Egmont
Ein Trauerspiel

von Johann Wolfgang Goethe
4-LP LITERA 8 60 027–030
Covertext:
Egmont und der Befreiungskampf der Niederländer

Goethes ,,Egmont“ beginnt mit einer Volksszene: Bürger von Brüssel und Soldaten sind zu einem fröhlichen Feste vereint. Beim Armbrustschießen zeichnet sich Buyck, ein holländischer Soldat, der seit langem unter Egmont dient, als Schützenkönig aus. Es werden Hochrufe ausgebracht: auf den spanischen König Philipp II., auf die Regentin Margarete von Parma, auf Wilhelm von Oranien und am freudigsten auf den Grafen Egmont. Und dann, der Wein beginnt bereits seine Wirkung zu zeigen, bringt auch der alte Kriegsinvalide Ruysum seinen Trinkspruch aus: „Es lebe der Krieg!“ Das fröhliche Treiben und Lärmen der Menge ist mit einem Schlag verstummt und der Schneider Jetter spricht aus, was sie alle plötzlich ernüchtert denken: „Krieg! Krieg! Wißt ihr auch, was ihr ruft ?“– Mit diesem Trinkspruch eines biederen Landsknechts, der nie über den Sinn seines Lebens nachgedacht hat, und der ängstlich beschwörenden Zurückweisung durch einen Bürger ist die Lebenssituation des niederländischen Volkes unter spanischem Joch mit einem Male sichtbar geworden. Die natürliche Lebensfreude hat von nun an Not und Angst im unmittelbaren Gefolge.
Krieg oder Frieden war für die Niederländer im 16. Jahrhundert gleichbedeutend mit dem Kampf gegen die spanische Despotie um nationale Unabhängigkeit. Die Niederlande waren im 14. Jahrhundert unter den Herzogen von Burgund und im folgenden Jahrhundert unter dem Hause Habsburg vereinigt worden. Das Land, geographisch begünstigt, nahm einen raschen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung und zählte zu den reichsten jener Zeit. Erst Brügge, später Antwerpen und Amsterdam wurden zu Zentren des Welthandels. Das Bürgertum erstarkte schneller als in den anderen Ländern des europäischen Kontinents, es wurde selbständig, reich und angesehen. Bevor die spanischen Könige aus dem Hause Habsburg ihre Herrschaft im Land ausübten, hatten sich die Bürger bereits in den unabhängigen Städten Körperschaften gebildet und Rechte gegenüber dem Adel gesichert, die sie nun für alle Ewigkeit zu besitzen glaubten. Seit 1465 traten die Generalstaaten, die Versammlung von Abgeordneten der Provinzialstände und der Stände der selbständigen Städte zusammen. Der deutsche Kaiser Karl V. (15oo–1558), als Karl I. auch König von Spanien, festigte seine Hausmacht durch zahlreiche Eroberungskriege. 1548 verband er, nachdem die letzten unabhängigen Städte unterworfen waren, siebzehn Provinzen zum burgundischen Kreis des deutschen Reiches, zu den Niederlanden. Geographisch gehörten dazu Holland, Luxemburg, das Gebiet des heutigen Belgien und ein Teil des heutigen Nordfrankreich. Damit bestanden die Niederlande aus 300 Städten und 65oo Dörfern. Trotz der Kriegswirren waren sie ein hochentwickeltes Land, in dem es bereits Manufakturen gab und das Bürgertum über die umfangreichsten Handelsbeziehungen zu allen erschlossenen Gebieten in der Welt verfügte. Auf dem Lande war die Leibeigenschaft weitgehend abgeschafft, die adligen Grundbesitzer und die wohlhabenden Bauern waren vom einfachen Austausch von Produkten bereits zur Warenproduktion landwirtschaftlicher und tierischer Erzeugnisse übergegangen.
1556 trat Kaiser Karl V. von der Regierung zurück, teilte seinen Machtbereich und übertrug die Herrschaft seinem Bruder Ferdinand und seinem Sohn Philipp. Ferdinand I. (1503–1564) erhielt die deutsche Kaiserkrone. Philipp II. (1527–1598), der bereits im Jahre 1555 die Herrschaft über die Niederlande und die italienischen Besitzungen Habsburgs antrat, wurde 1556 König von Spanien. Nach seinem Regierungsantritt begann er zahlreiche grausame Kriege, die er mit dem Ziel der Weltherrschaft der katholischen Kirche und Spaniens unternahm.
