Romeo und Julia

von William Shakespeare
LP SCHOLA 8 75 142
Covertext:
Ein Ausschnitt aus der Szene I, 1 führt uns mitten hinein in die spannungsgeladene, unheilschwangere Atmosphäre der Stadt Verona. Die Handlung der Hörfassung setzt ein, als der Straßenkampf zwischen Bediensteten bzw. Angehörigen der verfeindeten Familien Montague und Capulet bereits eine bedrohliche Zuspitzung erfahren hat. Benvolios Versuch zu schlichten scheitert, und eben wollen die Familienoberhäupter persönlich aufeinander losgehen. Der Ausschnitt endet mit der Verkündung administrativer Maßnahmen durch Prinz Escalus, die allerdings nur für den Augenblick Ruhe in der Stadt schaffen.

Es folgt die Szene I, 3, die nach überleitendem Sprecherkommentar einsetzt, als Gräfin Capulet auf die vorgesehene Vermählung ihrer Tochter Julia mit Prinz Paris zu sprechen kommen will. („Die Hochzeit, ja! …“) Julia, vierzehnjährig, „was in Italien so viel gilt wie siebzehn Jahre nordischer Währung“ (Heine), antwortet mit geziemendem Gehorsam, doch nicht ohne einen Anflug selbstbewußten Vorbehaltes:
„Gern will ich sehn, ob Sehen Neigung zeugt.“

Im Mittelpunkt der Szene I, 5 steht die Begegnung Julias mit Romeo. Nach dem kurzen Disput zwischen Tybalt und Capulet, der seinen rauflustigen Neffen in die Schranken weist, erleben wir, wie Romeo – maskiert mit einer Larve im Hause der Feinde – auch seine Gefühle dem Mädchen gegenüber hinter einer verzierten und darin wohl auch einem Modegeschmack folgenden Sprache verbirgt. Julia antwortet zunächst im gleichen Sprachbild – sie beherrscht die modische Etikette und entwaffnet ihn schließlich mit der schnippischen Bemerkung „Ihr küßt recht nach der Kunst“ (also ein Kuß „nach Vorschrift“), was nicht gerade ein Kompliment für Romeo ist und zugleich den Anspruch Julias anmeldet, bei einer tieferen Beziehung von diesem jungen Mann ernstgenommen zu werden.

Die Szene II, 2 setzt in der vorliegenden Hörfassung ein mit dem Dialog Julias und Romeos („Wer bist du, der du von der Nacht beschirmt …“), dem im Dramentext das Bekenntnis Romeos zu seiner Sehnsucht nach Julia bzw. das Erschrecken Julias vorausgeht, daß der Geliebte zu den verhaßten Feinden des Hauses gehört. Noch ist Romeos Sprache nicht frei von schwärmerischer Verzückung, Julia dagegen ist natürlich, bekennt ihre tiefe Liebe zu ihm und will unverschnörkelte Antwort: „Sag, liebst du mich? Ich weiß, du wirst’s bejahn, und will den Worten traun.“ Die Situation wird durch die Zuordnung der beiden auf der Bühne unterstrichen: Romeo, unten stehend, schaut gen Himmel; Julia auf dem Balkon (Ist es der auf dem Titelbild, der zu einem veronesischen Haus gehörend, in der Überlieferung als „Julia-Balkon“ gilt?). Julia schaut von oben auf die Erde herunter.

Die Szene III, 1 beginnt in der Hörfassung mit dem Auftritt Tybalts. („Bei meinem Kopf: Da kommen die Capulets …“)
Was in der 1. Szene noch unblutiges Vorspiel blieb, wird nun bitterer Ernst. Wir beobachten mehrfach dieses Kompositionsprinzip: Der wirklichen Liebe zu Julia geht die Anhimmelung einer imaginären Rosalinde voraus, Julias Erwartung richtet sich zunächst in konventionellem Gehorsam auf den Grafen Paris, dem Scheintod Julias folgt später der echte; der geahnten Bedrohung ihrer Liebe bei der ersten Begegnung am Balkon (II, 2) folgt die schmerzvolle Trennung der Liebenden infolge der Verbannung nach dem Mord an Tybalt (III, 5). Der Szenenausschnitt endet mit Romeos entsetzter Erkenntnis: „Weh mir, ich Narr des Glücks!“

