel der Kräfte und seinen Reichtum an List dazu, sich einen glanzvollen Aufstieg zu verschaffen. Und dabei zieht er uns sogar noch partiell auf seine Seite, denn sein Sieg über die großen und starken Räuber kann nicht völlig ohne schadenfrohe Zustimmung zur Kenntnis genommen werden. An der Verkommenheit der Verhältnisse in der Tierwelt ändert das freilich nichts, und jedermann weiß, daß hier nichts als ein Konterfei der Menschenwelt gegeben ist. Dennoch ist die verfremdende Wirkung, die die poetische Darstellung, vor allem durch die Tierfiktion und die versepische Form, hervorruft, erstaunlich.
Ironie und Satire verschaffen ein vielschichtiges Vergnügen, und sie bringen zugleich in eine Haltung, die für die vermittelte Wahrheit der Dichtung aufgeschlossen ist. Wir schauen in einen Spiegel, und wir sehen eine Welt, die, fern und fremd, einen kritischen Rückbezug auf heutige Weltverhältnisse nahelegt. Wir wissen, daß unser Weg aus der „Tierwelt“, in der das Gesetz des Stärkeren und des Kampfes aller gegen alle gilt, herausführt. Die Dichtung mahnt auch heute zur Wachsamkeit gegenüber Erscheinungsformen „animalischen“ Verhaltens und Handelns. Freilich sind wir gewiß, diese überwinden und hinter uns lassen zu können, und das ermöglicht uns eine Heiterkeit, die dem Dichter nur in der Welt der Poesie offenstand.
Hans-Dietrich Dahnke

Aber mancherlei Dinge begegnen unter der Sonne. Wider alles Vermuten erfährt man dieses und jenes, Und wer was zu haben vermeint, vermißt es auf einmal.

Ihr „Reineke“ hat mich im Wagen begleitet. Da ich das Original fast jeden Winter den Meinigen vorlese, so war mir’s zum Vergleichen gegenwärtig genug. Der Ton scheint mir dem Inhalte und der gewählten Versart gemäß, die erste Linie über dem gelassenen Bürgerton; der Versbau leicht und ohne Anspruch auf zwecklosen Ausdruck, so wie ihn die Idylle und das Epigram verlangt. Was ich vermisse, soll ich sagen? Mich deucht, die Wortflüsse und Rhythmen sollten etwas mannichfaltiger und mehr aus dem Fache des Lieblichen gewählt sein.
Voß an Goethe, 17. 7. 1794

Mein Leben ist sehr einfach. Ich komme nun fast nicht mehr vom Zelte weg, corrigire an Reineke und schreibe optische Sätze.
Goethe an Herder, 15. 6. 1793

Wolltest du Sonntag Mittags mit mir essen, so lüde ich Knebeln ein und wir verschwätzten einige Stunden, ohngedenck der vielen Hälse und Beine die es jetzt an allen Orten und Enden der armen Menschheit kostet.
Goethe an Herder, Mai 1794

Wie hat Goethens „Reineke Fuchs“ unserm Voß gefallen? Ich kann ihn nicht lesen; der Sechsfüßer ist lahm, und überhaupt schickt sich derselbe zu den Reden des Fuchses nicht.
Gleim an Voß, 13. 3. 1795

Die erste und größte Epopöe deutscher Nation, ja aller Nationen seit Homer, die Goethe sehr glücklich versifiziert hat, ist „Reineke der Fuchs“. Das ist der Aufschluß des Rätsels. Das Gedicht ist seit Homer die vollkommenste Epopöe, wie Sie’s, lieber Gleim, in Goethes glücklichen Hexametern sehen werden. Sie ist deutscher Nation; denn wenn ihr Grund gleich aus dem französischen Roman genommen sein mag, so ist doch ihre epische Einrichtung einem Deutschen, dem Heinrich von Alkmar, zuständig, und in Goethes Versifikation gehört sie den Deutschen auf eine eigentümliche Weise mehr. Das Gedicht ist ein Spiegel der Welt … In ein paar Tagen reiset Goethe an den Rhein, und Ihr Gruß soll ausgerichtet werden. Nicht wahr, Sie schütteln über mein Rätsel den Kopf? Lieber Gleim, schütteln Sie ihn aber nur sanft, ehe Sie das Gedicht sehen und lesen.
Herder an Gleim, 1. 5. 1793

