Warum der Mond keine Kleider hat
und andere Geschichten

von Samuil Marschak
LP LITERA 8 65 180
Covertext:
Warum der Mond keine Kleider hat – das ist, ohne Schummeln, eine komplizierte Geschichte. Auch die andern Begebenheiten, die Ihr gleich hören werdet, haben ihr Geheimnis. Und hinter den Ohren dick den Spaß.

Der Mond hoch oben und der Regen hier unten, die Sache mit dem ganz ganz kleinen Hund und mit der Schachtel, lackiert und rund, die Geschichte mit der Seifenblase oder die vom klugen Mäuschen (vom dummen auch) oder der Streit zwischen Komma und Fragezeichen: so manches literarische Bubenstück hab ich ausgesucht aus den vielen lustigen Büchern eines großen Dichters für Kinder. Er ist so berühmt, daß man Briefe an ihn aus aller Welt einfach adressiert an „Marschak, Moskau“. Das genügte, Ihr wißt, so berühmt wird man nur, wenn man das, was man tut, so gut macht wie ein ganz großer Könner.

Marschak also, Samuil Marschak heißt der Mann, der die Geschichten geschrieben hat, von denen Ihr einige auf dieser Schallplatte findet. Geschrieben für Kinder und für die Erwachsenen. Aber kein Lirum-larum-Löffelstiel. Er schrieb von dem, was es alles gibt auf der Welt zum Staunen und Denken. Ein Kinderbuch, ein Kinderlied mußte für ihn immer eine „Entdeckung der Welt“ sein, der großen und der kleinen, und das Wissen um die Erde und die Menschen erweitern. Sonst taugt es nichts. Er war so wißbegierig und neugierig, wie man sein muß, will man dahinter kommen, wie man sich aus vollem Herzen seines Lebens freut.

Marschak, ein sowjetischer Schriftsteller also und geboren in Woronesch, einem großen Bildungs- und Industriezentrum, lebte die meiste Zeit seines Lebens in Moskau. Er hatte vor dem ersten Weltkrieg durch die Hilfe von Maxim Gorki in London studiert und sich auch sonst in der Welt umgetan. Er war, wie er von sich sagte, zeitlebens ein Schüler, so, wie jeder wirklich große Mensch mit dem Lernen nie zu Ende kommt. Dieser äußerst gelehrte Mann wurde dann auch einer von Gorkis gelehrigsten Schülern. Sein literarischer Ruhm reicht über Jahrzehnte. Er sah sich selbst als eine Art Mitschüler des großen Dichters Majakowski und meinte damit vor allem, daß sich im donnernden Strom der Oktoberrevolution sein Wesen und Talent geformt hat.

Mit seinen Dichtungen erzog Marschak ganze Generationen schon in den Kinderschuhen zum „witzspitzen Haß“ auf alles Unmenschliche. Er war einer der gebildetsten Menschen, dem ich je begegnet bin. Vielleicht konnte er, eben weil er ein so reiches Wissen hatte, so viele vergnügliche Sachen schreiben, denen man gar nicht anmerkt, wieviel man dabei lernt.

Ich hatte das Glück, ihn gut gekannt zu haben. Wir saßen während vieler sommerlicher Arbeitswochen im schonen Jalta im Schriftstellerheim fast täglich beisammen. Er sprach ein wunderbares Deutsch, geschult an Heinrich Heine. Wißt Ihr, so eins, daß man sein eigenes Deutsch – ehe man sich mit Marschak unterhielt – immer erst ein bißchen waschen mußte, Russisch, seine Muttersprache, liebte er über alles und übertrug deshalb ins Russische die schönsten Dichtungen vieler anderer Völker vor allem aus dem Englischen. Er liebte die Volksmärchen und die Kinderlieder, ihrer klaren, klingenden Sprache wegen. Und er selbst besaß die Kunst, wie mit einer hellen Lampe hinter den Sinn des Wortes zu leuchten, um dessen kluge Naivität zu erfassen und anzuwenden. Marschak selbst steckte immer voll origineller Einfälle und Schnurrpfeifereien. Übrigens hatte er – stellt Euch das vor! – alle seine Examina in Schule und Universität mit „Ausgezeichnet“ bestanden. Und zu dichten hatte er begonnen, noch ehe er schreiben lernte. So einer war das. Er hatte sozusagen im kleinen Finger mehr als mancher in der ganzen Faust.