Die Szene III, 5 beginnt mit der berühmten Sentenz „Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern, es war die Nachtigall und nicht die Lerche …“. Für die heimlich Vermählten bringt der Morgen die Trennung – für immer, wie sich zeigen wird. Julia, die von ihren Eltern ohnehin weder Trost noch irgendein Verständnis erwarten kann, muß sich schließlich auch von der Amme verraten fühlen, die ihr zur Heirat mit Paris rät, obwohl sie um die vollzogene Trauung mit Romeo weiß.
Julias Lebensanspruch, mit dem sie ihre Liebe gegen eine Welt der Feindschaft und erstarrter Konventionen bis in den Tod hinein zu verteidigen bereit ist, erreicht eine menschliche Größe, mit der sich diese literarische Figur Shakespeares in die große Galerie der bedeutendsten Frauengestalten der Weltliteratur einreiht.

Es folgt die Szene IV, 1 mit dem Vorschlag Lorenzos, Julia soll einen schlafbringenden Kräutertrunk nehmen, durch dessen Wirkung sie für tot gehalten würde. („Nun, Julia geh heim …“)
Pater Lorenzo besitzt kaum die Eigenschaften eines Geistlichen, er erscheint eigentlich als „ein intelligenter, aktiver, kenntnisreicher Mensch von humanistischer Gesinnung, (der) in den Verhältnissen Veronas keine Möglichkeit zur ihm gemäßen Wirksamkeit findet, sondern seine Ziele auf Schleichwegen verfolgen muß, weil sie, offen verkündet, ihn mit den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen der Stadt in Konflikt bringen würden.“ (A. Schlösser, Shakespeare. Analysen und Interpretationen, Berlin und Weimar 1977, S. 284 f.)

Ein kurzer Ausschnitt aus der Szene IV, 5 läßt uns das Erschrecken über den vermeintlichen Tod Julias am Morgen der vorgesehenen Hochzeit mit Paris erleben.

Die abschließende Szene V. 5 setzt in der Hörfassung ein, als Romeo die Gruft betritt, in der Julia – schlafend für tot gehalten aufgebahrt ist („Last sein Gesicht mich schaun …“).
Die Kürzungen im Text, die in dieser Szene vorgenommen wurden, ermöglichen es, auf der Grundlage eines eindrucksvollen Hörerlebnisses zu lesen und der Frage nachzugehen, ob es nur unglückliche Zufälle sind, die schließlich den tragischen Ausgang des Geschehens besiegeln. „Daß Lorenzo sich verrechnet, ist nicht seine Schuld. Eine Mönchsklause ist nicht der Punkt, von dem aus einer die Welt bewegen könnte.“ (Schlösser ebd., S. 285).

Dr. Wolfgang Lange


„Romeo und Julia“ ist ein großes Plädoyer für den Frieden unter den Menschen. Es ist die Verurteilung des nutzlosen Hasses, es ist die Anprangerung des barbarischen Krieges und die feierliche Erhebung des Friedens.

Pablo Neruda
Sprecher: Ekkehard Hahn
Julia: Simone von Zglinicki
Romeo: Daniel Minetti
Capulet: Helmut Müller-Lankow
Gräfin Capulet: Marion van de Kamp
Amme: Ingeborg Medschinski
Benvolio: Klaus-Peter Pleßow
Mercutio: Peter Reusse
Tybalt: Klaus Manchen
Lorenzo: Hans Teuscher
Escalus – Prinz v. Verona: Thomas Kästner
Montague: Gerd-Michael Henneberg
Gräfin Montague: Christa Keller
Bedienter: Gerald Schaale
1. Bürger: Klaus Bergatt
2. Bürger: Walter Wickenhauser
In Gruppenszenen: Elke Brosch, Christa Keller,
Elvira Schuster, Klaus Bergatt, Holm Gärtner,
Helmut Geifke, Andreas Müller,
Wolfgang Müller-Dhein


Kompositon und Musik: Gruppe „Horch“:
Klaus Adolphi, Andreas Fabian
Musikalstilistische Beratung: Hanni Bode
Geräusche: Heinz Heppner
Regie: Fritz Göhler
Regieassistenz: Ingrid Hauschild
Tonregie: Karl-Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seidig
Redaktion: Angela Rückert

Szenenauswahl für den Literaturunterricht, Klasse 9 und Zwischentexte von Dr. Wolfgang Lange

Als Unterrichtsmittel zugelassen
durch das Ministerium für Volksbildung der DDR,
Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung
Entwickelt von der
Akademie der Pädagogischen Wissenschaften
der DDR, Institut für Unterrichtsmittel