Wie ich meinen Großvater kennenlernte

von Erwin Strittmatter

LP LITERA 8 60 229
Covertext:
Auf der Suche nach Poesie

Die Stimme eines Autors zu hören, dessen geschriebenes Wort man kennt, hat stets seinen Reiz. Handelt es sich dabei um Erinnerungen, um Betrachtungen zur Person, dann wird die Authentität des Erzählten durch die Individualität der Stimme gesteigert. Indessen fügt Erwin Strittmatter beim Lesen dieses Textes nicht nur eine neue, eine akustische Dimension hinzu, seine Stimme interpretiert auch, sie deutet den Text aus: die Ich-Erzählung, vorher schwarz auf weiß gedruckt, nimmt sozusagen Farbe an; komidiatisches Vermögen verdichtet die literarische Leistung.

„Wie ich meinen Großvater kennenlernte“ gehört zu einem Zyklus von vier Geschichten, die 1972 unter dem Titel „Die blaue Nachtigall oder der Anfang von etwas“ im Aufbau-Verlag erschienen sind. Die Sammlung steht am Ende von neunjähriger Arbeit an Kurzprosa. Nachdem 1963 „Ole Bienkopp“ publiziert worden war, als vorläufiger Höhepunkt einer Reihe von Romanen („Ochsenkutscher“, 1951; „Tinko“, 1954; „Der Wundertäter“ erster Band 1957) kam 1966 der „Schulzenhofer Kramkalender“ heraus, 1969 der Erzählungsband „Ein Dienstag im September“ und 1971 die ?„dreiviertelhundert Kleingeschichten“. Die Spanne von 1963 bis 1972 ist also Strittmatters novellistisches Jahrzehnt: am Beginn die Kalendergeschichten, in der Mitte die Erzählungen, am Schluß die biographischen Erinnerungen.

1970 schreibt er: „Seit Jahren mache ich morgens ,Fingerübungen‘ ins Tagebuch, zeichne wesentliche Begegnungen auf, mache Skizzen, schreibe Aphorismen. Ich bilde mir ein, daß sich nach diesen ,Fingerübungen‘ mein ,Schreibinstrument‘ den Gedanken williger fügt.“ Skizzen, Aphorismen, wesentliche Begegnungen – hier ist mit Zurückhaltung formuliert, welchem Umstand die Kleingeschichten ihr Dasein zu verdanken haben. Aber sie sind mehr als Etüden der Selbstverständigung. Sie entdecken – anders als der Roman, der auf umfassende Beschreibung menschlicher Verhaltensweisen zielt – die Poesie des Details. Doch inmitten dieser Naturschilderungen, Tierbeobachtungen, Reflexionen, Anekdoten, verknüpft mit kleinen und große Lebensweisheiten, liegen schon Geschichten verstreut, Stories, die auf Strittmatters Arbeit an Erzählungen hindeuten und vorausweisen auf den Band „Ein Dienstag im September“. Im Untertitel werden diese epischen Gebilde „Romane im Stenogramm“ genannt. Spielerei? Rücksichtnahme auf den romanhungrigen Leser? Wie es auch sei, es sind Erzählungen, es ist Novellistik nach klassischer Art, gekennzeichnet von straffer, auf einen Hauptkonflikt konzentrierte Handlung.

Eins jedoch hat sich im Laufe der Beschäftigung mit Kurzprosa geändert: Erwin Strittmatter hat seinen Sprachstil renoviert, er hat ihn befreit von übermäßig Verdichtung. An die Stelle der kurzen, verknappten Sätze sind längere, für Betrachtsamkeit und Assoziationen Raum bietende Satzperioden getreten. Das subjektbetonte Erzählen die Ich-Form, die Zwiesprache mit sich, der Vergangenheit und der Umwelt, die Wiedergabe unmittelbarer sinnlicher Wahrnehmungen haben das bislang strenge Satzbild aufgelöst. Diese renovierte Sprache wird nun auch in den Geschichten des Bandes „Die blaue Nachtigall“ benutzt. Sie sind biographisch, aber nicht mit gewöhnlichen autobiographischen Schriften zu vergleichen; es sind keine Memoiren mit Rechenschaftslegung und Bestandsaufnahme, sondern Erzählungen. Denn Strittmatter besitzt die Fähigkeit, biographische Motive so lange abzutasten, bis er ihren poetischen Kern entdeckt, „herbeigelistet“, „herbeigetrotzt“ hat. Allein der Stil hat einen memorierenden Ton: fast biblisch anmutende Form der Berichterstattung mit ausgedehnten, oft durch die Konjunktion „und“ miteinander verbundenen Satzgebilden.

Die Assoziationsfreude des Lesers – in diesem Falle des Zuhörer – wird herausgefordert; er wird in die Vergangenheit geführt aber nicht nur, denn die Vergangenheit wird immer wieder gekontert durch assoziative Ausflüge auch in die Gegenwart. Strittmatter beschreibt diese Methode selbst am Beginn der Geschichte „Als ich noch ein Pferderräuber war“: „Ich will erzählen, wie man Pferderäuber wird, aber sollten auch andere Tatsachen die Gelegenheit nutzen und mich zu ihrem Maul machen, so werde ich sie nicht daran hindern.“ Erzählen heißt hier also nicht nur: Weglassen, abstrahieren, zum poetischen Kern einer Geschichte vordringen, sondern auch: Hinzutun, die Aussage durch „andere Tatsachen“ vertiefen oder relativieren. Es wird ein stark reflektierender Stil erzeugt, den Strittmatter auch im zweiten Band des Romans „Der Wundertäter“ verwendet.

In der Erzählung „Wie ich meinen Großvater kennenlernte“ wird ein Zeitraum von sieben Jahren beschrieben, vom Geburtsjahr des Erzählers 1912 bis zum „Heimkehrerjahr" 1919. Die Handlung ist locker gebaut, assoziativ, und sie ist gekennzeichnet von Faktenfülle aus Dorf, Kleinstadt und Familie. Die rustikale Gestalt des Großvaters wächst aus ihr hervor wie ein starker Trieb. Es entsteht ein Zeit-, ein Familien- und ein Persönlichkeitsbild gleichermaßen, geformt durch Erinnerung und Kunstverstand des Erzählers.

Im Nachsatz zum Band „Die blaue Nachtigall oder Der Anfang von etwas“ wird vom Autor die Frage gestellt: „Woher kam jener Zustand von Poesie und Schwerelosigkeit in der Kindheit und in der Jugend, der uns so unwiederbringlich erscheint? Ist er nicht zurückholbar?“ Und er betrachtet seine Geschichten dieser Art als „Forschungsarbeiten“, als „Erkundungen“, als Bemühungen, Augenblicke glückhafter Naivität aus jenen Jahren wieder einzufangen. Er begibt sich auf die Suche nach Poesie, die das Widersprüchliche einschließt, das Tragische und Komische, das Schöne und Häßliche, das Gütige und Bösartige, das Große und Kleinliche – wie in allen seinen Werken.

Günter Schubert (1975)
Leser: Erwin Strittmatter

von Erwin Strittmatter
Tonregie: Karl Hans Rockstedt