Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
Musterungsszene

von Thomas Mann

LP ETERNA 8 60 001
Covertext:
Darf man es als einen Zufall betrachten, daß Tomas Mann die Idee zu seinem Hochstapler-Roman trotz mehrfach versuchter und wiederholter Ansatze zur Weiterführung über vier Jahrzehnte liegen ließ und zuletzt – durch den Tod gehindert – nur noch als abgeschlossenen ersten Teil veröffentlichen konnte? Für einen feinsinnigen, unmittelbar auf die geistigen und psychischen Symptome seiner Zeit reagierenden Künstler, wie er es war, ist das höchst unwahrscheinlich. Wir meinen vielmehr, daß sowohl in der Entstehungsgeschichte als auch in Anlage und Aussage des „Krull“ ein tiefer Sinn begründet liegt, der für die Bewertung und Analyse des Gesamtwerkes dieses größten bürgerlichen und repräsentativsten deutschen Dichters der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von außerordentlicher Wichtigkeit ist.

Begonnen wurde der Roman bereits nach der Vollendung der „Königlichen Hoheit“ (1909). Zwei Jahre später unterbrach der Dichter die Arbeit daran zugunsten anderer Vorhaben. Das Fragment wurde veröffentlicht, 1936/37 etwas erweitert, aber erst nach dem Abschluß des „Doktor Faustus“ (1946) und weiterer erzählerischer Werke fortgeführt. Hatte der Dichter gefühlt, daß vorher die Zeit für diesen Stoff und seine Gestaltung – sowohl auf seine eigene bewußtseinsmäßig-ideelle Erkenntnis als auch auf die gesellschaftshistorische Entwicklung der Bourgeoisie bezogen – noch nicht reif war? Die grundsätzlich neue Aussage dieser Hochstaplergeschichte und ihre Stellung innerhalb des Gesamtschaffens veranlassen uns, diese Frage zu bejahen.

Thomas Mann hat in steter Abwandlung desselben Grundthemas „Bücher des Endes“ (der bürgerlichen Gesellschaft) geschrieben. In diesem Sinne faßte er sein Werk als ein „Rückzugsgefecht großen Stils, geliefert im vollen Bewußtsein seiner Aussichtslosigkeit ...“, auf. Aber – und das ist entscheidend – er wußte zugleich, daß „wir Künder des Endes ... doch auch schon gewisse Beziehungen“ zum Neuen, zum Sich-Entwickelnden, das Alte-Ablösenden haben. Diese Bewußtheit seines historischen Standortes, gepaart mit einer unvergleichbar artistisch-künstlerischen Gestaltungskraft, hat ihm zur Größe und Tiefe der Aussage verholfen, die ihn zu einem einmaligen und beglückenden Phänomen in der Literatur unserer Zeit werden ließen. Indem aber Thomas Mann das Bürgerliche, dem er (bis zum „Krull“) zwar mit Hilfe eines aus der geschichtlichen Rückbesinnung gewonnenen bürgerlich-progressiven Ethos innerlich voll verbunden blieb, kritisierte, es in seinen überlebten Auffassungen, in seiner geistigen und gesellschaftlichen Fäulnis bloßstellte, setzte er zugleich die „neu heraufkommende Welt“ der Arbeiterklasse in ihr historisches Recht. Solange jedoch in seinen Werken die bürgerliche Daseinsform als nur der Erneuerung bedürftig angesehen und verteidigt wurde, war dies nur möglich durch tragisch-ernste Gestaltung, die er durch die ihm eigene Ironie zu entlasten wußte. Die Kette dieser Werke reicht von den „Buddenbrocks“ bis zum „Doktor Faustus“, jenem Buch, in dem wohl zum letztenmal in historisch begründeter, ernster Prüfung die bürgerliche Daseinsberechtigung und Verantwortlichkeit mit dem Schicksal und der Katastrophe der Nation verknüpft werden konnte. Diese Tatsache wurde vom Dichter bereits bei der Entscheidung, ob er sich dem „Krull“ oder dem „Faustus“ zuwenden solle, empfunden. Er wußte, daß die Vollendung des „Krull“ bei ihm selbst ein neues Lebensgefühl voraussetzen würde und daß als Ergebnis ein qualitativ Anderes, Neues zu erwarten sei: „Alles Werk und Beiwerk seit damals erwiese sich als Einschaltung, ein Menschenalter beanspruchend ...“; und er spürte zugleich, daß es auch damals, vor Ende des zweiten Weltkrieges, noch zu früh dazu war; der Faustus-Stoff erschien dem Richter zu diesem Zeitpunkt mit Recht als der „zeitnähere, dringendere“.

