Jakob der Lügner

von Jurek Becker

LP LITERA 8 65 211
Covertext:
Ich möchte gerne ein paar Worte über meine Informationen verlieren, bevor der eine oder andere Verdacht sich meldet. Mein wichtigster Gewährsmann ist Jakob, das meiste von dem, was ich von ihm gehört habe, findet sich hier irgendwo wieder, dafür kann ich mich verbürgen. Aber ich sage, das meiste, nicht alles, mit Bedacht sage ich das meiste, und das liegt diesmal nicht an meinem schlechten Gedächtnis. Immerhin erzähle ich die Geschichte, nicht er, Jakob ist tot, und außerdem erzähle ich nicht seine Geschichte, sondern eine Geschichte.
Er hat zu mir gesprochen, aber ich rede zu euch, das ist ein großer Unterschied, denn ich bin dabeigewesen. Er hat versucht, mir zu erklären, wie eins nach dem anderen gekommen ist und daß er gar nichts anders gekonnt hat, aber ich will erzählen, daß er ein Held war. Keine drei Sätze sind ihm über die Lippen gekommen, ohne daß von seiner Angst die Rede war, aber ich will von seinem Mut erzählen ...
Einiges weiß ich noch von Mischa, aber dann gibt es ein großes Loch, für das einfach keine Zeugen aufzutreiben sind. Ich sage mir, so und so muß es ungefähr gewesen sein, oder ich sage mir, es wäre am besten, wenn es so und so gewesen wäre, und dann erzähle ich und tue so, als ob es dazugehört. Und es gehört auch dazu, es ist nicht meine Schuld, daß die Zeugen, die es bestätigen könnten, nicht mehr aufzutreiben sind.

Wir wollen wissen, ob es stimmt, daß sie uns gegen Lösegeld verkaufen wollten. Wenn ja, wo bleibt das Geld? Wir wollen wissen, ob es den Tatsachen entspricht, daß ein jüdischer Staat gegründet werden soll. Wenn ja, wann? Wenn nicht, wer hintertreibt es? Vor allem wollen wir wissen, wo die Russen bleiben, drei Wochen machst du uns den Mund wässrig, wie es dir mit Puffern nie gelungen ist. Erzähle, wie sie die Fronten durchbrechen, welche Taktik sie anwenden, ob sie die Gefangenen als Gefangene behandeln oder als Sträflinge, ob sie im Osten großen Ärger haben mit den Japanern, ob ihnen die Amerikaner nicht wenigstens das abnehmen können, wenn sie schon nicht in Europa landen. Und wir wollen auch wissen, was die Karriere von Kiepura macht, wie er sich zurechtfindet in Amerika. Eine Menge an Neuigkeiten muß inzwischen aufgelaufen sein, schön, sie werden keine Zusammenfassung extra für uns senden, sie haben keine Ahnung, wie wir unter der Stromsperre gelitten haben, aber einiges erfährt man schon neben dem Allerneuesten, laß bitte nichts aus, hörst du, bitte nichts. Bedauernswert ist Jakob. Ein gut eingerichtetes Büro müßte er haben, ein Hauptquartier mit drei Sekretärinnen, besser noch mit fünf. Ein paar Verbindungsmänner in allen wichtigen Hauptstädten, die pünktlich und zuverlässig jede ausspionierte Kleinigkeit ins Hauptquartier schicken. Wo die Sekretärinnen mit rauchenden Köpfen die Kleinigkeiten aussortieren und sämtliche Zeitungen von Rang lesen und alle Sender abhören, und aus allem den Extrakt gewinnen und ihn Jakob vorlegen als dem Endverantwortlichen, dann könnte er ungefähr ein Drittel der Fragen wahrheitsgemäß beantworten, so wahr wie Zeitungen und Sender und Verbindungsmänner eben sind.