Das Schreiben von Kinderbüchern betrachtete er als eine ganz besondere Kunst. Für Kinder kann man nie gut genug schreiben, sagte er immer. Und was man so sehr an ihm lieben muß: niemals ist er zeigefingerig.

Mit Gorki zusammen gründete er den ersten sowjetischen Kinderbuchverlag (Detgis) und überwachte jede neue Kinderbuchausgabe mit großer Sorgfalt. Vorstellen müßt Ihr ihn euch so: eine breite, schwere, männliche Gestalt. Er trug eine dicke große Brille, hinter denen forschende und sehr gütige Augen saßen. Ohne Telefon und ohne sein Palech-Kästchen mit Zigaretten war er ganz undenkbar. Sein Schreibtisch glich einem Hochgebirge. Und sein Fleiß war unvorstellbar. Neben seinem Arbeitstisch stand, wie absichtlich, immer nur ein einziger Stuhl. Er hatte es gern, mit einem Menschen allein zu sprechen, um ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. Wo er Talent und Fleiß vorfand, zog er bewundernd seinen Hut. Auf Pfuscher und Stümper aber ließ er ohne Hemmung seinen Zorn niederprasseln. Hatte er selbst ein neues Gedicht oder Theaterstück geschrieben, war er gleichermaßen kritisch. Er las es voll Schwung und Feuer sofort telefonisch seinen Freunden vor, um rasch herauszufinden, was es taugt.

Alles, was er machte, schien ihm grundsätzlich verbesserungswürdig. Ihr könnt Euch vorstellen, wie die Drucker da manches Mal geschwitzt haben, wenn er immer und immer wieder von neuem korrigierte. Er sprach dann mit einer energischen, lebhaften, beinahe zupackenden Stimme. Und konnte natürlich auch herrlich vorlesen. Als er im Jahre 1964 „den Löffel weglegte“, hatten die Kinder in aller Welt einen ihrer liebenswertesten Dichter verloren.

Doch auch zur Musik, die Ihr gleich hören werdet, muß ich noch ein Wörtchen sagen. Die hat der Weimarer Komponist Joachim Thurm zu Marschaks schöner Textvorlage gemacht. Er setzte sie mit Pfiff und Format und ohne Fisimatenten in den rechten, dem Dichter angemessenen Ton.

Neben vielen Kompositionen für Klavier und Kammerorchester, neben Musiken für so manches Schauspiel, für Film und Fernsehen, für Jugendorchester und Jugendchöre, hat Joachim Thurm auch viele gute Lieder geschrieben. Eines der allerschönsten, das in den letzten Jahren entstand, ist sein „Morgenlied“. Ihr werdet mir recht geben, wenn Ihr es singt.

Joachim Thurms Musik zu Marschaks Dichtungen verrät die Fähigkeit, den musikalischen Gedanken ebenso knapp und geistreich zu fassen wie Marschak das Wort. Keckheit und musikalischen Spaß, Mäusemarsch und Mäusetänzchen Abzählliedchen und Katzenmusik und gar Schreibmaschine, vierhändig gespielt, läßt er mit zarten oder starken Instrumenten vortragen oder mit allenzusammen bis zur dicken Tuba. Ihr werdet sie alle einzeln wiedererkennen.

Joachim Thurm hat tüchtig an der Franz-Liszt-Musikhochschule in Weimar studiert, ehe er eine so phantasievolle und geistreiche Musik machen konnte.

Gespielt hat’s dann eine Kammermusikgruppe des Berliner Sinfonie-Orchesters, und der Dirigent Günther Herbig hat furchtbar streng und freundlich aufgepaßt, daß alle Musiker so gut und fein spielen wie fürs schönste Festkonzert. Setzt Euch hin, rückt näher ran! Die Geschichte fängt gleich an.

Ingeburg Kretzschmar
Sprecher: Horst Schulze

von Samuil Marschak
Schallplattenbearbeitung: von Ingeburg Kretzschmar
Deutsche Nachdichtungen: Marianne Schilow u. a.
Komposition: Joachim Thurm

Mitglieder des Berliner Sinfonie-Orchesters
Dirigent: Günther Herbig
Kinderchor des Deutschlandsenders
Leitung: Manfred Roost

Musik- und Tonregie: Bernd Runge
Wortregie: Joachim Herz