… ich bin sehr alt und werde es von Stunde zu Stunde. Goethe wird dagegen jung, korpulent und rund von Stunde. Seine Epopöe, die älteste und ewige, ist bald, bald fertig. Verstehe mich wohl: die ewige auf unsrer Erde, nicht im Saturn, der Sonne oder der jetzt so leuchtenden Venus.
Herder an Jacobi, 5. 4. 1793

Reineke sagte: so pflegt es zu gehn; man klagt und beschuldigt Diesen und jenen; doch stünd’ er dabei, man bliebe zu Hause

Dann aber – und das ist die Hauptsache – Goethe war ein Mensch im vollsten Sinne des Wortes, und als solcher konnte ihm nur der Mensch behagen, sein Studium und seine Neigung sein. Die Tiere waren ihm nur interessant als mehr oder minder Approximationen des endlich erscheinenden Herrn der Schöpfung. Er verachtete sie nicht, er studierte sie sogar, aber er bemitleidete sie eher als Wesen, die in solcher Vermummung und Maske ihren Gefühlen nicht den verständlichsten und geeignetsten Ausdruck zu geben vermochten. Und dahin gehörte ihm auch der Hund, über den er in graziöser Beweglichkeit des Körpers und Selbständigkeit des Charakters sogar die Katze zu setzen pflegte und sie wohl einmal im Scherz eine heruntergekommene Prinzessin aus dem Löwengeschlechte zu betiteln beliebte. Sie spazierte daher auch frank und frei in seinem Garten und brauchte keineswegs seine Annäherung zu scheuen. Friedrich Wilhelm Riemer

Es hat den Anschein, daß uns Goethe bald wieder verlassen und zum Herzog gehen wird. Bedauern Sie ihn und uns! Doch scheint er lieber in jene Gegenden zu gehn, als wir ihn lassen. Er hat uns diesen Winter manch frohe Stunde gemacht mit einem poetischen Werk, wovon er Ihnen wohl wird geschrieben haben („Reineke Fuchs“). Sie ist eben ganz einzig, diese deutsche Epopöe, und Sie werden auch Freude daran haben. Die guten Götter mögen ihn dafür behüten und bewahren bei seinem zweiten Feldzug.
Karoline Herder an Jacobi, 5. 4. 1793

Woltmann sagte mir, daß eine ganz saft- und kraftlose Rezension des „Reineke Fuchs“ jetzt für die „Literatur-Zeitung“ eingeschickt worden; eine so schlechte, daß sogar Hufeland auf Unterdrückung derselben votiert habe. Ich zweifle nicht, daß man Goethen und mir zulieb, sie wirklich unterdrücken wird, wenn ich eine andere verspreche. Aber so gern ich diese Arbeit übernähme … so wissen Sie doch, lieber Freund, daß ich jetzt von meiner poetischen Aktivität mich nicht wohl zerstreuen kann. Ich gäbe daher sehr viel darum, wenn Sie an meiner Statt diese Arbeit übernähmen; ich würde dann, da wir in unsern kritischen Grundsätzen so sehr harmonieren, die Rezension als die meinige in die „Literatur-Zeitung“ geben. Wollten Sie dieses nicht, so könnte sie, was noch besser wäre, zu einem Aufsatz für die „Horen“ dienen.
Da der „Reineke Fuchs“, wenn man gerecht sein will, das beste poetische Produkt ist, was seit so vielen Jahren in Umlauf gekommen ist, und sich mit Recht an die ersten Dichterwerke anschließt, so ist es in der Tat horribel, daß er so schlecht behandelt werden soll. Goethe weiß von meiner Idee nichts, und ich werde ihm auch nicht eher etwas davon sagen, als wenn sie schon ganz ausgeführt ist; aber ich betrachte es als meine eigene Angelegenheit, zu machen, daß man entweder eine andere Meinung davon bekomme oder sich doch derjenigen schäme, die man davon hat.
Schiller an Humboldt, 25. 1. 1796