... Kowalski trabt zurück zum nächsten Sack, naß wie ein Pudel. Die trockenen Schmidt und Jakob bemühen sich auch ein wenig, zur Abwechslung ohne Plaudern, wieviel Säcke auf einen einzigen Waggon passen. Bis zur nächsten kleinen Unterbrechung, bis Schmidt etwas Wichtiges einfällt, bis er fragt: „Nehmen Sie mir meine Neugier nicht übel, Herr Heym, was sagt eigentlich Sir Winston zur augenblicklichen Situation?“
„Wer?“
„Churchill. Der englische Premierminister.“
„Keine Ahnung, was er sagt. Haben Sie noch nicht gehört? Mein Radio ist kaputt.“
„Machen Sie keine Scherze!“
„Was denken Sie denn von mir?“ sagt Jakob ernst.
Schmidt scheint betroffen, registriert Jakob, genau wie die anderen heute schon, denen man es mit hängenden Schultern und verzweifelter Stimme gleich am Morgen nicht verschweigen durfte, die einzige Neuigkeit des Tages. Schmidt, der etwas hochnäsige, den ein Witzbold Leonard Assimilinski getauft hat, dieser Schmidt scheint einen Stich im Herzen zu fühlen wie alle, plötzlich gleicht er ihnen aufs Haar.
„Wie ist es denn geschehen?“ fragt er leise.
Die Antwort darauf wurde in der Frühe abgewandelt, es war nicht Zeit genug, sie jedem einzelnen darzureichen wie Kowalski, in Seidenpapier gewickelt, Jakob hat sich zu erheblichen Streichungen entschließen müssen. Wie es geschehen ist? „Na, wie schon? Wie so ein Radio eben kaputtgeht. Gestern spielt es noch, und heute spielt es nicht mehr.“
Die Reaktionen waren gemischt, einige haben den ungerechten Gott verflucht, andere haben zu ihm gebetet, man hat sich damit getröstet, daß Radio und Russen zwei grundverschiedene Dinge sind, einer hat geweint wie ein Kind, die Tränen sind ihm zwischen den Regentropfen unauffällig die Wangen heruntergelaufen. Einer hat gesagt: „Hoffentlich ist das kein böses Zeichen.“
Jakob konnte nicht ja und nicht nein sagen, er mußte sie ihrem kleinen Schmerz überlassen, lieber dem als der ganzen Wahrheit.

