Musik für Kinder
LP NOVA 8 85 060
Covertext:
Die Klaviermusik für Kinder auf dieser Schallplatte stammt von bekannten Komponisten aus der DDR. Ihre Absicht besteht darin, Kinder so früh wie möglich an inhaltliche und technische Probleme der Musik heranzuführen. So ist diese Klaviermusik pädagogischer Natur, obwohl das Pädagogische – im Gegensatz zu den „Schulen der Geläufigkeit“ – nie aufdringlich wirkt. Es handelt sich hier um Folgen von in sich durchgeformten Charakterstücken, Tänzen und Volksliedbearbeitungen. Die motivisch miteinander verwandten sieben Klavierstücke von Hanns Eisler (1898-1962) stammen aus seinem ersten Heft „pädagogischer Musiken“ op. 31, das unter dem Titel „Klavierstücke für Kinder“ veröffentlicht wurde. Sie entstanden 1932 oder 1933, jedenfalls noch vor Eislers Emigration aus Deutschland. Eisler versuchte hier, das Kind mit neuen Mitteln musikalische Logik zu lehren. Dabei legt er großen Wert auf das Amüsante, welches der kindlichen Psyche mehr entgegenkommt als trockene Didaktik. In einem Entwurf zu einer Vorbemerkung für eine andere „pädagogische Musik“ schreibt Eisler, daß er „eine kleine praktische Kompositionslehre für Kinder“ geben will, „die aber gleichzeitig als Instrumentaletüde brauchbar sein“ soll. So ist in jedem Stück ,nicht nur ein kompositorisches (meist kontrapunktisches) Problem verborgen, sondern auch ein spieltechnisches.

Die Stücke von Paul Dessau (geb. 1894) wurden 1934 im Pariser Exil komponiert und 1953 neu bearbeitet; sie sind aus dem Heft „Zehn Kinderstücke für Klavier“ ausgewählt. Wie Eisler pflegt Dessau einen unsentimentalen und durchsichtigen Klaviersatz. Man findet hier eine Fülle rhythmischer und kontrapunktischer Aufgaben, so daß beide Kinderhände gleich viel zu tun haben, die linke Hand also nicht bloß begleitet. Die 1956 entstanden „Sieben Klavierstücke für Charlotte“ von Fritz Geißler (geb. 1921) sind mit Herz und mit Verstand komponiert. Auch in ihnen spielt das Rhythmische eine wesentliche Rolle. Vor allem das fünfte Stück („Zwölftönige Studie“) will das Kind mit dem Stand des fortgeschritteneren Komponierens vertraut machen. Die „Musik für Kathrin“ op. 21 von Siegfried Köhler (geb. 1927) enthält kleine, üebersichtlich geformte Charakterstücke und Tänze. Auffallend der Wechsel zwischen liedhaft und instrumental Empfundenem. Jedes der zwölf Stücke der 1961 geschriebenen Sammlung trägt eine bildhafte Überschrift, die aus der Sphäre des Kindes stammt, aus seinem Alltag, seinem Denken und Spielen. Das Kind wird nicht als isoliertes Individuum vorgestellt, sondern es wächst in der Gemeinschaft mit anderen Kindern auf – das zeigen Stücke wie „Streit zu zweit“, „Wettlauf“ und „Zwiegesang“.

Das Liedschaffen hat in der DDR einen beispielhaften Aufschwung genommen. Wir verdanken ihn nicht zuletzt der Einsicht der Komponisten, daß das Singen die natürliche Grundlage der Musikausübung ist, und daß es viel mehr als das instrumentale Musizieren in die Breite wirkt. Es ist deshalb hier nicht nur an Kunstlieder mit Klavierbegleitung zu denken, sondern vor allem an Marsch-, Kampf- und Chorlieder, an Balladen, Chansons und Songs. Es gibt kaum einen Komponisten in der DDR, der nicht auf einem Gebiet des Liedes gearbeitet hat, sosehr er sich auch für Oper oder Sinfonie engagiert haben mag.

