Ottokar, das brave Früchtchen

von Otto Häuser alias Ottokar Domma
LP LITERA 8 65 285
Covertext:
Über den Autor
Otto Häuser (Pseudonym: Ottokar Domma) wurde 1924 in Sankov, Kreis Karlovy Vary, als Sohn eines Bergarbeiters geboren. Wegen Aufsässigkeit gegenüber Nazilehrern wurde er in der 9. Klasse von der Schule verwiesen. Nach seiner Lehre als Gebrauchswerber war er Soldat. Aus sowjetischer Gefangenschaft zurückgekehrt, belegte er 1946 in Stendal einen Schnellkurs für Neulehrer und übernah im gleichen Jahr eine einklassige Dorfschule. Später war er Schuldirektor in Tangerhütte, bis er widerstrebend einem Ruf nach Berlin folgte, wo er zunächst als Redakteur der „Neuen Schule“ und der „Deutschen Lehrerzeitung“ tätig war. Seit 1958 ist er beim „Neuen Deutschland“, jetzt als Abteilungsleiter für Volksbildung.
Otto Häuser ist Diplompädagoge, Oberstudienrat; er wurde als Verdienter Lehrer des Volkes ausgezeichnet. Er ist „Eulenpiegel“-Autor, verfaßt Kabarettexte, vor allem für das Berliner Lehrerkabarett „Die Lachberater“. Bisher erschienen seine Bücher: „Der brave Schüler Ottokar“ (1967), „Ottokar, das Früchtchen“ (1970), „Ottokar, der Weltverbesserer“ (1973, verfilmt 1977) und „Ottokar der Gerechte“ (1978).

Gespräch mit Ottokars Vater

Klaus-Dieter Schönewerk: Von Ottokar Domma liest man im „Eulenspiegel“. Viele seiner Geschichten sind auch in Büchern gesammelt, deren Titel schon viel von seinen Eigenschaften und Eigenarten verraten: Ottokar ist ein braver Schüler, ein Früchtchen, ein Weltverbesserer und seit neuestem sogar ein Gerechter. Sein geistiger Vater, Otto Häuser, leiht ihm nun für diese Langspielplatte seine Stimme. Frage: Wie kamen Sie auf die Idee, eine solche Figur zu schaffen?

Otto Häuser: Ja, wie kommt man dazu. Ideen werden wahrscheinlich in den seltensten Fällen durch angestrengtes Nachdenken geboren, sie entstehen zumeist aus den Vorgaben anderer, aus Gedankenverbindungen, Vorstellungsverknüpfungen. Der entscheidende Gedanke für seine erste Buchdruckpresse kam Gutenberg, als er einer Frau beim Wäschemangeln zusah. Mit den literarischen Figuren ist es nicht viel anders. Entweder gab es sie schon und man ließ sie unter anderem Namen, anderen Umständen und anderen Zielvorstellungen wiedererstehen oder sie sind das Produkt von Beobachtungen und Erfahrungen.

Schönewerk: Womit Sie sagen wollen, Ihr Ottokar kam auch nicht von ungefähr. Nicht zufällig füllt der „Kindermund“ die Witzspalten mancher Zeitungen, aber das, was Ottokar sagt, scheint mir gar nicht so witzig gemeint. Wie er die Welt betrachtet, vor allem uns Erwachsene mit allen Fehlern und Schwächen, ist längst nicht so naiv, wie es den Anschein hat. Er ist ein kleiner Schalk, der Gesagtes wörtlich nimmt. Und da steht er doch wohl in großen literarischen Traditionen?

Häuser: Sie legen es darauf an, mir ein Geständnis abzuringen. Natürlich hat mein Ottokar Vorbilder: den Schalk eines gewissen Till Eulenspiegel, die naive Gerissenheit eines gewissen Joseph Schweyk, den Widerspruchsgeist eines gewissen Lausbuben namens Ludwig Thoma, die Gefühle und Sehnsüchte eines gewissen Tinko, den Witz ... Wozu die Aufzählung. Wer liest, weiß, daß Ottokar kein reines Geistesprodukt ist, und wer Kinder hat, weiß es noch besser. Wieviel sozialistische Lausbuben, die Ottokar heißen könnten, gibt es bei uns!