Ihm ist ein beachtlicher Sprung nach vorne gelungen, ihm und den Russen, er hat sie in aller Stille eine große Materialschlacht gewinnen lassen, an dem Flüßchen Rudna, das nicht gleich vor der Haustür plätschert, aber doch erfreulich näher als die Stadt Bezanika.
Beim Überschlagen der bisher gelieferten Nachrichten ist Jakob aufgefallen, daß es sich rundum besehen nur um in die Länge gezogene Nichtigkeiten handelt, bis auf die allererste von Bezanika nichts mit Hand und Fuß. Aus jedem Einfall hat er eine Riesengeschichte gemacht, oft unglaubwürdig und durchschaubar. Zweifel sind bis zur Stunde nur deshalb ausgeblieben, weil die Hoffnung sie blind und dumm gemacht hat. Doch in der Nacht ist vor der Schlacht an der Rudna eine Erkenntnis gewonnen worden, Jakob hat endlich die Quelle seiner Schwierigkeiten gesehen. Mit anderen Worten, kaum war das Licht gelöscht, da leuchtete ihm auf, warum ihm die Erfindungen so mühsam und zuletzt fast gar nicht mehr gelangen. Er war zu bescheiden, argwöhnte er, er hatte stets versucht, sich mit seinen Nachrichten in Bereichen zu bewegen, die später einmal, wenn das Leben wieder seinen geregelten Gang geht, nicht nachzuprüfen sind. Bei jeder Neuigkeit hat ihm Befangenheit im Wege gestanden, irgendein schlechtes Gewissen, die Lügen kamen holprig und widerwillig von seinen Lippen, als suchten sie ein Versteck, um sich in aller Eile zu verkriechen, bevor sie jemand näher betrachtete. Aber dieses Vorgehen war von Grund auf falsch, so wurde letzte Nacht errechnet, ein Lügner mit Gewissensbissen wird sein Leben lang ein Stümper bleiben. In dieser Branche sind Zurückhaltung und falsche Scham nicht angebracht, du mußt da aus dem vollen schöpfen, die Überzeugung muß dir im Gesicht geschrieben stehen, du mußt ihnen vorspielen, wie einer auszusehen hat, der das schon weiß, was sie erst im nächsten Augenblick von dir erfahren. Man muß mit Zahlen und mit Namen und mit Daten um sich werfen, die Schlacht an der Rudna soll nur ein bescheidener Anfang sein. Sie wird nie in die Geschichte eingehen, aber in unserer Geschichte erhält sie einen Ehrenplatz. Und wenn alles ausgestanden ist, wenn jeder, den es interessiert, den wahren Kriegsverlauf in Büchern nachlesen kann, dann sollen sie ruhig kommen und einen fragen: „He du, was hast du damals für einen Blödsinn erzählt? Wann hat es je eine Schlacht an der Rudna gegeben?“ – „Hat es nicht?“ wird man dann verwundert antworten. „Zeigt mal das Buch her ... Tatsächlich, es hat sie nicht gegeben. Sie steht nicht drin. Dann habe ich mich wohl verhört damals, entschuldigt bitte.“ Sie werden einem wohl verzeihen, im schlimmsten Fall werden sie mit Schulterzucken gehen, vielleicht werden sogar solche unter ihnen sein, die sich für den Irrtum bedanken.
Jakob hat, was den Fortgang der Kampfhandlungen betrifft, ein wenig vorgearbeitet, wobei ihm seine Ortskenntnis von großem Nutzen war. Die Schlacht an der Rudna mit all ihren Nachwirkungen soll für die nächsten drei Tage ausreichen, die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Denn das Überschreiten des Flusses ist nicht ganz ohne Probleme, so leicht machen wir es den Russen nicht, die Deutschen haben die einzige Brücke gesprengt, hat sich Jakob gedacht. Bevor der Vormarsch fortgesetzt werden kann, muß eine behelfsmäßige Pontonbrücke gebaut werden, und darüber vergehen die drei oder vier Tage. Dann ist auch das erledigt, die Russen marschieren auf das Städtchen Tobolin, aus dem die Deutschen eine Art Festung gemacht haben. Die hält wieder drei Tage stand, sie wird umzingelt, von der Artillerie reif geschossen und von der Infantrie gestürmt, in hoffnungsloser Lage unterschreibt Major Karthäuser, ein prächtiger Name mit vertretbarem Rang, die Kapitulationsurkunde. Tobolin ist befreit. Ganz nebenbei, darüber wird sich Mischa freuen, er hat dort eine Tante zu wohnen, die diesen Sieg hoffentlich noch erlebt. Die Tante Lea Malamut, sie besaß ein Galanteriewarengeschäft und hat, als Mischa noch ein Junge war, zu jedem seiner Geburtstage ein Kästchen mit bunten Knöpfen und Schnüren geschickt. Aber wir wollen uns nicht länger als nötig in Tobolin aufhalten, von dort bis zur Kreisstadt Pry, der nächsten in unserer Richtung, ist ein weiter Weg. An die siebzig Kilometer, die sind in groben Zügen schon entworfen, jedoch noch nicht in allen Einzelheiten fertig. Das wird Jakobs Nachtarbeit für die nächste Zeit, bis Tobolin ist vorläufig alles klar, und heute wird auf dem Bahnhof das Ergebnis der ruhmreichen Schlacht an der Rudna verkündet.
Gehobenen Herzens geht Jakob zur Arbeit, ihm kommt ein hübsches kleines Glanzlicht in den Sinn, das er dem Geschehen an der Rudna aufstecken könnte. Ob nicht vielleicht geheime deutsche Pläne den Russen in die Hände gefallen sein sollten, wodurch alle Aktionen des Gegners an dieser Front auf Wochen hinaus bekannt sind und daher wirkungslos. Das wären ein paar Rosinen in Jakobs Kuchen, aber sofort melden sich Zweifel, die Wahrscheinlichkeit betreffend, denn bewahrt man geheime Pläne an solch unsicherem Ort auf, immerhin sind die Deutschen keine Idioten. Und auch die Russen sind keine Idioten, selbst wenn sie Pläne der genannten Art erbeuten, werden sie es nicht per Radio in die Welt posaunen, sie werden es schön für sich behalten und in aller Stille ihre Vorkehrungen treffen. Also verzichten wir auf das kleine Glanzlicht, auch das Vorhandene genügt, um den Juden ein wenig von der Haltung zu geben, mit der Jakob immer noch zur Arbeit geht, gehobenen Herzens.

Aus dem Roman „Jakob der Lügner“

Alle Textrechte: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
Leser: Jurek Becker

von Jurek Becker
Auswahl: Siegfried Wittlich

Tonregie: Karl Hans Rockstedt