Der Entwurf zum „Krull“ stammt aus jener Zeit, als die im Schaffen Thomas Manns fast ständig vorhandene Künstler-Bürger-Problematik dominierte („Tristan“, 1901; „Tonio Kröger“, 1903; „Tod in Venedig“, 1913), also die Auseinandersetzung mit der Kunstfeindlichkeit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sowie der Lebensentfremdung und Dekadenz des bürgerlichen Künstlers. Damals entstand die Idee, die Verbindungslinie zwischen dem Künstlertum dieser Art und dem kriminellen Hochstaplertum durch dichterische Gestaltung deutlich zu machen. Aber das erwies sich solange als unmöglich, als des Autors Haltung vom Standpunkt der Bewahrung und Erneuerung der bürgerlichen Kultur geprägt war. Zwar hatte er es bereits 1909 verstanden, das „fürstliche Dasein“ nur noch „als formales, unsachliches, übersachliches, mit einem Wort artistisches Dasein“ (Th. Mann), das heißt in seiner gesellschaftlich überholte Existenz, gelten zu lassen – mit der gesellschaftskritischen Darstellung der Bourgeoisie konnte ihm solches noch nicht gelingen; es wäre auch ein historisch-prophetischer Vorgriff gewesen, der erst nach der Jahrhundertmitte in der Zeit des Sieges des Sozialismus und der permanenten Krisis der bourgeoisen Gesellschaft für einen bürgerlichen Künstler poetisch-realistisch realisierbar wurde.

Es liegt ein tiefer Sinn darin, daß alles, was in den früheren Künstlererzählungen vom Dichter als Gefahr für den Künstler sichtbar gemacht wurde, jetzt von Krull (aus der Sphäre der sonst bevorzugten Diskussion um weltanschauliche und ästhetische Probleme) ins Leben verlagert und in die Realität umgesetzt wird: die Trennung des Politischen vom Geistig-Moralischen, ja die Aufhebung des Moralischen zu Gunsten der „Politesse“, die Isolierung vom Leben des Volkes, die Rezeption inhumaner Philosophien, die Vereinsamung innerhalb der Gesellschaft, die Praktizierung dekadenter Lebensformen. So verstanden ist Krull innerhalb des Werkes von Th. Mann das dichterische Symbol für die Erfolglosigkeit der Bemühungen um die Erneuerung des bürgerlichen Geistes; er ist zugleich die burlesk-ironische Personifikation jener Künstler, die nicht mehr die ganze gesellschaftliche Wirklichkeit erfassen können, weil sie die neue Welt aus ihrem Werk ausklammern. Von der eigenen Gesellschaft bereits ihrer künstlerischen Funktion enthoben, werden sie zu Hochstaplern, die – wie im Falle Krull – nicht mehr als Künstler arbeiten, schaffen und leben, sondern nur noch danach trachten, die Welt als Betrüger künstlerisch zu erleben und zu genießen. Diese Nachbarschaft des bürgerlichen Künstlers zu einem geistig-gesellschaftlich sublimierten Hochstaplertum wird von Thomas Mann, obzwar er ein Dichter ganz anderer Art ist, selbstlos-parodistisch dadurch „belegt“, daß er für Krulls Lebensgang z. B. Züge aus seiner eigenen Biographie sowie Motive aus seinen früheren Werken verwendet hat.