Auch ich habe am „Fuchs“ schon nicht wenig getan … auch den alten Text in mehreren Ausgaben verglichen. Ob ich hiervon gleich gar keinen eigentlichen Gebrauch machen … werde, so habe ich doch diese Vergleichung sehr gut genutzt. Sie hat mir gedient, zu sehen, was Goethe eigentlich selbst getan hat, und dies ist nicht sowohl viel als vielmehr alles. Im einzelnen hat er fast nichts abgeändert, oft dieselben Worte gelassen, aber dennoch ist das Ganze durch ihn schlechterdings etwas anderes geworden. Dasjenige nämlich, was eigentlich poetische Form daran ist, dasjenige, wodurch es zu der Phantasie des Lesers spricht und seinen ästhetischen Sinn rührt, gehört ihm ganz und gar allein … Wodurch Goethe dies bewirkt hat, ist schwer zu bestimmen, und ich habe an einzelnen Stellen vergeblich darüber gegrübelt. Das Silbenmaß, das es dem Griechischen näherbringt, tut viel; aber da es so äußerst lose und leicht behandelt ist, auch wieder nicht viel. Die Hauptsache liegt wohl in der Sprache, in dem Periodenbau, endlich und vorzüglich in der Behandlungsart des Genies, die sich nicht einzeln und mit Worten bestimmen läßt.
Humboldt an Schiller, 27. 2. 1796

Wenn ich aufrichtig seyn soll, so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsche; denn es ist eine nicht genug gekannte und geübte Politik daß jeder, der auf einigen Nachruhm Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles, was sie gegen ihn in Petto haben von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half’s manchem bescheidnen verdienstvollen und klugen Mann, den ich überlebt habe, daß er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unthätigkeit, Schmeicheley und Rücken und Zurechtlegen, einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel der ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebärde.
Goethe an Schiller, 7. 12. 1796

Es ist also wahr: Goethe liebte die Politik und die politischen Ideen nicht; sie waren ihm in dem Grade gegen seine Natur, daß er fast daran zu Grunde gegangen wäre. Die Französische Revolution an der doch auch zahlreiche deutsche Geister einen glühenden Anteil nahmen, verstörte und quälte ihn solchermaßen, daß sie ihn beinahe sein Talent gekostet hätte und ihn tatsächlich lange Zeit unproduktiv machte. Es war die Politisierung und das will sagen: die Demokratisierung Europas, die er heraufkommen sah: eine seinem Wesen feindliche Weltverfassung, weil das, woran er glaubte, Kultur, Bildung, reine Menschlichkeit, seiner Überzeugung nach nicht darin gedeihen konnte.
Thomas Mann

Den folgenden Morgen besuchte ich den Geheimen Rat Goethe …
Er ist der Liebling des regierenden Herzogs und kommt ganze Tage lang nicht von der Residenz. Als armer Advokat kam er nach Weimar und machte hier diese glänzende Laufbahn.
Falk an seinen Bruder David, 28. 12. 1793

In der Welt geht’s immer so zu. Dem Glücklichen sagt man: Bleibet lange gesund! er findet Freunde die Menge. Aber wenn es übel gerät, der mag sich gedulden!

Ritters Geographisch-statistisches Lexicon, Leipzig/Wien 1910, Stichwort Weimar:
… W. ist eine der denkwürdigsten Städte Deutschlands, mit meist unregelmässigen Strassen u. Plätzen u. vielen schönen u. regelmässigen Strassen u. Plätzen, mit den Denkmälern der Heroen deutscher Dichtkunst u. mit mannigfachen Erinnerungen an diese (Goethehaus, Schillerhaus usw.) …

Das Gute in der Welt ist viel schmäler gesät als man denkt, was man hat muß man halten.
Goethe an Christiane Vulpius, 26. 6. 1793