Der Befreiungskampf der Niederländer gegen die spanische Unterdrückung erstreckte sich über die Zeit von fast einhundert Jahren. Lamoral Graf von Egmond, Prinz von Gavre (1522–1568) – Goethe änderte die Namen in Egmont und Gaure –, war seit 1541 Kommandeur und Feldherr im spanischen Heer und führte die spanische Reiterei in den Schlachten bei St. Quentin (1557) und Gravelingen (1558), die mit einem Sieg über die französischen Truppen endeten. Karl V. hatte ihm den Orden des Goldenen Vlieses verliehen. Sein Sohn Philipp übertrug ihm die Statthalterschaft von Flandern und Artois. Egmont war also zunächst ein treuer Untertan der spanischen Könige, schlug sich für sie und vertraute fest auf die Gerechtigkeit ihrer Ordnung. Nachdem Philipp König geworden war, verstärkten sich die gesellschaftlichen Widersprüche in den Niederlanden. Philipp brauchte ungeheure Summen, um durch Kriege sein Ziel zu erreichen, und saugte seine Länder erbarmungslos aus. Nicht nur der ökonomische, auch der ideologische Druck auf Adel und Bürgertum der Niederlande verstärkte sich ständig. Die ideologischen Gegensätze dieser Zeit wurden meist in theologischen Kämpfen ausgetragen. Diese religiösen Auseinandersetzungen waren auch in den Niederlanden ihrem Wesen nach sozialer Art. Goethe schildert in seinem Trauerspiel die Vorgänge zu Beginn des Freiheitskampfes der Niederländer. Das Volk empörte sich gegen die Einsetzung weiterer Bischöfe, also gegen die ständige Verbreiterung der Macht der katholischen Kirche, es empörte sich gegen die erhöhten Abgaben an die Kirche, gegen die doppelte Ausplünderung des Landes durch Feudalstaat und Kirche. Ob die Niederländer die in lateinischer Sprache gehaltenen Predigten verstanden, blieb für die Kirche unwichtig, selbst dieses Mittel schien am Platze, um das Volk in Unwissenheit und Passivität zu halten. Doch das Volk wehrte sich; es stand auf einer zu hohen Kulturstufe, um sich mit diesem mittelalterlichen Unwesen abfinden zu können. Aus Deutschland und Frankreich drangen andere Stimmen in das weltoffen gesinnte Land. Wohl gab es noch keine ausgeprägten Lehren, die der bürgerlichen Klasse Ziel und Richtung hätten geben können, jedoch Gedanken, die im Bürgertum auf fruchtbaren Boden fielen und es seine Klassenlage verstehen lehrten. Dazu gehörte die Lehre Johann Calvins (15o9–1564), der Kalvinismus, der reformatorisch auf Frankreich, Schottland und die Niederlande wirkte wie Luther auf Deutschland. Besonders starken Einfluß auf das Bürgertum besaß Calvins Gedanke, daß solche Christen von Gott auserwählt seien und seiner Liebe bevorzugt teilhaftig würden, die durch ihre Arbeit zu irdischen Erfolgen gelangen. Diese These, die mit ihrem sozialen Anspruch die Feudalordnung in Frage stellte, mußte, wie überhaupt jeder Zweifel an der katholischen Kirche und ihrer weltlichen Macht, zu blutigen Unterdrückungsmaßnahmen führen. Wie immer, wenn die unterdrückten Klassen noch keine klare Konzeption haben, gehen der Bewußtseinsentwicklung anarchische Kampfformen voraus. Im Falle der protestantischen Bewegung in den Niederlanden, die ihrem sozialen Kern nach eine bürgerliche Bewegung war, ging der Widerstand zunächst von den sogenannten Bilderstürmern aus, die mit der Zerstörung der Glaubenssymbole zeigen wollten, daß diese auch nur reale Machtfaktoren repräsentieren. Von den spanischen Landsknechten wurden grausame Schauspiele (Erhängen, Foltern, Rädern) in aller Öffentlichkeit vorgeführt, um zu zeigen, daß jeder Widerstand niedergeschlagen werde und absolut sinnlos sei. Für die Spanier gab die Bilderstürmerbewegung die Handhabe, um mit der blutigen Verfolgung aller „Ketzer“ zu beginnen und mit der Macht der Inquisition das Volk ständig in Angst und Not zu halten.
Die sich zuspitzenden nationalen und sozialen Widersprüche konnten auch den Adel nicht unberührt lassen. Graf Egmont, Wilhelm von Oranien und Philipp Graf von Hoorne vertraten den niederländischen Hochadel im Staatsrat. Sie suchten den Weg eines Kompromisses: Unantastbare Voraussetzung für ihr Handeln war die Anerkennung des Königs und der spanischen Herrschaft in den Niederlanden. Sie bemühten sich, das Volk zu beschwichtigen und nur seine dringendsten Forderungen zu ihren eigenen zu machen. 1565 wurde Graf Egmont nach Madrid entsandt. Er hatte den Auftrag, über folgende Forderungen zu verhandeln: Verminderung der neu errichteten katholischen Bistümer, Abberufung des spanischen Ministers Kardinal Granvella, des ersten Ratgebers der Regentin Margarete von Parma, sowie Einberufung der Generalstände, um dem Volk das Bewußtsein eigener Rechte zu geben. Egmonts Verhandlungen hatten keinerlei Erfolg. Ohne das geringste Zugeständnis seitens des spanischen Hofes reiste er nach Brüssel zurück.
