Irgendwer hat einmal gesagt ...
Anekdoten aus aller Welt

LP LITERA 8 60 089
Covertext:
„Irgendwer hat einmal gesagt ...“ – Aber so fängt doch keine Anekdote an! Märchen fangen mit „es war einmal“ an, aber Anekdoten mit einer bestimmten Orts- oder Zeitangabe, wenn nicht mit der Nennung eines ganz bestimmten und möglichst bekannten Namens) um der (wenn auch erfundenen) Erzählung den Charakter zu geben) ohne welchen eine Anekdote keine Anekdote ist. Sie muß den Eindruck von Geschichte machen) auch wenn sie nur eine Geschichte ist.

Was ist denn eine Anekdote? – Das Konversationslexikon behauptet: „etwas nicht Herausgegebenes“ – und hat damit insofern recht, als ,Anekdote‘ vom griechischen ,anekdota‘ kommt, was tatsächlich auf deutsch ,nicht Herausgegebenes‘ heißt. Trotzdem ist dieser Begriff, ob nun griechisch oder deutsch ausgesprochen, eine einzige Schönfärberei. Um das verständlich zu machen, muß ich mindestens eine Anekdote über die Anekdote erzählen.

Der römische Schriftsteller Prokopius schrieb seinerzeit, schon zu Jahren und Ansehen gekommen, die Geschichte des römischen Kaisers Justinian und versuchte, in diese Geschichte nicht nur eine Geschichte, sondern gleich mehrere Geschichten aus dem Privatleben Justinians zu schmuggeln. Das entging der Zensur jedoch nicht. Und so wurden die Geschichten aus der Geschichte herausgenommen und nicht herausgegeben. So entstand die Anekdote oder unanekdotisch ausgedrückt: Darum und seitdem heißen leicht anrüchtige Geschichten über und um bekannte Leute ,Anekdoten‘. Und aus demselben Grunde finden sich noch heute in den offiziellen Biographien berühmter Leute so wenig Anekdoten. Madame de Staël – und das ist wieder eine Anekdote! – pflegte derartige Biographien, wenn ich nicht irre, ,Brustbilder‘ zu nennen. Zur Erklärung dieser Gewohnheit bedarf es keiner Anekdote.

Wenn Anekdota ,nicht Herausgegebenes‘ bedeutet, kann es eigentlich keine herausgegebenen ,Anekdoten‘ geben. Das ist logisch, aber (wie so häufig) doch nicht so. Anekdoten sind Erzählungen, die nur beim Erzähltwerden und nicht beim Lesen zur höchsten Wirkung kommen; außerdem gehört zum Wesen der Anekdote, daß ihr – sie sei nun herausgegeben oder nicht – bei aller Geschichtlichkeit etwas Privat-Unziemliches, ,Verbotenes‘, also ,Anekdotisches‘ anhaftet, und schließlich gibt es noch eine andere Erklärung des Begriffs ,Anekdote‘, die nicht ganz so ,verboten‘, nicht ganz so ,anekdotisch‘ klingt.

Nach dieser Erklärung sind Anekdoten kleine Erzählungen von kleinen, unbekannt gebliebenen Erzählern, die zwar immer nach Verlegern oder Herausgebern gesucht, aber nie einen gefunden haben, bis ihr Tod jemanden fand, der ihre Erzählungen – zusammen mit denen anderer kleiner Erzählern – herausgab. Die Erzählungen Solcher Erzähler verdienen den Namen ,Anekdoten‘ auch, wenigstens insofern, da sie ja erst nach ihrem Tode herausgegeben worden sind.

Mit dem Verblassen ihrer (verschiedenen) Wortbedeutung wurde die Anekdote aus etwas nie oder zeitweise Herausgegebenem zu einer literarischen Gattung, zum Gleichwort für eine besondere Art von Kurzgeschichte, die dadurch charakterisiert ist, daß sie mehr auf einem schlagfertigen Wort als auf einer Handlung basiert und um Personen geht, die ihre Bedeutung schon haben und sie nicht erst in der Erzählung oder durch sie erhalten, und schließlich dadurch, daß sie sich im allgemeinen besser anhören als lesen lassen.

Das hat seinen Grund darin, daß die Anekdote sich im Gespräch und aus dem Gespräch entwickelt hat. Nur in Ländern mit einer hohen Gesprächskultur ist die Anekdote wirklich zu Hause. Sie braucht nicht ,herausgegeben‘ zu werden. Das Gespräch ist ihre eigentliche Lebensform. Weil das so ist, ist denn auch die Gesprächsform der klassische Stil der Anekdote. Die Handlung ist nur ihr Gerüst. Ihre Handlung ist die Geschichte, aus der sie ein Geschichtchen ist, ein Geschichtchen, das zu seiner Entstehungszeit nur geflüstert werden konnte.

Die Sprecher unserer Sammlung nennen nur zwei Namen als Autoren von Anekdoten – Plutarch und Heinrich von Kleist. Mit gutem Grund: Der Erzähler ist in den Schatten getreten, nur der Name dessen ist wichtig, um den sie sich dreht.

Gisela May und Wolf Kaiser werden Ihnen Anekdoten aus der eigenen, der Theaterwelt, erzählen, solche aus der Welt der Musiker, der Ärzte, der Dichter und der Philosophen, Anekdoten aus aller Welt, in der Anekdoten spielen und entstehen, Anekdoten aus der Welt, in der man sich unterhält. Und sie erzählen sie uns, um zu unserem Unterhalt (oder sagt man ,zu unserer Unterhaltung‘?) beizutragen. Guten Appetit!

Karl Kleinschmidt
Sprecher: Gisela May, Wolf Kaiser

Für die Schallplatte ausgewählt von Heinz Bonacker
Schlagzeug-Effekte: Günter Ospalek
Günter Ospalek, Klaus Böttcher, Schlagzeug

Regie: Heinz Bonackerx