Nachtasyl
Querschnitt durch die Aufführung
des Maxim Gorki Theaters Berlin


von Maxim Gorki

LP LITERA / ETERNA 8 60 008
Covertext:
Prolog des Jahrhunderts
Das Rußland der Jahrhundertwende – das sind die Jahre der ersten Maidemonstrationen, Massenstreiks und politischen Massenbewegungen in den schnell wachsenden Industriegebieten des weiten Landes; das sind die Jahre, in denen Lenin’s „Iskra“ und die Gruppen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei immer stärkeren Einfluß auf die Arbeiteraktionen gewinnen, die damit revolutionären Charakter annehmen; das sind die Jahre der Vorbereitung auf die erste große Generalprobe für die Befreiung der Menschheit, auf die Revolution von 1905, die zwar noch einmal in Blut und Tränen erstickt werden kann aber den Keim des weltverändernden Roten Oktober schon in sich trägt.

An der Seite der revolutionären Arbeiterklasse, durch sein hartes, entbehrungsreiches Leben mit ihr aufs engste verhunden, steht der junge Dichter Alexei Maximowitsch Peschkow, der sich später Gorki nannte, das heißt „der Bittere“. Schon 1898 erscheinen die ersten gesammelten Werke des Schriftstellers, der damals gerade dreißig Jahre alt ist. Die Welt horcht auf. Ein frischer Atem weht durch die Erzählungen dieses Mannes, der das Leben der Unterschichten kennt und das Bild des Menschen preist, der von Hoffnungen kündet, die damals noch Träume sind, der an die Kraft des Menschen glaubt und an seine Fähigkeit, eine neue, des Menschen würdige Welt zu erbauen. 1902 erscheinen seine ersten beiden Theaterstücke auf der Bühne des berühmten Moskauer Künstlertheater dass von K. S. Stanislawski und W. I. Nemirowitsch-Dentschenko geleitet wurde. Es waren die Stücke „Die Kleinbürger“ und „NachtasyI“. Die weltberühmte, große Schauspielerin O. Knipper-Tschechowa, die in der Uraufführung des „Nachtasyl“ die Rolle der Nastja spielte, schreibt: „Ich erinnere mich, wie uns dieses Stück schon bei der ersten Lesung erschütterte. Darin kam uns alles neu und ungewöhnlich vor – sowohl Luka als auch der Baron und Satin. Die Aufgabe, das Leben eines Nachtasyls auf der Bühne wahrheitsgetreu zu zeigen, war schwierig, aber ungemein verlockend.“ Das Schwierige und Verlockende war die Widerspiegelung der Gegenwart, die unmittelbare Darstellung des wahrhaftigen Lebens dieser Epoche im erwachenden Rußland.

Schon wenige Wochen nach der Moskauer Uraufführung, im Januar 1903, fand in Berlin die deutsche Erstaufführung dieses Stückes statt, im Kleinen Theater Unter den Linden, einer jungen Bühne, die sich die talentiertesten Schauspieler des Deutschen Theaters geschaffen hatten, jenes Theaters, das unter der Leitung des großen Otto Brahm in seinem Programm zu erstarren drohte. Richard Vallentin war der Regisseur der Aufführung, er spielte zugleich den Satin, Max Reinhardt spielte den Luka, Eduard von Winterstein den Pepel. Die Aufführung wurde zu einem sensationellen Erfolg, sie erlebte in knapp drei Jahren 500 Wiederholungen. Sie war Hoffnung und Enttäuschung in der progressiven Geschichte des bürgerlichen deutschen Theaterlebens. Richard Vallentin starb jung, und Max Reinhardt, das genialste Regietalent dieser Epoche, unterwarf sich bald den Forderungen der herrschenden Bourgeoisie. Die tiefe Lebenswahrheit des Gorki’schen „Nachtasyl“ vermochte er in seiner späteren Arbeit nicht zu nutzen.

Die äußere Bühnenhandlung des „Nachtasyl“ ist schnell erzählt. Wassilissa, die Frau des Hehlers und Nachtasyl Besitzers Kostylew, liebt Pepel, den gescheiten, anarchischen Dieb, der, besitzlos aufgewachsen, den Besitz nicht achtet. Pepel aber liebt Natascha, die schöne, junge Schwester der Wassilissa, die von einem sauberen, reinen Leben träumt. Er liebt Natascha um dieses sauberen Lebens willen, nach dem er sich sehnt, das er leben möchte, das ihm die Verhältnisse aber nicht gestatten. Luka, der trostreiche Pilger, der Neuankömmling im Nachtasyl Kostylews, verlobt die beiden jungen Menschen mit schönen, hoffnungsvollen Worten. Aber die begehrlich-egoistische Liebe der Wassilissa schlägt in wütenden Haß um. Sie verbrüht die Schwester und vermag, Pepel des Mordes an ihrem Mann zu verdächtigen. Die Illusion des Glücks, die Luka, der längst das Weite gesucht hat, entstehen ließ, ist grausam zerstört.

Ein Einzelschicksal, ein Zufall, ein Unglück? Nein. Maxim Gorki hebt diese Konfliktstellung, herkömmlich im Sinne der großen realistischen Dramatik A. N. Ostrowski’s, auf eine neue, weltanschauliche Ebene. Pepel hat Gefährten in diesem Nachtasyl Kostylew’s, gestrauchelte, „gewesene Menschen“, so wie er. Da sind zum Beispiel Kleschtsch, der arbeitslose Schlosser, und seine sterbende Frau Anna, da ist der zynische Handwerker Bubnow, die sentimentalträumende Prostituierte Nastja, der ehemalige Schauspieler, der ehemalige Baron, da ist Satin, der seine Schwester rächte, ins Gefängnis kam und dort die Kartenkunststücke lernte, mit denen er jetzt seine Mitspieler betrügt. Sie alle horchen auf, als Luka einen ganz neuen Gedanken an sie heranträgt: der Mensch kann gut ’sein! Das ist wie Säure auf einer schmutzigen Münze, blank und hell wird ihr eigentlicher Wert. Und tatsächlich: die Schalen der schmutzigen Umwelt fallen von diesen Menschen ab, der menschliche Funke in diesen Erniedrigten leuchtet auf. Gute Kräfte treten zutage.

Wozu, wofür? Luka tröstet jeden mit dessen eigenen Träumen, Hoffnungen und Wünschen. Er ist schon viele Jahre unterwegs, ein alter Mann, dessen böses Leben gescheitert ist, pilgert er durch das „finstere Reich“ der Unterdrückung, Ausbeutung und Menschenverachtung und predigt „Menschlichkeit“. Er ist von dieser Mission ganz erfüllt, doch ist er ein Missionar der Selbstbescheidung, der Unterordnung, der bequemen, gefährlichen Lüge Er weckt die Keime der Hoffnung, aber er gibt ihnen keine Kraft, um so erbarmungsloser werden sie von der Kälte dieser Welt zerstört. Als die Katastrophe hereinbricht und Luka geflohen ist, ist das Leben der Zurückbleibenden nur um neue, bittere Enttäuschungen reicher.

Einer aber erhebt seine Stimme: Satin, der Falschspieler. Von Luka geweckt, gehen seine Gedanken andere Wege neue, richtige. Der Falschspieler, der alle und alles verachtet, tut den entscheidenden Schritt über Luka hinaus. Er entdeckt: man muß dem Menschen helfen, aber nicht durch Lüge und Trost, sondern durch Wahrheit und Stolz: man darf ihn nicht weich machen durch Mitleid, man muß ihm vielmehr seine Allmacht und Kraft bewußt machen; man darf ihn nicht wehrlos machen durch die halbe Wahrheit „So ist es“ man muß ihn stark machen durch die Erkenntnis „So ist es – der Mensch kann es ändern!“ Alles im Menschen, also auch alles für den Menschen!

Wie das Leben für den Menschen zu verändern ist, weiß Satin nicht; die Kraft und Befähigung zur verändernden Tat hat er so wenig wie irgendeiner der Gescheiterten des Nachtasyls. Proletariat, das sich in diesen Jahren mächtig formiert, kämpft jenseits dieser Mauern, sein Geist und seine Tatkraft leben in keinem dieser Menschen. Aber welch zündender Funke, welcher Glaube an die Fähigkeit des Menschen, über die Erniedrigungen der Klassengesellschaft zu triumphieren, geht von dieser Proklamierung des prometheischen Menschen in der dunkelsten Tiefe des Lebens aus! Das ist der Prolog unseres Jahrhunderts in den sich die weltweite Befreiung des Menschen durch die revolutionären Taten und Siege der Arbeiterklasse verwicklicht. Nach der deutschen Erstaufführung im Jahre 1903 schrieb Maxim Gorki an seinen Übersetzer August Scholz: „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir mitteilen würden, wie sich zu meinen Werken die Arbeiterklasse stellt, deren Meinung für mich wichtiger ist als die aller anderen zusammengenommen.“ Die deutsche Arbeiterklasse hat Maxim Gorki als ihren Bruder und Lehrer aufgenommen. Seine Werke waren Hilfe in schweren Kämpfen Stärkung in den Jahren grausamster Unterdrückung, sie sind zum klassischen Besitz des von der Arbeiterklasse befreiten Volkes in unserer Republik geworden. Davon zeugt nicht zuletzt der seit 1957 anhaltende Erfolg der „Nachtasyl“-Aufführung im Berliner Maxim Gorki Theater, unserem Kleinen Theater, Unter den Linden, die der Intendant dieses Hauses, Professor Maxim Vallentin, der Sohn Richad Vallentins, inszeniert hat.

Gerhard Wolfram
Sprecher: Eberhard Mellies
Luka: Kurt Steingraf
Wasjka Pepel: Helmut Müller-Lankow
Bubnow: Heinz Scholz
Natascha: Waltraut Lohrmann
Kleschtsch: Jochen Thomas
Baron: Walter Jupe
Nastja: Sabine Krug
Satin: Harry Hindemith
Tatar: Erich Mirek
Schauspieler: Albert Hetterle
Anna: Evamaria Bath
Wassilissa: Brigitte Lindenberg


von Maxim Gorki
Regie: Maxim Vallentin