Rummelplatz, Kinderlieder, Jugenlieder

von Paul Dessau
LP NOVA 8 85 034
Covertext:
Auch beim Komponieren ist Denken vonnöten – ein kritisches, völlig neues Durchdenken des zu Gestaltenden. Dieser Denkprozeß soll – ohne dabei das Gefühl auszuschließen – vom Hörer nachvollzogen werden.“ (Paul Dessau)
Am 19. Dezember 1974 wird Paul Dessau, einer der namhaftesten Komponisten der DDR, 80 Jahre alt. In Hamburg geboren, war Paul Dessau nach seiner Rückkehr aus dem ersten Weltkrieg in Köln, Mainz und Berlin als Dirigent tätig, widmete sich jedoch immer mehr dem Komponieren.
Während seines Emigrationsaufenthaltes in Paris und den USA 1933-1948 entstand eine Reihe bedeutender Werke, in denen gesellschaftliches Engagement zum künstlerischen Anliegen Dessaus
wird.
1942 begann die nicht nur für Dessau, sondern für die Herausbildung des sozialistischen Realismus überhaupt so bedeutsame Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht, die in Dessaus umfangreichem Liedschaffen, in seinen zu Modellen gewordenen Schauspielmusiken und den Opern „Die Verurteilung des Lukullus“ sowie „Puntila“ ihren Niederschlag fand. Fritz Hennenberg bezeichnete den Komponisten einmal als „sozialistischen Chronisten unseres Jahrhunderts, ... der nicht nur beschreibt, sondern Anstoß gibt zum Verändern, Verbessern“.
Paul Dessau selbst hat an diesem Entwicklungsprozeß nicht nur durch seine künstlerische Tätigkeit erheblichen Anteil. Mit großer Hingabe widmet er sich beispielsweise der musikalischen Erziehung an der l. Oberschule seines Wohnortes Zeuthen bei Berlin. Er berichtet darüber in „Musikarbeit in der Schule“, läßt teilnehmen an der produktiven Arbeit zwischen Komponist und Schülern, von der die „Fünf Lieder aus der Schule“, aber auch der „Rummelplatz“ beredtes Zeugnis ablegen.
Im Vorwort zur Partitur dieses Werkes schreibt Paul Dessau: „Das kleine Singespiel ,Rummelplatz‘ entstand (1963, d. V.) in gemeinsamer Arbeit zwischen dem Lehrer der Klasse 3b der Zeuthener Polytechnischen Oberschule, Fritz Baronik, den Kindern der Klasse 3b und mir. Es soll die Kinder durch heiteres Spiel im Spiel an den Ernst der Musik und ihre Begleitkünste wie Tanz, Pantomime, Lyrik und Prosa heranführen.“
„Rummelplatz“ gibt jedem Kind seinen Fähigkeiten entsprechende Chancen zu schöpferischer Mitgestaltung, sei es beim solistischen oder chorischen Gesang, beim Spiel von Glocke, Knarre, Rumbabirne, Hölzern, Tamburin, Triangel, kleiner und großer Trommel, Akkordeon oder Klavier, sei es in eingeschobenen kleinen Szenen.
„Der Aufmarsch der Kinder“ führt nicht nur in die verlockende Atmosphäre des Rummelplatzes ein, sondern enthält zugleich das wesentliche musikalische Material, aus dem sich das Singespiel entfaltet. Hier sind es zunächst gleichmäßige Viertel-Bässe, über denen ein einfaches, zweitaktiges Motiv mit einer markanten Punktierung erweitert und sodann umgekehrt wird.
Schon im zweiten Stück „Das Riesenrad“ finden sich prägnante Tonfolgen der Einleitung wieder, werden nun aber dem Inhalt entsprechend abgewandelt. Die motorische Sechzehntelbewegung in der Klavierbegleitung illustriert sinnfällig den Text „Unser Rad geht auf und nieder wie die Noten unsrer Lieder“. Nirgends jedoch versucht die Musik, in tonmalerischer Weise eine Riesenrad-Fahrt zu kopieren. Die Selbständigkeit der musikalischen Aussage ist vor allem durch die anspruchsvollen Schlagwerk-Rhythmen gegeben.
Nummer drei, „Der Harmonikavirtuose“, ist als mögliche „Einlage“ gedacht und greift – mit eigenwilligen Veränderungsmomenten – in lustigem Marschtempo das Ausgangsmaterial auf.
