Die Po(e)saunenstunde für Kinder von 92 bis 174 cm

von und mit Helmut ,Joe‘ Sachse und Günter Saalmann
LP LITERA 8 65 345
Covertext:
Liebe Kinder!
Es ist ein verbreiteter Brauch – wer soeben eine Schallplatte bespielt hat, erbittet sich von einem möglichst berühmten Bekannten einen Werbetext für die Plattenhülle. Nun besitzen wir natürlich einen berühmten Bekannten. Aber als wir bei ihm klingelten, war er nicht zu Hause. Damit wir nun der Peinlichkeit entgehen, uns selbst loben zu müssen, folgen wir einem anderen verbreiteten Brauch und loben uns gegenseitig, ich, der Sachse, den Saalmann, weiter unten der Saalmann mich, den Sachse.

Ein Loblied beginnt mit einer unwesentlichen Schwäche, die der Leser am Ende hoffentlich vergessen hat. Herrn Saalmanns Schwäche ist seine Ähnlichkeit mit Don Quichote, dem spanischen Ritter von der Traurigen Gestalt. Womit ich nicht sagen will, daß ich sein dicker Sancho Pansa bin (siehe Foto). Auch trägt er keine Lanze, sondern eine Posaune. Mit der macht er viel Wind. Treibt sozusagen selbst die Windmühlen, um sie dann als drohende Riesen zu berennen ...

Fleischersfrauen und Konditoren lacht bei seinem Anblick das Herz: Von Günter Saalmann ist bekannt, daß er ausschließlich von Kuchen lebt, meistens im Cafehaus sitzt, dort beharrlich Papier vollkritzelt und auf dem Tisch Gebäck- und Radierkrümel hinterläßt. Sein Papierverbrauch erfüllt jeden Papiermacher mit Besorgnis. Und sollte die Kinder freuen. Günter Saalmann ist ein Kinderschriftsteller.

Ein Schriftsteller ist ein Mensch, der was im Kopf hat. Und damit ihm der Kopf nicht überläuft schreibt er’s auf. Was er nicht weiß, macht ihn heiß und er reimt sich’s irgendwie zusammen. In dem festen Glauben, daß der Rest der Menschheit es freiwillig liest und sich schon seinen Vers drauf machen wird. Nun, der Günter Saalmann weiß tatsächlich eine ganze Menge. Wenn man ihn reden hört, ist man sicher: Im Kindergarten, in der Schule, als Pionier und FDJler war er stets einer der eifrigsten; Russisch beherrscht er, das Morsealphabet hat er drauf bis zum Buchstaben P! Das Literaturinstitut (eine Art Hippodrom = Reitschule für angehende Schriftsteller, wo diese aber nicht die Reiter, sondern die Pferde bzw. Esel darstellen – so erklärt er es jedenfalls), das Literaturinstitut also schloß er mit netten Wertungen ab. Überhaupt – wenn ihr wissen wollt, wie fleißig, bescheiden, ordentlich, ehrlich (er hat mich aufgefordert, hier einzuflechten, daß es im Titel „Dichte 7,87“ wissenschaftlich exakter Wichte heißen müßte. Sehen wir drüber hinweg: Ein Gedicht ohne Gewicht mehr oder weniger, was soll’s ...) und reinlich der Herr Saalmann ist, so denkt an eure eigenen Sittennoten auf dem letzten Zeugnis. Schon habt ihr auch seinen Charakter annähernd erfaßt.

Bereits als jüngerer Mensch – wenn er zum Beispiel in der , Rock- und Pop-Band, in der ich damals mit ihm musizierte – wenn er da seine goldene Posaune auspackte – offenen Mundes lauschten wir Kollegen seinen treuherzigen Berichten aus der Geisteswelt! Ihr seht – ein fabelhafter Kerl.

Wie denn, so werdet ihr fragen, hat dieser Zweihundertsassa nicht den klitzekleinsten Charakterfehler? Nun ja, nun ja. Seit fünf Jahren zieht er mit besagter Posaune und einem gitarrespielenden Sachsen durch die Lande, um mittels eines so enannten musikalisch-literarischen Kulturprogramms „Po(e)saunenstunde“ für seine Bücher Reklame zu machen. Daß dies ein Fehler ist, davon könnt ihr euch leicht überzeugen, indem ihr diese Platte zweihundertmal auflegt. Eure Eltern werden mir Recht geben und rufen: „Hurrikan – Curryhuhn, was soll denn das! Macht den Mist aus!“

Euer Helmut Joe Sachse


Verehrte Kinder!
Dies schreibt jetzt Saalmann über den Sachse. Der ist von Beruf eigentlich Papiermacher. Mit Abitur. Aber sagt zu ihm: „Herr Sachse, machen sie mal Papier!“ Nichts. Ihr sagt bitte. Kein Schnipsel. Schon besser, ihr schlagt vor, er möchte euch auf der Gitarre was vorspielen. Gleich wirtschaftet er los, als gelte es, das arme Instrument zu Holzschliff zu zerraspeln. (Holzschliff – ein bedeutender Rohstoff für die Papierproduktion.) Im zweiten Beruf versuchte sich Herr Sachse als Handelskaufmann. Doch aus dem Umgang mit klingender Münze wurde schließlich der Umgang mit Klängen. Das nun klappt, und er verließ die Weimarer Musikhochschule mit hohem Lob und einer gedruckten Biografie des Komponisten Debussy mit dem Bibliotheksstempel. Seitdem pflegt er schlechten Schülern zu erzählen, daß auch Debussy und er einst schlechte Schüler waren. Diese Beichte ist natürlich als Trost gemeint, aber es gibt Leute, die versuchen sich auf diese Weise herauszustreichen: Seht, wie wir uns leistungsmäßig doch noch verbessern konnten ...

