Die Ballade vom Lederstrumpf

frei nach J. F. Cooper

LP LITERA 8 65 234
Covertext:
Die Lederstrumpf-Erzählungen werden heute zumeist nur als „Kinderbücher“ angesehen. Dabei galt ihnen einst das große Interesse der erwachsenen Menschen, für die sie geschrieben waren – in Amerika und auch in Europa.

Als die ersten drei Lederstrumpf-Bände um 1830 nach Deutschland kamen, wurden sie zu einer Sensation – zu einer politischen Sensation in einem Lande, wo die nach 1815 restaurierte Feudalherrschaft alle fortschrittlichen Ideen unterdrückte.

Manche Leute sagen, die Lederstrumpf-Bücher seien Bücher für Kinder, weil sie Abenteuer beschreiben. Was aber sind Abenteuer? Und sind sie nur etwas für Kinder? Auf diese Fragen eine Antwort zu finden, hilft uns ein Gedicht von Goethe:

Mut
Sorglos über die Fläche weg,
Wo vom kühnsten Wager die Bahn
Dir nicht vorgegeben du siehst,
Mache dir selber Bahn.

Goethe sagt: mutig ist einer, der dort entlanggeht, wo vor ihm noch keiner zu gehen wagte, wo man sich den Weg selber suchen, sich selbst Bahn schaffen muß, Mut ist keineswegs das Gegenteil von Angst. Mut schließt Angst ein: man muß sie überwinden, will man ins Unbekannte vorstoßen. Wir kennen viele Menschen, die solchen Mut bewiesen haben: die großen Entdecker, die Erforscher unbekannter Erdteile, die Kosmonauten. Sie alle haben Neuland betreten und Wege ins Unbekannte gebahnt: den Seeweg nach Indien, den Weg zum Südpol, den Weg in den Kosmos

Aber „Neuland ist nicht nur ein geographischer Begriff, und die Geschichte der Menschheit ist reich an mutigen Persönlichkeiten die neu entdeckte Wahrheiten gegen die gewaltige Macht alter Denk- und Lebensgewohnheiten behaupteten und durchsetzten. Zu ihnen gehören Arbeiter und Bauern, die um die Befreiung von Ausbeutung kämpften; Ärzte, die ihr Leben bei der Erprobung einer neuen Medizin von großer Heilkraft aufs Spiel setzten; Wissenschaftler, die dafür eintraten, daß ihre Erfindungen nur zum Wohle der Menschheit genutzt werden – und viele, viele andere, die mutig dem Fortschritt der Menschheit dienten.

Kann man Natty Bumppo, den Helden der Lederstrumpf-Erzählungen in die Reihe dieser Mutigen stellen?

Natty Bumppo war ein Pfadfinder. Er gehörte zu jenen Mutigen, die immer tiefer in den unbekannten nordamerikanischen Kontinent vordrangen, um ihn zu erkunden und zu erschließen. Und er war ein Mann von sehr edler menschlicher Gesinnung in einer Zeit, die durch blutige Kriege, Raub und Sittenverfall gekennzeichnet war, denn die Erschließung und Besiedlung von Nordamerika durch die ersten europäischen Ansiedler ging einher mit der Kolonialisierung des Landes, mit der gewaltsamen Unterdrückung und Ausrottung der Indianer. Soldaten, vor allem aus England und Frankreich, führten von den Herrschenden ihrer Länder dazu ausgeschickt, gegeneinander Kriege um den Besitz des großen und reichen Landes, wobei jede Partei bemüht war, für ihre Interessen auch Indianerstämme kämpfen zu lassen. Mit Gewalt und Verrat schleppten sie ungeheure Reichtümer aus den eroberten Gebieten nach Europa – in die Mutterländer. Und diese Reichtümer beschleunigten gewaltig die Entwicklung des Kapitalismus in Europa. Der bedeutete in den Feudalstaaten den Fortschritt – wir wissen es. Aber er entstand aus Blut, Tränen und Gewalt. Als die Kolonialisierung Nordamerikas begann, lebten dort etwa zwei Millionen Indianer. Am Anfang unseres Jahrhunderts waren es noch zweihunderttausend, ein Zehntel ... Mit dem Unabhängigkeitskrieg der 1775 begann, erkämpften die Kolonien sich schließlich die Freiheit von den Mutterländern - es entstanden die Vereinigten Staaten von Amerika. Aber es war eine kapitalistische Freiheit, in der die Indianer und schwarzhäutigen Sklaven wie ehedem unterdrückt ausgebeutet, verfolgt wurden. Und nicht nur zwei, wie auf unserer Schallplatte, sondern fünfzig bis hundert englische Pfund wurden als Preis für einen Skalp ausgesetzt.