Der niedere Adel verband sich zu einem Geheimbund, an dessen Spitze Oraniens Bruder Ludwig trat. Dieser Geheimbund verhielt sich zunächst abwartend, später aber spielte er in den Kämpfen um die Befreiung der Nordprovinzen und an der Seite Wilhelms von Oranien eine bedeutende Rolle.
Als im Herbst 1566 the Bilderstürmerbewegung in einigen Provinzen zu allgemeinen, starken Unruhen führte, glaubten Egmont und Hoorne ihre Königstreue beweisen zu müssen, indem sie sich an der Unterdrückung des Aufruhrs beteiligten.
Im Jahre 1567 rückte der Herzog von Alba auf Geheiß Philipps II. mit einem starken Heer in den Niederlanden ein. Er hatte unumschränkte Vollmachten und konnte tun und lassen, was ihm beliebte, um die Macht Spaniens und der Kirche zu behaupten. Es kam zu einem offenen Terror der Spanier gegen alles, was niederländisch war, gleich ob Bürger, Adlige oder Plebejer. Die Inquisitionsgerichte verurteilten 6000 Niederländer zum Tode, Zehntausende wurden gefoltert und hart bestraft. Die spanische Krone nutzte die Gelegenheit, durch Enteignung niederländischer Bürger und Adliger und durch Geldbußen das Land auszuplündern und sich seine Reichtümer anzueignen. Zunächst schien jeder Widerstand sinnlos. Wilhelm von Oranien verließ das Land und zog sich auf seine deutschen Güter in Nassau zurück, um dort den bewaffneten Kampf vorzubereiten. Auch der größte Teil des Adels floh aus den Niederlanden. Egmont und Hoorne vertrauten auf die Unantastbarkeit ihres Ranges, auf ihre Verdienste um Spanien, auf ihre Rechte und blieben im Lande. Dazu kam, daß Egmont seine Familie – er hatte elf Kinder – nicht verlassen konnte, ohne die Enteignung befürchten zu müssen. In anderen Ländern aber hatte er keinen Besitz. So erwartete er den Herzog von Alba und ritt beim Einzug der spanischen Armee in Brüssel an Albas Seite. Kurze Zeit danach ließ Alba Egmont und Hoorne auf einer Beratung in den Culenburgischen Palast beordern und verhaftete beide. Am 5. Juni 1568, nach neun Monaten Kerkerhaft, wurden Egmont und Hoorne auf dem Marktplatz zu Brüssel enthauptet.
Die Spanier fragten bei ihren Vergeltungsmaßnahmen nicht nach Gesetz und Recht. Sie versuchten, dem Volk die Führungskräfte zu nehmen und durch ihre Terrorakte, die den Schuldigen wie den Unschuldigen trafen, jeden Widerstand auszulöschen und die Niederländer gefügig zu machen. Doch die Niederländer ließen sich nicht zu Boden zwingen, sondern begannen den bewaffneten Kampf um ihre Freiheit. Unter der Führung der Geusen (aus dem franz. gueux: Bettler) kam es zum revolutionären Befreiungskrieg gegen die Spanier. 1567 nahmen die „Wald-Geusen“ ihren Partisanenkampf auf dem Lande auf, 1572 eroberten die „Wasser-Geusen“ die Stadt Briel (Provinz Seeland) und begannen die Nordprovinzen zu befreien. Prinz Wilhelm I. von Oranien wurde Statthalter dieser freien Provinzen. Herzog Alba und andere spanische Heerführer versuchten in den folgenden Jahrzehnten vergeblich, diese Provinzen zurückzuerobern. 1579 vereinigten sich die befreiten Gebiete zur Utrechter Union. 1609 konnte Spanien zum Waffenstillstand gezwungen werden. 1621 versuchte Spanien erneut, die Niederlande zu unterjochen, konnte aber nichts ausrichten. Erst 1648 war der Sieg endgültig errungen: Im Westfälischen Frieden mußte Spanien die nationale Unabhängigkeit der Niederlande anerkennen.
Der Befreiungskampf der Niederländer ist von weltgeschichtlicher Bedeutung. Im Verlauf des nationalen und sozialen Kampfes entwickelte sich das Bürgertum in den Niederlanden zu einer selbständigen, aktiven Kraft, vollbrachte es die erste bürgerliche Revolution, die zugleich die Unabhängigkeit der Nation herbeiführte.