Das erste, was mir an ihm auffiel und Sie zu wissen verlangen, war seine Figur.
Er ist von weit mehr als gewöhnlicher Größe, und dieser Größe proportioniert dick, breitschulterig … Die Stirn ist außerordentlich schön, schöner, als ich je gesehen; die Augenbrauen im Gemälde (von Lips) vollkommen getroffen, aber die völlig braunen Augen mehr nach unten zugeschnitten als dort. In seinen Augen ist viel Geist, aber nicht das verzehrende Feuer, wovon man soviel spricht. Unter den Augen hat er schon Falten und ziemlich beträchtliche Säcke; überhaupt sieht man ihm das Alter von 44 bis 45 recht eigentlich an, und das Gemälde ist in der Tat zu jugendlich; es müßte denn wahr sein, was man in Weimar allgemein behauptet, daß er während seinem Aufenthalt in Italien merklich gealtert habe. Die Nase ist eine recht eigentliche Habichtsnase, nur daß die Krümmung in der Mitte sich sanft verliert … Der Mund ist sehr schön, klein und außerordentlicher Biegung fähig; nur entstellen ihn, wenn er lächelt, seine gelben, äußerst krummen Zähne. Wenn er schweigt, sieht er recht ernsthaft, aber wahrhaftig nicht mürrisch, und kein Gedanke, keine Spur von Aufgeblasenheit. Auch dem Dümmsten müßte Aufgeblasenheit an einem Menschen mißfallen, der in Sprache und Manier so ganz simpel wie jeder Geschäftsmann ist. Das Gesicht ist voll, mit ziemlich herabhängenden Backen. Im ganzen ist das Gemälde wohl getroffen; aber es macht doch einen sehr falschen Begriff von ihm. Er hat eine männliche, sehr braune Gesichtsfarbe. Die Farbe der Haare ist etwas heller. Er trägt das Vorderhaar ratzekahl abgeschoren, an den Seiten ausgekämmt und völlig anliegend, einen langen Zopf, weiß gepudert … Die Wäsche fein, mit wenig vorstehendem Jabot. Kleidung: ein blauer Überrock mit gesponnenen Knöpfen, doppeltem Kragen (der eine über die Schultern, der stehende nicht recht hoch), eine schmalgestreifte Weste von Manchester oder ähnlichem Zeuge und – vermutlich Beinkleider; der Überrock bedeckte sie; kaiblederne ordinäre Stiefel. Alles zusammengenommen, kann er ein Minister, ein Kriegsrat, ein Geheimrat, allenfalls ein Amtmann sein, nur kein Gelehrter und gewiß kein Virtuose. In Berlin würde ihn jeder einheimisch glauben.
David Feit an Rahel Levin, 20. 3. 1793

Hier, liebe Freundin, kommt Reineke Fuchs, der Schelm, und verspricht sich eine gute Aufnahme. Da dieses Geschlecht auch zu unsern Zeiten bei Höfen, besonders aber in Republiken sehr angesehn und entbehrlich ist, so möchte nichts billiger sein, als seine Ahnherrn recht kennen zu lernen.
Goethe an Charlotte v. Kalb, 28. 6. 1794

Goethe bei der Armee! Welche Profanation!
Heyne an Sömmering, 27. 8. 1792

1792 kommt es zu einem Krieg Österreich/Preußens gegen das revolutionäre Frankreich. Das Ziel: Wiedereinsetzung des französischen Königs Ludwig XVI. Der Krieg weitet sich im folgenden auf England und eine große Anzahl europäischer Verbündeter aus – der 1. Koalitionskrieg gegen Frankreich.
Herzog Carl August von Weimar nimmt als preußischer General an dem Feldzug teil. Er läst seinen Freund und Minister Goethe ins Feld folgen. Am 20. 9. kommt es zur Entscheidungsschlacht bei Valmy. Die Preußen erleben eine Niederlage. Goethe dazu: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabeigewesen.“ Die Koalitionsheere werden von der französischen Armee geschlagen und über die französische Grenze zurückgetrieben. Im Oktober besetzt die französische Armee Belgien und die deutschen linksrheinischen Gebiete. In den besetzten deutschen Gebieten werden die Franzosen von deutschen Demokraten gefeiert. In Mainz wird am 23. Oktober eine Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit nach dem Vorbild des französischen Jakobinerklubs gegründet. Einer der führenden Mainzer Demokraten: Georg Forster
Am 21. Januar 1793 wird in Paris Ludwig XVI. hingerichtet; am 24. Februar finden Wahlen zum Rheinischdeutschen Nationalkonvent in den besetzten Gebieten statt; im März wird die Mainzer Republik gegründet. Der Hauptgedanke der Mainzer Demokraten mit Georg Forster an der Spitze war der Anschluß der Mainzer Republik an die Republik Frankreich (vor allem als Schutz gegen die deutsche Reaktion).
Am 10. April 1793 beginnt die Belagerung von Mainz durch preußische Truppen. Wieder sind Carl August und Goethe dabei. Am 23. Juli fällt Mainz. Die verbliebenen Demokraten werden verfolgt und brutal bestraft. Forster weilte zu dieser Zeit jedoch gerade in Paris, um die Bitte der Mainzer um Anschluß an Frankreich vorzutragen. Er starb wenig später in Paris. Nur durch seinen frühen Tod konnte er dem Schicksal seiner mit ihm in Paris weilenden deutschen Gesinnungsgenossen entgehen, die während der Zeit der Jakobinerdiktatur in Paris hingerichtet wurden (als Girondisten).

