Neues von Ottokar

von Otto Häuser alias Ottokar Domma

LP LITERA 8 65 386
Covertext:
Begegnung
Reinfall: Es ist schon lange Tradition, daß Eulenspiegels Autoren jedes Jahr zur Woche des Buches in einem Bezirk unseres Landes lesen. Meine erste Lesung durfte ich in einem thüringischen Städtchen vor Studentinnen einer Pädagogischen Schule, also vor künftigen Kindergärtnerinnen halten. Ich war sehr neugierig darauf wie die jungen Damen meine Geschichten aufnehmen würden, und da es, wie man so schön sagt, mein erster öffentlicher Auftritt war, konnte ich meine Aufregung wohl nicht ganz verbergen. Saßen doch etwa 25 junge Mädchen vor mir, brav und erwartungsvoll, züchtig die Hände im Schoß, einige sogar mit niedergeschlagenen Augen. Eine ältere Dame, offenbar eine Lehrerin des Instituts, ließ von Zeit zu Zeit ihren strengen Blick über die Anwesenden schweifen, die Stille schürte meine innere Unruhe.
Nach der ersten Geschichte keine Reaktion. Auch nicht nach den folgenden. Da und dort ein dünnes, zurückhaltendes Lächeln. Schwacher, höflicher Beifall am Schluß meiner Lesung. „Nie wieder!“ sagte ich zu meinem Begleiter aus dem Verlag. Er versuchte, mich zu trösten. Es sei das erste Mal, und da habe ich eben Pech gehabt. Vielleicht sind Pädagogen nicht das dankbarste Publikum. Sein Trost half mir wenig. Denn gerade von Pädagogen erwarte ich, der ich doch einer von ihnen bin, daß sie mit mir über sich selbst nachdächten. Meine erste Lesung war offentsichtlich ein Reinfall.

Zufall: Die Zeitschrift Eulenspiegel bekam nach der Veröffentlichung meiner ersten Ottokar-Geschichten einen Leserbrief folgenden Inhalts: „Ich hätte gern gewußt, ob der Informant der Geschichten zufällig aus meiner Schule stammt und ob er dafür vielleicht auch noch ein Honorar bekommt?“ Unterschrift: Keiler, Direktor. Welch ein Zufall, daß der Herr Direktor gleichen Namens war wie der des Direktors in meinen Geschichten! Eulenspiegel versicherte, daß der Informant zufällig nicht aus seiner Schule stammt.

Beifall: Mein erstes Erfolgserlebnis hatte ich bei einer Brigade im Suhler Jagdwaffenwerk. Die Büchsenmacher lachten genau an den Stellen, wo sie sich möglicherweise selbst getroffen fühlten. Die Diskussion danach war lebhaft, einige sagten, sie würden jetzt ihre Kinder und auch die Pädagogen besser verstehen. Aber zum Schluß kam eine Frage, die mich einigermaßen verblüffte. Jemand wollte wissen, warum es bei uns keine Literatur gibt, die das Leben im Gefängnis oder einer anderen Strafanstalt beschreibt? Und ob ich mir zutraue, ein solches Buch zu schreiben, aber möglichst humorig? Ich antwortete ziemlich verlegen, daß ich mir das nicht zutraue, weil ich noch nie ein Sträfling war, aber vielleicht ergibt sich das einmal. Der Beifall darauf hat mich ermutigt, weiter zu schreiben.

Vorfall: In einer SchuleI so erzählte nach einer Lesung ein Zuhörer, habe es wegen meines Pseudonyms „Ottokar Domma“ zwiespältige Überlegungen gegeben. Man grübelte ob man die Ottokar-Geschichten ernst nehmen dürfe. Auch der Lehrer würde in der Kritik des 12jährigen Lausbuben nicht verschont. Oder ob es nicht besser sei, den Ottokar gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, denn über Schüler und Lehrer zu schreiben überlasse man lieber seriösen Autoren, Wissenschaftlern, Schulfunktionären. Wie kam es zu diesem Nachdenken? Durch folgenden Vorfall: Die Lehrer dieser Schule sammelten seit langem Ottokar-Geschichten, schnitten sie aus der Zeitschrift Eulenspiegel aus und hefteten sie an die Wandzeitung im Lehrerzimmer. Dem Direktor mißfiel das. Er hing eines Tages einen Artikel von Otto Häuser aus dem ND daneben und schrieb dazu: Den müßt Ihr lesen, nicht den Quatschkopf Domma.

