Musik von Großen für Kleine
LP NOVA 8 85 136
Covertext:
Zweimal zwanzig Minuten still sitzen für ein Konzert? Muß man das? Sollte man das? Kann man das, wenn einem vielleicht bisher nur Kinderlieder vorgespielt wurden oder Märchenplatten, wo richtig was passiert und nicht „bloß“ Musik gemacht wird?

Klar kann man das. Denn es ist ein Irrtum, daß hier nichts passiert. Hört nur hin, es geht schon los.

Eins zwei drei, eins zwei drei – der Katzenwalzer beginnt. Musik von Andre Asriel. Minka und Mohrchen, witzig und nicht zu halten, tanzen um die Wette. In der Mitte steht eine Maus und spielt die Geige. Am Klavier – hm ta ta – Max, der Goldhamster. Und sagt bloß, die beiden machen das nicht gut! Wie? Die Geige wird von einem Eichkater gespielt? Da habe ich mich eben geirrt. Im Stück Nummer drei (Thomas Natschinski) gibt die Flöte den Ton an. Eine Flöte (vor allem eine Blockflöte) kennt doch jeder heutzutage. Sie hat sich eine kleine Kinderliedermelodie ausgedacht und fragt die Elektronenorgel, wie sie die findet. Die Orgel ist natürlich entzückt und gibt sofort ihren Senf dazu. Sie wirft dem Schlagzeug ein paar Töne zu (nun ist erst der richtige Rythmus drin!) und gibt zurück an die Flöte. Die Flöte dribbelt ein bißchen und gibt ab an die Orgel. Was denn, sind wir hier etwa auf einem Sportplatz? Die drei scheinen sich ja prächtig zu verstehen. Und sie sind wohl diesmal sogar einer Meinung.

Nicht ganz so einträchtig geht es am Ende der Schallplatte beim Tanz des Harlekins (Bernd Wefelmeyer) und beim Versteckspiel (Günter Kochan) zu. Da stolpert die Pauke über die eigenen Füße, und der Harlekin kommt ganz außer Atem bei diesem wunderlich verschobenen Rhythmus. Und wie drei so unterschiedliche Gesellen wie die Tuba, die Piccoloflöte und die Pauke miteinander Versteck spielen können, ohne daß es nachher Zank und Gezeter gibt, weil die winzige Flöte natürlich viel flinker ist als die dicke alte Pauke, das bleibt mir sowieso ein Rätsel.

He! Das Konzert ist schon zu Ende? Los, leg noch mal den Katzenwalzer auf!

Vierzehn namhafte Komponisten der DDR, vielfach bekannt durch große Sinfonien, Kantaten, Jugendlieder und Konzerte, haben Musik für Kinder gemacht. Das „Kindgemäße“ liegt vor allem in der Überschaubarkeit der Instrumentierung und in den eindeutigen Themen, aber auch im heiteren Grundzug der meisten Stücke, manchmal (wie in den „Kleinen Stücke für kleine Leute“ von Wolfgang Lesser) auch in der leichten Spielbarkeit. Das ist etwas zum Selbstmusizieren. Mal schauen, wo es die Noten gibt.

Auf unserer Schallplatte wird Kammermusik gemacht. Jene Musik also, die ungerechterweise bei so vielen erwachsenen Hörern den Nimbus des Exklusiven, also Unpopulären hat, und die uns doch eigentlich so nahe an sich heranläßt wie kaum eine andere Musikgattung. Hier stehen wir als Hörer unmittelbar neben dem, der da die Violine spielt, die Tuba bläst oder auf die Pauke haut. Ja, fast sitzen wir selbst an den Instrumenten, lernen aktiv zuhören, was ganz besonders gut klappt, wenn wir eines der Instrumente vielleicht sogar beherrschen oder schon mal darauf gespielt haben. Wir nehmen an der gleichberechtigten Diskussion mehrerer Instrumente teil, die Goethe in bezug auf das klassische Streichquartett so treffend als „Unterhaltung vernünftiger Personen“ bezeichnet hat.

Kammermusik lebt von der Individualität der beteiligten Instrumente. Auch die Musiziergemeinschaft bleibt (im Gegensatz zum großen Orchester wirken hier meist nur wenige Musikanten mit) ein Kräftemessen der einzelnen Instrumentenpersönlichkeiten. Keiner will sich unterordnen, jeder hat etwas beizutragen. Und so hören wir das Ganze, aber immer auch das Einzelne, das sich zum Ganzen fügt.

Oft taucht in unserem Konzert die Flöte auf, eines der ältesten Instrumente, das wir in der Schule als Blockflöte blasen, das in der Orchestermusik jedoch als Querflöte (also mit seitlichem Mundloch) gespielt wird. Die Flöte gilt als sehr bewegliches und lebensprühendes Instrument und kann ihre Herkunft aus der Tanzmusik der Spielleute des Mittelalters kaum verleugnen. Das Baby unter den Flöten ist die Piccoloflöte (verwendet im „Versteck“). Piccolo heißt auf italienisch „klein“. Klein, aber oho!

Aber bleiben wir noch ein wenig bei den Blasinstrumenten, die in der gesamten Kammermusik und auch auf unserer Schallplatte keine geringe Rolle spielen. Heinz Arenz verwendet in der „Bärengeschichte“ zum Beispiel das Fagott, mit dem er die Bären bei ihrer Suche nach dem süßen Honig begleitet und ein kleines Spektakel mit den Bienen (hier charakterisiert durch das Cembalo) veranstaltet. Das Fagott nennt man den „Spaßmacher“ unter den Instrumenten. Immer quäkt es ein bißchen, als ob es über den Spaß, den es erzählt, selbst am meisten lachen möchte.