Im Zentrum des musikalischen Geschehens stehen die singspielartigen Nummern vier bis sieben: „Das Karussell“. Beim Erleben der Karussellfahrt wird das Grundmotiv in einem schaukelnden Walzer erkennbar: „Wir drehen und fliegen und pendeln im Kreis, wir lachen und jauchzen die Köpfe uns heiß. Und Oma steht unten, sie winkt uns nur zu, sie kann’s nicht vertragen, drum laßt sie in Ruh.“
Durch den Wechsel von Solo und Chor wird diese Karussellfahrt zur musikalischen Szene. Ein aus dem „Aufmarsch“ abgeleitetes Schlußlied rundet das kleine Singespiel ab.
Eine ähnlich naive, dabei nie kindertümelnde Haltung zeigen die „Fünf Lieder aus der Schule“, denen Texte von Kindern zugrundeliegen. Der kleine Quint-Kanon, gewissermaßen ohne Ende, weist Eigenheiten der Melodiebildung aller Lieder auf: von kleinsten melodischen Bausteinen und einfachen rhythmischen Strukturen ausgehend, wird der Tonraum zunehmend erweitert und durch originelle Wendungen angereichert. Den Liedern ist eine schlichte Klavierbegleitung gemeinsam, die die dankerfüllten Kinderworte unterstreicht und ihnen durch rhythmische Charakteristika wie die des Walzers in „Die Menschen der ganzen Welt“ oder des Marsches in „Noch jung ist unsre Republik“ eine lebendige Unmittelbarkeit geben.
Für die deklamatorische Wort-Ton-Beziehung ist das Lied „Die DDR“ typisch. Dieser enge Wort-Ton-Bezug ist Dessaus Liedern – freilich in ganz unterschiedlicher Weise – eigen, in seinen Massenliedern wie politischen Chansons, in seinen Kunstliedern wie volksliednahen Gesängen.
So schafft seine Musik auch in den Kinderliedern nach Texten von Bertolt Brecht nicht nur die Möglichkeit, die Bedeutung der gleichnishaften Worte zu überdenken und sich neu zu erschließen, sondern fordert den Hörer dazu auf.
Sie tut das vor allem durch eine behutsame und doch demonstrative Wortinterpretation: durch melodische (zuweilen melismatische) Hervorhebung einzelner Worte („Vom Kind, das sich nicht waschen wollte“, „Bettellied“), durch rhythmische Akzentverschiebungen und Taktwechsel („Der Pflaumenbaum“) sowie durch die beharrliche Wiederholung einprägsamer Melodiefloskeln („Gottseibeiuns“). Das Lied „Mein Bruder war ein Flieger“ beeindruckt zutiefst durch die musikalische Kontrapunktierung des Textes. Mit kindlicher Gutgläubigkeit und Geschäftigkeit wird – im wechselnden Rhythmus von Marsch und Polonaise – die „notwendige“ Teilnahme des Bruders am Kriege geschildert. Die musikalische Beflissenheit hält auch zu den bitter-lakonischen Worten „Der Raum, den mein Bruder eroberte, liegt im Quadaramamassiv, er ist lang einen Meter achtzig und einen Meter fünfzig tief“ an, Ideologie und Realität des Krieges hart miteinander konfrontierend. Das Bewußtmachen der Sinnlosigkeit gegenseitigen Tötens geschieht in dem Lied „Klein Li möchte schlafen“ ganz aus der fragenden Perspektive eines Kindes. Die musikalische Dichte in der Gestaltung dieses elementaren Wunsches nach Frieden ergibt sich aus der herben Innigkeit der beiden einander ausdeutenden und den Hörer aufrüttelnden Stimmen.
Die Eindringlichkeit der „Bitten der Kinder“ und des „Friedensliedes“ beruht vor allem auf der stetigen Wiederholung bedeutungsvoller, feinsten Wandlungen unterworfener Melodieabschnitte sowie den vertiefenden Instrumentalzwischenspielen.
Gedankliche Klarheit und verhaltene Gefühlstiefe zeichnen auch die drei volksliedhaften Lenz- bzw. Brecht-Vertonungen aus.
Im „Aufbaulied der FDJ“ und den Liedern „Cest praci“ sowie „Hallo, Bruder aus Warschau“ überwiegt der agitatorische Charakter des Songs.
Die vorwärtsgerichtete Aktivität, von der die Musik erfüllt ist, bildet nicht nur den musikalischen Grundgestus dieser kraftvollen Gesänge. Sie ist zugleich ein Wesenszug der Persönlichkeit Paul Dessaus.