Ich habe manchen Abend während der Campagne in Frankreich mit ihm in lebhafter Unterhaltung verplaudert, obgleich wir in unseren Ansichten nicht immer übereinstimmen und er sowohl in politischer und noch mehr in religiöser Hinsicht zu den Freidenkern zu gehören schien …
Später – in Weimar – besuchte ich ihn einmal auf der Durchreise. Er, nahm mich mit großer Freundlichkeit auf und zeigte mir seine reichen Sammlungen und wir plauderten noch ein Langes und Breites über den früheren Krieg in Frankreich. In seinen politischen Gesinnungen schien er sich jetzt gebessert zu haben und entwickelte sehr konservative Grundsätze.
Henri Gaston Marquis v. B.

Von der Erscheinung Goethes und seiner Beiwohnung des Feldzuges läßt sich noch kein Grund angeben, so sonderbar auch diese ist.
Heyne an Forster, 26. 8. 1792

Du hast einen Brief von mir vom gestrigen Dato, aus dem Du siehst wie es mit mir steht. Ich gehe Montags den 20ten nach Maynz und von da gleich wieder zur Armee. Gegen mein mütterlich Hauß, Bette, Küche und Keller wird Zelt und Marquetenderey übel abstechen, besonders da mir weder am Todte der Aristokratischen noch Demokratischen Sünder im mindesten etwas gelegen ist. Meine alten Freunde und meine zunehmende Vaterstadt habe ich mit Freuden gesehen, nur kann es nicht fehlen, daß man nicht in allen Gesellschaften lange Weile habe, denn wo zwey oder drey zusammenkommen, hört man gleich das vierjährige Lied pro und contra wieder herab orgeln und nicht einmal mit Variationen sondern das crude Thema. Deßwegen wünschte ich mich wieder zwischen die Thüringer Hügel wo ich doch Hauß und Garten zuschließen kann.
Goethe an Jacobi, 18. 8. 1792

Ich eile nach meinen mütterlichen Fleischtöpfen, um dort wie von einem bösen Traum zu erwachen, der mich zwischen Koth und Noth, Mangel und Sorge, Gefahr und Qual, zwischen Trümmern, Leichen, Äsern und Scheishaufen gefangen hielt. Lebet wohl und haltet Euch für so glücklich als Ihr seid.
Goethe an Herder und Frau, 16. 10. 1792

Seit dem Nachtausfall von Ende Juni schweigen seine Notizen. Unruhe und Langeweile lähmten ihn. In seiner literarischen Darstellung der Belagerung vermerkt er selbst ausdrücklich diese Lücke, die er nun um so mehr durch geistigere Tätigkeit auszufüllen suchte. Kunst- und trostlos in der schönsten Gegend von Deutschland zu sitzen und in ihr nichts als Verwüstung und Elend zu sehen, setze ihm zu, bekam Heinrich Meyer in Weimar von ihm zu hören.
So beschäftigte er sich auf eine ihm sinnvoller erscheinende Art und feilte am Reineke Fuchs. Auch diese Arbeit stand in einem tieferen Zusammenhang mit dem Zeiterlebnis Goethes und diente ihm zur seelischen Entlastung, wie er uns in der Kampagneschrift nicht ohne psychoanalytische Feinheit zu verstehen gibt. Die Schreckensbilder der Revolution, zumal der Königsprozeß, hafteten eben wie ein Trauma in seinem Gemüt. Aus dem größten Unheil habe er sich zu retten gesucht, so lauten seine eigenen Worte.
Willy Andreas