So kommt es, daß das schöne Wort „sorglos“ aus Goethes Gedicht auf Natty Bumppo bald nicht mehr zutrifft und auf den Wegen, die er einst zu bahnen half, der Krieg einherzog. Coopers Bücher erzählen die Lebensgeschichte von Natty Bumppo, dem Waldläufer mit den vielen Namen. Und sie beschreiben in dieser Geschichte Nattys Abenteuer bei der Kolonialisierung Nordamerikas und bei der Entstehung des nordamerikanischen Staates. Sie sagen damit wichtige Wahrheiten über die gesellschaftliche Entwicklung und über den Mut dieses Einzelnen – Natty Bumppo –, der beides will: das Abenteuer dieses Lebens im Unbekannten, Unerforschten. Und die Freundschaft mit den Indianern; die Erschließung des Landes und seine eigene persönliche ungebundene Freiheit. Er kann beides nicht vereinigen, denn es kann in jener Zeit nicht vereinigt werden. Die Indianer können nicht überleben gegen die Europäer, deren Entwicklung um tausend Jahre voraus ist, und Natty Bumppo kann keiner anderen Ordnung die Wege bahnen als der kapitalistischen, deren Gesetze ihm dann mehr und mehr die ersehnte Freiheit beschneiden.

Abenteuer-Romane also? Ja – Abenteuer jedoch, in denen Wahrheiten über die Entwicklung der Menschen enthalten sind: wahre Abenteuer. Und nicht trotzdem, sondern gerade deshalb gehören die Lederstrumpf-Bücher auch zu den beliebtesten Kinderbüchern der Welt.

Unsere Schallplatte soll ein wenig helfen, die Wahrheit der Lederstrumpf-Bücher zu verstehen. Sie soll aber auch etwas vom Mut ihres Helden übermitteln für die Abenteuer, die wir heute bestehen. Denn auch vor uns liegt Neuland. Die Schallplatte stützt sich vor allem auf die Romane „Wildtöter“ und „Die Ansiedler“. Sie kann natürlich das Lesen der Bücher nicht ersetzen. Im Gegenteil – sie setzt es voraus und will zu ihm Lust machen.

Andreas Scheinert (1977)
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ERSTER TEIL

Natty Bumppo - genannt Wildtöter: Rolf Ludwig
Harry Hurry: Peter Bause
Der schwimmende Tom: Helmut Müller-Lankow
Judith: Jutta Wachowiak
Irokesen-Häuptling: Rudolf Christoph
Irokese: Lothar Tarelkin
Alte Irokesenfrau: Johanna Clas


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ZWEITER TEIL (fünfzig Jahre später)

Nathaniel Bumppo - genannt Lederstrumpf: Rolf Ludwig
Bill Kirby: Walter Lendrich
Jeff Jotham: Lothar Förster
Elisabeth Temple: Katarina Tomaschewsky
Sheriff Jones: Horst Weinheimer
Richter Temple: Eberhard Mellies
Indian-Joe: Dietrich Körner


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von J.F. Cooper
Bearbeitung: Andreas Scheinert

Komposition und Gitarre: Werner Pauli
Gesang: Gerry Wolff

Regie: Andreas Scheinert
Geräusche und Tonregie: Karl Hans Rockstedt