Schönewerk: Demnach hat Ottokar nicht nur eine ganze Reihe berühmter Ahnen, sondern auch lebende Spiel- und Spaßgefährten. Er ist also in unserer Wirklichkeit zu Hause.

Häuser: Und das soll er auch bleiben, nur mit dem Unterschied, daß er nicht älter wird. Die Frage wird mir oft gestellt: Bleibt Ottokar der ewige Schüler, wird er nicht einmal Lehrling oder Student oder sogar Lehrer? Nein, wenn er älter wird, ist er nicht mehr der frische, freche und fröhliche Ottokar. Angenommen er würde Lehrer sein und so bleiben, wie er ist – nicht vorstellbar, wie dann eine Lehrerkonferenz verläuft. Die Geschichte „Wenn ich ein Lehrer wär ...“, hier auf dieser Platte zu hören, wäre nur ein harmlos-heiteres Vorspiel. Oder: die Zukunft bewahre uns vor der Idee Ottokars, im Leben der Erwachsenen einen „Tag der Wahrheit“ einzuführen! Oder: angenommen, seine Einfälle als „Poesiealbumsberater“ würden in Brigadetagebücher übernommen werden. Das könnten Bestseller werden, aber wovon sollten dann unsere seriösen Literaten leben? Nur von Erinnerungen? Mir schwant Unheilvolles, darum laß ich Ottokar lieber so wie er ist – als einen etwa 12jährigen Schüler.

Schönewerk: Na schön. Mir gefällt er als Schüler auch besser. Was er aufgreift, ist konfliktreicher Alltag. Hat er denn keine Angst, bei Erwachsenen wie Eltern oder Pädagogen anzuecken?

Häuser: Was heißt Angst! Wir sind eine kinderfreundliche Gesellschaft. Die Wahrheit haben hoffentlich nicht nur sauertöpferische „Alte“ gepachtet. Kinder sagen manche Wahrheiten, auch wenn wir sie nicht immer wahrhaben wollen. Wenn Ottokar dabei manchmal ins Fettnäpfchen tritt – wer tritt nicht? Nur Leisetreter, und die wollen wir nicht. Zugegeben: Ottokar spielt in seinen Aufsätzen da und dort Schüler gegen Erwachsene aus und Erwachsene gegen Schüler und Schüler gegen Schüler. Doch wer Sinn für Humor hat, kann aus seinen Geschichten und Meditationen vielleicht sogar etwas lernen. Humorlose brauchen diese Geschichten gar nicht erst zu lesen oder zu hören, denen ist ohnedies nicht zu helfen. Ottokar bleibt das vorläufig, was er sein sollte: eine Zeitfigur. Und wenn sie sich einmal überlebt hat, hören sich unsere Nachkommen an, wie Ottokars Enkel über die Erwachsenen denken. Die leben ja dann schon in einer kommunistischen Welt. Und wenn mich meine bescheidenen Kenntnisse von der Dialektik der Entwicklung nicht täuschen, müßte es auch dann noch Widersprüche, Konflikte und Probleme geben – von höherem Niveau natürlich.
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Bei uns zu Haus, da ist was los
Wie man richtig sprechen lernt
Briefwechsel mit Aljoscha
Wie ich Poesiealbumsberater wurde



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Als der Tag der Wahrheit ausbrach
Wenn ich Lehrer wäre
Aphorismen, Anekdoten


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Leser: Ottokar Domma

von Otto Häuser alias Ottokar Domma

Mitschnitt einer öffentlichen Veranstaltung 1979
Tonregie: Karl Hans Rockstedt