Während Kundgebungen von Handwerkern und Gesellen in Hamburg, Bremen und Mainz zwar Aufsehen erregten, doch bis 1792 vereinzelt blieben, wurde die Intelligenz von der Revolution sogleich tief ergriffen: Diese Abstreifung monarchischer, feudaler und kirchlicher Fesseln schien auch ihr einen Weg zur geeinten bürgerlichen Nation zu weisen. Daß die studentische Jugend voranging, die Brüder Humboldt nach Paris eilten, die Zöglinge des Tübinger Stifts Schelling, Hegel und Hölderlin einen politischen Klub gründeten und 1790 einen Freiheitsbaum pflanzten, verwundert nicht. Doch auch die kühleren „Alten“ – Kant in Königsberg, Wieland in Weimar und der Spotter Lichtenberg in Göttingen – standen ihnen an Begeisterung nicht nach. „Hätt’ ich hundert Stimmen, ich feierte Galliens Freiheit“, sang Klopstock in Altona. Der Historiker Schlözer öffnete den Leitgedanken der Revolution die Spalten seiner Staatsanzeigen, der führenden Zeitschrift der deutschen Aufklärung. Beethoven setzte sie in Töne um. Schiller und Fichte, der Pädagoge Campe, der Publizist Becker machten sich zu Anwälten der glückhaften Umwälzung. Schubart feierte sie aus dem Dunkel seiner Kerkerzelle, auf dem herzoglich-württembergischen Hohenasperg, während neue Federn sich einen Namen zu machen begannen: Schütz, Rebmann,Görres, Tieck und Schlegel. Eine wahre „deutsche Kolonie“ bildete sich um Schlabrendorf, Oelsner, Archenholz, Reinhard, Kerner, Clauer und Reichhardt im revolutionären Paris. Es gab andere Stimmen, die der Revolution nur unter Vorbehalten beipflichteten wie Herder – und Goethe. Bald sollte sich weisen, daß sie eine Grenze anzeigten, die dem Enthusiasmus der meisten Dichter und Denker gezogen war. Er überdauerte die Konstituante nur um weniges. Unfähig, aus der Sicht des rückständigeren Deutschland die harten Gesetzmäßigkeiten einer bis zum Ende ausgekämpften Volksrevolution zu begreifen, werden sich bei jedem weiteren ihrer großen Schritte nach vorn ihre anfänglichen Herolde nacheinander abkühlen und zurückziehen. Dennoch konnte nichts und niemand die in den Köpfen vollzogene Veränderung auslöschen. Auch der verleugnete Gewinn erwies sich als unverlierbar und wird einer neuen Epoche als Leitstern voranleuchten.
Walter Markov / Albert Soboul

Eben dieser widerwärtigen Art, alles Sentimentale zu verschmähen, sich an die unvermeidliche Wirklichkeit halb verzweifelnd hinzugeben begegnete gerade „Reineke Fuchs“ als wünschenswerter Gegenstand für eine, zwischen Uebersetzung und Umarbeitung schwebende Behandlung. Meine, dieser unheiligen Weltbibel gewidmete Arbeit gereichte mir zu Hause und auswärts zu Trost und Freude. Ich nahm sie mit zur Blockade von Mainz, der ich bis zum Ende der Belagerung beiwohnte …
Tag- und Jahreshefte, 1793

