Keulenspiegeleien
LP LITERA 8 65 232
Covertext:
Moment mal – man kann sich nicht mir nichts, dir nichts einfach eine Kabarettplatte anhören, ohne sich vorher zu vergewissern, wie wir diese und jene Szene meinen, und in welche Richtung Sie zu denken haben. Wo kämen wir hin, wenn jeder denkt, was er will! Wenn Sie schon unseren am nächsten Dienstag stattfindenden Einführungsvortrag arrogant ignorieren, schlagen Sie wenigstens das Lexikon auf, und wenn Sie da unter „Herkuleskeule“ nachgucken und lesen „Clavaria pistillaris – bis 20 cm hoch werdender Keulenpilz“, dann haben Sie Ihr Wissen schon um die Erkenntnis bereichert, daß Sie falsch geguckt haben. Sie müssen unter „Herkules“ nachsehen! Dort werden Sie lesen, daß dieser Heros als Verkörperung von Kraft und Tapferkeit mit Ausdauer und Mut die Menschen von Leiden und Ungeheuern befreite. Nun wissen Sie über die Aufgaben eines Kabaretts schon viel. Aber vergessen Sie’s wieder! Denn wir können Sie weder von Ungeheuern befreien (wenn Ihnen Ihr Leiter oder Ihr Ehepartner nicht paßt – wir sind da wirklich machtlos!) noch von Ihren Leiden. Auch nicht von den neuen. Wir können Sie höchstens in einen genesungsfördernden Zustand versetzen: daß Sie nämlich über das, was Sie sonst zur Weißglut bringt, lachen. Dafür gibt es als Ausgleich andere Institutionen, die Sie über das, worüber Sie sonst lachen, zur Weißglut bringen. Jeder nach seinen Fähigkeiten. Sie nun noch mehr über die Dresdner Herkuleskeule wissen wollen, durchforschen Sie ruhig weiter Ihre fünfzehn Lexikonbände die Ihnen – soviel sei schon verraten – jegliche Auskunft darüber verweigern werden. Natürlich dürfen Sie nicht Opas alten „Neuen Brockhaus“ verwenden. Wir gründeten uns ja erst 1961. Sie müssen also schon eine Ausgabe ab diesem Jahrgang benutzen, wenn Sie mit Sicherheit nichts über uns erfahren wollen. Damals spielten wir in, oder genauer gesagt unter einer Kirchenruine und hatten eine Direktleitung zum Barmherzigen, der uns ab und an ein paar Zuschauer in den Saal schickte. Heute spielen wir zwanzig Schritt von der Parteischule entfernt. Wie sagt der Kindermund?: Die Genossen werden sich schon was dabei gedacht haben! Wollte damals jemand im Staatstheater die Königin der Nacht kolorieren hören, mußte er eine Karte für die Keule mit in Kauf nehmen. Wie das halt so war: Bananen kriegte nur, wer auch ein Bund Zwiebeln wollte, ob er wollte oder nicht. Heute stehen die Leute nach Zwiebeln Schlange, und die Bananen bleiben liegen. Sollten Sie auch zu denen gehören, deren Kartenbestellung wir erst in vier Jahren, Frühsommer 19 Uhr, berücksichtigen können, trösten Sie sich mit dieser Platte. Sie hat den Vorteil, daß Sie sich die Beiträge mehrmals anhören können. Das ist weniger anstrengend, als in einer Vorstellung bei jeder Pointe da capo zu rufen. Haben Sie dann diese Platte so oft gehört, daß Sie sie nicht mehr hören können, bitte auf eine andere Geschwindigkeit umschalten. Das ergibt ein völlig neues politisch-ideologisches Hörgefühl unter Beinhaltung der Hauptaufgabe in Vorbereitung der nächsten Auswertung. So, damit wäre wohl alles gesagt, was gesagt werden muß. Auf eine Gebrauchsanweisung wollen wir verzichten, denn schrieben wir sie im für Gebrauchsanweisungen obligaten Stil, würden Sie anschließend die Platte garantiert senkrecht auflegen. Nur eins noch: Es ist kein Nachteil, daß Ihnen Kabarett diesmal nur akustisch geboten wird. So werden Sie zum Hinhören gezwungen. (Sie können freilich auch unentwegt auf die Platte starren, falls Sie ein visueller Typ sind.) Hinhören ist beim Kabarett erste Bürgerpflicht! Hinhören und, falls Sie uns diesen Gefallen auch noch tun wollen, ein bißchen nachdenken. Es gibt immer wieder einige im Saal, die nur dann lachen, wenn die Kabarettisten die Hosen fallen lassen. Das haben wir bei der vorliegenden Aufnahme gar nicht erst versucht – Sie hätten ja doch nicht viel davon.

Wolfgang Schaller (1978)
|  Seite 1  |

Frage um Frage
Text: Peter Ensikat, Klaus Gehrisch, Wolfgang Schaller, Manfred Schuber, Wolfgang Zobel
Gisela Grube, Jutta Rockstroh, Fritz Ehlert,
Hans Glauche, Werner Knodel, Manfred Schubert


Beraten und verkauft
Text: Harry Fiebig
Fritz Ehlert, Hans Glauche

Pförtnersophie
Text: Peter Ensikat
Hans Glauche, Manfred Schubert

Wie schon gesagt
Text: Harry Fiebig
Musik: Rainer Lischka
Jutta Rockstroh

In vino veritas
Text: Rudolf Thomas
Gisela Grube, Jutta Rockstroh, Fritz Ehlert,
Hans Glauche, Werner Knodel, Manfred Schubert



|  Seite 2  |

Kantaten keener was ändern?
Text: Manfred Bartz, Wolfgang Schaller
Musik: Rainer Lischka
Gisela Grube, Jutta Rockstroh, Hans Glauche,
Werner Knodel, Manfred Schubert


Nachrichten
Text: Achim Fröhlich
Jutta Rockstroh, Werner Knodel, Manfred Schubert

Die Sprechstunde
Text: Gerhard Hentschel,
Manfred Schubert
Gisela Grube, Jutta Rockstroh, Fritz Ehlert,
Hans Glauche, Werner Knodel


Dresden, leicht verschrammelt
Text: Hans Glauche, Wolfgang Schaller
Gisela Grube, Jutta Rockstroh, Fritz Ehlert,
Hans Glauche, Werner Knodel


Schlußwort
Text: Manfred Schubert
Musik: Hans-Joachim Hutschenreuther
Gisela Grube, Jutta Rockstroh, Fritz Ehlert,
Hans Glauche, Werner Knodel, Manfred Schubert


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Aus Programmen des Kabaretts „Die Herkuleskeule“, Dresden

Musikalische Leitung und Klavier: Horst Elsner
Kontrabaß: Peter Blumentritt
Schlagzeug: Claus Hennig

Regisseure: Manfred Schubert, Joachim Gürtner,
Hans Matz, Heiner Möbius
Dramaturgie: Wolfgang Schaller, Wolfgang Zobel

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Veranstaltungsmitschnitte vom 23. und 24. 5. 1977