In Deutschland war das Bürgertum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts so weit erstarkt, daß es seine Entscheidung treffen mußte, auf welche Weise es als neue Klasse Ansprüche auf die Macht erheben wollte. Für die Dichter und Historiker gab es im eigenen Land keine historischen Parallelen, die sie als Vorbild und Beispiel darstellen konnten, wohl aber in den erfolgreich verlaufenen revolutionären Aktionen anderer Völker. Es ist darum kein Zufall, ja eine Folge der deutschen Situation, daß auch Schiller als Dichter (im „Don Carlos“) und als Historiker (in der „Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“) die erste bürgerliche Revolution zum Thema gewählt hat.
Goethes „Egmont“ umschließt die erste Phase der Revolution, die Zeit von der Bilderstürmerbewegung bis zu Egmonts Tod. Nur zu einem Teil hielt sich Goethe an die historischen Vorgänge, in wesentlichen Punkten wich er von Äußerlichkeiten ab, um die historischen Gesetzmäßigkeiten in ihrem Wesen und künstlerisch wahr erfassen zu können. Auch zeitlich faßt er die Ereignisse bedeutend zusammen. In seinem Werk spielt sich in Tagen ab, was in Wirklichkeit in annähernd zwei Jahren geschah. Bei Goethe nimmt das Volk entscheidenden Einfluß auf das Geschehen, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch nicht
als revolutionäre Kraft in Erscheinung trat, die Geusen ihren Kampf noch nicht aufgenommen hatten. Das Bürgertum wird in der ihm als Klasse eigenen Widersprüchlichkeit gezeigt: seine Forderungen und Ansprüche, seine Tüchtigkeit und Moral, aber auch seine Ängstlichkeit und Furcht vor der Konsequenz des Kampfes, wenn der eigene Besitz auf dem Spiele steht. Doch im Verlauf der Auseinandersetzung entwickeln einzelne Bürger revolutionäre Eigenschaften, werden sie zu würdigen Gefährten der Geusen und Vorfahren der Erstürmer der Bastille. Vansen versteht es, mit Hilfe seines größeren Wissens seine Mitbürger zu beeinflussen. Klärchen lernt verstehen, was die Rettung des Geliebten für die Rettung der Nation bedeuten würde. Goethes bürgerliche Helden begreifen im Verlauf des Kampfes, wie eng der Sinn des eigenen Lebens mit dem Geschick des Volkes zusammenhängt. Das ist auch die Wandlung, die sich in Egmonts Denken vollzieht. Sein Geschick ist tragisch, weil er zu spät erkannte, daß der Kompromiß mit Spanien, den er gesucht hatte, nicht mehr der geschichtlichen Realität entsprach und die Diktatur weder mildern noch beseitigen half. Zu spät erkannte er die Illusionen, die die Wirklichkeit verdeckten. Machiavell sagt (im I. Aufzug), nachdem die Regentin ihre Furcht vor Oraniens politischer Weitsicht und Klugheit eingestanden hat: „Recht im Gegenteil geht Egmont einen freien Schritt, als wenn die Welt sein gehörte.“ Und die Regentin antwortet: „Er trägt das Haupt so hoch, als wenn die Hand der Majestät nicht über ihm schwebte.“ Zu spät fand Egmont zu der Wahrheit und Erkenntnis, daß allein das Volk die Kraft sein konnte, an deren Spitze der Sieg zu erringen war. Egmont war ein Held, weil ihn die Liebe und das Vertrauen des Volkes emportrugen. In seiner Zukunftsvision sieht Egmont, wie das Volk die Tyrannei beseitigt und die Freiheit erringt, für die er stritt und sein Leben hingab. Goethe nimmt in diesem gewaltigen Schlußbild, gesteigert durch Beethovens Siegesmarsch, die Gewißheit des Sieges voraus; die weitere Entwicklung und das Ergebnis des historischen Ablaufs werden künstlerisch wahr erfaßt. Um nun einen solchen Volkshelden, einen Adligen mit bürgerlicher Gesinnung schaffen zu können, sah sich Goethe veranlaßt, von dem historischen Vorbild abzuweichen. Am 31. Januar 1827 erklärte er im Gespräch mit Eckermann: „Kein Dichter hat je die historischen Charaktere gekannt, die er darstellte, hätte er sie aber gekannt, so hätte er sie schwerlich so gebrauchen können. Der Dichter muß wissen, welche Wirkungen er hervorbringen will, und danach die Natur seiner Charaktere einrichten. Hätte ich den Egmont so machen wollen, wie ihn die Geschichte meldet, als Vater von einem Dutzend Kindern, so würde sein leichtsinniges Handeln sehr absurd erschienen sein. Ich mußte also einen anderen Egmont haben, wie er besser mit seinen Handlungen und meinen dichterischen Absichten in Harmonie stände, und dies ist, wie Klärchen sagt, mein Egmont.“