Hannelore Gerlach (1973)
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Rummelplatz
Ein kleines Singespiel für Kinder
Nr. 1 Der Aufmarsch der Kinder
Nr. 2 Das Riesenrad
Text: Paul Dessau
Nr. 3 Der ,Harmonikavirtuose‘
Nr. 4-7 Das Karussell
Text: Fritz Baronik
Nr. 8 Das Schlußlied
Kleiner Rundfunk-Kinderchor Leipzig
Instrumentalgruppe
Dirigent: Hans Sandig

Klein Li möchte schlafen
Text: Rita Franke
Bärbel Naumann, Gesang
Werner Pauli, Gitarre

Bitten der Kinder
(Die Häuser sollen nicht brennen)
aus: Herrenburger Bericht
Text: Bertolt Brecht
Großer Rundfunk-Kinderchor Leipzig
Instrumentalgruppe
Dirigent: Hans Sandig

Friedenslied
(Friede auf unserer Erde)
Text: Pablo Neruda/Bertolt Brecht
Großer Rundfunk- Kinderchor Leipzig
Ingeborg Schink, Akkordeon
Dirigent: Hans Sandig

Fünf Lieder aus der Schule
a) Dank sei euch allen
b) Die DDR besteht seit 20 Jahren
c) Noch jung ist unsre Republik
d) In Mexiko, das kann man sagen
e) Die Menschen der ganzen Welt sollen glücklich sein
Diese Lieder entstanden in der
Oberschule 1 Zeuthen
unter Anleitung von Paul Dessau
Kleiner Rundfunk-Kinderchor Leipzig
Gerhard Erber, Klavier
Dirigent: Hans Sandig


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Fünf Kinderlieder
Text: Bertolt Brecht
1. Vom Kind, das sich nicht waschen wollte
2. Der Pflaumenbaum
3. Kleines Bettellied
4. Mein Bruder war ein Flieger
5. Der Gottseibeiuns
Roswitha Trexler, Sopran
Werner Pauli, Gitarre
Die Interpretation der „Fünf Kinderlieder“ ist unter Anleitung des Komponisten erarbeitet worden.

Wo bist du jetzt
Text: Jak. Mich. Reinhold Lenz
Roswitha Trexler, Sopran
Walter Olbertz, Klavier

Kleines Ding, um mich zu quälen
Text: Jak. Mich. Reinhold Lenz
Roswitha Trexler, Sopran
Walter Olbertz, Klavier

Sieben Rosen hat der Strauch
Text: Bertolt Brecht
Roswitha Trexler, Sopran
Walter Olbertz, Klavier

Aufbaulied der FDJ
(Keiner plagt sich gerne)
Text: Bertolt Brecht
Rundfunk-Jugendchor Leipzig
Instrumentalgruppe
Dirigent: Hans Sandig

Das Zukunftslied
(Und es waren mächt’ge Zaren)
Text: Bertolt Brecht
Hermann Hähnel, Bariton
Rundfunk-Jugendchor Leipzig
Instrumentalgruppe
Dirigent: Hans Sandig

Cest praci, Welt
(Weht, rote Fahnen, weht)
Text: Louis Fürnberg
Hermann Hähnel, Bariton
Rundfunk-Jugendchor Leipzig
Instrumentalgruppe
Dirigent: Hans Sandig

Hallo, Bruder aus Warschau
(Wir haben einmal die Flinten aufeinander gerichtet)
Text: Armin Müller
Herrnann Hähnel, Bariton
Instrumentalgruppe
Dirigent: Hans Sandig

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von Paul Dessau

Musikregie: Dagmar Vorwerk
Tonregie: Eberhard Richter