Einige Komponisten indes haben sich erfolgreich auf dem Gebiete des Kinderliedes versucht. Falsch wäre die Annahme, sie hätten das nur so nebenbei getan. Die meisten Komponisten wissen, welche künstlerische Verantwortung sie auf sich nehmen, wenn sie ein Kinderlied schreiben. Es ist schon nicht leicht, eine einfache und doch wertvolle Liedmelodie zu erfinden; und noch weniger, den richtigen Tonfall zu treffen, der die kindliche Psyche anspricht. Ein Umstand mochte den Komponisten zum Teil ihre Aufgabe erleichtern: Sie haben die Möglichkeit, aus einem jahrhundertealten Schatz deutscher Volkslieder zu schöpfen, an ihn anzuknöpfen und ihn weiterzuentwickeln. Die auf unserer Schallplatte vertretenen Komponisten haben ausnahmslos diese Möglichkeit ergriffen: sowohl Fidelio F. Finke (1891-1968) – um mit dem Ältesten zu beginnen – als auch Leo Spies (1899-1965), Rudolf Wagner-Regeny (1903-1969), Ernst Hermann Meyer (geb. 1905), Kurt Schwaen (geb. 1909), Jürgen Wilbrandt (geb. 1922) und Günter Kochan (geb. 1930). Mehr als die Kinderstücke für Klavier sind diese Kinderlieder den Jüngsten zugedacht. Sie sind nicht bloß zum Vorsingen und Anhören da. Die Kinder selber sollen sie singen, zu einigen können sie sich vielleicht selbst am Klavier begleiten (wir denken an die Lieder von Schwaen und Spies, besonders an dessen sehr gelungenes sechsstrophiges Lied von „unserer Wirtschaft“). Die Begleitung der anderen ist etwas schwerer, da die Komponisten hier eine Annäherung ihrer im Volkslied wurzelnden Melodien an das artifizielle Klavierlied anstreben. Zu nennen wären hier die Wiegenlieder von Meyer und Finke (der Begriff „dorisch“ bezieht sich auf eine alte Tonart), das witzig begleitete Hühnchenlied von Wilbrandt, auch das balladeske Rattenfänger-Lied von Wagner-Regeny (aus der Sammlung „Zehn Lieder auf Worte von Bertolt recht“). Anspruchsvoll ist die Klavierbegleitung zu beiden Liedern von Kochan (aus dem Heft „Deutsche Volkslieder'' op. 11 b): Sie ist ausgesprochen virtuos und weitet sich in dem Schneiderlied sogar zu einem Nachspiel. Kochans Lieder sind außerdem musikalisch besonders lehrreich. Sie zeigen drastisch, wie alten bekannten Volksweisen moderne Harmonik und Spielfiguren angemessen sein können. Die Liedauswahl bringt nicht etwa nur „Kindertümliches“, sie berücksichtig vielfältige Arten des Kinderliedes. Man findet daher hier Erzähllieder, Tages- und Jahreszeitenlieder, Naturlieder, Tierlieder, Ständelieder, Wiegenlieder, Scherz- und Spottlieder. Sie enthalten auch Nachdenkliches, Lehrreiches. So heißt es z. B. im Liedtext von Wera Küchenmeister (vertont von Kurt Schwaen): „O lasset uns im Leben bleiben, weil jeden Tag ein Tag beginnt. O wollt sie nicht zu früh vertreiben, alle, die lebendig sind.“

Eberhardt Klemm (1974)
|  Seite 1  |

Hanns Eisler (1898-1962)
Sieben Klavierstiicke aus
„Klavierstücke für Kinder“ (1935)
Allegretto
Marsch (Kleiner Kanon in (der Oktave)
Andantino
Praeludium I: Allegretto
Praeludium II: Moderato
Fughetta: Andante
Scherzo: Allegro

Rudolf Wagner-Regeny (geh. 1903)
Der Rattenfänger von Hameln
aus „Zehn Lieder auf Worte von Bertolt Brecht“

Bärenliedchen
(Schu, schu, schu Bärenkindchen)
Text aus dem Lettischen

Günter Kochan (geb. 1930)
Die Regensburger Schneiderversammlung
(Zu Regensburg auf der Kirchturmspitz)
aus „Deutsche Volkslieder“ op. 11 b

Paul Dessau (geb. 1894)
Aus „Zehn Kinderstücke für Klavier“ (1934)
Nr. 2 Kleiner Marsch
Nr. 4 Im Frühling
Nr. 5 Kleine Eisenbahn
Nr. 6 Angenehmes Erinnern
Nr. 8 Etüde (Der Kreisel)
Nr. 10 Weißt du, wieviel Sternlein stehen?

Fidelio F. Finke (geb. 1891)
Die vier Jahreszeiten
(Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder)
Volksdichtung

Leo Spies (1899-1965)
Frühlingsblumen
(Blumen hab ich mir bestellt)
Text: Erika Engel

Reife Felder
(Reife Felder, reife Garben; Herbst)
Text: Erika Engel

Fidelio F. Finke (geb. 1891)
Der alte Schäfer
Text: Marianne Garff

Jürgen Wilbrandt (geb. 1922)
Die fünf Hühnerchen
(Ich war mal auf dem Dorfe)
Text: Victor Blüthgen

Ernst Hermann Meyer (geb. 1905)
Wiegenlied
(Schlaf, Kind, über Busch und Baum)
Text : Willi Layh

Kurt Schwaen (geb. 1909)
Wer möchte nicht im Leben bleiben
Text : Wera Küchenmeister


|  Seite 2  |

Günter Kochan (geb. 1930)
Schneidri, schneidra, schneidrum
aus „Deutsche Volkslieder“ op. 11 b

Kurt Schwaen (geb. 1909)
Regenspruch
(Es regnet, es regnet, die Erde wird naß)

Siegfried Köhler (geb. 1927)
Musik für Kathrin
(Zwölf Kinderstücke für Klavier op. 21)
Lied am Abend
Streit zu zweit
Gedanken
Wettlauf
Zwiegesang
Wie der Wind
Pantomime
Karneval
Ein Märchen
Unbekümmert
Nachdenklicher Walzer
Kaspertanz

Leo Spies (1899-1965)
Rumpumpel-Lieder
Text: Paula Dehmel

1. Osterlied
(Has, Has, Osterhas)
2. Lied vom Monde
(Wind, Wind, sause)
3. So sieht unsre Wirtschaft aus
(Unser Müller hat ein Mühlenhaus)

Fritz Geialer (geh. 1921)
Sieben Klavierstücke für Charlotte
1. Allegro
2. Serenade
3. Volkslied: Ei du feiner Reiter
4. Notturno
5. Zwölftönige Studie
6. Marsch
7. Allegro vivace

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Werner Richter, Klavier
Sieglinde Goßmann, Mezzosopran
Dieter Brauer, Klavier

Musikregie: Eberhard Geiler
Tonregie: Eberhard Richter

Aufgenommen im Mai 1967