Zur Entstehung und Darstellung von Goethes „Egmont“

Im 19. Buch von „Dichtung und Wahrheit“ berichtet Goethe, daß er im Herbst 1775 mit der Niederschrift des „Egmont“ begonnen hat. Mit Thema und Konzeption beschäftigte er sich jedoch nach eigener Aussage bereits in den Jahren 1773 und 1774. Goethe stützte sich besonders auf zwei historische Quellenwerke: „De bello Belgico“ (Der belgische Krieg) des Jesuitenpaters Famianus Strada (zuerst 1632 in Rom erschienen) und „Historia belgica“ (Geschichte Belgiens) von Emanuel van Meteren (zuerst 1597 in Antwerpen erschienen). Die Niederschrift der Dichtung läßt sich anhand von Briefzeugnissen bis zum Jahre 1782 verfolgen. Wie Goethe selbst berichtet, verfuhr er nicht systematisch, sondern entwarf die Hauptszenen und vervollständigte das Manuskript nach und nach. Kam schon die Arbeit in den Jahren bis 1782 nur stockend und mit immer größeren Unterbrechungen voran, blieb das Manuskript in den Jahren 1782 bis 1786 überhaupt unberührt. Die Ursachen dafür sind in Goethes Situation vor seiner Flucht nach Italien zu suchen. In den Jahren seines bisherigen Weimarer Aufenthaltes, 1775 bis 1786, hatte er seine politisch-reformatorischen Pläne mit bedeutendem persönlichen Einsatz zu verwirklichen gesucht. Sein Reformwerk scheiterte an den Verhältnissen in diesem träge dahinvegetierenden Feudalstaat. In diesen Jahren gelingt es Goethe nicht, seinen „Egmont“ abzuschließen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse bewirkten eine künstlerische Schaffenskrise, aus der sich Goethe nur durch seine Flucht nach Italien befreien konnte. Nachdem Goethes praktische Politik, nachdem seine Reformpläne gescheitert sind, vermag der Dichter sein revolutionäres Stück wiederaufzunehmen und in kurzer Zeit zu vollenden. Das geschieht 1787 in Goethes glücklichster Lebensperiode unter dem „heiteren Himmel“ Italiens.
Goethes Trauerspiel wurde zuerst durch die Truppe Kochs am 9. Januar 1789 in Mainz und am 15. März 1789 in Frankfurt aufgeführt. Die erste Aufführung in Weimar kam – von der Truppe Bellomos gespielt – am 31. März 1791 zustande. Der Erfolg in Weimar war gering. Da ein Gastspiel des berühmten Schauspielers August Wilhelm Iffland bevorstand, bat Goethe seinen Freund Schiller im September 1794 „Egmont“ für die Bühne neu zu bearbeiten. Goethe hat später in seinem Aufsatz „Über das deutsche Theater“ (1815) geschrieben, daß „Schiller bei seiner Redaktion grausam verfahren“ sei. Schiller, der sich bei der Bearbeitung zu sehr von seiner eigenen Konzeption leiten ließ, schuf eine Neugliederung des Werkes in drei Akten, nahm in den ersten Akt alle Volksszenen, in den dritten Akt alle Klärchenszenen auf. Die Szenen zwischen der Regentin und Machiavell sowie die Traumerscheinung wurden gestrichen, anderes gekürzt und hinzugesetzt. Am 25. April 1796 wurde „Egmont“ in Schillers Bühnenbearbeitung in Weimar aufgeführt. Iffland verkörperte den Egmont. Goethe hat diese Aufführung vermutlich nicht besucht. Der Schauspieler und Regisseur Anton Genast notierte im März 1796 während der Probenarbeit: „Goethe las den Egmont, und abgesehen davon, daß sein Vortrag etwas zu markiert war, habe ich nie den Egmont so darstellen sehen, wie er ihn las; Iffland stand weit hinter der Auffassung Goethes zurück.“ Iffland gab den Egmont als Staatsmann und Standesperson, es fehlten ihm jugendliches Feuer und Leidenschaftlichkeit, die Eigenschaften also, die ihn dem Volk und Klärchen besonders liebenswert machten.
In den Jahren 18o6 bis 1816 wurde Goethes Werk in Weimar in Schillers Fassung gespielt. Allerdings wurden die größten Härten seiner Bearbeitung beseitigt. In diesen Fällen wurde Goethes Text wiederhergestellt. Nicht das Schauspiel, sondern die Schauspielmusik gab schließlich den Ausschlag, welche Fassung sich auf den Bühnen durchsetzen konnte. Auf Goethes Anregung waren zunächst Bühnenmusiken von Philipp Christoph Kayser und Johann Friedrich Reichardt komponiert worden. 1809 und 181o entstand Beethovens Musik zu Goethes „Egmont“, in der der Ideengehalt des dichterischen Werkes kongenial erfaßt ist. Beethoven hatte sich genau an Goethes Text und seine Anordnung der Szenen gehalten. Die Entscheidung für Beethovens Musik war also gleichbedeutend mit der Entscheidung für die Originalfassung des Schauspiels. Die erste Aufführung von Goethes „Egmont“ mit der Musik Ludwig van Beethovens fand vermutlich bereits am 29. Januar 1814 statt. Seit dieser Zeit hat das Werk Goethes und Beethovens in dieser Gestalt die Menschen in aller Welt begeistert und mit revolutionärer Gesinnung erfüllt.