Vor einem guten Dutzend Jahren lernten wir uns kennen, der Herr Sachse und ich. Er hat es schon angedeutet: Wir spielten zusammen in einer Band. Zum Tanz. Die beliebten Live-Diskos gab es noch nicht. Als die aufkamen, beschlossen wir, dem Fortschritt nicht lange im Wege herumzustehen. Ich lernte kurzerhand berühmter Schriftsteller, Helmut Sachse, den die Fans ,Joe‘ nannten, wurde Jazzer. (Ihr wißt schon: Chrrr ... zzz ... pfff ...) Mal im Ernst: Jazzer sind Musiker, die sich die Töne selbst einfallen lassen, die sie Zehntelsekunden später dem Publikum vorspielen, sie sind also sozusagen Blitzkomponisten, denen wenig Zeit bleibt, sich weitschweifige Tonlügen auszudenken. (Höchstens mal eine flüchtige Notlüge.) Sie improvisieren, wie man sagt. Wenn Helmut ,Joe‘ Sachse improvisiert, klingt es in glücklichen Minuten wie direkt aus unserem Leben gegriffen.

Nun spielen wir also noch einmal miteinander. Weil seine Gitarre mit meiner Posaune zusammenklingen soll, geht es nicht mit Sekundenkompositionen ab. Hier muß er die Noten geduldig planen und probieren. Ebenso wie ich die Poesie. Nur so gelang es uns, gemeinsam die tieferen Zusammenhänge zwischen Hurrikanen und Curryhühnern aufzudecken. Nur so wurde aus Poesie und Posaune unsere „Po(e)saunenstunde“.

Dabei ist Helmut Sachses Temperament: Tempo. Ihr stellt euch bitte ein langgestrecktes Fragezeichen vor, das sich nun gar zur entschiedenen Haltung eines Ausrufungszeichens emporstrafft. So sieht Helmut Sachse aus, und so ist sein Charakter. Welche federnde Energie! Der Mann zögert scheinbar nie, springt als erster durch jede Tür, einfach, weil die anderen ihm zu langsam sind. Seine Nerven sirren wie die Gitarrensaiten, auf denen er bis tief in die Nacht hinein übt – zum Jubel der Nachbarn. Füßestampfend, trommelnd, unter borstigen Brauen hervor knisternde Akzente blinzelnd ... Tagsüber schöpft er dann frische Kraft aus Jazzschallplatten, aus den bissigen Geschichten des tschechischen Schriftstellers Hasek. Oder er fährt davon zu seinen Jazzkonzerten, wohin ich ihm manchmal staunend folge.

Und doch, bei allem Respekt – ich kann hier nicht mit einem Lob schließen. Nennen wir beliebige Beispiele: Als uns ein (längst fälliger) Autounfall miteinander in einen verschneiten Straßengraben versetzte, äußerte er ein recht ordinäres Wort, eins mit zwei Zischlauten. War das nicht unbeherrscht? Oder: Er nimmt Fußballergebnisse ernst. Ja, tragisch! Oder: Nichts ist ihm gut genug. Kürbissuppe mit Zuckernudeln, für andere ein Hochgenuß – er nennt diese Speise Geschlabber. Bei ihm muß es gesalzene und gepfefferte Schildkrötensuppe sein. Aber hinterher mitleidige Gedichte von der traurigen Schildkröte Grete vertonen – das kann er!

Euer Günter Saalmann
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Das Curryhuhn
Das Märchenschwein
Wir malen einen Hahn
Die Schildkröte

Ein Lügenlied
Kleine Fabel
Zum 8. März
Erster Mai
Kindertag

Kusnetschik
Mir fehlt am Bett ein Bein
Safari
Die Globusfliege
Jungs, wenn ihr könnt ...

Mühlespiel
Nudeln in der Wäscheschleuder
Limericks
Abfahrt, Abfahrt



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Neues aus der Mogelei
Wir haben ein Paket gekriegt
Merk dir den Tamariskenstrauch
Heut heiratet Grit
Die Schrankwand

Topf Ziegenmilch
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Dichte 7,87 oder der Untergang der drei Kaiser
Die Ranzenmaus
Anett muß Staub saugen
Eine Nacht in Australien

Ich tschog mir einen Tschahn
Es fliegt ’ne Amsel nach Berlin.
Sonnenstäubchen


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Es singen, spielen und sprechen:  
Günter Saalmann (Posaune)
Helmut Sachse (Gitarre, Flöte u. a.)

Texte: Günter Saalmann
Komposition: Helmut Joe Sachse

Aufnahmeregie: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt