Die Nachtigall /
Das häßliche junge Entlein

von Hans Christian Andersen

LP LITERA 8 65 147
Covertext:
Vor vielen, vielen Jahren, nämlich 1805, wurde an einem Apriltage in der Stadt Odense im Königreich Dänemark dem Flickschuster und der Waschfrau Andersen ein Söhnchen geboren, das den Namen Hans Christian erhielt.

Der kleine Junge liebte es über alles, sich Märchen erzählen zu lassen. Und das taten sie dann auch – die alten Frauen in den Spinnstuben des Spitals und des Arbeitshauses und die Großmutter natürlich. Als Hans Christian ein wenig älter geworden war, las ihm der Vater viel vor: aus der Bibel, aus Geschichtsbüchern und Komödien des dänischen Dichters Holberg. Wenn der Junge die Augen ganz fest zumachte, so, daß kein noch so winziger Lichtstrahl hineingelangen konnte, dann sah er das alles, was man ihm erzählte oder vorlas, ganz deutlich vor sich. Als er dann später gar den Aufführungen der deutschen Schauspieler zusehen durfte (damals gab es nur wenige Theater auf der Welt, und die Schauspieler zogen, wie heute noch mancher kleine Zirkus, von Ort zu Ort und von Land zu Land) – da war das für ihn das Schönste, was man sich nur vorstellen konnte. Bald kannte er alle Stücke der Theatertruppe auswendig und spielte sie nach, ganz für sich allein. Denn wer mochte schon mit ihm spielen, einem Jungen, der die Armenschule besuchte und als Laufbursche ein paar Groschen mitverdienen mußte? Es ging dem kleinen Hans Christian Andersen genauso, wie dem häßlichen jungen Entlein. Das Entlein sah nicht so hübsch aus wie seine Geschwister, darum mochten es die anderen Tiere nicht leiden – der Junge war arm, deshalb hatte er kaum einen Spielgefährten. Und so sehr, wie sich das Entlein wünschte den schönen Schwänen ähnlich zu sein, so sehr wünschte sich der Sohn des Flickschusters, einmal ein berühmter Theaterkünstler zu werden.

Als er vierzehn Jahre alt geworden war, verließ Hans Christian die Eltern und Odense, seine Heimatstadt, um in der Hauptstadt Kopenhagen das Glück zu suchen. Schauspieler wollte er werden! Dann dürfte er für ein paar Stunden am Tag schöne Kleider tragen, er könnte für ein paar Stunden ein Prinz sein, oder ein Ritter, oder ein reicher junger Mann. Für ein paar Stunden am Tag würde er sich in ein Leben hineinträumen können, in dem es keinen Hunger, keine Kälte und keine häßlichen Worte gab. Aber das Glück wollte sich nicht finden lassen. Die Theaterleute jagten den Jungen fort – er war zu arm, und außerdem hatte er ja auf der Armenschule nicht viel lernen können.

Hans Christian Andersen biß die Zähne zusammen und machte sich selbst Mut: Wenn sie ihn nicht Schauspieler werden lassen wollten, dann mußte er eben versuchen, ein Theaterdichter zu werden. Also setzte er sich in eine Ecke und schrieb Theaterstücke, solche, wie er sie schon als kleiner Junge in Odense und dann hier in Kopenhagen gesehen hatte. Natürlich lachten die Schauspieler nur darüber und dachten gar nicht daran, den Jungen ernst zu nehmen. Ein Mann aber erkannte, daß der junge Andersen Talent hatte. Dieser Mann hieß Jonas Collin und war ein Minister, der auch viel mit dem Theater zu tun hatte. Der Minister bat den König von Dänemark, dem jungen Hans Christian Andersen doch ein Stipendium zu gewähren, damit er die Lateinschule besuchen und noch etwas lernen könne. Vielleicht würde dann einmal ein großer Dichter aus ihm werden. Und da der König gerade gute Laune hatte, wollte er seinem Minister den Wunsch nicht abschlagen und gab ihm das Geld, für das Hans Christian nun zur Schule gehen durfte.

Als er vierundzwanzig Jahre alt war, hatte er den Rockzipfel des Glücks erhascht: Seine ersten Gedichte und seine erste Erzählung wurden gedruckt, und er legte sein Abitur ab.

Zwei Jahre später verließ Andersen Dänemark, um sich ein bißchen in der Welt umzusehen: Er reiste nach Deutschland, und dort lernte er die damals sehr berühmten Dichter Ludwig Tieck und Adalbert von Chamisso kennen.