Goethe über „Egmont“

Nachdem ich im „Götz von Berlichingen“ das Symbol einer bedeutenden Weltepoche nach meiner Art abgespiegelt hatte, sah ich mich nach einem ähnlichen Wendepunkt der Staatengeschichte sorgfältig um. Der Aufstand der Niederlande gewann meine Aufmerksamkeit. In „Götz“ war es ein tüchtiger Mann, der untergeht in dem Wahn: zu Zeiten der Anarchie sei der wohlwollende Kräftige von einiger Bedeutung. Im „Egmont“ waren es festgegründete Zustände, die sich vor strenger, gut berechneter Despotie nicht halten können.
(Dichtung und Wahrheit, 19. Buch)

Unter die einzelnen Teile der Weltgeschichte, die ich sorgfältiger studierte, gehörten auch die Ereignisse, welche die nachher vereinigten Niederlande so berühmt gemacht. Ich hatte die Quellen fleißig erforscht und mich möglichst unmittelbar zu unterrichten und mir alles lebendig zu vergegenwärtigen gesucht. Höchst dramatisch waren mir die Situationen erschienen, und als Hauptfigur, um welche sich die übrigen am glücklichsten versammeln ließen, war mir Graf Egmont aufgefallen, dessen menschlich ritterliche Größe mir am meisten behagte.
Allein zu meinem Gebrauche mußte ich ihn in einen Charakter umwandeln, der solche Eigenschaften besaß, die einen Jüngling besser zieren als einen Mann in Jahren, einen Unbeweibten besser als einen Hausvater, einen Unabhängigen mehr als einen, der, noch so frei gesinnt, durch mancherlei Verhältnisse begrenzt ist.
Als ich ihn nun so in meinen Gedanken verjüngt und von allen Bedingungen losgebunden hatte, gab ich ihm die ungemessene Lebenslust, das grenzenlose Zutrauen zu sich selbst, die Gabe, alle Menschen an sich zu ziehen (attrattiva) und so die Gunst des Volks, die stille Neigung einer Fürstin, die ausgesprochene eines Naturmädchens, die Teilnahme eines Staatsklugen zu gewinnen, ja selbst den Sohn seines größten Widersachers für sich einzunehmen.
Die persönliche Tapferkeit, die den Helden auszeichnet, ist die Base, auf der sein ganzes Wesen ruht, der Grund und Boden, aus dem es hervorsproßt. Er kennt keine Gefahr und verblendet sich über die größte, die sich ihm nähert. Durch Feinde, die uns umzingeln, schlagen wir uns allenfalls durch; die Netze der Staatsklugheit sind schwerer zu durchbrechen. Das Dämonische, was von beiden Seiten im Spiel ist, in welchem Konflikt das Liebenswürdige untergeht und das Gehaßte triumphiert, sodann die Aussicht, daß hieraus ein Drittes hervorgehe, das dem Wunsch aller Menschen entsprechen werde, dieses ist es wohl, was dem Stücke, freilich nicht gleich bei seiner Erscheinung, aber doch später und zur rechten Zeit die Gunst verschafft hat, deren es noch jetzt genießt.
(Dichtung und Wahrheit, 20. Buch)