Einfall: Oft werde ich bei Lesungen gefragt, woher ich meine Ideen und Einfälle nehme? Neben mehreren Ouellen nenne ich die Kinder selbst. Sie haben oft Einfälle und produzieren Stilblüten, auf die kein Erwachsener kommt. Einmal sprach zum Beispiel die Lehrerin meines 11jährigen Sohnes aus aktuellem Anlaß über Weltraumfahrt. Sie forderte die Kinder auf, zu sagen, was sie selbst schon darüber wissen. Es entwickelte sich ein munteres Gespräch. Auch mein Sohn beteiligte sich daran. Er fragte, ob er eine utopische Geschichte erzählen dürfe. Die Lehrerin erlaubte es mit der Einschränkung, sich kurz zu fassen. Das tat er, und dabei prägte er folgenden denkwürdigen Satz: „Plötzlich kam auf das Raumschiff ein Hämorrhoidenschwarm!“ Die Lehrerin sagte, sie mußte sich umdrehen und ins Taschentuch lachen. „Die Vorstellung, wie auf das Raumschiff ein Hä ..., nein, ich konnte nicht mehr. Aber seine Mitschüler staunten was der Junge für technische Terminis beherrschte!“
Solche Einfälle darf sich ein Autor nicht entgehen lassen. Kein Erwachsenenhirn kann sich sowas ausdenken.

Ausfall: Eines Tages war ich bei „PIattenwerkern“ in einer sächsischen Industriestadt eingeladen. Doch vor der Lesung teilte mir der Bibliothekar mit, es kommen auch Lehrer aus der Patenschule, und er empfing mich mit der mysteriösen Andeutung, es würde jemand auf mich warten, von dem angenommen wird, er sei der eigentliche Schreiber der Ottokar-Geschichten. Und richtig, eine Stunde vor der Lesung kam ein Mann meines Alters und berichtete nervös und äußerst unbehaglich seine Kollegen würden ihn für den Autor halten, weil er selbst solche Geschichten geschrieben habe. Anfangs wehrte er sich angeblich dagegen, aber dann gefiel ihm die ihm zugedachte Rolle, er hielt Lesungen und gab Autogramme, und er hoffte, daß seine Anonymität bewahrt bleibe wegen der Vorgesetzten usw.
Die Lesung kam zunächst nicht in Gang. Eine Lehrerin wollte partout wissen, ob ich wirklich der Autor sei und wie ich das beweisen könne. Ich zählte die Titel meiner Bücher auf. Das genügte nicht. Erst als ich meinen Personalausweis aushändigte, in welchem aus rein juristischen Gründen mein Pseudonym eingetragen war, war ich als Autor anerkannt.
Nach der Lesung sagte mir ein Schulinspektor, er habe auch geglaubt, jener Lehrer von der Patenschule sei der Domma. Er empfahl sogar dem Direktor, diesen Mann nicht zu sehr mit anderen Aufgaben zu belasten, er solle lieber seine Geschichten schreiben.

Ottokar Domma
alias
Otto Häuser
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Als der Opa Omas Nachthemd zerhackte
Ferientragödie
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Aus dem Briefwechsel Ottokar - Aljoscha
Katz und Maus
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Die Bedeutung der Unterschriften
Blick in die Zukunft
(Gedicht)

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Leser: Ottokar Domma

von Otto Häuser alias Ottokar Domma

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seddig
Aufnahmeleitung: Jürgen Schmidt

Aufgenommen 1985