Daß im „Katzenwalzer“ und im sehr stimmungsvollen Adagio aus dem „Leinefelder Divertimento“ von Ernst Hermann Meyer eine Violine (oder Geige) zu hören ist, hat natürlich jeder gemerkt. Wer kennt ihn nicht, diesen singenden, geschmeidigen Ton. In den „Drei Sommerbildern“ (Siegfried Matthus) tritt die Geige übrigens gleich mit der ganzen Verwandtschaft auf: erste Violine, zweite Violine, Viola (oder Bratsche) und Violoncello. Das ist die Besetzung des Streichquartetts, wie es schon Haydn, Mozart und Beethoven verlangten. Dazu kommen hier noch verschiedene Holzbläser (die auf Instrumenten spielen, die im wesentlichen aus Holz gearbeitet sind) und Schlaginstrumente – und schon ist die Sommerstimmung fertig. Die Töne verschwimmen wie dick aufgetragene Farben. So verschiedenartige Musik läßt sich also mit ein und demselben Instrument erzeugen. Je nachdem, wie es der Komponist verlangt.

Fast überall geben Schlaginstrumente den Takt an, reden frech dazwischen oder machen sich auf andere Art bemerkbar („Das getrommelte Echo“ von Rainer Lischka). Wollte man die ganze Familie der Schlagzeuge hier aufmarschieren lassen, würde uns Hören und Sehen vergehen, so große und kleine, laute und leise gibt es. Siegfried Matthus zum Beispiel läßt es ganz schön klappern und rascheln in seinem Wald. Und daß ein Kuba-Lied (Guido Masanetz) nicht ohne Trommel auskommt, ist auch ganz selbstverständlich.

Das größte aller Schlaginstrumente ist die Pauke, die wir bereits beim Versteckspiel kennenlernten. Während sich unser Freund aus Kuba die Trommel einfach um den Hals hängt und draufloswirbelt, könnte die zentnerschwere Pauke nicht mal ein Schwergewichtler am Gürtel tragen. Dafür hat sie aber auch einen Ton wie ein Donnerwetter. Am Ende unserer Platte kommt sie noch einmal so richtig zum Zuge und setzt einen dicken Schlußpunkt unter unsere Musik. Peng !

Aufstehen und den Plattenspieler ausschalten! Das Konzert ist nun wirklich zu Ende. War’s schwer, stillzusitzen?

Fred Seeger (1978)



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Andre Asriel
Katzenwalzer für Violine und Klavier
Werner Scholz, Violine
Dieter Brauer, Klavier

Rainer Lischka
Das getrommelte Echo
3. Satz aus Quartette curioso
Werner Scholz, Violine I
Joachim Scholz, Violine II
Michael Nellessen, Violoncello
Dieter Brauer, Bongos

Thomas Natschinski
Der Flötenspieler
Instrumentalgruppe
Dirigent: Thomas Natschinski

Guido Masanetz
Mit der Trommel durch Freundesland
(In Havanna ist es schön)
Text: Guido Masanetz
Pionierchor des Zentralhauses der Jungen Pioniere „German Titow“ Berlin
Instrumentalgruppe
Dirigent: Karola Marckardt

Gunther Erdmann
Hopp, hopp, ho
Kleines Pferdespektakel für Kinder
Kindergruppe „Musik und Bewegung“ des Hauses der Jungen Talente Berlin
Instrumentalgruppe
Dirigent: Gunther Erdmann

Heinz Arenz
Eine Bärengeschichte
a) Die alte Bärin mit ihren Jungen
b) Honignaschen und die sich wehrenden Bienen
c) Bärenspiel – Bärenspaß
Instrumentalgruppe
Dirigent: Heinz Arenz

Siegfried Köhler
Lustiger Marsch
Instrumentalgruppe
Dirigent: Heinz Arenz


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Gerd Natschinski
Die Katzenfamilie und der Hund
Instrumentalgruppe
Dirigent: Heinz Arenz

Siegfried Matthus
Im Wald aus „Drei Sommerbilder“
für Streichquartett, Holzbläser und Schlagwerk
Instrumentalgruppe

Rainer Bredemeyer
Nr. III aus „Musik mit Pausen“
Instrumentalgruppe

Ernst Hermann Meyer
Nr. VIII Notturno
Adagio aus „Leinefelder Divertimento“
Ralf-Carsten Brömsel, Violine
Jugendsinfonieorchester der Spezialschule für Musik der Hochschule „Carl Maria von Weber“ Dresden
Dirigent: Klaus Dieter Stephan

Wolfgang Lesser
Kleine Stücke für kleine Leute
a) Energisch
b) Regenstück
c) Dickkopf
d) Erzählung
e) Eilig
Dieter Brauer, Klavier

Bernd Wefelmeyer
Harlekins Tanz
Instrumentalgruppe

Günter Kochan
Versteck
(Szene für Piccoloflöte und Tuba)
Werner Tast, Piccoloflöte
Dietrich Unkrodt, Tuba

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Musikregie: Dagmar Vorwerk
Tonregie: Eberhard Hinz / Eberhard Richter



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