Die Aufnahme meines „Egmont“ macht mich glücklich, und ich hoffe, er soll beim Wiederlesen nicht verlieren, denn ich weiß, was ich hineingearbeitet habe und daß sich das nicht auf einmal herauslesen läßt. Das, was ihr daran lobt, habe ich machen wollen; wenn ihr sagt, daß es gemacht ist, so habe ich meinen Endzweck erreicht. Es war eine unsäglich schwere Aufgabe, die ich ohne eine ungemessene Freiheit des Lebens und des Gemüts nie zustande gebracht hätte. Man denke, was das sagen will: ein Werk vornehmen, was zwölf Jahre früher geschrieben ist, es vollenden, ohne es umzuschreiben. Die besondern Umstände der Zeit haben mir die Arbeit erschwert und erleichtert … Was du von Klärchen sagst, verstehe ich nicht ganz und erwarte deinen nächsten Brief. Ich sehe wohl, daß dir eine Nuance zwischen der Dirne und der Göttin zu fehlen scheint. Da ich aber ihr Verhältnis zu Egmont so ausschließlich gehalten habe; da ich ihre Liebe mehr in den Begriff der Vollkommenheit des Geliebten, ihr Entzücken mehr in den Genuß des Unbegreiflichen, daß dieser Mann ihr gehört, als in die Sinnlichkeit setze; da ich sie als Heldin auftreten lasse; da sie im innigsten Gefühl der Ewigkeit der Liebe ihrem Geliebten nachgeht und endlich vor seiner Seele durch einen verklärenden Traum verherrlicht wird: so weiß ich nicht, wo ich die Zwischennuance hinsetzen soll, ob ich gleich gestehe, daß aus Notdurft des dramatischen Pappen- und Lattenwerks die Schattierungen, die ich oben hererzähle, vielleicht zu abgesetzt und unverbunden, oder vielmehr durch zu leise Andeutungen verbunden sind; vielleicht hilft ein zweites Lesen, vielleicht sagt mir dein folgender Brief etwas Näheres.
(Italienische Reise. Rom, den 3. November 1787)

Schon die ersten Briefe aus Weimar über „Egmont“ enthielten einige Ausstellungen über dieses und jenes; hiebei erneute sich die alte Bemerkung, daß der unpoetische, in seinem bürgerlichen Behagen bequeme Kunstfreund gewöhnlich da einen Anstoß nimmt, wo der Dichter ein Problem aufzulösen, zu beschönigen oder zu verstecken gesucht hat. Alles soll, so will es der behagliche Leser, im natürlichen Gange fortgehen; aber auch das Ungewöhnliche kann natürlich sein, scheint es aber demjenigen nicht, der auf seinen eigenen Ansichten verharrt. Ein Brief dieses Inhalts war angekommen, ich nahm ihn und ging in die Villa Borghese; da mußt ich denn lesen, daß einige Szenen für zu lang gehalten würden. Ich dachte nach, hätte sie aber auch jetzt nicht zu verkürzen gewußt, indem so wichtige Motive zu entwickeln waren. Was aber am meisten den Freundinnen tadelnswert schien, war das lakonische Vermächtnis, womit Egmont sein Klärchen an Ferdinand empfiehlt.
Ein Auszug aus meinem damaligen Antwortschreiben wird über meine Gesinnungen und Zustände den besten Aufschluß geben.
„Wie sehr wünscht ich nun, auch euren Wunsch erfüllen und dem Vermächtnis Egmonts einige Modifikation geben zu können! Ich eilte an einem herrlichen Morgen mit eurem Briefe gleich in die Villa Borghese, dachte zwei Stunden den Gang des Stücks, die Charaktere, die Verhältnisse durch und konnte nichts finden, das ich abzukürzen hätte. Wie gern möcht ich euch alle meine Überlegungen, mein Pro und Contra schreiben, sie würden ein Buch Papier füllen und eine Dissertation über die Ökonomie meines Stücks enthalten. Sonntags kam ich zu Angelika [zu der Malerin Angelika Kauffmann] und legte ihr die Frage vor. Sie hat das Stück studiert und besitzt eine Abschrift davon. Möchtest du doch gegenwärtig gewesen sein, wie weiblich zart sie alles auseinander legte und es darauf hinausging: daß das, was ihr noch mündlich von dem Helden erklärt wünschtet, in der Erscheinung implicite enthalten sei. Angelika sagte: da die Erscheinung nur vorstelle, was in dem Gemüte des schlafenden Helden vorgehe, so könne er mit keinen Worten stärker ausdrücken, wie sehr er sie liebe und schätze, als es dieser Traum tue, der das liebenswürdige Geschöpf nicht zu ihm herauf, sondern über ihn hinauf hebe. Ja, es wolle ihr wohl gefallen, daß der, welcher durch sein ganzes Leben gleichsam wachend geträumt, Leben und Liebe mehr als geschätzt, oder vielmehr nur durch den Genuß geschätzt, daß dieser zuletzt noch gleichsam träumend wache und uns still gesagt werde, wie tief die Geliebte in seinem Herzen wohne und welche vornehme und hohe Steile sie darin einnehme. – Es kamen noch mehr Betrachtungen dazu, daß in der Szene mit Ferdinand Klärchens nur auf eine subordinierte Weise gedacht werden konnte, um das Interesse des Abschieds von dem jungen Freunde nicht zu schmälern, der ohnehin in diesem Augenblicke nichts zu hören noch zu erkennen imstande war.“
(Italienische Reise, Bericht Dezember 1787)