Wie nähert sich ein Komponist einem Text, wie findet er Bezugspunkte, wie kommt er zu seinen musikalischen Formulierungen? Anfangs scheint es immer eine verwirrende Fülle von Möglichkeiten zu geben, vieles bietet sich an, manches wird allerdings von vornherein ausgeschlossen. Die wichtigste Arbeit besteht nun darin, sich immer wieder aufs Neue von der Vorlage anregen zu lassen und ebenso fortlaufend zu verwerfen, bis eine Idee vor allen anderen unabweisbar sich aufdrängt. Idee nicht verstanden als musikalisches Motiv oder Thema sondern allgemeiner: als Konzeption. Konkret: Bei einem Stück wie dem „Reineke“, seiner ironischen Distanz, seiner Deftigkeit, Bissigkeit, aber auch seiner artistischen Verspieltheit, mußte nach einem adäquaten Klanggewand gesucht werden. Aber Transparenz und Pointiertheit waren nur allgemeine Eigenschaften des gesuchten Idioms. Dazu kamen, nach Absprache mit dem Regisseur, spezielle Aufgaben: Szenen wie die am Hofe des Königs waren musikalisch auszustatten, oder es war der Klage des Hühnervolkes Ausdruck zu verleihen. Dann ging es wieder darum, dramaturgische Gliederung zu unterstützen.
Aber auch immer wieder Kommentare zu Reineke selbst, Beschreibungen seiner List, Gewandtheit, Verführung, Eleganz. Und dann die Inszenierung! Vier Schauspieler im Wechsel, neben der Lust am Entdecken goethescher Sprachschönheiten wie auch seiner feinen Hinterhältigkeiten vollendete Beherrschung der Kunst des Sprechens. Kein Lesestück mehr sondern ein Sprechkonzert. – Sprechkonzert –, wie, wenn dieser Gedanke in die Musik hinein verlängert würde? Dies war der eigentliche „Einfall“! Die Musik wäre demnach eine gesungene, besser: eine mit Sprechwerkzeugen hergestellte. Singen, Sprechen, Geräusch- und Instrumentenimitation, alles was die Kehle laut macht. Dazu Schlagzeug und eine Geige als eine Art obligates Instrument des Titelhelden. In dieser Instrumentation sollte es auch möglich sein, historisierende musikalische Formen verfremdet einzusetzen, ganz abgesehen vom Vergnügen am artistischen Spiel mit dem Naiven.
Dieses Vergnügen war dann für meine weitere Arbeit bestimmend. Möge einiges davon sich auf den Hörer übertragen.
Georg Katzer

Das lange Gedicht über menschliches, gesellschaftliches, politisches Verhalten und Geschehen, das wir alle irgendwann einmal zu lesen begannen, nie zu Ende lasen, meistens viele Gesänge überblätterten und dann im Schluß mit unseren Augen rumsprangen und sagten: jetzt muß ich’s, – wirklich –, von vorn und ganz durchlesen; es wurde selten geschafft.
Es fehlt uns heut die Zeit, die Ruhe und wohl auch die Lust, lange Geschichten zu lesen. In der S-Bahn die bz am Abend oder ein paar Vokabeln für den Englischkurs in der Volkshochschule, oder vor dem Abendbrot den Kinderberuhiger, das Sandmännchen, und dann noch schnell dies und dann noch schnell das, es muß alles schnell erledigt werden.
Wer liest noch die köstlichen Wieland-Geschichten? Mit Witz und Ernst, mit Naivität und Schläue berichten sie erzählend von der Welt. Sie sind geschrieben für lange Winterabende und für eine Zeit, die wenig „fern-Sehen“ hatte, mehr „fern-Sehn-Süchte“ hatte.
Die spärlichen Berichte, durch Zeitungen und Weltumsegler in die Ansiedlungen gebracht, reichten nicht für die Abende, da griff man eher mal zur geschriebenen Geschichte, zum Roman, zum Erzählten.
Da wir die Möglichkeit der akustischen Vervielfältigung haben, meinten wir, warum soll der vielstrapazierte Fernsehzuschauer nicht einmal zu dieser geistreichen Geschichte von Goethe greifen, zur Platte also, und einmal hinhören und das Sehen seiner ach so wenig angesprochenen Phantasie überlassen. Und warum sollen Sie nicht Lust bekommen, durch die Schauspieler gewissermaßen animiert, eine andere Geschichte laut vorzulesen. Ich meine nicht nur Ihrem Kinde oder sich selbst oder Ihrem Gegenüber nach dem Abendbrot. Und wer schreibt uns vor, daß geschriebene Sätze nur gelesen werden dürfen? Kann man sie nicht auch singen? – ohne Notenvorgabe? – warum nicht! Warum soll man nicht zum Beispiel dem Rhythmus der Hexameter nachspüren und Lust am Skandieren der Zeilen bekommen?
Über das lustvolle Behandeln des Sprachkörpers werden wir plötzlich inhaltliche Entdeckungen machen. Die Fabel bietet in ihrem Ablauf einen schnellen Zugang. Aber da sind noch diese vielen Bezüge! Was hat der Goethe damit gemeint, was damit? Und so nehmen wir vielleicht Goethes Leben in broschürter Form zur Hand und dann entdecken wir, daß wir auch ein Geschichtsbuch zur Hand nehmen müssen, um mehr Erkenntnisse aus dieser höfischen Tiergeschichte ziehen zu können. Ach du lieber Gott, vielleicht auch noch ein Buch der Germanisten? Ja und nein. Ja nur, wenn Sie es im Bereich Ihrer lustvollen Aneignung lassen.
Sicherheitshalber geben wir etwas historischen Zeitgeist in das Heft hinein. Den Geist unserer Zeit haben Sie ja selber. Wenn Sie aufmerksam drin herumblättern, werden Sie merken, daß Grandville zum Beispiel die Weitsicht, die im Gedicht ist, markiert. Die Vorschau, wie große Ereignisse enden. Denn Grandville lebte nach der Entstehungszeit des „Reineke Fuchs“, somit nach den stürmischen Ereignissen, die sich in Paris und Frankreich abspielten.
Friedo Solter