Dann begab er sich nach Frankreich, wo er mit Heinrich Heine zusammentraf, und von Paris aus ging es weiter nach Italien. Nun darf man aber nicht glauben, Andersen sei nur einfach so in der Weltgeschichte umhergereist! In jeder freien Minute schrieb er an seinen Büchern und als er dreiunddreißig Jahre alt war, hatte er schon zwei dicke Romane geschrieben, die ihm im Ausland viel Ruhm eintrugen. (Heute liest sie allerdings niemand mehr.) Aber Hans Christian Andersen hatte damals auch schon etwas anderes zu schreiben begonnen, etwas, was ihn in der ganzen Welt berühmt machte – seine Märchen „Das Feuerzeug“ (ihr kennt sicher den Film oder die Schallplatte), „Die Prinzessin auf der Erbse“, „Däumelinchen“, „Der große und der kleine Klaus“, „Die kleine Seejungfrau“, „Des Kaisers neue Kleider“ und viele andere gehören zu seinen ersten Märchen. Habt ihr schon einmal überlegt warum ihr sie so gern hört – oder, wer von euch schon lesen kann – warum ihr sie so gern lest? Ja, richtig! Hans Christian Andersens Märchen sind von ihm so geschrieben worden, als erzählt er sie euch. Stimmt’s?

Die beiden Märchen, die auf unserer Schallplatte sind, hat Andersen im Jahre 1843 geschrieben, also vor mehr als hundert Jahren. Er war damals schon weltbekannt, und viele Große der Zeit wie der deutsche Komponist Robert Schumann, die Brüder Grimm, die Dichterin Bettina von Arnim und der große Gelehrte Alexander von Humboldt luden ihn zu sich ein: Aus dem häßlichen Entlein war ein schöner weißer Schwan geworden, so wie es sich der Flickschustersohn einmal erträumt hatte.

Am meisten aber liebte ihn das Volk, und vor allem deshalb, weil er Märchen geschrieben hatte, in deren Gestalten es sich selbst wiedererkannte: den furchtlosen Soldaten im „Feuerzeug“, den lebensklugen kleinen Klaus, die kleine Gerda – die gab es doch wirklich, ebenso wirklich, wie es die überempfindliche Prinzessin auf der Erbse, den dummen, eitlen Kaiser und die eingebildete, eigensinnige Prinzessin im Märchen vom Schweinehirten gab.

Der Dichter hat einmal gesagt, er habe seine Märchen für die Kinder und für die Erwachsenen geschrieben. Wenn die Kinder sie hörten oder läsen, dann würden sie wohl zunächst einfach Freude am Geschehen, an der Handlung selbst haben. Später dann, wenn sie älter wären, erkennten sie vielleicht, daß er mit seinen Märchen noch etwas mehr habe sagen wollen.

Ihr, die ihr schon ein bißchen älter seid: Hört sie euch ruhig einmal ein wenig genauer an, unsere beiden Märchen. Das vom häßlichen Entlein, das das ein Schwan wird, und das von der kleinen Nachtigall – sie erzählen beide etwas vom Leben des dänischen Märchendichters. Hans Christian Andersen mußte es sich gefallen lassen, daß ihn die Menschen zuerst behandelten wie die Tiere auf dem Bauernhof das Entlein, und er wehrte sich nicht gegen die Ungerechtigkeit, er duldete und hoffte einfach darauf, daß zu jedem guten Menschen einmal das Glück kommen müsse. Wir aber wissen, daß man um das Glück – nicht nur um das eigene, sondem um das aller Menschen – kämpfen und sich gegen das Unrecht wehren muß.

Aber trotzdem – die Märchen des dänischen Dichters gehören zu den schönsten der Weltliteratur, und die besten von ihnen sind Volksmärchen geworden. Wenn ihr mal Zeit und Lust zum Lesen habt, nehmt sie ruhig einmal wieder zur Hand!

Hannelore Grünberg (1970)
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DIE NACHTIGALL

Nachtigall: Jutta Hoffmann
Kaiser: Fred Düren
Kavalier: Rolf Ludwig
Li Han: Regina Beyer
Uhrmacher: Walter Kröter



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DAS HÄßLICHE JUNGE ENTLEIN

Entlein: Helga Piur
Entenmutter: Sigrid Göhler
Alte Ente: Gertraude Krenz
Spanische Ente: Marga Legal
1. Ente: Ilse Bastubbe
2. Ente, 1. Krähe: Änne Lässig
Truthahn: Rolf Ludwig
1. Wildtaube: Thomas Just
2. Wildtaube: Rainer Estenberg
Henne: Elsa Grube-Deister
Kater: Carmen-Maja Antoni
2. Krähe: Regina Albrecht
Lerche: Regina Beyer
Schwan: Fred Düren


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von Hans Christian Andersen
Für die Schallplatte bearbeitet von Dieter Scharfenberg

Musik: Hans-Dieter Hosalla
Instrumentalsolisten des Berliner Ensembles
und der Komischen Oper Berlin
Leitung: Hans-Dieter Hosaila

Regieassistenz: Gertraude Krenz
Regie: Dieter Scharfenberg
Tonregie: Rolf-Dieter Gandert