Um endlich doch auch etwas zu sagen, faßte ich mir ein Herz und äußerte gegen Goethe, da man seines „Egmont“ erwähnte, daß die Lichterscheinung Klärchens zuletzt dem Stück erst eine höhere Bedeutung gäbe, indem sie das Verdienst Egmonts um die ganze Nation der Niederländer in seinen Folgen ausspräche. Schiller hatte sich, wie bekannt, gegen die Erscheinung erklärt. Goethe lobte mich über mein Lob und sagte, daß er das Stück auch nicht ohne die Erscheinung sehen möchte.
(Goethe im Gespräch mit Stephan Schütze am 12. November 18o6)

Ludwig van Beethoven schrieb an Goethe am 12. April 1811:
… Sie werden nächstens die Musik zu „Egmont“ von Leipzig durch Breitkopf und Härtet erhalten, diesen herrlichen „Egmont“, den ich, indem ich ihn ebenso warm als ich ihn gelesen, wieder durch Sie gedacht, gefühlt und in Musik gegeben habe – ich wünsche sehr Ihr Urteil darüber zu wissen, auch der Tadel wird für mich und meine Kunst ersprießlich sein, und so gern wie das größte Lob aufgenommen werden –
Euer Exzellenz großer Verehrer
Ludwig van Beethoven

Goethe antwortete Beethoven am 25. Juni 1811:
Ihr freundliches Schreiben, mein wertgeschätzter Herr, habe ich durch Herrn von Oliva zu meinem großen Vergnügen erhalten. Für die darin ausgedrückten Gesinnungen bin ich von Herzen dankbar und kann versichern, daß ich sie aufrichtig erwidre: denn ich habe niemals etwas von Ihren Arbeiten durch geschickte Künstler und Liebhaber vortragen hören, ohne daß ich gewünscht hätte, Sie selbst einmal am Klavier zu bewundern und mich an Ihrem außerordentlichen Talent zu ergetzen… Die mir zugedachte Musik zu „Egmont“ werde ich wohl finden, wenn ich [aus Karlsbad] nach Hause komme, und bin schon im voraus dankbar: denn ich habe derselben bereits von mehrern rühmlich erwähnen hören; und gedenke sie auf unserm Theater zu Begleitung des gedachten Stückes diesen Winter geben zu können, wodurch ich sowohl mir selbst als Ihren zahlreichen Verehrern in unserer Gegend einen großen Genuß zu bereiten hoffe …

Margarete von Parma - Tochter Karls des Fünften (Regentin der Niederlande): Ingeborg Ottmann
Graf Egmont - Prinz von Gaure: Wilfried Ortmann
Wilhelm von Oranien: Horst Schulze
Herzog von Alba: Wolf Kaiser
Ferdinand - sein natürlicher Sohn: Klaus Piontek
Machiavell - im Dienste der Regentin: Norbert Christian
Richard - Egmonts Geheimschreiber: Dieter Bisetzki
Silva (unter Alba dienend): Hans Joachim Hanisch
Gomez (unter Alba dienend): Horst Preusker
Klärchen - Egmonts Geliebte: Ursula Figelius
Ihre Mutter: Friedel Nowack
Brackenburg - ein Bürgerssohn: Wolf-Dieter Panse
Soest - Krämer (Bürger von Brüssel): Heinz Werner Pätzold
Jetter - Schneider (Bürger von Brüssel): Walter Lendrich
Zimmermann (Bürger von Brüssel): Albert Hetterle
Seifensieder: Willi Narloch
Buyck - Soldat unter Egmont: Rudolf Christoph
Ruysum - Invalide und taub: Friedrich Hofbauer
Vansen - ein Schreiber: Gerry Wolff

von Johann Wolfgang Goethe

Texteinrichtung, wissenschaftliche Beratung: Dr. Siegfried Seidel
Musik: Ludwig van Beethoven
Gewandhausorchester Leipzig
Dirigent: Rolf Reuter
dramaturgischer Mitarbeiter: Dietrich Liebscher
Regieassistent: Werner Schurbaum
Regie: Renate Thormelen

Der Schauplatz ist Brüssel