Worum handelt es sich? Ein hübscher, nicht unsympathischer, mit künstlerischen Sinnen und Anlagen begabter Bursche, Sohn eines bankrottierenden, im Selbstmord endenden Schaumweinhändlers, schreibt im Alter von vierzig Jahren im Zuchthaus seine Bekenntnisse und Erlebnisse nieder. Er erzählt von großen und kleinen Betrügereien, die er als Schuljunge, als Liftboy, als Kellner beim Aufstieg in die „feine Welt“ und als Globetrotter mit viel Gescheitheit und Raffinesse vollbracht hat; er berichtet von seiner Entwicklung, seinen Gedanken und Gefühlen von Liebesabenteuern, Schwindeleien und auch von einigen Diebstählen. Vermittels seiner Klugheit hat er die verkommenen Zustände der ihn umgebenden Gesellschaft durchschaut und macht sie sich bei der Gestaltung seines eigenen künstlerisch-spielerisch angelegten Lebens zunutze: er narrt die „elegante Welt“ in deren Maske und betrügt die Betrüger. Dadurch werden die Verfalls- und Entartungssymptome der überholten Ordnung, in der nicht die Leistung, sondern der „Zufall des Reichtums“ gilt, offenkundig. Krull ist ein schlauer Kopf, der für sich eine individuelle Lösung zur Teilnahme an Reichtum und Wohlleben der Herrschenden sucht und durch seinen Lebensweg die Wendung der künstlerischen Natur und der ganzen Gesellschaft zum Hochstaplerischen beweist. Insofern ist Krull das vollendete Geschöpf der Bourgeoisie, eine weiche, knetbare Masse, die vom Autor in die negativen Ausprägungen des (bürgerlichen) Reliefs gedrückt wird, um all die Krankheiten, Verlogenheiten kritisch sichtbar werden zu lassen. Ein Leben lang hat Thomas Mann ernst und qualvoll mit der Problematik der Bürgerwelt gerungen – in seinem letzten Werk läßt er sie nur noch als humoristisch-kriminelle Burleske figurieren. Das setzt eine weitgehende Befreiung vom Standpunkt seiner Klasse voraus und markiert eine neue und letzte Stufe im Ringen des Dichters um und zugleich gegen das Bürgertum der imperialistischen Epoche.

Unter Thomas Manns Werken besitzt der „Krull“ die bewegteste Handlung. Schauplätze und plastisch einprägsam geschilderte Personen wechseln ständig und geben eine originelle und phantasievolle Kulisse. Krull selbst ist – in verräterischer Teilhaberschaft mit dem Dichter – der Erzähler, der die locker episodisch gruppierten Geschehnisse zusammenhält. Dieser Erzähler versteht es, durch bewußte Hinweise auf seine variablen Gestaltungsmittel die humoristische Wirkung zu verstärken: er unterhält sich mit dem Leser, nimmt seine Einwände vorweg, appelliert an sein Verständnis, parodiert seinen eigenen Stil. Das hat Unmittelbarkeit und Verspieltheit zugleich in der Darstellungsweise zur Folge.

Als besonders gelungen erscheint das Musterungskapitel, in dem der Dichter mit dem im ganzen Roman geübten Mittel der distanzierenden Ironie und Satire die lächerliche Borniertheit und die abscheuliche Unmenschlichkeit des Militarismus meisterhaft verspottet. Indem Krull mit großer psychologischer Einfühlung und einer verblüffenden schauspielerischen Leistung, sich die ärztliche Rechthaberei nutzbar machend, sein „epileptisches Krankheitsbild“ vorspielt und trotzdem – gegen den Willen der Militärs und ungefragt – behauptet, er sei für alle Waffengattungen tauglich, verstößt er grundsätzlich gegen den Kanon jeder militaristischen Tugend, gegen die stupiden Gewohnheiten der preußischen Kaserne: er gibt vor, etwas durch freie Willensentscheidung zu wollen, was doch nur befohlen werden kann! So gelingt es ihm, die ersehnte Freistellung zu erreichen.

Thomas Mann war ein hochgeschätzter Redner. Hier stellt sich uns der Verstorbene auch als hervorragender Interpret und Vortragskünstler seines letzten Romans, der zu den Meisterwerken deutscher satirisch-humoristischer Prosadichtung zählt vor. Seine unübertroffene Art zu lesen, jedes bedeutungsvolle Wort, jede Nuance seiner kunstvoll gebauten Satzperioden und die ungewohnte, betonende Wortwahl auszukosten und poesievoll zur Wirkung zu bringen, verstärkt nicht nur den gesellschaftskritischen Spott und die Ironie, die dem Ganzen eigen sind, sondern erhöht auch unseren Genuß.

Kurt Böttcher
Leser: Thomas Mann