„Reineke Fuchs“ habe ich gelesen. Ich verkenne den Kunstwert daran gewiss nicht; aber wenn ich die Zeit und Mühe bedenke, die Goethe darauf verwendet haben muß, so dächte ich doch, dass er uns etwas Bedeutenderes hätte geben können.
Körner an Schiller, 17. 6. 1794


Quellen:
Goethes Gespräche, Bd. 1, Leipzig 1909;
Goethe und seine Freunde im Briefwechsel, Bd. 1, Berlin 1909;
Goethe-Briefe, hrsg. von Philipp Stein, Bd. III und IV, Berlin 1902 und 1903;
Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen, Bd. II und III, Berlin/Weimar 1979;
Goethe, Schriften zu Literatur und Kunst, Berliner Ausgabe, Bd. 17, Berlin 1970;
Goethe, Kampagne in Frankreich, Berliner Ausgabe, Bd. 15, Berlin 1978;
Goethe, Reineke Fuchs, Berliner Ausgabe, Bd. 3, Berlin 1979;
Thomas Mann, Reden und Aufsätze, Bd. I, Stockholmer Gesamtausgabe, Oldenburg 1965;
Willy Andreas, Goethe und Carl August während der Belagerung von Mainz, in: Sitzungsberichte der bayrischen Akademie der Wissensch., Jhrg. 1955, H. 9;
Friedrich Wilhelm Riemer, Mitteilungen über Goethe, Leipzig 1921;
Ritters Geographisch-Statisches Lexicon, Leipzig/Wien 1910;
Hans Mayer, Von Lessing bis Thomas Mann, Pfullingen 1959;
Walter Markov / Albert Soboul, 1789;
Die große Revolution der Franzosen, Berlin 1977;
Heinz Kahlau, Georg Katzer, Friedo Solter, Bemerkungen zum „Reineke Fuchs“, unveröff. Manuskripte, Berlin 1980.
Sprecher: Elsa Grube-Deister, Jutta Wachowiak,
Fred Düren, Herwart Grosse

Sprecher der Zwischentexte: Friedo Solter
Gesang: Christine Klopsch, Astrid Pilzecker,
Karin Pohl, Renate Schunke, Günther Beyer,
Karl-Heinz Schmieder, Klaus Silber, Joachim Vogt


von Johann Wolfgang Goethe

Musik: Georg Katzer
Violine: Ulf Däunert
Celesta: Georg Katzer
Schlagwerk: Gerhard Gläßer, Walter Pietschmann
Dirigent: Dietrich Knothe

Regie: Friedo Solter

Dramaturgie: Eva-Maria Viebeg, Susanne Wolf
Tonregie: Karl-Hans Rockstedt
Aufnahmeleitung: Jürgen Schmidt